Überlingen
von Johannes Krämer
Die am nordwestlichen Bodenseeufer gelegene Stadt ist 770/773 erstmals in einer Urkunde des Klosters St. Gallen belegt. Sie lässt den Schluss zu, dass sich in Überlingen zu dieser Zeit ein königlicher Hof befand, die Siedlung also Königsgut war. Die weitere Entwicklung des Ortes liegt für die nächsten 200 Jahre im Dunkeln. Vermutlich gelangte er über die Udalrichinger an die Grafen von Pfullendorf, die 1181 ausstarben und deren Nachfolge der Stauferkaiser Friedrich Barbarossa (1152–1190) antrat. Zwar fehlen schriftliche Zeugnisse, jedoch legen archäologische Befunde eine Blüte des Ortes ab dem 12. Jahrhundert nahe. 1191 ist Überlingen als Sitz eines Ministerialen Herzog Konrads (1191–1196), eines Sohnes Barbarossas, belegt. Die Stadt gehörte zum staufischen Besitz und wurde in den nächsten Jahrzehnten ein Zentralort für die Herrschaft des Geschlechts in Oberschwaben. Ein Stadtrechtsprivileg ist nicht erhalten, dennoch wurde Überlingen seit dem Beginn des 13. Jahrhunderts immer wieder als Stadt bezeichnet und entwickelte kommunale Strukturen. Auch ein Markt ist zu diesem Zeitpunkt sicher fassbar. Mit dem Aussterben der Staufer und dem folgenden Interregnum gelang es Überlingen, an Eigenständigkeit zu gewinnen. 1275 wurde die Stadt durch König Rudolf von Habsburg (1273–1291) als Reichsstadt anerkannt.
Beim König lag zuerst auch das Patronatsrecht über die Mutterkirche Überlingens, die sich außerhalb der Stadt in Aufkirch befand. Erst 1350 wurde die St. Nikolauskirche in der Stadt zur Pfarrkirche und St. Michael in Aufkirch zu ihrer Filiale. Damit hatten die Überlinger aber immer noch nicht das Patronatsrecht über das Münster erlangt. Über verschiedene Stationen gelangte dieses 1357 an die Deutschordenskommende Mainau, die es schließlich 1557 zu Gunsten der Stadt aufgab. Erst in der Frühen Neuzeit konnten die Überlinger also selbst über ihren Pfarrer bestimmen.
Eine Folge des wirtschaftlichen Aufstiegs der Kommune waren die in der Mitte des 13. Jahrhunderts in der Stadt entstehenden religiösen Gemeinschaften. Um 1250 kamen die Johanniter (1) nach Überlingen, zwei Jahre später sind in einer Schenkungsurkunde erstmals die Schwesternsammlung an der Wiese (2) und die Franziskaner (3) belegt. Das Minoritenkloster sollte im Laufe der Zeit ein zentraler Sakralort in der Stadt werden. Die Bürgerinnen und Bürger stifteten reichlich und ließen sich dort bestatten. Spätestens seit dem Ende des 15. Jahrhunderts fanden hier auch die Wahlen des Magistrats und des Bürgermeisters statt.
Zu Beginn des 14. Jahrhunderts sind die kurzlebigen Gemeinschaften der Schwestern im Haus auf dem Bogen (4) und in der Brüderherberge (5) fassbar, 1351 ist zudem eine Schwesternsammlung in einem ehemals jüdischen Haus (6) belegt. Die jüdische Bevölkerung Überlingens wurde in der Folge eines Pogroms 1349 aus der Stadt vertrieben und enteignet. Ihr Besitz ging unter anderem an geistliche Einrichtungen wie das Heilig-Geist-Spital, das Franziskanerkloster oder die Schwesternsammlung an der Wiese über. Das Tableau der mittelalterlichen Gemeinschaften in der Reichsstadt rundeten die um 1375 gegründete Sammlung St. Gallus (7) und die Schwesternsammlung im Armenhaus (8) um 1400 ab.
Während der Reformation verblieb die Stadt Überlingen auf der altgläubigen Seite. Nicht nur ließ sie den Lesemeister der Franziskaner, der verdächtigt wurde ein Anhänger des Luthertums zu sein, ausweisen, sie nahm in ihren Mauern auch mehrere Konvente aus Konstanz auf, die die Bischofsstadt verließen, nachdem sich diese in den 1520er Jahren der Reformation angeschlossen hatte. Damals plante man in Überlingen, wie auch in anderen Städten im Südwesten des Reiches, die Verlegung des Friedhofes vor die Stadtmauern. Die Gelegenheit dazu bot sich, als 1531 die Sammlung an der Wiese aufgehoben wurde. Das Areal wurde in einen städtischen Friedhof umgewandelt und den religiösen Gemeinschaften innerhalb der Stadtmauern Bestattungen auf ihrem Gelände verboten.
Die verkehrsgünstige Lage machte die Stadt auch für größere religiöse Gemeinschaften aus der Umgebung attraktiv, so verfügten Salem, die Mainau, Wald und die Konstanzer Augustiner, Dominikaner, die Benediktiner von Petershausen, sowie die Dominikanerinnen von Habsthal über einen Stadthof oder ein Amtshaus in Überlingen.
Die Gründung des Kollegiatstifts (9) 1609 durch den Magistrat, bei der die bereits an der Pfarrkirche existierenden Priester- und Kaplaneipfründen in Propst- und Kanonikerstellen umgewandelt wurden, entsprach dem Geist der tridentinischen Reformen und hatte eine Verbesserung der Seelsorge und eine intensivere Kontrolle des städtischen Klerus zum Ziel. Im selben Sinne holte der Rat zehn Jahre später auch die Kapuziner (10) nach Überlingen, die unter anderem im Münster predigten und weitere Aufgaben in der Seelsorge übernahmen. Damit traten sie in direkte Konkurrenz zu den Franziskanern, deren Kloster in der Mitte des 17. Jahrhundert kurz vor der Schließung stand. Allerdings konnte mit der Übernahme der Lateinschule die Zukunft des Klosters gesichert werden. Zu Beginn der 1780er Jahre richteten auch die Kapuziner und die Franziskanerinnen von St. Gallus Schulen ein.
Mit dem Ende des Alten Reiches verlor Überlingen seinen Status als Reichsstadt und fiel an Baden. Damit war auch das Ende der noch in der Stadt bestehenden religiösen Gemeinschaften gekommen. Die Bettelordensklöster wurden kurzfristig dem Deutschen Orden zugesprochen, der jedoch bereits 1805 seine badischen Besitzungen an das neu geschaffene Großherzogtum übergeben musste. Im selben Jahr wurde die Johanniterkommende aufgehoben, 1806 folgten die Kapuziner, 1808 die Franziskanerterziarinnen von St. Gallus und das Franziskanerkloster, zuletzt 1811 das Kollegiatstift.
Zitierhinweis: Johannes Krämer, Überlingen, in: Badisches Klosterbuch, URL: […], Stand: 31.03.2025.

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