Überlingen, Schwesternsammlung »im Armenhaus«, Franziskanerterziarinnen 

Kurzbeschreibung:

um 1400 Gründung – seit dem 15. Jh. als Beginen bezeichnet – 1597 Franziskanerterziarinnen – 1654/59 Auflösung

Ordensgliederung: Oberdeutsche (Straßburger) (Minoriten-) Provinz, Kustodie Bodensee
Kirchliche Zugehörigkeit: Bistum Konstanz, Landkapitel Linzgau

Ortsbezüge:
  • Überlingen
  • Überlingen, Bodenseekreis
Ordensregel:
  • Schwesternsammlung »im Armenhaus«, Franziskanerterziarinnen 1400-1654
Beschreibung:

Name: sororibus in domo nominata daz Selhus sita in oppido Vi berlingen an dem Bliutschenberg (1408);1 baginen von Überlingen (1471);2 schwestern im Armenhaus (1475);3 pegin oder Arme Hauß (1614);4 das Arme oder Schwesterhauß, hünder dem kirchhoue gelegen (1580–1611);5 beginarum, ut vocant sub regula d. etiam Francisci virgines sunt in Paupertate (1597);6 clösterlin im Armen Hauß (1624);7 die pettl nonen sonst das Arm Hauß genant (1644)8

Geschichte

Ob die Nachricht einer aus dem 18. Jahrhundert stammenden Ordenschronik der Straßburger Franziskanerprovinz, ein Kaplan Johannes Pinninger habe das Haus 1348 mit Oratorium für seine zwei leiblichen Schwestern gegründet, auf älterer Überlieferung beruht, muss offenbleiben.9 1408 ist allerdings tatsächlich eine honesta et devota mulier Elisabeth Buningerin genannt, die den Schwestern im sogenannten Selhaus ihren Hausrat vermachte.10 Bereits 1389 hatte dieselbe zum Seelenheil ihrer verstorbenen Schwester Ursula und ihres verstorbenen Bruders Johannes, des oben genannten Kaplans, an die Überlinger Pfarrkirche geschenkt.11 Elisabeth ist als »Einzelbegine« angesprochen worden; sie könnte aber auch Mitglied der Schwesternsammlung im Armenhaus gewesen sein.12 Aus dem 15. und 16. Jahrhundert sind die Namen einzelner Schwestern bekannt, die im Wesentlichen aus Handwerkerfamilien stammten.13 Davon ausgehend wurde eine Konventsgröße von 3–5 Schwestern angenommen.14 Seit dem späten 15. Jahrhundert werden die Schwestern häufig als Beginen bezeichnet, der Schulmeister und Chronist Johann Georg Schinbain (Tibian) weiß 1597, dass diese in freiwilliger Armut nach der Dritten Regel des Hl. Franziskus lebten.15 Die Schwestern standen unter Aufsicht des Rats der Stadt, bzw. von diesem bestellten Pflegern, die Gütergeschäfte tätigten und die Finanzen überwachten.16 Der Rat schlichtete 1563 innere Streitigkeiten und schrieb 1605 den Schwestern vor, das Haus nicht mehr ohne Grund zu verlassen.17 Gleichwohl dürfte die geistliche Aufsicht bei den Franziskanern gelegen haben.

Im Hinblick auf Lebenswandel und Einkünfte lässt sich aus den Quellen nachvollziehen, dass die Schwestern bettelten, vor allem aber in der Krankenpflege tätig waren und handwerkliche Tätigkeiten übernahmen.18 So erließ der Überlinger Rat den Schwestern am 22. September 1592 sämtliche Schulden wegen der unermüdlichen Tätigkeiten in der Krankenpflege.19 Der Chronist Tibian rühmte ihren Beistand für die Sterbenden, und tatsächlich zeigt ein Ausgabenverzeichnis des Überlinger Spitals des 16. Jahrhunderts, dass die Schwestern Spitalpfründner beim Sterben begleiteten und die Verstorbenen zur Beerdigung vorbereiteten.20 Dafür erhielten sie Naturalzinse und Lebensmittel vom Spital.21

Die Einkünfte aus der Krankenpflege waren gemäß einem Verzeichnis von 1548 jedoch gering und betrugen nur rund 2 Pfund, die Einnahmen aus Weberei (26 Pfund) und Kerzenherstellung (24 Pfund) waren dagegen beträchtlich.22 So galt es 1551 denn auch als problematisch, dass eine Beitrittswillige aufgrund körperlicher Einschränkungen nicht weben konnte, weswegen deren Aussteuer mit 40 Gulden wohl relativ hoch war.23 Weitere Einkünfte stammten aus Renten und Weingärten sowie aus Almosen, Schenkungen und der Kirchenwäsche.24 1548 summierten sich die Einnahmen auf 328 Pfund.25 Die wirtschaftliche Lage des Konvents muss jedoch mindestens seit der Zeit um 1500 stets problematisch gewesen sein.26 Im Bauernkrieg habe das Haus wichtige Einkünfte und Besitzungen verloren, seit der Mitte des 16. Jahrhunderts verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage weiter, im 17. Jahrhundert überstiegen die Ausgaben die Einnahmen.27 1624 sammelten deshalb zwei Schwestern in ganz Süddeutschland für anstehende Baumaßnahmen.28 Von deren Ausführung ist allerdings nichts bekannt; stattdessen gab es mehrere Auflösungsbestrebungen: 1636 wollten die Franziskaner und die Schwestern des örtlichen →Gallerklosters , ebenfalls Franziskanerterziarinnen, das Haus an die Überlinger Rosenkranzbruderschaft verkaufen, 1653 der Rat das Haus den Jesuiten übergeben.29 Beide Pläne kamen jedoch nicht zur Ausführung. 1654 teilte Gabriel Mayer, Provinzial der Straßburger Franziskanerprovinz dem Rat mit, dass die Sammlung in üblen bestellten zustand sei, die Mutter in ihr closter (→Grünenberg) zurückkehren wolle und die letzte Schwester Lucia Straßerin in ein anderes Kloster wechseln solle.30 Dazu kam es: Das Überlinger Gallerkloster erhielt 1.000 Gulden für die Versorgung von Schwester Lucia, der Rest der Besitzungen und Einkünfte in Höhe von 1.442 Gulden fiel an das Überlinger Franziskanerkloster.31 1659 wurde die »Sammlung Geistlicher Schwestern« unter der Dritten Regel im so genannten Armenhaus endgültig aufgehoben.32

Bibliographie

Quellen: Jahresgeschichten der Franciscaner-Conventualen in Baden, in: Mone III, S. 637.

Handbücher und Lexika: AFA 14, S. 274–277 (Sigismund Keck/Gerda Koberg); kloester-bw, Franziskanerinnenkloster im Armenhaus Überlingen (Elmar L. Kuhn).

Literatur: Stengele 1887, S. 72–74; Wilts 1994, S. 452–455; Schneider 2008, S. 254 f.

Anmerkungen

  • 1 GLA 2 Nr. 3006.
  • 2 Morgenthaler 1918, S. 181.
  • 3 StadtA ÜB Reichsstadt C 173/1, fol. 19 r.
  • 4 StadtA ÜB Ratsprotokolle 161 3-1617, fol. 99 r.
  • 5 StadtA ÜB Reutlinger IX, fol. 121 v.
  • 6 Baier 1922, S. 467.
  • 7 GLA 225 Nr. 434.
  • 8 StadtA ÜB Reichsstadt C 728/2.
  • 9 Jahresgeschichten der Franziscaner-Conventualen in Baden, in: Mone III, S. 637; kritisch Wilts 1994, S. 452; positiv AFA 14, S. 274 und Schneider 2008, S. 254 (mit nicht in der Quelle belegtem Zitat).
  • 10 GLA 2 Nr. 3006.
  • 11 GLA 2 Nr. 2991.
  • 12 Wilts 1994, S. 453.
  • 13 Die früheste ist Anna Ruff, StadtA ÜB Reichsstadt A 2638, jetzt StadtA ÜB, Sammlung abgelöster Bucheinbände (Anniversarfragment des Überlinger Franziskanerklosters); vgl. das Anniversar des Franziskanerklosters von 1586, EAF HA 594, o.S. (Fronfastenjahrzeit) mit den Namen von 18 Schwestern.
  • 14 Wilts 1994, S. 453; AFA 14, S. 274 mit dem Nachweis, dass 158 4-86 neben der Mutter noch vier Schwestern im Armenhaus lebten.
  • 15 Baier 1922, S. 467; vgl. dazu Wilts 1994, S. 453 f.; GLA 225 Nr. 888, fol. 4 f. mit undatieren Regeln des Konvents.
  • 16 Vgl. Wilts 1994, S. 453 mit Anm. 10.
  • 17 StadtA ÜB Ratsprotokolle 155 6-66, fol. 401 r; StadtA ÜB Ratsprotokolle 161 3-1617, fol. 99 r; vgl. Schneider 2008, S. 254.
  • 18 Zum Betteln vgl. Morgenthaler 1918, S. 181; StadtA ÜB Ratsprotokolle 162 0-1624, S. 604; GLA 225 Nr. 434, 894; dazu Wilts 1994, S. 454.
  • 19 StadtA ÜB Ratsprotokolle 158 8-1596, fol. 207 v.
  • 20 GLA 225 Nr. 66, fol. 1 r-v; Baier 1922, S. 467.
  • 21 StadtA ÜB Spital 109, fol. 22 r (1624).
  • 22 Ebd.
  • 23 GLA 225 Nr. 888 (8. 6. 1551); Wilts 1994, S. 454.
  • 24 GLA 225 Nr. 66, fol. 1 r-v.
  • 25 GLA 225 Nr. 66, fol. 1 r-v.
  • 26 Die Sammlung im Armenhaus taucht in bischöflichen Steuerlisten des Spätmittelalters nicht auf; einzig eine Türkensteuerliste von 1557, StadtA ÜB Anlagebücher Türkensteuer Bd. 1, fol. 35 r nennt die Gemeinschaft.
  • 27 Wilts 1994, S. 454 mit Quellen.
  • 28 GLA 2 Nr. 1998; GLA 225 Nr. 434, 894; vgl. dazu Schneider 2008, S. 254.
  • 29 Schneider 2008, S. 254 f. mit Verweis auf GLA 225 Nr. 518, fol. 3 f. und Jahresgeschichten der Franziscaner-Conventualen in Baden, in: Mone III, S. 637.
  • 30 GLA 225 Nr. 886.
  • 31 Vgl. ausführlich AFA 14, S. 27 5-277; Schneider 2008, S. 254 f.
  • 32 GLA 225 Nr. 886; StadtA ÜB Reichsstadt C 1682
Objekttyp: Konvent
Personenbezüge:
  • Johannes Waldschütz [Autor]
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