Benediktinerabtei Lorch 

Ortsbezüge:
Baujahr/Gründung: 1102 [um 1102]
Zerstörung/Aufhebung: 1535 [1535]
Beschreibung: Bis vor wenigen Jahren galt die mit dem Datum des 3. Mai 1102 versehene Siegelurkunde, deren Ausfertigung über St. Blasien nach St. Paul im Kärntner Lavanttal gelangte, als unverdächtig. Mit diesem Dokument, häufig als "Gründungsurkunde" bezeichnet, übertrugen Herzog Friedrich von Schwaben, seine Frau Agnes und die Söhne Friedrich und Konrad die Abtei Lorch ("Loricha") dem Heiligen Stuhl. Nachdem ernsthafte Bedenken gegen die Echtheit geäußert wurden, muss sich die Forschung zur Entstehungsgeschichte der Benediktinerabtei Lorch neu positionieren. Trotzdem wird man nicht daran zweifeln, dass Lorch von dem 1105 gestorbenen Herzog Friedrich I. von Schwaben gestiftet wurde - im Zuge jenes reformreligiösen Aufbruchs, der damals, unabhängig von den Parteiungen des Investiturstreits, andere Hochadelsfamilien ebenfalls zu Klostergründungen veranlasste. Wahrscheinlich wurde das Kloster an der Stelle eines bestehenden Herrensitzes auf dem heutigen "Klosterberg" errichtet. Die frühen monastischen Bezüge der Abtei (Patr.: Maria) verweisen auf die Hirsauer Reform. Der nur in späterer Überlieferung fassbare erste Abt Harbert soll zuvor Mönch auf der Komburg gewesen sein. Lorch war ein wichtiger geistlicher Bezugspunkt der staufischen Dynastie. Die Vogtei sollte nach der Urkunde von "1102" vom jeweils Ältesten des Hauses ausgeübt werden. In der Stauferzeit waren der Besitz der Stammburg auf dem Hohenstaufen, das Herzogtum Schwaben und die Lorcher Klostervogtei eng aufeinander bezogen. Unter König Konrad III., dem Lorch nach glaubhafter Überlieferung eine kostbare Kreuzreliquie verdankte, wurde die Abtei zur Grablege des Hauses ausersehen. Allerdings wurde Konrad selbst entgegen seinen Planungen in Bamberg beigesetzt, und abgesehen von dem wohl 1139 aus der Pfarrkirche im Tal überführten Vater (dem Klosterstifter) und der 1208 gestorbenen Irene, Gemahlin König Philipps, die wahrscheinlich ein kostbares byzantinisches Reliquiar stiftete, fanden in dem Remstalkloster nur wenig bedeutende Angehörige des Geschlechts ihre letzte Ruhestätte. Noch vor Ende der staufischen Herrschaft in Schwaben konnten die Grafen von Württemberg die Vogtei übernehmen (1251 bezeugt). Bis zur Zeit Karls IV. beanspruchte zwar das Königtum die Vogtei für das Reich, doch setzten sich die Württemberger durch: Im 15. Jh. war Lorch landsässig. Spätmittelalterlichen Niederadelsfamilien diente das Ende des 13. Jh. von einer Schuldenkrise geschüttelte Kloster als Versorgungsanstalt. In den kunstgeschichtlich bedeutsamen Grabmalen der Herren von Schechingen und von Woellwarth, noch heute in der Klosterkirche zu besichtigen, manifestiert sich der Zugriff dieses Familienclans, der mit den verwandten Schenk von Arberg von etwa 1371 bis 1477 alle Äbte stellte. Im Selbstverständnis der Klostergemeinschaft begann eine neue Epoche mit der Klosterreform im Jahr 1462, an der Konventualen aus den der Melker Reform zugehörigen Klöstern Wiblingen, Blaubeuren und Elchingen beteiligt waren. Die in dieser zweiten Blütezeit verstärkte Rückbesinnung auf die Geschichte der hochmittelalterlichen Stifterfamilie führte 1475 zur Öffnung der Staufergräber. Als Stiftergrabmal richtete man eine qualitätvolle Tumba mit dem Stauferwappen auf. Um 1500 bemühte sich der Konventuale Augustin Seiz um Geschichtsüberlieferung und Überlieferungsbildung des Klosters, fassbar vor allem in seinem als "Rotes Buch" bekannten Kopialbuch (im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt). Die 1977 daraus publizierten Texte zur frühen staufischen Genealogie sind allerdings nicht authentisch. Nach dem Bauernkrieg 1525, der das Kloster schwer in Mitleidenschaft zog, wurden um 1530 im Zuge der Wiederaufbaumaßnahmen die wiederholt restaurierten Stauferbilder an den Pfeilern der Klosterkirche angebracht. Von der Lorcher Bibliothek sind nur geringe Reste erhalten geblieben. Hohen kunstgeschichtlichen Rang besitzen die nach Melker Vorschriften angelegten drei prachtvollen Chorbücher von 1511/12, für deren buchmalerische Ausstattung der in Augsburg ansässige Illuminist Nikolaus Bertschi verantwortlich zeichnete. Die eindrucksvolle romanische Klosterkirche wurde in zwei Bauphasen in der ersten Hälfte des 12. und Anfang des 13. Jh. errichtet. Hirsauer Einflüsse gelten als sicher. Spätgotische Umbauten wurden nach der Klosterreform veranlasst (1469 Weihe von Chor und Kreuzgang). Im Dorf Lorch verfügte die Abtei über die Hochgerichtsbarkeit. Der Grundbesitz des Klosters besaß Schwerpunkte in der näheren Umgebung (Ämter Pfahlbronn und Täferrot), im unteren Remstal und im Stuttgarter Raum (Pflege Münster). Fernbesitz lag insbesondere auf der Schwäbischen Alb, im Heidenheimer Raum und im Ries. Die Aufhebung des Klosters durch die von Herzog Ulrich nach seiner Rückkehr aus dem Exil verfügten Reformation des Territoriums vollzog sich in mehreren Etappen. 1535 weigerten sich die Konventualen (bis auf einen) zunächst, das Kloster zu verlassen. Während 14 Mönche ausgewiesen wurden, durfte ein kleiner Restkonvent in Lorch bleiben. Während des "Interims" kam es 1548 zur Rückkehr von Mönchen und zur Wahl eines neuen Abtes Benedikt Rebstock, der jedoch nach dem Augsburger Religionsfrieden erleben musste, dass 1556 eine protestantische Klosterschule eingerichtet wurde. Nach dem Tod Rebstocks 1563 verzichteten die verbliebenen drei Konventualen auf ihre Ansprüche, und der erste evangelische Abt M. Georg Udal wurde eingeführt. Nach der Aufhebung der Klosterschule 1583 blieb das Kloster als Prälatur erhalten (seit 1727 war der Kanzler der Universität Tübingen Abt von Lorch). Das Klosteramt Lorch bestand als Güterverwaltung bis 1806. Episode blieb das katholische Zwischenspiel während des 30-jährigen Kriegs, als aufgrund des "Restitutionsedikts" 1630-1632 und 1634-1648 Mönche aus St. Blasien das Kloster erneut in Besitz nahmen. Seit dem späten 18. Jh. avancierte Lorch zu einem staufergeschichtlichen Erinnerungsort, dem man patriotische Gefühle entgegenbrachte. Nach langer Verwahrlosung nahmen sich im 19. Jh. Restaurierungen der Klostergebäude an. 1898 wurde eine Gedenktafel an die Königin Irene eingeweiht, der man auch einen - in Kopien heute noch gefertigten - Ring zuschreiben wollte, der bei Grabungen in der Klosterkirche aufgefunden wurde. Seit 1947 betreibt ein evangelisches Hilfswerk ein Altenpflegeheim im Kloster.
Autor: KLAUS GRAF
Objekttyp: Kloster
Ordensregel:
  • Benediktiner um 1102-1535
  • Benediktiner 1548-1556
  • Benediktiner 1630-1632
  • Benediktiner 1634-1648
Sonstiges: Bistum: Augsburg, ab 1821 Rottenburg-Stuttgart,
fiel an: Württemberg (1535)
Weiter im Partnersystem: http://www.kloester-bw.de/?nr=235

Adresse Kloster Lorch 03, 73547 Lorch

Literatur:
  • W. Zimmermann / N. Priesching (Hg.): Württembergisches Klosterbuch. Klöster, Stifte und Ordensgemeinschaften von den Anfängen bis in die Gegenwart. Stuttgart 2003. 328-330 (K. GRAF).
    Germania Benedictina, Bd. V: Die Benediktinerklöster in Baden-Württemberg. Bearb. v. F. Quarthal. Augsburg 1975. V, 370-381 (W. SEIFFER).
    H. HUMMEL: Die Bibliothek des ehemaligen Benediktinerklosters Lorch. In: Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens und seiner Zweige 92 (1981) 131-164.
    Lorch. Beiträge zur Geschichte von Stadt und Kloster. Heimatbuch der Stadt Lorch, Bd. 1. Lorch 1990 (mit Beiträgen u. a. von K. GRAF und H. KISSLING).
    K. GRAF: Staufer-Überlieferungen aus Kloster Lorch. In: S. LORENZ / U. SCHMIDT (Hg.): Von Schwaben bis Jerusalem. Facetten staufischer Geschichte. Sigmaringen 1995, 209-240.
    F. HEINZER: Reform und Reformation, Landesherr und Kloster - die Lorcher Chorbücher von 1511/12 und Herzog Ulrich. In: P. RÜCKERT (Hg.): "Alte Christen - Neue Christen". Der Streit um die Reformation in Württemberg. Stuttgart 1999, 16-24.
    900 Jahre Kloster Lorch (Ein Magazin). Ein Rundgang durch die Geschichte des Klosters, Stuttgart 2002.
    F. HEINZER / R. KRETZSCHMAR / P. RÜCKERT (Hg.): 900 Jahre Kloster Lorch. Eine staufische Gründung vom Aufbruch zur Reform. Veröffentlichung zur Tagung in Lorch 13./14.9.2002. Stuttgart 2004.
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