Kollegiatstift St. Juliana Mosbach 

Ortsbezüge:
Baujahr/Gründung: 825 [vor 825]
Zerstörung/Aufhebung: 1564 [1564]
Beschreibung: Die Anfänge des Stifts Mosbach gehen auf eine in karolingischer Zeit entstandene Mönchssiedlung zurück, die zur Keimzelle der späteren Stadt wurde. Die Größe und Ausstrahlung des Konventes, dem im ersten Viertel des 9. Jhs. ein Abt namens Crimoldus vorstand, ist in Ermangelung schriftlicher Quellen kaum fassbar. Auf eine Beziehung zur Abtei Reichenau deutet ein Eintrag im dortigen, um 825 angelegten Gebetsverbrüderungsbuch hin. Unter der Überschrift "Nomina fratrum de monasterio quod Mosabach nuncupatur" werden 45 männliche und weibliche Namen genannt, bei denen es sich um Konventualen und Wohltäter des Klosters gehandelt haben dürfte. Verkehrsgünstig, etwa auf halber Strecke zwischen den frühen kirchlichen und politischen Zentren Worms und Würzburg im Gau Wingartheiba gelegen, kam der monastischen Niederlassung zweifellos einige Bedeutung zu. Durch Schenkung Kaiser Ottos II. fiel die Reichsabtei Mosbach, die über Güter und Rechte in 23 Ortschaften verfügte, 976 an das Bistum Worms. Bald darauf, um das Jahr 1000, wurde das bischöfliche Eigenkloster in ein Kollegiatstift umgewandelt. Noch bis in die Mitte des 13. Jhs. stand es unter wormsischem Einfluss, spätestens seit 1258 gewann jedoch der Bischof von Würzburg die kirchenpolitische Vorherrschaft. Fortan wurde das Amt des Propstes stets mit Mitgliedern des Würzburger Domkapitels besetzt. Als Stellvertreter des Propstes fungierte der vom Stiftskapitel gewählte Dekan. Er war der eigentliche Leiter der Klerikergemeinschaft, zumal der Propst nur gelegentlich am Ort weilte. Als weitere Stiftsämter, die aber nicht zu den Dignitäten gerechnet wurden, sind der Scholaster, der Kantor und der Mesner zu nennen. Auf die Stelle des Stiftspredigers, die Pfalzgraf Otto I. 1456 mit einer eigenen Predigerpfründe ausstattete, sollte nur ein graduierter Kanoniker berufen werden. In dem Zeitraum zwischen 1406 und 1523 schwankte die Zahl der Mosbacher Kanonikate zwischen fünf und acht Stellen. Auf päpstliche Weisung war eine der Kanonikerpfründen bereits 1398 der Universität Heidelberg inkorporiert worden. Die Durchführung des Chorherrendienstes lag vielfach in den Händen von Vikaren. 1371 bestanden neun Altarbenefizien, die von zwölf Vikaren versehen wurden; 1406 zählte das Juliana-Stift 16 Vikarien. Die Amtspflichten der Kanoniker und Vikare, die Wahrnehmung der liturgischen Aufgaben und die Nutzung der Pfründen waren in einer Stiftsordnung von 1466 geregelt. Das Mosbacher Juliana-Patrozinium dürfte zumindest ins 10. Jh. zurückreichen. Der früheste Beleg findet sich auf dem ältesten erhaltenen Siegel des Stifts von 1258: "SIGILL[UM] BEATE IVLIANE VIR[GINIS ET MARTYRIS IN MO]SEBACH". Neben dem zu Ehren der heiligen Juliana geweihten Hochaltar bestanden an der Stiftskirche 1291 noch fünf weitere Altäre, deren Zahl sich bis zum Beginn des 16. Jhs. auf über ein Dutzend vermehrte. Das Zeitalter der Reformation setzte dem Kollegiatstift ein allmähliches Ende. Über die Person des Stiftspredigers Wendel Kretz fand evangelisches Gedankengut seit 1523 in der Stadt Verbreitung. Zusammen mit zwei weiteren Mosbacher Priestern musste er sich 1526 wegen seiner Kritik an der katholischen Sakramentenlehre und der Heiligenverehrung in Würzburg verantworten. Noch scheinen im Stift die altgläubigen Kräfte dominiert zu haben, doch spätestens seit den 1540er Jahren zeichnete sich sowohl in personeller als auch in wirtschaftlicher Hinsicht ein Schrumpfungsprozesses des Stiftes ab. Einzelne Benefizien wurden eingezogen und zum Unterhalt der Kirchengebäude verwendet. 1564 wurde das Stift, nachdem wenige Jahre zuvor die Reformation eingeführt worden war, vom pfälzischen Kurfürsten Friedrich III. förmlich aufgehoben. Während die Patronatsrechte auf den reformierten Landesherrn übergingen, fielen die Besitzungen an die Geistliche Güterverwaltung. Die einstigen Wohngebäude der Stiftsherren wurden u. a. als Pfarr- und Schulhäuser genutzt. Mangels bauarchäologischer Untersuchungen lassen sich über das Aussehen der frühen Stiftskirche keine verlässlichen Angaben machen. Die von Papst Bonifaz VIII. 1295 zugunsten der Juliana-Kirche erteilten Ablässe scheinen auf einen Um- oder Neubau hinzudeuten. Anlässlich einer Reliquienüberführung im Jahr 1296 wird der feierliche Raumeindruck des Gotteshauses hervorgehoben. Der spätgotische, schlicht gestaltete Kirchenbau wurde, wohl unter Verwendung älterer Bausubstanz, nach der Mitte des 14. Jhs. errichtet. In einer ersten Bauphase entstand von etwa 1370 an ein einschiffiger Sakralraum samt vierjochigem Chor mit 5/8-Schluss und Kreuzrippengewölbe. Von der ursprünglich geplanten Doppelturmanlage kam nur der Südturm 1410 zur Ausführung. Im 15. Jh. wurde das gotische Langhaus als dreischiffige Basilika im Westen hinzugefügt. Der Lettner dürfte in der Zeit um 1500 entstanden sein. Von der mittelalterlichen Ausstattung der Stiftskirche sind nur spärliche Reste erhalten geblieben. Hervorzuheben sind das mit kunstvollem Bronzerelief und -schriftband verzierte Grabmal der 1444 verstorbenen Pfalzgräfin Johanna aus der Linie Pfalz-Mosbach, eine Steinkanzel von 1468 sowie spätmittelalterliche Wandmalereien und Grabplatten. Aufgrund der kurpfälzischen Religionsdeklaration von 1705 wird die Stiftskirche bis heute simultan genutzt. Eine 1708 in Höhe des Lettners errichtete Scheidemauer trennt das reformierte Langhaus vom katholischen Chor. Im Jahr 2008 verständigten sich die Vertreter der evangelischen und der katholischen Kirchengemeinde darauf, die Mauer durch den Einbau einer Tür wenigstens temporär zu öffnen. Neben seinen Liegenschaften, Gülten und Nutzungen auf Mosbacher Gemarkung verfügte das Stift über zahlreiche Außenbesitzungen. Spätestens seit der Mitte des 13. Jhs. betrieb es eine aktive Erwerbspolitik, die sich auf das Gebiet des heutigen Neckar-Odenwald-Kreises und des nördlichen Landkreises Heilbronn konzentrierte.
Autor: ALBRECHT ERNST
Objekttyp: Kloster
Ordensregel:
  • Benediktiner vor 825-um 1000
  • Chorherren, weltliche um 1000-1564
Sonstiges: Bistum: Würzburg, ab 1821 Freiburg
Weiter im Partnersystem: http://www.kloester-bw.de/?nr=290

Adresse Mosbach

Literatur:
  • Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins und seiner Umgebung, 1 (1850) - 39 (1885). NF 1 (1886) ff. 62, 1908, 593-639 (P. P. ALBERT).
    Freiburger Diözesan-Archiv 91, 1971, 106-175 (O. FRIEDLEIN).
    F. S. MESZMER: Benediktinerabtei Mosbach. In: Mosbacher Museumsheft 1, 1984, 14-17.
    Mosbacher Urkundenbuch. Stadt und Stift im Mittelalter. Bearb. von K. KRIMM unter Mitarbeit von H. SCHADEK (Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg). Elztal-Dallau 1986.
    Der Neckar-Odenwald-Kreis. Hg. v. der Landesarchivdirektion Baden-Württemberg in Verbindung mit dem Neckar-Odenwald-Kreis (Kreisbeschreibungen des Landes Baden-Württemberg). 2 Bde. Sigmaringen 1992. Bd. 2, 168-194 (A. ERNST).
    A. ERNST: Zwei Konfessionen unter einem Dach. Zur Geschichte der Stiftskirche St. Juliana in Mosbach. In: Die ehemalige Stiftskirche St. Juliana in Mosbach, 1992, 43-70.
    Die ehemalige Stiftskirche St. Juliana in Mosbach. Hrsg. von der Pfarrgemeinde St. Cäcilia Mosbach. Festschrift aus Anlass der Renovierung des katholischen Teils in den Jahren 2000 bis 2002, Mosbach 2002.
    A. ERNST: Vom Stein des Anstoßes zum Zeichen der Ökumene. Die Trennmauer von 1708 in der Mosbacher Stiftskirche. In: Jahrbuch für badische Kirchen- und Religionsgeschichte 3, 2009, 263-277.
    R. KOEPKE: 600 Jahre Turm der Stiftskirche St. Juliana in Mosbach. In: Mosbacher Jahresheft 21, 2011, 30-51.
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