Einführung

 

Internierungslager Gurs, Luftaufnahme. [Vorlage: LABW, HStAS EA 99/001 Bü 304 Nr. 1].
Internierungslager Gurs, Luftaufnahme [Vorlage: Landesarchiv BW, HStAS EA 99/001 Bü 304 Nr. 1].

Am 22. Oktober 1940, dem vorletzten Tag des Sukkot, des jüdischen Laubhüttenfestes, holten in Baden, dem Saargebiet und der Pfalz Polizeibeamte und Gestapoleute in der ersten großen Deportationsaktion deutscher Staatsbürger aus dem damaligen Deutschen Reich rund 6.500 Mitbürgerinnen und Mitbürger, die jüdischen Glaubens waren oder den Nationalsozialisten als Juden galten, aus ihren Häusern und Wohnungen. Sie wurden von Sammelpunkten aus in tagelangen strapaziösen Zugtransporten nach Gurs im Vorland der französischen Pyrenäen verschleppt. Ausgenommen wurden nur die in sogenannter „Mischehe“ lebenden Menschen, Ausländer und Transportunfähige. Viele südwestdeutsche Juden waren bis dahin gerade noch rechtzeitig ausgewandert, um wenigstens ihr Leben zu retten. Dabei waren sie schikanösen Sonderabgaben unterworfen worden und hatten ihre Vermögenswerte, ihre berufliche Existenz, ihre sozialen Kontakte und die vertraute Heimat zurücklassen müssen, ohne an ihren Zielorten unbedingt willkommen gewesen zu sein.

Die Verbliebenen erfuhren maximal zwei bis drei Stunden im Voraus von ihrem Abtransport in das im tiefen Südwesten Frankreichs gelegene Gurs, rund 1.000 bis 1.400 Kilometer von Städten wie Freiburg, Mannheim, Wertheim oder Saarbrücken entfernt. Mitnehmen konnten sie nur Handgepäck mit dem Allernötigsten. Ihr zurückgelassenes Vermögen wurde systematisch ausgeplündert und „verwertet“, wie man damals sagte. Profiteure waren Mitbürger und Nachbarn der Deportierten, Antiquitätenhändler, Museen, Bibliotheken, Archive, Bildungs- und Wohlfahrtseinrichtungen, Dienststellen der NSDAP, Kommunen und der Staat.

Gurs gehörte damals zu dem Teil Frankreichs, der nicht von deutschen Truppen besetzt war und der Vichy-Regierung unterstand. Dort befand sich ein Lager, das ursprünglich für die Erstaufnahme und Internierung von aus Spanien geflohenen Soldaten der Republikanischen Armee eingerichtet worden war. Die Baracken waren primitiv, der Boden bei Regen aufgeweicht, es war kalt, die hygienischen Verhältnisse und die Verpflegung unzureichend. Die meisten Deportierten waren ältere Menschen, weil viele Jüngere Deutschland zuvor verlassen hatten oder von ihren Eltern ins Ausland geschickt worden waren. Außer im Hauptlager in Gurs wurden viele Menschen in den Lagern Rivesaltes (vor allem Familien und Kinder) sowie in Noé und Récébédou (vor allem Alte und Kranke) untergebracht; weitere wichtige Internierungsorte waren Les Milles und Le Vernet, hinzu kamen viele kleinere Lager, Heime und Unterkünfte.

Immerhin wurden die Deportierten durch Hilfsorganisationen so gut es ging betreut, manchen gelang eine Unterbringung außerhalb des Lagers, und nicht wenige hatten Briefkontakt zu ihren auswärtigen Angehörigen und konnten um Unterstützung bitten. Hilfswerken wie der OSE (Oeuvre de secours aux enfants) ist es zu danken, dass viele deportierte Kinder außer Landes gebracht werden konnten und überlebten, sehr oft ohne ihre Eltern und Verwandten jemals wiedergesehen zu haben. Rund 700 Deportierten gelang von Gurs aus die Auswanderung. Manchen glückte die Flucht. Für zwei Drittel der Verschleppten aber bedeutete die Deportation den Tod. Entweder starben sie an ihren Internierungsorten selbst an Entkräftung, Krankheiten und Unterversorgung oder sie wurden ab August 1942 zumeist über Drancy in die Vernichtungslager im besetzten Osteuropa verbracht und ermordet.

Nachgeborene sind nicht schuld am Tun und Unterlassen ihrer Vorfahren. Aber sie sind verantwortlich für den Umgang mit der Geschichte, für das, was aus der Vergangenheit erwächst und somit für den Geist, der ihre eigene Gegenwart prägt und die Zukunft gestaltet. Wer Stolz empfindet beim Blick auf die Leistungen der Vorfahren, muss sich auch zu den Schattenseiten bekennen.

In vielen badischen, pfälzischen und saarländischen Deportationsorten pflegt man heute aktiv das Gedenken an die verschleppten Mitbürgerinnen und Mitbürger. Viele Ehrenamtliche engagieren sich, um jedem Opfer ein Gesicht zu geben und zu verhindern, dass Menschen zu Zahlen werden. Stolpersteine wurden und werden weiterhin verlegt, Mahnmale errichtet, Gedenkveranstaltungen abgehalten. Einer Initiative des Karlsruher Oberbürgermeisters Günther Klotz von 1957 ist es zu verdanken, dass der Lagerfriedhof von Gurs nicht verwilderte und dass ein würdiger Gedenkort entstehen konnte, finanziert durch Beiträge der Kommunen und Landkreise, aus denen Jüdinnen und Juden deportiert worden waren, und durch Spenden. Unter Federführung der Stadt Karlsruhe entstand in den 1960er Jahren eine Arbeitsgemeinschaft badischer Städte, der später der Bezirksverband Pfalz beitrat, mit dem Ziel, sowohl den Gedenkort Gurs zu erhalten als auch durch aktive Vermittlungsarbeit die Erinnerung an das Deportationsgeschehen wach zu halten. Auch die staatliche Archivverwaltung Baden-Württembergs ist seit den 1960er Jahren an der aktiven Gedenkarbeit beteiligt. Im Jahr 1962 wurde aufgrund eines Landtagsbeschlusses bei der damaligen Archivdirektion Stuttgart eine Dokumentationsstelle eingerichtet, die die Schicksale der jüdischen Bürgerinnen und Bürger im heutigen Baden-Württemberg während der NS-Zeit aufklären sollte. Aus ihrer Arbeit bis 1968 erwuchs neben wissenschaftlichen Publikationen umfangreiches Dokumentationsmaterial, das heute im Hauptstaatsarchiv Stuttgart aufbewahrt wird und das auch Informationen zur Gurs-Deportation von 1940 enthält.

 

Die Datenbank

Die vorliegende Datenbank des Landesarchivs Baden-Württemberg mit den Biogrammen der am 22. Oktober 1940 nach Gurs deportierten badischen, pfälzischen und saarländischen Juden entstand ab dem Frühjahr 2020 im Vorfeld des 80. Gedenktags der Deportation. Eine erste Vorschau wurde am 22. Oktober 2020 im Rahmen einer Gedenkveranstaltung der Stadt Karlsruhe der Öffentlichkeit präsentiert. Die Fertigstellung der Endversion erfolgte im November 2021. Die Datenbank entstand in Zusammenarbeit mit der Israelitischen Religionsgemeinschaften Baden in einem Projekt, das gemeinschaftlich finanziert wurde durch die Länder Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Saarland sowie die Städte, Gemeinden und den Bezirksverband Pfalz, die in der Arbeitsgemeinschaft zur Unterhaltung und Pflege des Deportiertenfriedhofs in Gurs zusammenarbeiten. Einbezogen waren die Landeszentralen für politische Bildung in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Die inhaltliche Betreuung der Datenbank, die sich wesentlich auf die Forschungsergebnisse zahlreicher ehrenamtlicher Initiativen, privater Forscher, Vereine, staatlicher und vor allem kommunaler Archive und anderer Kultureinrichtungen stützen kann, obliegt dem Generallandesarchiv Karlsruhe.

Die Datenbank versteht sich als Einstiegshilfe zu den im Internet verstreut verfügbaren biografischen Informationen über die Deportationsaktion des 22. Oktober 1940: 

  • Sie will in gebündelter Form einen ersten Zugang bieten. Es ist nicht angestrebt, detaillierte Biografien aller Deportierten an dieser Stelle darzustellen, sondern auf derartige Forschungsergebnisse konzentriert zu verweisen, soweit sie frei zugänglich vorliegen. Erfasst und so weit als möglich verifiziert wurden die biografischen Grunddaten der Verschleppten, angereichert um Links und Verweisungen zu den hauptsächlichen Fundstellen.

  • Die Datenbank konzentriert sich auf die Opfer der Deportation vom 22. Oktober 1940. Sie weist somit nicht alle jene Menschen nach, die außerhalb dieser Aktion in Gurs interniert worden sind. Insbesondere sind Menschen, die bis 1940 nach Frankreich auswanderten und dann aus französischen Orten nach Gurs kamen, nicht erfasst. Noch viel weniger handelt es sich um einen Nachweis ausnahmslos aller Opfer der NS-Judenverfolgung aus Baden, dem Saargebiet und der Pfalz. So gewichtig die Bedeutung der Deportation nach Gurs vom 22. Oktober 1940 als Wegmarke hin zur fabrikmäßigen Ermordung von Millionen von Menschen in den deutschen Vernichtungslagern in Osteuropa auch gewesen sein mag: Die tatsächliche Zahl der jüdischen und aller anderen Betroffenen nationalsozialistischer Verfolgung aus Baden, der Pfalz und dem heutigen Saarland ist um ein Vielfaches höher.

  • Die Biogramme wurden unter „Zugänge“ ergänzt um digitalisierte zeitgenössische Quellen und aufbereitete Materialien (bzw. Verlinkungen auf beides) sowie um eine Übersicht über die vielen Gedenkprojekte und Initiativen auf übergreifender, regionaler und örtlicher Ebene, die wiederum weitere Quellen erschließen können. Sofern authentische Quellen und aufbereitete Materialien unmittelbar eingearbeitet wurden (also nicht nur durch Verlinkungen), wurde entweder die Zustimmung der Rechteinhaber zur Aufnahme in die Datenbank und zur Online-Präsentation eingeholt oder es handelt sich um Archivgut des Landesarchivs Baden-Württemberg; Herkunftsnachweise sind jeweils eingefügt. Das Quellenmaterial besteht überwiegend aus individuellen Lebenszeugnissen einzelner Deportierter, die primär in die jeweiligen Biogramme eingefügt wurden, aber zusätzlich unter „Zugänge“ übersichtlich zusammengestellt und inhaltlich knapp beschrieben werden, um den unmittelbaren Zugriff z.B. für schulische Zwecke zu ermöglichen. Einige dieser Dokumente wurden erst im Zuge der Arbeit an der Datenbank entdeckt und werden erstmals im Internet präsentiert.

Ausdrücklich gedankt sei allen Institutionen, Vereinen und Privatpersonen, die den Aufbau dieses Angebots durch die Bereitstellung von Informationen und Material unterstützt haben und weiterhin unterstützen. Die Datenbank lebt vom gegenseitigen Austausch und ist offen für Ergänzungen, Aktualisierungen und Korrekturen. Wir freuen uns auf Ihre Nachricht!

Suche
Webcontentanzeige
Logo Landesarchiv Baden-Württemberg