Weinheim, (Beschuhte) Karmeliten
| Kurzbeschreibung: | vor 1288/1293 Gründung – 1565 Aufhebung – 1623 Wiederbesiedlung – 1660 erneute Aufhebung – 1685 erneute Besiedlung – 1802 Aufhebung – 1910 Abbruch der Klosterkirche Patrozinium: Unsere Liebe Frau, nach 1700 LaurentiusOrdensgliederung: 1297–1318, 1327–1348 Deutsche Provinz; 1318–1327, ab 1348 Niederdeutsche ProvinzKirchliche Zugehörigkeit: Bistum Worms, Archidiakonat des Propstes von Neuhausen, Landkapitel Weinheim |
|---|---|
| Ortsbezüge: |
|
| Ordensregel: |
|
| Beschreibung: | Name: ordo fratrum beate Marie de monte Carmeli domus Weinheimensis (1297);1 Calceaten (1786)2 GeschichteHistorische EntwicklungÜber die Umstände der Gründung des Klosters vor 1288 durch den Wormser Ministerialen Gutelmann Swende und seine Frau Hedwig ist wenig bekannt. Mit Zustimmung des Wormser Bischofs Eberhard II. von Strahlenberg (Elekt 1291–1293) und des Weinheimers Pfarrers der Altstadt, dem ursprünglichen Dorf, ließen sie die Kapelle Maria in campis in der Weinheimer Neustadt zur Konventskirche ausbauen. 1297 bestätigte der Prior Werner vom Weinheimer Haus de monte Carmeli eine Urkunde des Grafen Heinrich von Zweibrücken und des Otto von Bruchsal, dies ist die erste abgesicherte Erwähnung.3 Mit Datum vom 18. Juli 1310 liegt abschriftlich eine Stiftungsurkunde durch Papst Clemens V. (1305–1314) vor,4 die als Fälschung erkannt wurde.5 1318 sind für Weinheim 15 Brüder genannt,6 1327 ist ein Konvent bezeugt,7 1384 werden als Vorsteher ein Prior Johannes von Immenhausen, ein Subprior Johannes von Kirchberg und neun weitere Mitglieder erwähnt,8 1443 studierte ein Bruder in Köln.9 1525 forderte der pfälzische Landesherr Ludwig V. (1508–1544) Naturalabgaben – 4 Fuder Wein mussten auf das Schloss gebracht werden10 – und Schirmgeld, 1530 sollte das Kloster zum Ausbau der Pfälzer Kellerei ein Drittel seiner Liegenschaften abtreten. Dem Konvent gelang es, mit Datum vom 14. November 1531 durch Kaiser Karl V. (1519–1556) ein Schutzprivileg mit Exemtion von der weltlichen Gewalt zu erhalten, das von dessen Nachfolgern erneuert wurde.11 Im Jahr 1546 übertrug Eberhard, der Provinzial Niederdeutschlands, dem Konvent das Recht, selbst einen Prior zu wählen.12 Ein gravierender Einschnitt erfolgte 1547. Der protestantische Pfalzgraf Ottheinrich musste wegen Überschuldung sein Herzogtum Pfalz-Neuburg verlassen und beschlagnahmte das Weinheimer Karmelitenkloster als seine neue Residenz.13 Die Konventualen wurden vertrieben, zusammen mit einem Novizen konnten sie erst nach dem Augsburger Interim im Sommer 1548 wieder ins Kloster einziehen. Eine Plünderung des Klosters im Markgräflerkrieg 1552 durch Truppen des Albrecht Alkibiades von Brandenburg-Kulmbach (1541–1557) wendete der Konvent durch eine Geldzahlung ab.14 Die Durchsetzung der Reformation unter dem Kurfürsten Ottheinrich (1556–1559) und seinem Nachfolger Friedrich III. (1559–1576) brachte für die Weinheimer Gemeinschaft 1556 das Ende.15 Allein der Prior blieb bis zu seinem Tod 1576 im Kloster zurück. Die Klosterkirche wurde in eine protestantische Pfarrkirche umgewandelt, der Karmel Weinheim war nunmehr in den Händen der »Häretiker«.16 Der Dreißigjährige Krieg brachte eine Restituierung. Nach der Besetzung Weinheims durch bayerische Truppen kehrten die Karmeliten 1623/24 in ihr angestammtes Haus zurück. Teile der Gefälle wurden der kurfürstlichen Kellerei zugeschlagen.17 Der Konvent erreichte jedoch nicht mehr die alte Stärke. Der Wormser Prior Dionisius Ballex leitete den Konvent in der Funktion als Praeses. Im Westfälischen Frieden 1648 fiel Weinheim wieder an die protestantische Pfalz, der Landesherr Kurfürst Karl Ludwig (1649–1680) wies die Katholiken aus,18 Praeses und Konvent mussten 1649/50 das Kloster räumen.19 Als 1685 nach dem Aussterben der Linie Pfalz-Simmern die katholischen Neuburger die Herrschaft übernahmen, erhielt der Orden die Anlage zurück.20 Da inzwischen jedoch die Reformierten in Besitz der Pfarr- und Klosterkirche waren, wurde den Katholiken die →Deutschordenskirche zugewiesen.21 Nach dem Pfälzischen Erbfolgekrieg verlegte Kurfürst Johann Wilhelm (1690–1716) die Verwaltung nach Weinheim und residierte 1698–1700 im Weinheimer Schloss.22 Die Karmeliten erhielten 1693 von den Protestanten ihre Klosterkirche zurück und weihten das renovierte Gebäude im Jahr 1700 dem Hl. Laurentius.23 1703 bestand der Konvent aus fünf Patres und zwei Brüdern.24 Bis 1707 gab Kurfürst Johann Wilhelm dem Kloster seine Güter wieder zurück.25 1783 sind im Kloster fünf Mitglieder belegt, darunter Prior Thomas Becker und Subprior Quirinus Steinbach.26 Im Jahre 1797 erbauten die Karmeliten schließlich das heute noch bestehende Klostergebäude.27 Im Zuge der Säkularisation wurden mit kurfürstlichem Dekret vom 8. Februar 1802 fast alle Ordenshäuser der Pfalz aufgelöst. Das Weinheimer Karmelitenkloster protestierte, denn das Klostereigentum sei Stiftungsgut. Der Einspruch blieb erfolglos, einige Konventualen verließen am 17./18. Mai 1802 das Kloster, die restlichen vier wurden im Juni 1802 von Pfälzer Militär gewaltsam über die Grenze nach Heppenheim gebracht.28 Dies war das Ende des Weinheimer Karmel. Besitz und WirtschaftDem Karmelitenkloster standen Zehntberechtigungen zu.29 1506 wurden von Prior Egidius Müntzer sämtliche Einkünfte aufgezeichnet. Diese waren monetär und natural; erwähnt sind Gülten, ewige Zinsen, Hauszinsen,30 Wein, Korn, Kapaune und Hühner.31 Das Kloster besaß Äcker, Weinberge, Hecken, Gärten und Baumgärten, die verliehen wurden, sowie Häuser und einen Hof.32 Indes waren auch Abgaben an den Deutschen Orden (Geldzinsen) und das Kloster Lorsch (Wein) zu leisten.33 Fallweise wurden von den pfälzischen Kurfürsten Wein- und Kornlieferungen nach Heidelberg gefordert. Von 1708 bis 1710 setzten sich die Einnahmen aus den Gütern aus Geldzinsen, Wein, Korn, Gerste, Spelts und Hafer zusammen, wobei zwei Siebtel an die Reformierten abzutreten waren.34 Religiöses und kulturelles WirkenDa die Weinheimer Neustadt ohne Pfarrkirche war, dürften hier die Karmeliten in der Frühzeit des Klosters die Seelsorge übernommen haben. Zahlreiche Stiftungen belegen ihr hohes Ansehen in der Stadt. 1293 wurde die Stifterin Hedwig Swende in der Klosterkirche, die als Grablege auch anderer Bürgerfamilien (Ulner) geschätzt wurde, bestattet.35 Im Anniversarienbuch sind bis ins 16. Jahrhundert über 300 Jahrgedächtnisse aufgelistet.36 Da im Deutschordenshaus in Weinheim ein Priester fehlte, verpflichteten sich Prior Gangolf und der Karmelitenkonvent 1720 gegen ein jährliches Deputat von 10 Maltern Korn und ½ Fuder Wein zur geistlichen Betreuung der Kommende.37 Bibliothek und ArchivEin Inventar über Urkunden und Bücher des Klosters befindet sich im Erzbischöflichen Archiv in Freiburg.38 Aus der historischen Bibliothek ist ein Rest von 32 Bänden erhalten, die inventarisiert dem Mainzer Ordenshaus übergeben wurden. Neben Wörterbüchern handelt es sich um philosophische, theologische und ordensgeschichtliche Werke; sie liegen als Bestand des Mainzer Karmel in der Mainzer Stadtbibliothek.39 Der Prokurator der Weinheimer Karmeliten beseitigte 1802 Teile des Klosterarchivs in der Jauchegrube.40 Die heute noch erhaltenen Restbestände, die hier nicht insgesamt angeführt sind, verteilen sich auf das Generallandesarchiv Karlsruhe und das Erzbischöfliche Archiv Freiburg, einzelne Stücke befinden sich auch im Stadtarchiv Weinheim. Einschlägig ist zudem die Überlieferung der niederdeutschen Provinz der Karmeliten, die sich im Institut für Stadtgeschichte in Frankfurt befindet. Bau- und KunstgeschichteLageBaugestalt und genaue Lage der 1293 den Karmeliten übereigneten, bereits mit mehreren Altären versehenen Kapelle St. Maria in campis sind unbekannt. Das Kloster wurde im Westen der Weinheimer Neustadt zwischen Schloss und Marktplatz an der Obertorstraße errichtet. Die asymmetrisch gebaute Klosterkirche grenzte an den älteren Küchenbau und den Südtrakt des Schlosses; sie war auch von dort zugänglich. Schiefwinklig setzte im Nordwesten die Klausur an, die bis an die Schloss- und Stadtmauer reichte, mit einem östlich angrenzenden Garten. 1848 erhielt die Kirche im Westen einen Turm, 1910 wurde sie für den Neubau der katholischen Pfarrkirche abgebrochen. Nord- und Westflügel der barocken Klausur sind erhalten (1910 verkürzt, heute: Kath. Pfarramt); im Osten wird der Garten von einer Mauer zur Rote-Turm-Straße hin abgeschlossen. Kirche und KonventsbautenIn der 1910 abgebrochenen Pfarrkirche war die gotische Klosterkirche der Gründungszeit wohl vollständig erhalten. Ihre Baugestalt ist durch einige Pläne und Fotografien überliefert. An das kurze dreischiffige Langhaus schloss ein Langchor an. Das nördliche Seitenschiff war wegen der älteren Schlossgebäude zwei Joche kürzer, die Nordwand des westlichen Mittelschiffjochs sogar schräg geführt. Der schmucklose, ungegliederte Außenbau erhielt nachträglich am Chorpolygon und am Südseitenschiff Strebepfeiler. An den Chor grenzten im Norden die Sakristei und eine Marienkapelle, die zugleich den Zugang vom Kloster aus aufnahm und in der die Stifterin Hedwig begraben war. Die erste, nach 1293 erbaute Karmelitenkirche war vermutlich in allen Teilen ungewölbt geblieben. Der Altarraum wies dreibahnige Maßwerkfenster in Formen der Zeit um 1300 auf. Um 1470/1500 erhielt die Kirche spätgotische Gewölbe. Der zweijochige Chor wurde mit einem flachbogigem Parallelrippengewölbe mit 18 Schlusssteinen überspannt. Das vierjochige Langhaus erhielt ein Kreuzrippengewölbe im Mittelschiff, das wenig höher ansetzte als die Kreuzrippen- und Sterngewölbe in den Seitenschiffen. Die neuen Mittelschiff-Dienstvorlagen schnitten teilweise in die älteren Arkaden ein. Durch diesen Umbau entstand eine Stufenhalle mit einem großen Satteldach. Die spätgotischen Schlusssteine präsentierten Wappen regionaler Adelsfamilien; nach dem Abbruch 1910 blieben 28 von ihnen erhalten (innen im Neubau eingemauert), ebenso ein Dienstsockel und ein Gewölbeanfänger. Bei der barocken Neugestaltung des Klosters wurden um 1720/30 das dunkle Mittelschiffgewölbe entfernt, rundbogige Obergadenfenster eingefügt und eine Flachdecke eingezogen, so dass nun ein basilikaler Querschnitt entstand. Die Seitenschiffe erhielten neue Fenster und flache Pultdächer. Ein barockes Stichbogenportal führte von der Straße in das Westjoch, der Eingang vom Schloss her in das Mittelschiff. Das Konventshaus bestand 1698 lediglich aus einem schräg stehenden, mehrgeschossigen Trakt entlang der Ostmauer des Schlosses, mit einem größeren, nach Osten vorspringendem Raum (wohl Refektorium). Nördlich der Kirche führte ein langgestreckter Pfortenraum von der Straße in den Vorhof des Konventshauses. Die Funktion der vier miteinander verbundenen Räume im Erdgeschoss ist unbekannt. 1719 entwarf der Hofbaumeister Johann Adam Breunig im Auftrag der kurfürstlichen Regierung einen Neubau, dessen Grundstein am 8. September 1720 gelegt wurde. Er besteht aus zwei schmucklosen, dreigeschossigen, ehemals je neunachsigen Flügeln mit hofseitigem Korridor. Die Innenräume wurden im 19./20. Jahrhundert stark verändert, das Südende des Westflügels 1910 abgebrochen. In den östlich vorgelagerten Garten führt von der Straße ein Stichbogenportal, das bekrönt wird von der Statue des Karmelitenheiligen Elias zwischen zwei wappenhaltenden Putten. Materielle Kulturgeschichte, BauausstattungBeim Abbruch 1910 wurden gotische Wandmalereien des 14. und 15. Jahrhunderts sowie wenige Fresken des 18. Jahrhunderts entdeckt und teilweise geborgen (im Kirchenneubau); an der Westwand dargestellt war die Überreichung des Skapuliers an den Karmelitengeneral Simon Stock. Kein Raumteil war vollständig ausgemalt, auch im Langchor und in der Sakristei gab es nur Einzelszenen. Die barocke Ausstattung wurde großenteils 1913 im Kirchenneubau wiederbenutzt, meist verändert. Die barocken Altaraufbauten von Hochaltar und vier Seitenaltären, jeweils aufwändigen Intarsien und Skulpturen im Mittelfeld, waren um 1730 geschaffen worden; der linke Seitenaltar zeigt das Stifterwappen von Franz Pleickard Ulner von Dieburg und seiner Frau Maria Theresia Joseph († 1731). Zwei der Seitenaltäre gelangten 1805 nach Hohensachsen. Die mit geschnitzten Rocaillen verzierte und ebenfalls mit Intarsien gestaltete Kanzel trägt auf dem Korb das Karmelitenwappen. Teile der Kommunionbank, Altarbilder, Statuen und gewebte Antependien der Nebenaltäre, zwei barocke Reliquiare und zahlreiche liturgische Geräte sind ebenfalls erhalten. An der Ostseite der Kirche stand eine 1761 (i) gestiftete Statue des Hl. Johannes Nepomuk (heute im Pfarrgarten). Bedeutend ist der umfangreiche Bestand an Grabmälern des 13.–18. Jahrhunderts mit prächtig gestalteten Epitaphien von der Spätgotik bis zum Frühklassizismus. Erhalten sind die Grabplatte und ein jüngerer Gedenkstein für die Klosterstifterin Hedwig Swende († 1293, INITIATRIX HVI[US] ECCL[ES]IE) sowie die Grabplatte des Priors Conrad von Ortenberg († 1465). Jeweils mehrere Grabmäler stammen von Mitgliedern der Familien Swende von Weinheim, Kalb von Reinheim und vor allem der späteren Schlossherren Ulner von Dieburg. Von der Ausstattung des Klosters und der Kirche sind im Pfarramt einige Ölgemälde und Möbel überkommen. BibliographieQuellen: Geschichte der Karmeliter 1802. Handbücher und Lexika: Dehio, Baden-Württemberg Bd. 1, S. 840–842 (Rainer Laun); DI 16 (Renate Neumüllers-Klauser); KB Heidelberg/Mannheim Bd. 3, S. 912–915 (Meinrad Schaab); KDM Bd. 10,3, S. 370–408, 451 (Hans Huth); kloester-bw, Karmeliterkloster Weinheim (Nicole Priesching); Monasticon Carmelitanum, S. 746–756 (Edeltraut Klueting/Nicole Priesching). Literatur: Wagner 2014, S. 19–40, 74–81, 128–175. Anmerkungen
|
| Objekttyp: | Konvent |
| Personenbezüge: |
|
Literatur + Links
| Weiterführende Links: |
|---|










leobw