Kollegiatstift St. Pankratius Backnang 

Ortsbezüge:
Baujahr/Gründung: 1116 [um 1116]
Zerstörung/Aufhebung: 1535 [1535]
Beschreibung: Um 1116 bestätigte Papst Paschalis II. das von Markgraf Hermann I. von Baden und seiner Frau Judith von Backnang in der Backnanger Pfarrkirche gegründete Augustiner-Chorherrenstift. Die Stiftskirche wurde St. Pankratius geweiht, den man besonders im Kloster Cluny verehrte, wo der Vater des Stiftsgründers, Hermann von Verona, eingetreten war. Wegen erheblicher Startschwierigkeiten war bereits 1123 unter Hermann II. ein Neuaufbau des Chorherrenkapitels nötig. Dieser wurde von Augustinerherren aus Marbach im Elsass erfolgreich vorgenommen, die St. Pankratius in den engeren Kreis der mit Marbach verflochtenen Stifte einbanden. Über fünf Generationen wurde das im badischen Herrschaftszentrum liegende Stift als Hausstift und Familiengrabstätte der Markgrafen benutzt. In der um 1230 gegründeten Stadt Backnang und ihrem Umfeld entwickelte es sich zu einem vermögenden Verwaltungszentrum. 1245 gehörten zum Stiftsbesitz nicht weniger als drei Pfarrkirchen, eine Kapelle, sechs Mühlen, vier große Wirtschaftshöfe, ein Hospital und ein Geschäftsanteil an der Haller Saline. Dazu kam noch ein riesiger Haus- und Grundbesitz in etwa 60 Orten. Mit der Verlagerung des Herrschaftsschwerpunkts der Badener in Richtung Westen geriet Backnang nach 1219 in eine Randlage. Markgräfin Irmgard ließ 1243 die Gebeine ihres Mannes Markgraf Hermann V. von Baden in das von ihr gegründete Zisterzienserinnenkloster Lichtenthal bei Baden- Baden umbetten. Damit endete in St. Pankratius die Tradition als badische Grablege. Bei der Heirat Graf Eberhards des Erlauchten mit Irmgard, der Tochter Markgraf Rudolfs I. von Baden, gelangten Stadt und Stift Backnang zwischen 1297 und 1304 in württembergischen Besitz. Als Stiftsvogt brachte Graf Eberhard der Greiner 1366 bei einem Schiedsspruch zwischen Chorherren und Propst die Verwaltung der Stiftsfinanzen unter seine Oberhoheit. 1477 erfolgte die Umwandlung der Einrichtung in ein weltliches Kollegiatstift. Sie ist zu sehen im Zusammenhang mit der Übertragung von Sindelfinger Stiftspfründen an die neue Universität Tübingen. Während das Sindelfinger Rumpfstift in die Windsheimer Kongregation eintrat und devote Lebensformen annahm, wurde als Ausgleich dazu St. Pankratius in Backnang in ein Säkularstift umgewandelt. Mit Genehmigung von Papst Sixtus IV. und Bischof Matthias von Speyer wurden 15 ständige Pfründen (Kustodie, 8 Kanonikate und 6 Vikariate) eingerichtet. Die Besetzung der Pfründen ging von der örtlichen Führungsschicht an die Zentralgewalt in Stuttgart über. Der Backnanger Propst erhielt Sitz und Stimme in den Landständen. Mit der Berufung des württembergischen Regierungsrats Dr. utr. iur. Petrus Jacobi von Arlon zum Propst (1496-1509) erlebte Backnang eine Blüte humanistischen Geisteslebens und nahm großen materiellen Aufschwung, der sich auch in dem Neubau des spätgotischen Chors der Stitftskirche niederschlug (1504). Bei der Aufhebung des Stifts im Jahr 1535 trat nur einer von 15 Chorherren zum neuen Glauben über. Eine Mehrheit zog ins (meist) badische Exil, wo sie sofort bei Erlass des Interims für die Restitution des Backnanger Stifts kämpften. Unter persönlichem Eingreifen Kaiser Karls V. erreichten die Chorherren Ende 1551 vorübergehend ihr Ziel. Nach 1555 ließ Herzog Christoph frei werdende Pfründstellen jedoch vakant. Der letzte Chorherr starb 1593. Die Übernahme des Stifts im 30-jährigen durch die Jesuiten, die hier eine Missionsstation einrichteten, endete mit dem Westfälischen Frieden.
Autor: SABINE REUSTLE
Objekttyp: Kloster
Ordensregel:
  • Augustiner-Chorherren um 1116-1477
  • Chorherren, weltliche 1477-1535
  • Chorherren, weltliche 1551-1555/93
  • Jesuiten 1635-1649
Sonstiges: Bistum: Speyer, ab 1821 Rottenburg-Stuttgart
Weiter im Partnersystem: http://www.kloester-bw.de/?nr=77

Adresse Stiftshof 07, Backnang

Literatur: W. Zimmermann / N. Priesching (Hg.): Württembergisches Klosterbuch. Klöster, Stifte und Ordensgemeinschaften von den Anfängen bis in die Gegenwart. Stuttgart 2003. 181f. (S. REUSTLE).
Die Kunst- und Altertumsdenkmale im Königreich Württemberg. Inventar Neckarkreis. Bearb. v. E. von Paulus. Stuttgart 1906 [1. Aufl. 1889]. OA Backnang, 51.
G. FRITZ: Der Backnanger Nekrolog. Studien zur Geschichte des Augustiner-Chorherrenstifts Backnang. In: Zeitschrift für Württembergische Landesgeschichte, 1 (1937) ff. 44 (1985) 11-63.
DERS.: Die Markgrafen von Baden und der mittlere Neckarraum. In: Zeitschrift für Württembergische Landesgeschichte, 1 (1937) ff. 49 (1991) 51-66.
S. B. REUSTLE: Stift und Stadt Backnang im 16. Jahrhundert. Backnang 1996.
Suche
Durchschnitt (0 Stimmen)