Reichenau

von Matthias Untermann

Reichenau, Gemarkungsplan der Klosterinsel, kolorierte Handzeichnung, 1707. [Quelle: Landesarchiv BW, GLAK H Reichenau 1]
Gemarkungsplan der Klosterinsel, kolorierte Handzeichnung, 1707: 1 Benediktiner (Mittelzell); 2 Kanonikerstift St. Peter und Paul (Niederzell); 3 Kanonikerstift St. Georg (Oberzell); 4 Stiftskirche St. Pelagius; 5 Stiftskirche St. Adalbert; 6 Stiftskirche St. Johann; 7 Schwesternsammlung »zum Garten«; 8 Schwesternsammlung bei der Kirche St. Gotthard [Quelle: Landesarchiv BW, GLAK H Reichenau 1]. Zum Vergrößern bitte klicken.

Die 4,5 km lange, bis 1,4 km breite, größte Bodenseeinsel Reichenau, gelegen unterhalb der Bischofsstadt Konstanz im Untersee, wurde um 724 zur klösterlichen Niederlassung. Für den bedeutenden Konvent der Reichenau wurden, wie für alle großen frühmittelalterlichen Klöster, in denen Mönche und Kleriker lebten, zahlreiche klösterliche Kirchen und Nebenkonvente errichtet, auf der Insel und in ihrem Umland. Auf der günstig gelegenen Insel ist die zu erwartende römische Vorbesiedlung eigentümlicherweise bislang nicht entdeckt, sondern erst merowingerzeitliche Steinbauten im Bereich der späteren monastischen Ansiedlungen.

Das Hauptkloster (neuzeitlich: Mittelzell) mit den frühen Kirchen St. Petrus und St. Maria (1) entstand am Nordufer der Insel, gegenüber dem ab 1075 zur Marktsiedlung ausgebauten Hafenort Allensbach. Der exilierte Bischof Egino von Verona († 802), ein alemannischer Adliger, ließ um 795 an der westlichen Inselspitze die cella St. Peter (2) mit einer ungewöhnlich großen, für eine bischöfliche Liturgie geeigneten Kirche erbauen. Einer seiner Amtsnachfolger in Verona, Ratold († 847), konnte diese cella nicht übernehmen und gründete am Westufer des Bodensees die mit der Reichenau verbundene cella Ratoldi (Radolfzell) mit den Reliquien der Hll. Senesius, Theopont und Zeno. Hatto III., 888 Abt der Reichenau (und von Ellwangen) und ab 891 Erzbischof von Mainz, stiftete die cella St. Georg (3) am östlichen Ende der Insel. Er ließ dort einen Kirchenneubau 897 weihen und stattete ihn mit einer wichtigen Reliquie des Hl. Georg aus. Die cella Schienen auf dem Schienerberg westlich des Bodensees wurde mit den Reliquien der Hll. Genesius und Eugenius versehen und war seit dem frühen 10. Jahrhundert ebenfalls ein Nebenkloster der Reichenau. Abt Witigowo gründete um 990 eine weitere cella südlich des Bodensees in Pfungen.

Die Reichenau mit kirchlichen und profanen Gebäuden zur Zeit des Constanzischen Fürstbischofs und Abtes Jacobus Fugger, Grafen von Kirchberg und Weissenborn (1604-1626). [Quelle: Landesarchiv BW, GLAK J-B Reichenau 11]
Die Reichenau mit kirchlichen und profanen Gebäuden zur Zeit des Constanzischen Fürstbischofs und Abtes Jacobus Fugger, Grafen von Kirchberg und Weissenborn (1604-1626). [Quelle: Landesarchiv BW, GLAK J-B Reichenau 11]

Anders als beispielsweise die karolingerzeitlichen Abteien Saint-Denis (mit Esslingen, Herbrechtingen und Hoppetenzell), Fulda und Ellwangen (mit Wiesenbach), hatte die Reichenau keine Nebenklöster in großer Entfernung und entsprach damit eher dem Kloster Lorsch mit seinen zwei Nebenstiften St. Michael und St. Stephan auf dem Heiligenberg bei Heidelberg. Bald nach 1000 werden auf der Insel selbst St. Peter und St. Georg als Nebenstiftskirchen des Mönchskonvents fassbar, ebenso dann die Kirche St. Pelagius (4) neben der Pfalz des Abts. Eine vierte Stiftskirche St. Adalbert (5) wurde im Zentrum der Insel gegründet, während die Kleriker der Pfarrkirche St. Johann Baptist (6) weiterhin zum unmittelbar benachbarten Hauptkonvent gehörten. Abt Ulrich II. (1088–1122) ließ ab 1100 Radolfzell zum zweiten Reichenauer Marktrechtsort ausbauen, die dortige Kirche wurde ebenfalls zur Stiftskirche.

Im 12. bis 14. Jahrhundert sind die alten Reichenauer Stiftskirchen St. Peter und St. Georg zumindest teilweise neugebaut und neu ausgestattet worden. Spätestens im 13. Jahrhundert konzentrierte sich das monastische und stiftische Leben auf die engeren Konventsbezirke; die weltlichen Bewohner gewannen zunehmende Eigenständigkeit.

Nun entstanden auf der Insel die vorher nicht gewünschten Frauenkonvente, ohne unmittelbaren Bezug zur Abtei. 1332 wird das Schwesternhaus »zum Garten« (8) fassbar, das sich 1366 den Franziskanerterziarinnen anschloss. Eine zweite, 1453 erwähnte Schwesterngemeinschaft (9) bewohnte in der semistädtischen Hafensiedlung am Südufer der Insel die »Nonnenhäuser« bei der Kapelle St. Gotthard.

1271 verlor die Abtei Reichenau ihre Ministerialenburg auf der Bodenseeinsel Mainau an den Deutschen Orden. Nach 1271 wurde der reichenauische Ort Steckborn am Südufer des Bodensees zur Stadt und zur Nebenresidenz des Abts ausgebaut. Die Abtsburg Schopflen auf der Landverbindung östlich der Insel wurde 1366 zerstört. Bemerkenswert sind kleine eremitische Nebenklöster der Reichenau in der Waldeinsamkeit des Bodanrück. Um 1370 entstand dort das Kloster Adelheiden, um 1420 das Kloster St. Katharina »am Überlinger See« bei Dettingen. Ihre Konvente bestanden zumindest zeitweise aus Reichenauer Mönchen, die sich 1390 in die Einsiedelei in Türrain (Kaltbrunn) zurückgezogen hatten. Durch die Reichenau privilegiert war auch das Schwesternhaus an St. Ursula in Radolfzell.

Diese dichte Klosterlandschaft bestand baulich fast unverändert bis zur Säkularisation. Danach wurden alle nicht als Pfarrkirchen genutzten Kirchen abgebrochen. Zur heutigen Welterbestätte gehören daher nur noch die bedeutenden Kirchen St. Georg in Oberzell, St. Maria und Markus in Mittelzell sowie St. Peter und Paul in Niederzell.

Zitierhinweis: Matthias Untermann, Reichenau, in: Badisches Klosterbuch, URL: […], Stand: 31.03.2025.

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