Prämonstratenserabtei St. Peter und Paul Obermarchtal 

Ortsbezüge:
Baujahr/Gründung: 775 [um 775/779]
Zerstörung/Aufhebung: 1803 [1802/03]
Beschreibung: Die Silhouette der barocken Abteikirche, die am Rande einer Weißjuraplatte oberhalb der Donau liegt, beherrscht heute den Blick auf den Ort Obermarchtal. In dieser markanten Lage hatten um 775/779 Familienmitglieder der Alaholfinger ein dem hl. Petrus geweihtes Kloster errichtet, das sie dem Kloster St. Gallen übertrugen. Offenbar bedrängten Verwandte das Kloster, so dass sich das monastische Leben nicht entfalten konnte und vor 805 wieder erlosch. Ende des 10. Jh. verfügte Herzog Hermann II. von Schwaben über Burg und Pfarrkirche in Marchtal. Der Konradiner Hermann II. richtete vor 993 zusammen mit seiner Frau Gerberga in der Burg (Flurbezeichnung: Steinenburg) ein den Aposteln Petrus und Paulus geweihtes Stift für sieben weltliche Kanoniker ein. Um die Stiftskirche herum entstanden eine Kirche und Kapellen (Pfarrkirche B. V. Mariae, Michaelskapelle, Oratorium Johannes des Täufers). Nach dem Vorbild der Konradiner Hausstifte an der Lahn sollte wahrscheinlich ein Hausstift aufgebaut werden. Nach dem Tode Heinrichs II. verlor Marchtal an Bedeutung und die Ausstattung des Stiftes gelangte auf dem Erbweg in die Hand weltlicher Personen (im 12. Jh.: Bertha von Kellmünz bzw. Elisabeth von Bregenz [3 Präbenden], Herzog Konrad von Schwaben [1], Kaiser Friedrich I. [1], Salome von Emerkingen [1], Ranzo von Neufra [1]). Vor dem großen Burgbezirk hatte sich wahrscheinlich schon im 11. Jh. eine kleine Siedlung gebildet. Auf der anderen Seite des Marchbaches entstand eine neue Burg im Stil des 11. Jh. (Flurbezeichnung: Alteburg). Einige weltliche Kanoniker werden im 12. Jh. genannt, über das Leben im Stift gibt es keine Quellen. Auf Betreiben seiner Frau Elisabeth von Bregenz unternahm Pfalzgraf Hugo II. von Tübingen eine Reform des weltlichen Chorherrenstifts und übertrug den Neuaufbau den Prämonstratenser-Chorherren. 1171 nahm das Generalkapitel in Prémontré das der Jungfrau Maria und dem hl. Petrus geweihte Marchtal in den Ordensverband auf. Den Gründungskonvent schickte die Abtei Rot an der Rot. Ein Doppelstift entstand, in dem 1204 20 Prämonstratenser-Chorherren, 40 Prämonstratenser-Chorfrauen und 20 Konversen lebten. Für die Prämonstratenserinnen wurde 1214 eine der hl. Katharina geweihte Kirche errichtet, neben der um 1255/65 neue Wohngebäude entstanden. 1273 wurde ein Aufnahmeverbot für Novizinnen erlassen und der Frauenkonvent starb aus. Das Prämonstratenserstift, 1440 zur Abtei erhoben, gehörte zur schwäbischen Zirkarie. Unter größten Schwierigkeiten sammelten die Prämonstratenser die verloren gegangenen Güter und Rechte des alten Stifts wieder ein und arrondierten ihre Grundherrschaft. Im 13. Jh. führte die Grangienwirtschaft zur Auflassung von Siedlungen in der nächsten Umgebung des Stifts, Ursache für die heutige auffallend große Gemarkung von Obermarchtal. Die Prämonstratenser hatten sich in den politischen und kriegerischen Wirren nach 1243 von der Vogtei der Pfalzgrafen von Tübingen gelöst und sich geistlich wie weltlich den Bischöfen von Konstanz als Eigenstift unterstellt. Teilvogteien bestanden für Kirchbierlingen (zunächst Grafen von Berg, dann Österreich) und bis 1303 über Ammern (Pfalzgrafen bzw. Grafen von Tübingen). Um 1300 waren die Pfarrkirchen St. Andreas in Ammern bei Tübingen, St. Maria (später St. Urban) in Obermarchtal, St. Martin in Kirchbierlingen und St. Kosmas und Damian in Unterwachingen dem Stift inkorporiert. Im 14. und 15. Jh. erwarben die Prämonstratenser am westlichen Rande der Grafschaft Kirchberg in mehreren Orten grundherrliche Rechte und nach und nach auch die Pfarreirechte, so dass ein geschlossener Niedergerichtsbezirk entstand. Nach 1420 befreite sich der Konvent von den Konstanzer Rechten und unterstellte sich dem Schutz des Reiches. Die 1518 erfolgte Belehnung mit der Hochgerichtsbarkeit durch Kaiser Maximilian I. war der letzte Schritt zur Reichsunmittelbarkeit. Von den inkorporierten Pfarreien lagen alle bis auf Kirchen (- in den Wirren der Reformationszeit verloren gegangen -) und Munderkingen im Territorium der Prämonstratenserabtei. Das Territorium wurde durch den Kauf der ritterschaftlichen Herrschaften Bremelau (1666) und Uttenweiler (1702), zu der die Vogtei über das Augustiner-Eremitenkloster Uttenweiler gehörte, erweitert. Marchtal war Mitglied des Schwäbischen Reichsprälaten-Kollegiums, das auf dem Reichstag eine Stimme hatte, und unterlag der Besteuerung des Schwäbischen Kreises. Die Prämonstratenser-Chorherren waren neben dem Chordienst vor allem in der Seelsorge in den Pfarreien tätig. Teils residierten die Pfarrherren in den Pfarrorten, teils wurden die Pfarreien von der Abtei aus versehen. Ein Teil des Konvents - 1711 bestand er aus 39, 1746 aus 38 und 1802 aus 41 Personen - nämlich 35 Chorherren, vier Novizen und zwei Fratres - war daher ständig abwesend. Die Pröpste bzw. Äbte und auch die Konventualen stammten teilweise aus den umliegenden Städten und aus den Herrschaftsorten. Die Ausbildung der Prämonstratenser war auf die seelsorgerliche Tätigkeit ausgerichtet. Über die Jahrhunderte hinweg werden zahlreiche gelehrte Konventualen genannt, die seit dem 15. Jh. an verschiedenen Universitäten, später nur noch in Dillingen studiert hatten. Nach dem Tridentinum wurde das von den Jesuiten geprägte Bildungswesen übernommen und nach dem 30-jährigen Krieg beispielhaft umgesetzt. Wenige Konventualen studierten und lehrten dann im ordensinternen Studium in Marchtal. Zu diesem Ausbildungswesen gehörte eine Druckerei, die 1692 eingerichtet und wahrscheinlich wegen der Schuldenlast nach 1712 wieder verkauft wurde. Seit den ersten Jahrzehnten des 16. Jh. ist eine Lateinschule in der Abtei nachzuweisen, die mit einem Internat verbunden war. Nach 1650 wurde diese Schule ausgebaut, so dass jeweils zwischen 20 und 40 Schulgeld zahlende Knaben vor allem aus Oberschwaben von Prämonstratensern unterrichtet wurden. Die vor dem Priorat gelegenen Schulgebäude wurden nach 1804 abgerissen. In den zur Herrschaft gehörenden Pfarrorten gab es deutsche Schulen. Die Landesordnung von 1578 und eine ausführliche Schulordnung von 1748 regelten den Schulbetrieb. Als literarische Leistungen sind zwei im 13. Jh. verfasste Chroniken zu nennen. Im 17. und 18. Jh. sind in größerer Zahl Prämonstratenser als Verfasser theologischer und erbaulicher Werke nachzuweisen. Berühmt wurden der dichtende und musizierende Pater Sebastian Sailer (1714-1777) und die Komponisten Pater Isfried Kayser (1712-1771) und Sixt Bachmann (1754-1825), aber auch weniger bekannte wie Martin Fischer und Augustin Pell sind zu nennen. Der 1846 zum Bischof von Rottenburg gewählte, von der Kurie aber nicht bestätigte Urban Ströbele stammte aus Obermarchtal. Die Bibliothek, die von Kennern im 18. Jh. als nicht sehr bedeutend eingestuft worden war, wurde zunächst weitgehend geschlossen nach Regensburg gebracht. Ein größerer Teil ging an das Kloster Neresheim, ein kleinerer an das Kloster Beuron. Nach 1600 wurden barocke Frömmigkeitsformen aufgenommen. Bemerkenswert ist die Verehrung des Märtyrers St. Tiberius, dessen Kopfreliquie 1625 an die Abtei gelangte. 1727 hat der Überlinger Georg Anton Machein den unter den Seitenaltären herausragenden Tiberiusaltar mit Reliquie neu gestaltet, die heute mit Schmuck überhäuft ist, darunter eine Kette mit dem Goldenes Vlies. 1700 und 1701 erfolgte die Translation von vier heiligen Leibern aus den römischen Katakomben, 1723 die Translation einer Heiligkreuzreliquie. In den Pfarreien gab es vor allem nach 1650 verschiedene Bruderschaften. In Obermarchtal erneuerte Abt Nikolaus Wierith 1661 die Erzbruderschaft vom Rosenkranz. 1668 wird eine Kreuzbruderschaft, später auch eine Sebastiansbruderschaft erwähnt. In den Pfarrorten bestanden Rosenkranz-, Skapulier- und Armeseelenbruderschaften und Bruderschaften von der Todesangst Christi. Der Reichsdeputationshauptschluss wies die Abtei als Entschädigungsgut dem Fürstenhaus Thurn und Taxis zu, das im Oktober 1802 die wohlhabende Herrschaft (mittelfristige Berechnung der Einkünfte um 100.000 Gulden, Ausgaben um 29.000 Gulden, rund 6.000 Untertanen auf drei Quadratmeilen) in provisorischen Besitz nahm. Bei der Zivilbesitzergreifung am 8. Dezember übergab der Abt alle Rechte an den neuen Herrn. Da die Abtei schnellstmöglich in eine fürstliche Residenz umgestaltet werden sollte, mussten die Prämonstratenser die Abteigebäude bis Ende März 1803 räumen. Im Oktober 1803 wurden die Inkorporationen aufgehoben und selbständige Pfarreien dotiert. Die Abteikirche St. Peter und Paul wurde zur Pfarrkirche für Obermarchtal bestimmt, die ehemalige Pfarrkirche St. Urban daraufhin im Januar 1804 profaniert. 1806 gingen die Souveränitätsrechte von Thurn und Taxis an Württemberg über. 1973 erwarb die Diözese Rottenburg-Stuttgart die ehemaligen Konventsgebäude für die Einrichtung einer Kirchlichen Akademie der Lehrerfortbildung. Der Bau der ersten Stiftsanlage zog sich hin, 1239 wurde die Kirche geweiht. Ende des 15. Jh. setzte eine neue Bauphase ein. Eine Ansicht von 1661 zeigt die Abteikirche mit den Konvents- und Wirtschaftsgebäuden. Abt Nikolaus ließ nach 1686 eine neue Abteikirche durch die Architekten Michael Thumb und nach dessen Tode durch den Bruder Christian Thumb und Franz Beer errichten, deren Hochaltar und zwölf weitere Altäre am 11. September 1701 geweiht wurden. Sakristei, Kapitelsaal, Abtei, Priorat und Wohnbereiche für die Konventualen folgten. Die heutige Vierflügelanlage wurde durch den Deutschordensbaumeister Johann Caspar Bagnato 1747-1757 vollendet. Gegenüber der westlichen Kirchenfassade errichtete er 1749 die Pfisterei und band einige ältere Wirtschaftsgebäude in die einheitliche Fassadengestaltung ein.
Autor: WILFRIED SCHÖNTAG
Objekttyp: Kloster
Ordensregel:
  • Benediktiner um 775/779-vor 805
  • Chorherren, weltliche vor 993-1171
  • Prämonstratenser 1171-1802/03
Sonstiges: Bistum: Konstanz, ab 1821 Rottenburg-Stuttgart,
fiel an: Thurn und Taxis (1802)
Weiter im Partnersystem: http://www.kloester-bw.de/?nr=615

Adresse Obermarchtal

Literatur:
  • W. Zimmermann / N. Priesching (Hg.): Württembergisches Klosterbuch. Klöster, Stifte und Ordensgemeinschaften von den Anfängen bis in die Gegenwart. Stuttgart 2003. 332-335 (W. SCHÖNTAG).
    Germania Benedictina, Bd. V: Die Benediktinerklöster in Baden-Württemberg. Bearb. v. F. Quarthal. Augsburg 1975. V, 446-448 (H. JÄNICHEN).
    Der Alb-Donau-Kreis. Hg. v. der Landesarchivdirektion Baden-Württemberg in Verbindung mit dem Alb-Donau-Kreis (Kreisbeschreibungen des Landes Baden-Württemberg). 2 Bde. Sigmaringen 1989/92. II, 727-732.
    Die Kunst- und Altertumsdenkmale im Königreich Württemberg. Inventar Donaukreis, Oberamt Ehingen. Bearb. v. H. Klaiber. Hg. v. E. von Paulus u. E. Gradmann. Esslingen a. N. 1912. 135-161.
    N. BACKMUND: Monasticon Praemonstratense id est historia circariarum atque canoniarum candidi et canonici ordinis Praemonstratensis. Teil 1. Berlin/New York 1983, 61-64.
    F. V. WALTER: Kurze Geschichte von dem Prämonstratenserstifte Obermarchtall. Von seinem Anfange 1171 bis zu seiner Auflösung 1802. Ehingen 1835, ND Bad Buchau 1985.
    M. MÜLLER / R. REINHARDT / W. SCHÖNTAG (Hg.): Marchtal. Prämonstratenserabtei, Fürstliches Schloß, Kirchliche Akademie. Festgabe zum 300jährigen Bestehen der Stiftskirche St. Peter und Paul (1692 bis 1992). Ulm 1992.| H. SCHNELL: Obermarchtal an der Donau (Kunstführer 139). München u. a. 11. Aufl. 1993.|
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