Kollegiatstift Öhringen 

Ortsbezüge:
Baujahr/Gründung: 1037 [1037]
Zerstörung/Aufhebung: 1556 [1556]
Beschreibung: Im Jahre 1037 stiftete Adelheid, die Mutter Kaiser Konrads II., gemeinsam mit ihrem Sohn aus zweiter Ehe, dem Bischof Gebhard von Regensburg, an der Stelle der schon bestehenden Pfarrkirche in Öhringen ein Chorherrenstift. Es wurde reich mit Gütern aus dem Besitz von Adelheid dotiert. Der die Gründung überliefernde Stiftungsbrief ist eine um 1090-1100 verfasste Verfälschung, die die Abhängigkeit von den als Gründungsvögten ausgewählten Grafen von Komburg bei Schwäbisch Hall lösen wollte. Die maximal zwölf Chorherren wohnten in privaten Kurien rund um den heutigen Marktplatz, dem 1503 vor die Stadtmauern verlegten ehemaligen Friedhof der Stadt. Die freien Chorherrenstellen wurden zunächst vor allem vom umliegenden niederen Adel besetzt, seit dem 14. Jh. auch aus den einflussreichen städtischen Familien. Um 1250 erwarben die Hohenlohe die Vogtei über das Stift und damit Einfluss in zahlreichen Stiftsdörfern. Gestützt auf die Vogtei gelang der Zugriff auf die Burgen Waldenburg und Neuenstein sowie der Aufbau einer umfassenden niederadligen Vasallität und erheblicher Einfluss auf die inneren Angelegenheiten des Stifts. Das Stift verfügte über eine gegliederte Verwaltung unter der Leitung eines Dekans. Für die Wirtschaftsführung war der außerhalb des engeren Stiftsbezirks auf dem Propsthof amtierende Propst zuständig. Die schon herausragende Gründungsausstattung wuchs durch zahlreiche Güterschenkungen und Spenden im Lauf der Zeit beträchtlich und wurde früh in Lagerbüchern verzeichnet. Das Obleybuch des Stifts von 1420 verzeichnet Mitglieder und Gönner des Stifts. Eine 1371 begründete "Brotstiftung" sicherte zusätzlich die Versorgung im Stift. Die Pfarrrechte des Stifts erstreckten sich über das Stadtgebiet hinaus auf die damals vom Ohrnwald bedeckte und noch nicht intensiv besiedelte Ebene am Fuß der Waldenburger Berge. Erst um 1500 wurden in diesem Bereich zur Verbesserung der Seelsorge weitere Pfarreien in Abhängigkeit vom Stift gegründet. Die Stiftsherren hatten die Seelsorge selbst oder durch Vikare auszuüben sowie durch Messpriester, die Nutznießer der zahlreichen Altarpfründenstiftungen waren. Bereits 1234 wird eine Stiftsschule erwähnt, die auch Außenstehenden als Lateinschule offen stand. Aus ihr ging das heutige Öhringer Gymnasium hervor, das sich in dieser Kontinuität sieht. Das Stift wurde 1556 mit der Einführung der Reformation in Hohenlohe aufgehoben, der Chor für die noch vorhandenen katholisch bleibenden Stiftsherren, deren Zahl nicht mehr vergrößert werden durfte, durch eine Mauer abgetrennt, die nach dem Tod des letzten Stiftsherrn 1581 wieder abgerissen wurde. Das Stiftsvermögen wurde nach der Reformation gesondert verwaltet und diente vor allem der Finanzierung von Kirchen- und Schuldienern (Pfarrern und Lehrern) und für Studienstipendien. Dieses Sondervermögen wurde nach 1810 von Württemberg eingezogen (inkameriert). Das Land trägt seitdem die Baulast an der Stiftskirche. Die umfangreiche Bibliothek des Stifts wurde bis auf wenige Kettenbücher in die Landesbibliothek Stuttgart verbracht. Eine im Öhringer Stiftungsbrief bereits erwähnte Pfarrkirche St. Peter und Paul wurde im 13. Jh. durch eine kreuzförmige Basilika mit zwei Türmen im Westen und einer Krypta für die Tumba der Mitgründerin Adelheid ersetzt. Die Adelheidtumba, 1251 erneuert, wurde neben anderen Reliquien Ziel von Wallfahrten. Im Süden der Kirche wurde ein Chorseitenturm angebaut ohne nördliches Gegenstück. Für einen Teilneubau der baufällig gewordenen Kirche wurde seit 1451 mit Ablässen gesammelt, der Grundstein 1454 gelegt. Begonnen wurde mit einer dreischiffigen Hallenkrypta unter dem späteren Hochchor, der 1467 fertig gestellt war. 1457 stürzte einer der romanischen Westtürme auf das noch vorhandene Langschiff und richtete schwere Schäden an. Die Erneuerung des Langschiffs wurde seit 1484 durch die Baumeister Hans von Urach und Bernhard Sporer begonnen. Die Doppelturmfassade wurde durch einen massiven Westturm über dem Haupteingang ersetzt, in dem eine Türmerwohnung und Räume für die hohenlohischen Hausarchive eingerichtet wurden (seit 1513 genutzt). Die spätgotische Halle mit Stern-Netzgewölbe und zahlreichen Kapellennischen für Seitenaltäre war um 1501 vollendet. Angebaut wurden bis 1507 ein dreiflügliger Kreuzgang - Wirtschaftsbauten, Räume für die Stiftsschule und die Bibliothek, ein Kapitelsaal, wegen eines Gemäldes des Jüngsten Gerichts als "Hölle" bezeichnet, und ein Raum zur Austeilung der Gaben der Brotstiftung. Seit der Reformation diente die Kirche als Grablege der Hohenlohe (zahlreiche Epitaphien). Die seitdem im Wesentlichen unveränderte Kirche war immer, seit 1571 ausschließlich Pfarrkirche der Stadt. Die Gebäude um den Kreuzgang werden von der evangelischen Kirchengemeinde genutzt, der Innenhof ist als Kriegerdenkmal gestaltet. Die alte Türmerwohnung wurde vom Heimatverein rekonstruiert.
Autor: GERHARD TADDEY
Objekttyp: Kloster
Ordensregel:
  • Chorherren, weltliche 1037-1556
Sonstiges: Bistum: Würzburg, ab 1821 Rottenburg-Stuttgart,
fiel an: Hohenlohe (1556), Württemberg (1806)
Weiter im Partnersystem: http://www.kloester-bw.de/?nr=127

Adresse Öhringen

Literatur: W. Zimmermann / N. Priesching (Hg.): Württembergisches Klosterbuch. Klöster, Stifte und Ordensgemeinschaften von den Anfängen bis in die Gegenwart. Stuttgart 2003. 376f. (G. TADDEY).
Der Hohenlohekreis. Hg. v. der Landesarchivdirektion Baden-Württemberg (Kreisbeschreibungen des Landes Baden-Württemberg, in Vorbereitung). II, 212-219.
Öhringen - Stadt und Stift (Forschungen aus Württembergisch Franken 31). Sigmaringen 1988 (Lit.).
H. EHMER: Die Säkularisation des Stifts Öhringen 1810 und die Versuche der Wiederherstellung. In: Württembergisch Franken 86 (2002) 507-532.
Suche
Durchschnitt (0 Stimmen)