Benediktinerabtei Gottesaue 

Ortsbezüge:
Baujahr/Gründung: 1094 [1094]
Zerstörung/Aufhebung: 1556 [1556]
Beschreibung: Eine Handschrift des 17. Jh. berichtet unter Berufung auf die Klosterannalen, wie Graf Berthold von Hohenberg im Jahr 1094 das Kloster Gottesaue gegründet habe. Des weiteren wird hier dem Nekrolog des Klosters entnommen, dass der Klostergründer Berthold im Jahr 1110 als Mönch im Kloster Gottesaue verstarb. Diese sehr spät überlieferten Nachrichten sind durchaus glaubwürdig, denn noch im gleichen Jahr 1110 setzt die urkundliche Überlieferung Gottesaues ein, die den Gründungsvorgang mit einem berühmten Dokument König Heinrichs V. bestätigt. Demnach hatte Graf Berthold von Hohenberg das Benediktinerkloster mit Besitz ausgestattet, von dem die Mönchsgemeinschaft leben konnte. Berthold war damals Graf im Pfinzgau. Die Grafenburg Hohenberg hatte er im späten 11. Jh. auf der Gemarkung von Grötzingen offenbar selbst errichtet. Gleichzeitig war er Vogt der mächtigen Reichsabtei Lorsch. Als seinen Vogteisitz für die Lorscher Besitzungen hatte Berthold die Burg Lindenfels bei Michelstadt im Odenwald erbaut. Seine herausragende herrschaftliche Bedeutung für die Oberrheinlande ist damit angezeigt. Die Nähe Bertholds zu der von Kloster Hirsau ausgehenden monastischen Reformbewegung wird mit der Weihe der Gottesauer Klosterkirche augenscheinlich, die auf Betreiben Bertholds nicht der Speyerer Bischof als zuständiger Ordinarius, sondern Bischof Gebhard von Konstanz vornahm, der früher selbst Mönch in Hirsau war. Zudem war der erste Abt Gebhard, der aus Hirsau nach Gottesaue kam, ein Verwandter Bertholds. Für die nachfolgenden eineinhalb Jahrhunderte sind kaum Schriftzeugnisse vorhanden. Allein anhand der Hirsauer Überlieferung wird bekannt, dass in seiner Frühzeit Gottesaue engstens mit seinem Mutterkloster zusammenhing. Die Gottesauer Äbte des 12. Jh., Gebhard, Wolpoto, Burchart, Rupert, Rudolf und Conrad, kamen ausnahmslos aus Hirsau. War die Anfangszeit geprägt von dem Einfluss des Mutterklosters Hirsau und dessen monastischem Reformstreben, so wird der rasche Bedeutungsschwund Hirsaus bald ebenso für Gottesaue spürbar. Auch dieses Kloster fiel nach seiner Aufsehen erregenden Gründungsphase zurück in eine Art lethargischer Provinzialität. Doch zeigt sich gegen Ende des Hochmittelalters die klösterliche Grundherrschaft als gefestigt und verweist in ihrer Ausdehnung auf eine beträchtliche wirtschaftliche Grundlage der Abtei. Allerdings beginnen sich im frühen 14. Jh. die Nachrichten über den wirtschaftlichen Niedergang der Abtei zu häufen, so dass um die Mitte des 14. Jh. Markgraf Rudolf V. von Baden die heruntergewirtschaftete Klosterverwaltung einem Konventualen zur Stabilisierung des Klosterhaushalts übertrug. Gegen Ende des 14. Jh. erhält man erstmals Angaben zur Stärke des damaligen Gottesauer Konvents: Ein Abt, 15 Mönche und etwa 24 Bedienstete ("ministri") werden gezählt. Die aufwändige Gasthaltung und Pfründnerwirtschaft ("hospitalitas") belastete das Kloster damals schwer; der Verfall klösterlicher Ordnung hatte um 1400 seinen Höhepunkt erreicht. Gleichzeitig bahnte sich eine grundlegende Veränderung an: Markgraf Bernhard erwirkte 1406 von Papst Gregor XII. die Erlaubnis, das Kloster Gottesaue in eine Kartause umzuwandeln. Doch es sollte nicht dazu kommen: Die Gottesauer Konventualen wählten umgehend einen neuen Abt, und der Markgraf sah von der Einführung der Kartäuserregel ab. Der im frühen 15. Jh. weithin aufkommende kirchliche Reformwille machte indes auch vor Gottesaue nicht halt: Von der lockeren Pfründnerwirtschaft ist bald keine Rede mehr; schon in den 1420er Jahren werden die Mönche ganz im Sinne der angehenden Klosterreform zu geistiger Bildung angehalten. Gegen Mitte des 15. Jh. ist die Kaufkraft des Klosters bereits wieder beträchtlich und der Besitzstand erreicht einen letzten Höhepunkt: Das Klosterurbar vom Jahr 1482 nennt Besitzungen und Einkünfte in 20 Orten. Der damalige Abt Martin (1475-1485), als eigentlicher Motor des Aufschwungs, stabilisiert nicht nur die Wirtschaft und stellt die Klosterverwaltung auf neue Grundlagen, sondern wirkt auch vielfältig nach außen. Er übernimmt Aufträge als päpstlicher Kommissar und markgräflicher Botschafter und lässt sich dabei als "gefürsteter Abt von Gottesaue" bezeichnen. Sicherlich hängt das geordnete Klosterleben im späten 15. Jh. aber vor allem mit dem Anschluss an die Bursfelder Reformkongregation der Benediktiner zusammen, die 1458 vollzogen wurde. Bereits zwei Jahre zuvor war Kloster Hirsau mit der Reform Gottesaues beauftragt worden. Trotz des spürbaren Wohlstands der Abtei um die Wende zum 16. Jh. bestand der Gottesauer Konvent nach wie vor nur aus etwa einem Dutzend Mönche. Bei dem 1495 erhobenen "gemeinen Pfennig" werden in Gottesaue neben Abt und Prior nur neun weitere Fratres gezählt. Die Einkünfte des Klosters müssen zu dieser Zeit trotzdem beträchtlich gewesen sein. Als im Frühjahr 1525 der Aufstand des "gemeinen Mannes" am Oberrhein ausbrach, wurde auch das Kloster Gottesaue geplündert und verbrannt. Nachdem der Aufruhr niedergeschlagen worden war, kehrte Abt Johannes Trigel mit einigen Mönchen nach Gottesaue zurück, um sich in den erhalten gebliebenen Gebäuden wieder einzurichten. Allerdings führte das sich rasch ausbreitende, klosterfeindliche Gedankengut der Reformation gemeinsam mit den Verwüstungen während des Bauernkriegs und der verstärkten Einflussnahme des Markgrafen in den folgenden Jahrzehnten zur allmählichen Auflösung des Klosterlebens. Nach dem Tod von Abt Johannes Trigel 1529 wurde kein neuer Abt mehr gewählt. Der Konventuale Nikolaus Dietz wurde nun vom Markgrafen als Verwalter des Klosters eingesetzt. Die wenigen verbliebenen Klosterinsassen hielten die Ordensregeln nicht mehr und gaben zu vielerlei Beschwerden Anlass. Der letzte Mönch starb 1556. In diesem Jahr wurde die Reformation in Baden-Durlach eingeführt und Markgraf Ernst konnte ohne förmliche Aufhebung des Konvents das Klostergut säkularisieren und in seinen Besitz übernehmen. Im Jahr 1588 ließ Markgraf Ernst Friedrich schließlich auf dem Gottesauer Areal ein Lust- und Jagdschloss erbauen, das bis 1597 größtenteils vollendet gewesen sein dürfte. In der Zeit des 30-jährigen Krieges gab es neuerliche Versuche, sich in Gottesaue einzurichten: Nachdem das Restitutionsedikt Kaiser Ferdinands II. von 1629 verkündet hatte, dass alle Klöster und Güter, die nach dem Passauer Vertrag von 1552 eingezogen worden waren, an die katholische Kirche zurückzugeben seien, wurde auch Gottesaue dem markgräflichen Zugriff wieder entzogen. Die 1631 als Administratoren eingesetzten beiden Benediktinermönche aus Weingarten und Ochsenhausen mussten allerdings schon bald darauf wieder flüchten. Als mit Benedikt Eisenschmidt aus Ochsenhausen 1635 abermals ein Benediktiner im Gottesauer Schloss einzog, sollte hier ein Neuanfang versucht werden, der freilich ebenso Episode blieb. Mit dem Westfälischen Frieden 1648 wurde im Reich der konfessionelle Zustand von 1624 wiederhergestellt und damit auch die Restitution des Klosters rückgängig gemacht. In der Folgezeit diente das Gottesauer Gelände mit dem mehrfach zerstörten Schloss als markgräfliches Kammergut, bevor 1818-1919 im Schloss eine Kaserne eingerichtet wurde. In den 1920er und 1930er Jahren wurde das Gottesauer Gelände verschiedenen staatlichen und kommunalen Nutzungen zugeführt; das Schloss selbst durch den Bombenangriff vom Juli 1944 weitgehend zerstört. Sein Wiederaufbau ab 1977 und seine heutige Nutzung für die Staatliche Hochschule für Musik im Herzen von Karlsruhe stehen am vorläufigen Ende der bewegten Geschichte von Gottesaue. Von der Bibliothek bzw. dem geistigen Profil des kleinen Konvents sind nur kümmerliche Reste überliefert. Vielleicht vier Inkunabeln und einige Frühdrucke zeugen als Rest der Bibliothek mit ihren handschriftlichen Anmerkungen aus der Zeit um 1500 immerhin von der Lektüre und Bearbeitung der Texte im Kloster. Bemerkenswerterweise finden sich auch Fragmente spätmittelalterlicher Liturgica als Spiegel in einer der Inkunabeln wiederverwendet. Im Gottesauer Urbar, das Abt Martin 1482 anlegen ließ, sind im Spiegel vier Pergamentblätter eines Homiliars aus dem 9. Jh. eingebunden, das vermutlich über das Mutterkloster Hirsau nach Gottesaue gelangt war. Da noch weitere Fragmente dieser Handschrift für Gottesaue nachgewiesen werden können, ist ihre Makulierung im späten 15. Jh. offensichtlich hier erfolgt. Damit wäre wohl auch die bislang unbekannte Buchbinderei der Gottesauer Bände im Kloster selbst zu suchen, und damit ist auch ein gut funktionierendes Skriptorium immerhin vorauszusetzen. Die urkundliche Überlieferung belegt jedenfalls bis ins späte 13. Jh. eine hohe geistig-religiöse Bedeutung für den Gottesauer Konvent, wie die zahlreichen zeitgenössischen Schenkungen zum Seelenheil der Stifter beweisen. Besonders bemerkenswert ist dann seine neuerliche Verbrüderung mit den Mönchen von Hirsau, die 1521 in einer aufwändigen Urkunde festgehalten wurde. In den Jahrzehnten vor dem Bauernkrieg wies sich Gottesaue wieder als religiöses und geistiges Zentrum am Oberrhein aus. Die Ausstattung des Klosters und die wirtschaftlichen Tendenzen sprechen für eine Intensivierung des Klosterlebens, das im Sinne der spätmittelalterlichen Klosterreform und Laienfrömmigkeit große Anziehungskraft auf seine Umgebung ausübte. Von der Klosteranlage selbst ist heute nichts mehr erhalten, allein die zeitgenössischen Quellen liefern einschlägige Informationen zur Baugeschichte. Überträgt man die hier vermittelten Informationen auf den Grundrissplan einer Klosteranlage nach dem ,,Hirsauer Schema", der nach allen Indizien mit dem Gottesauer Befund vergleichbar sein dürfte, so wird man sich die verschwundene Gottesauer Klosterkirche als dreischiffige Basilika mit Querhaus und Westwerk vorstellen dürfen, die als Adelskirche am Stiftergrab Bertholds von Hohenberg orientiert war. Das Stiftergrab lag an der vornehmsten Stelle, unter der Vierung; seine eindrucksvolle Grabplatte ist erhalten geblieben. Anhand späterer Schriftzeugnisse und archäologischer Befunde lässt sich eine weiträumige Klosteranlage erschließen, die neben der Kirche und den doppelstöckigen Klausurbauten mit zahlreichen Wohn- und Gästekammern, Badstube, Siechstube, Küche und großem Saal noch etliche weitere Gebäudekomplexe aufwies. Als eindrucksvolle Zeugnisse des von den Gottesauer Mönchen geübten Totengedenkens sind auch etliche Grabsteine aus dem 14. bis 16. Jh. erhalten geblieben. Von der übrigen Ausstattung ist indes bislang nur Weniges bekannt. Dazu gehört eine lebensgroße Mutter Gottes, gefertigt von einem unbekannten oberrheinischen Meister zu Anfang des 16. Jahrhunderts. Auch sollen eine Figur des hl. Nikolaus aus dem 14. Jh. sowie ein mächtiger spätgotischer Flügelaltar aus dem Jahre 1523, die heute in der Michaelskirche von Beiertheim, einem ehemaligen Klosterort, stehen, laut örtlicher Tradition aus Gottesaue stammen. Das mittlerweile weit verstreute ehemalige Inventar des Klosters Gottesaue, seiner Archivalien und Bücher, seiner Sakral- und Kunstschätze steht stellvertretend für seine bewegte und vielfach gestörte Geschichte.
Autor: PETER RÜCKERT
Objekttyp: Kloster
Ordensregel:
  • Benediktiner 1094-1556
Sonstiges: Bistum: Speyer, ab 1821 Freiburg
Weiter im Partnersystem: http://www.kloester-bw.de/?nr=253

Adresse Am Schloss Gottesaue 07, Karlsruhe

Literatur:
  • Die Kunstdenkmäler des Amtsbezirks Land Karlsruhe (Kreis Karlsruhe). Bearb. v. E. Lacroix, P. Hirschfeld u. W. Paeseler (Die Kunstdenkmäler Baden Bd. IX/5). Karlsruhe 1937. 110-112.
    H. SCHWARZMAIER: Die Klostergründungen von Gottesaue und Odenheim und das Hirsauer Formular. In: Papstgeschichte und Landesgeschichte. Festschrift für Hermann Jakobs zum 65. Geburtstag. Hrsg. v. J. DAHLHAUS u. A. KOHNLE. Köln u. a. 1995, 195-225.
    P. RÜCKERT (Hg.): Gottesaue. Kloster und Schloss. Karlsruhe 1995.
    DERS.: Gottesaue. Die Urkunden der Benediktinerabtei 1110 – 1550 (Veröffentlichungen der Staatlichen Archivverwaltung 55). Stuttgart 2000.
    DERS.: Gottesaue und Hirsau. Anfänge und Ende einer gemeinsamen Geschichte im Zeichen der Klosterreform. In: Der Landkreis Calw. Ein Jahrbuch 2001, 93-111.
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