Pforzheim, Dominikaner 

Kurzbeschreibung:

vor 1282/94 Gründung – 1429 Einführung der Observanz – 1565/66 Aufhebung – 1631/35 Restitution – 1649 Abzug der Dominikaner aus Pforzheim – 1789 Abbruch der Klosterkirche

Patrozinium: Stephan
Ordensgliederung: Provinz Teutonia, Nation Suevia
Kirchliche Zugehörigkeit: Bistum Speyer, Archidiakonat des Stiftspropstes bei St. Guido, Landkapitel Pforzheim

Ortsbezüge:
Ordensregel:
  • Dominikaner 1282-1649
Beschreibung:

Name: des conventes czuo den Bredigern zuo Phortzhein (1376);1 des Predigerclousters zu Pfortzheim (1427)2

Geschichte

Historische Entwicklung

Die erste urkundliche Erwähnung des Pforzheimer Predigerklosters, gelegen im östlichen Teil des Stadtareals, fällt in das Jahr 1294,3 doch nach Ausweis einer bis 1945 erhaltenen Grabplatte wurde dort bereits 1291 eine Bestattung vorgenommen,4 und gemäß einer weiteren Grabplatte, die 2016 im Bereich der Klausur gefunden wurde, fand 1282 der Dominikaner Werner gen. Hoppho im Klosterareal seine letzte Ruhe.5 In der älteren Literatur findet sich die Aussage, dass Markgraf Hermann VII. von Baden (1288–1291) den Dominikanern 1279 erlaubt habe, sich in Pforzheim niederzulassen, wobei nicht auszuschließen ist, dass diese nicht mit einem Quellenbeleg versehene Angabe auf ein heute verlorenes Zeugnis zurückgeht.6 Eine gewisse Unstimmigkeit ergibt sich allerdings insofern, als Hermanns Vater Rudolf I. erst 1288 starb, auch wenn Hermann VII. um diese Zeit in Urkunden bereits häufiger in Erscheinung tritt. Eine Förderung seitens der Markgrafen ist immerhin anzunehmen. Möglicherweise hielten sich Dominikaner auch noch früher in Pforzheim auf, denn bei einem 1260 in Straßburg abgehaltenen Ordenskapitel sollen zwei Pforzheimer Brüder erschienen sein,7 und vielleicht stammten auch die beiden 1272 in einer Zeugenreihe genannten fratres Wer. et Wer. ordinis Predicatorum aus Pforzheim.8

Für die folgende Zeit besitzen wir wenige Nachrichten über das innere Leben des Konvents oder über seine Einbettung in die Strukturen des Ordens. 1368 sind ein Lektor9 und damit ein Studium particulare bezeugt, das dauerhaft bestand, wie beispielsweise die regelmäßige Nennung von Lektoren in den Akten der Provinzialkapitel zwischen 1398 und 1402 zeigt.10 Die erste bekannte namentliche Nennung eines Priors fällt in das Jahr 1376 (Johannes von Iptingen).11 1382 und 1414 fand das Provinzialkapitel der Teutonia in Pforzheim statt, ebenso 1488 und 1507.

Nach dem Bericht Johannes Meyers in seinem Buch der Reformacio Predigerordens wurde im Pforzheimer Dominikanerkloster im Herbst 1429 die Observanz eingeführt. Demnach sei der Anstoß dazu aus dem Konvent selbst erfolgt, insbesondere von Seiten des amtierenden Priors Friedrich Winter und des Bruders und späteren Priors Johannes Wurmberger. Doch habe sich vor allem Markgraf Bernhard I. von Baden (1372–1431) als Landes- und Stadtherr bei der maisterschaft des Ordens dafür eingesetzt, daz der Prediger closter in siner statt Pfortzhaim zuo ainem gaistlichen leben der haltung des ordens gaistlich reformiert wurd.12 Durchgeführt wurde die Reform von Angehörigen des Nürnberger Dominikanerklosters.13 Die Pforzheimer Ordensniederlassung hatte in der folgenden Zeit selbst an der weiteren Verbreitung der Observanz Anteil: 1442 soll der Prior Ulrich Sattler an der Reform des →Dominikanerinnenkonvents in Pforzheim mitgewirkt haben,14 1464 beteiligten sich Brüder aus Pforzheim an der Reform des Kölner Dominikanerkonvents,15 1468 wurde der Pforzheimer Lesemeister Johannes von Bremgarten erster Prior des reformierten Konvents in Chur.16 In Pforzheim selbst sind auch später Bemühungen um ein regelgerechtes Leben zu verzeichnen: 1475 gab der Ordensgeneral dem Pforzheimer Prior Anweisungen pro reformacione et confirmacione vite regularis in conv. Pforczhemensi. Neben anderen Bestimmungen wurde festgelegt, dass der Prior bei wichtigeren Angelegenheiten den Rat der Brüder einzuholen hatte. Mit Unterstützung der Mehrheit wurde er ermächtigt, einen für das regelgerechte Leben ungeeigneten Bruder aus dem Konvent zu weisen.17

Das Engagement Bernhards I. von Baden für die Reform des Konvents, das Parallelen in der späteren Reformierung des →Franziskaner- und des Dominikanerinnenklosters in Pforzheim (1442/43) findet, fügt sich in das auch sonst belegte Interesse der Markgrafen an dem Kloster ein. So förderten sie in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts bauliche Maßnahmen, und als 1447 in Pforzheim die Hochzeit Karls I. von Baden (1453–1475) und Katharinas von Österreich († 1493) begangen wurde, bezogen die Stadtherren neben anderen geistlichen Gemeinschaften auch das Predigerkloster in die Logistik des Festes ein: Nach der aus diesem Anlass angelegten Quartiersübersicht diente es dem Mainzer Erzbischof als Unterkunft.18 Gegenläufige Interessen traten um 1480 in einem Streit mit Markgraf Christoph I. (1475–1515) um die Erbfähigkeit des Konvents zutage, allerdings wurde anscheinend eine Einigung im Sinne der Rechte des Klosters gefunden.

Im späten 15. Jahrhundert scheint die Zahl der Brüder im Pforzheimer Konvent zurückgegangen zu sein, ohne dass eine genauere Einschätzung möglich wäre. Die Aufhebung des Klosters infolge der Reformation erfolgte wohl erst 1565/66 unter Markgraf Karl II. (1553–1577), also rund ein Jahrzehnt nach Erlass der badischen Kirchenordnung von 1556. Dass bereits 1562 und 1564 in Zinsverschreibungen statt des Priors und des Konvents ein »Verwalter des Predigerklosters« genannt ist, legt jedoch frühzeitige herrschaftliche Eingriffe in die Klosterökonomie nahe (auch nach der endgültigen Einziehung des Besitzes werden 1570 markgräfliche »Verwalter des Predigerklosters« erwähnt).19 Über zu vermutende Auseinandersetzungen sind wir kaum informiert, doch immerhin berichtet die Chronik der Pforzheimer Dominikanerinnen, dass der Prior Petrus Dosler am 28. August 1562 »gefänglich aus seinem Closter mit eisernen Ketten gebunden gleich einem Schelmen und Dieb […] über den Markt geführt« worden sei, um ihn auf dem Schloss zu verhören, doch nach kurzer Zeit sei er wieder freigelassen worden.20 Nach der Aufhebung des Klosters wurde dessen Kirche als protestantische Stadtkirche genutzt, in die Konventsgebäude wurde die städtische Lateinschule verlegt. 1567 klagte der Ordensprovinzial beim Reichskammergericht gegen Markgraf Karl II. wegen der gewaltätige[n] occupation des Predigerklosters zu Pforzheim, ohne dass der darüber geführte Prozess bis 1630 beendet worden wäre.21

Infolge des Restitutionsedikts von 1629 sah sich auch Markgraf Friedrich V. von Baden-Durlach (1622–1659) mit Forderungen nach Rückgabe von Kirchengütern konfrontiert. Anfang 1631 musste er unter anderem der Wiederherstellung des Pforzheimer Dominikanerklosters zustimmen. Noch im Januar kam der neue, aus dem →Freiburger Konvent entsandte Prior Balthasar Büchner samt zwei Mitbrüdern nach Pforzheim, doch verließen die Mönche bereits im Januar 1632 die Stadt wieder, als die Schweden anrückten. Erneuert wurde die Restitution erst 1635 nach dem Einzug kaiserlicher Truppen. Nach dem Westfälischen Frieden wurde auch das Dominikanerkloster wieder aufgehoben. Zwar findet sich in einer auf den Juni 1649 datierten schwedischen Zusammenstellung von Beschwerden für den Nürnberger Exekutionstag die Forderung Baden-Durlachs, dass die zu Pfortzheim seit anno 1624. eingedrungene Dominicaner und Franciscaner münche abgeschaffet werden,22 doch antworteten darauf die Reichsstände am 25. Juli 1649, dass die executio in diesem Fall bereits erfolgt sei.23 Die Auseinandersetzungen mit den beiden Orden dauerten freilich auch im Sommer 1651 noch an.24

Besitz und Wirtschaft

Zu Besitz und Ökonomie des Klosters liegen nur ganz verstreute urkundliche Nachrichten vor. So schenkte 1294 der Kleriker Albrecht dem Konvent sein Haus in Vaihingen zu einer »ewigen Herberge«.25 Vermutlich als testamentarisches Legat erhielten die Predigerbrüder eine jährliche Gült von 30 Schilling Heller aus dem Stampfrad der vor der Stadt Pforzheim gelegenen Pfriemenmühle, die sie 1348 für 15 Pfund Heller an die Pfleger des Georgspitals verkauften.26 1424 veräußerten sie eine Roggengült zu Nufringen gegen 60 Gulden an den Sindelfinger Chorherrn Eberhard Rüß.27 1427 besaß das Kloster eine Mühle in Weil der Stadt.28 Bei Eisingen gehörte den Brüdern eine 1479 in Erbleihe ausgegebene Wiese.29 Im Dorf Ispringen verfügten sie über einen Hof, den sie samt Wiesen und 20 Morgen Ackerland 1516 für 215 rheinische Gulden verkauften.30 1483 bestätigte das markgräfliche Hofgericht, dass dem Kloster aus einem in Pforzheim gelegenen Haus, das zu dieser Zeit dem Adligen Erhart Thörlinger gehörte (zuvor im Besitz der Familie Weiler), ein jährlicher Zins von 1 Pfund Heller zustehe.31

Ein Gesamtbild der wirtschaftlichen Situation des Konvents lässt sich damit nicht zeichnen, doch scheint der Grundbesitz nicht sehr umfangreich gewesen zu sein. Für die im Einzelnen schwer abzuschätzende ökonomische Potenz könnte hingegen die gelegentlich belegte Partizipation des Klosters am Kapitalmarkt sprechen. Beispielsweise sind mehrfach Rentenkäufe von Einwohnern des Dorfes Öschelbronn dokumentiert, so 1451 (10 Pfund Heller Kapitalsumme), 1480 (10 Pfund Heller), 1511 (50 Pfund Heller), 1522 (10 Pfund Heller), 1531 (20 Pfund Heller) und 1533 (25 Pfund Heller).32 Im 14. und vor allem im 15. Jahrhundert sind Rentenverkäufe oder andere Zinsverpflichtungen auch von Einwohnern württembergischer Orte (Stuttgart, Calw, Heimsheim, Leonberg, Neuenbürg) überliefert.33 1481 verkauften ebenso die Heiligenpfleger der Pfarrkirche zu Münchingen den Pforzheimer Predigerbrüdern eine Gült von 10 Gulden gegen 200 Gulden Kapital.34 Noch 1549 beteiligte sich der Konvent mit 200 Gulden an einem Darlehen von insgesamt 1.000 Gulden, das die Pforzheimer Dominikanerinnen dem Grafen Wolfgang von Öttingen gewährten.35 Dass die Einführung der Observanz (1429) einen wirtschaftlichen Einschnitt für das Kloster bedeutet hätte, lässt sich an den bislang bekannten Quellen nicht ablesen.

Religiöses und kulturelles Wirken

Enge, allein schon aus der Cura monialium resultierende Beziehungen bestanden zum Pforzheimer Dominikanerinnenkonvent. Im 14. Jahrhundert stifteten die Schwestern zwei Messen in der Predigerkirche.36 1427 lasen die Dominikaner eine tägliche Frühmesse im Frauenkloster; in diesem Jahr verkauften sie der Priorin Pele Rappenherr für 15 Gulden eine jährliche Gült von 1 Gulden zugunsten der mit der Frühmesse verbundenen Pfründe.37 1562 wird der Prior Petrus Dosler als Beichtvater der Klosterfrauen bezeichnet.38 Im Terminierbezirk des Pforzheimer Predigerkonvents lag außerdem das Dominikanerinnenkloster Reutin bei Wildberg,39 ohne dass in diesem Fall bislang zu konkretisieren wäre, inwieweit die damit grundsätzlich verbundene Verpflichtung zur Cura monialium praktiziert wurde.

1437 verpflichteten sich die Brüder zu festgelegten Messen und Gebeten zum Seelenheil Jakobs I. von Baden (1431–1453), seiner Gemahlin Katharina von Lothringen und ihrer Nachkommen, nachdem der Markgraf 100 Gulden insbesondere für den Bau des Klosters gestiftet hatte.40 Eine weitere Stiftung Jakobs I. über 100 Gulden samt entsprechenden memorialen Zusagen ist 1443 belegt.41 Außerdem stiftete er dem Kloster 1449 eine jährliche Gült von 8 Maltern Korn, wofür zu sechs Marienfesten je zwei Predigten – eine am Vorabend und eine am Festtag selbst – zu halten und morgens jeweils eine Messe zu singen war (Abb. 2).42 1471 erließ Jakobs Sohn Karl I. (1453–1475) den Brüdern die Predigt während der Tagmesse, da diese offenbar nur noch schlecht besucht war: Seit der Gründung des →Kollegiatstifts an der Pfarrkirche St. Michael sei zu dieser Tageszeit das volck in der pfarr by der meß und predig, weshalb die Dominikaner damit nit vil frücht noch nütz schaffen möchten. Allerdings hätten sie die Predigten auf Verlangen des Markgrafen oder seiner Erben jederzeit wieder aufzunehmen.43

In der Klosterkirche, eventuell auch im Kreuzgang befanden sich nach Ausweis erhaltener oder wenigstens dokumentierter Monumente einige niederadlige Grabstätten: 1291 wurde dort Irmgard von Magenheim, Gemahlin des Rudolf oder Reinhard von Rosswag, beigesetzt,44 1398 Elisabeth (Clara?) Nothaft, Gemahlin des Heinrich Truchseß von Höfingen.45 Enge Beziehungen zu den Dominikanern scheinen die Leutrum von Ertingen gepflegt zu haben, die einen beim Kloster gelegenen Hof (Reuchlinstraße 9) besaßen. So dürften Georg Leutrum von Ertingen († 1531) und Ludwig Leutrum von Ertingen († 1545) im Kloster begraben worden sein,46 ebenso ein weiterer Angehöriger der Familie, dessen ungefähr ins erste Viertel des 16. Jahrhunderts zu datierendes Epitaph fragmentarisch erhalten ist.47 Gelegentlich diente das Predigerkloster auch führenden oder wohlhabenden Pforzheimer Familien als Bestattungsort, wie Grabplatten für Angehörige der Familien Vaihinger, Landzwinger und Breitschwerdt zeigen.48 1376 stiftete der aus vornehmer Pforzheimer Familie stammende Wortwin Waise (Weiß) eine Seelmesse in der Predigerkirche.49 Im Kreuzgang wurde ein Epitaph für Elisabeth (Elissa) Reuchlin errichtet, die Mutter des Humanisten Johannes Reuchlin (1455–1522).50 1540 wurde Peter Hutz, Provinzial der Ordensprovinz Teutonia, in der Klosterkirche in medio chori bestattet.51

Zeugnisse für theologisch-literarische Tätigkeiten einzelner Konventsangehöriger sind rar. Der Prior (?) Johannes Schwolzer schrieb 1492 eine Vita des Albertus Magnus nieder: Legenda Alberti, ex lectionario antiquo manuscripto sumpta. Explicit per me Johannem Schwolzer, Conv. Pforthem. 1492.52 Aus dem Pforzheimer Konvent ging Wendelin Fabri hervor, der im frühen 16. Jahrhundert eine Reihe von Predigttraktaten verfasste und ab 1509 Beichtvater des →Dominikanerinnenklosters Zoffingen in Konstanz war.

Bibliothek und Archiv

Handschriften oder Drucke, die sich der einst sicherlich vorhandenen Klosterbibliothek zuordnen ließen, sind nicht bekannt. Aus dem Archiv sind allenfalls einzelne Urkunden erhalten.

Bau- und Kunstgeschichte

Lage

Das Dominikanerkloster lag im Osten der im 12. Jahrhundert gegründeten »Neustadt«. Es entstand in einem zuvor dicht bebauten Stadtquartier, das in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts in Teilen einem Brandereignis zum Opfer fiel. Die Klostergründung erfolgte auf einer dabei entstandenen städtischen Brache und dehnte sich später auch auf wieder aufgebaute Parzellen aus. Im Klausurbereich wurden nicht von dem Brand betroffene Keller bzw. – im Bereich des Südflügels – ein älterer Großbau in die Bebauung mit einbezogen. Die durch den Stadtgrundriss vorgegebene Orientierung der Anlage wich um 26 Grad nach Nordosten von der kanonischen Ost-West-Achse ab.

Kirche und Konventsbauten

Der Grundriss der nach den Kriegsbeschädigungen 1692 wiederaufgebauten, 1789 in einem Brandereignis endgültig zerstörten und daraufhin abgetragenen Klosterkirche war vor den Ausgrabungen 1996 und 2012–2253 nur anhand von Plänen des 18. Jahrhunderts erschließbar.54 Aufgrund des zweijochigen Ostbaus mit einem 7/12-Schluss wurde der Bau in die 1260er/70er Jahre datiert, aus den Plänen zudem auf einen basilikalen Grundriss geschlossen.55

Die bei den Ausgrabungen angetroffenen Arkadenfundamente konnten letztere Annahme bestätigen. Deren nachträgliche Verstärkung deutet möglichweise auf spätmittelalterliche Umbauarbeiten hin. Trotz massiver Störungen im Fundamentbereich durch einen nie gänzlich realisierten Neubau im 19. Jahrhundert waren für das Langhaus sieben Joche zu erschließen, wobei sich dieses mit einer Länge von 33,8 m als 7,5 m kürzer erwies, als auf den Plänen des 18. Jahrhunderts dargestellt.

Am östlichen Ende des Langhauses waren Fundamente eines Lettners und zweier Altäre – einer möglicherweise den seltenen Hll. Abdon und Sennen geweiht56 – nachzuweisen. Eine nachträgliche Verlängerung der Fundamente steht vielleicht mit einer Vergrößerung des Chorgestühls – unter Aufgabe des ursprünglichen Lettners – in Verbindung. Nach der Reformation wurden am Übergang zum Chor Grabkammern für Angehörige der Pforzheimer Oberschicht angelegt. Auch im restlichen Langhaus zeigte sich eine dichte Belegung mit Bestattungen.

Der Kirchenboden lag deutlich über dem Niveau der Außenfläche. Dem Westportal war daher eine Treppe vorgelagert. Zu beiden Seiten fanden sich die Fundamente der Strebepfeiler. Vom Chor konnten bis 2019 nur dessen östliche Bereiche ergraben und dabei u. a. an dessen Außenseite im nördlichen Zwickel zum Langhaus Fundamente eines bauzeitlichen Treppenhausturms sowie im Süden Teile der Sakristei aufgedeckt werden.

Die spätestens im 19. Jahrhundert abgetragenen Klausurgebäude schlossen sich südlich an die Klosterkirche an. Die aus der Kirchenachse verschobenen frühesten Gräber und einzelne, gleich orientierte Mauern bzw. Fachwerkwände weisen auf eine erste, »provisorisch« angelegte Klausur hin. Zur Ausführung der Bauten in Stein wurde das nach Süden abschüssige Gelände im späten 13. Jahrhundert bis auf Höhe der ehemals nördlich des Klosters verlaufenden Reuchlinstraße angeschüttet. Im archäologischen Befund fanden sich zudem Hinweise auf die in den 1430er-Jahren überlieferten Umbaumaßnahmen.

Der nur partiell im Fundamentbereich erfasste Kreuzgang wies eine lichte Weite von ca. 2,8 m auf; der Innenhof maß 15,9 m (Ost-West) × 16,9 m (Nord-Süd).

Von der Klausur wurde lediglich der Westflügel vollständig ergraben. Das Erdgeschoss nahm eine durch fünf Pfeiler in zwei Schiffe unterteilte Halle ein. Zahlreiche klosterzeitliche Bestattungen – darunter auch die des Dominikaners Werner († 1282) und eines namenlosen Mönches († 1341) – zeugen von einer »semisakralen« Nutzung des ansonsten eher für Wirtschaftsräume vorgesehenen Trakts. Im späten 14./frühen 15. Jahrhundert trennte man den an die Kirche anschließenden Nordteil des Flügels zwecks Einrichtung einer Werkstatt zur Buntmetallverarbeitung ab.

Der nach der Reformation von der Lateinschule überbaute Südflügel lag mit Ausnahme seiner Nordwestecke außerhalb der Grabungsfläche, der Ostflügel gar gänzlich.

Im Verlauf der Ausgrabungen konnten knapp über 1.000 identifizierbare Bestattungen aufgedeckt werden, die ältesten aus der Frühzeit des Klosters im letzten Viertel des 13. Jahrhunderts, die jüngsten aus dem 18. Jahrhundert. Neben den erwähnten Grablegen im Bereich von Kirche und Klausurwestflügel kamen Sepulturen in allen untersuchen Bereichen des Kreuzgangs und des Kreuzganghofs, aber auch auf dem der Kirche und Klausur vorgelagerten Platz zutage.

Materielle Kulturgeschichte, Bauausstattung

Von der Innenausstattung der ehemaligen Klosterkirche konnten im Zuge der Grabungen lediglich drei sekundär im Bereich des Spannfundamentes des Triumphbogens deponierte Buntsandsteinplatten (Maße ca. 23 cm × 24 cm) gesichert werden. Eine trug das Brustbild eines Heiligen oder Christi.57

Der indirekte Hinweis auf eine Glocke (Dm. ca. 70 cm) des Ursprungsbaus ergab sich durch den Fund von Gussformfragmenten.

Bis zu den Ausgrabungen waren vom Dominikanerkloster nur 17 heute verlorene Inschriftensteine bekannt.58 Seither kamen 30 weitere, teils fragmentierte Grabplatten bzw. Epitaphien des 13.–17. Jahrhunderts und ein nicht beschriftetes Grabplattenfundament mit Mönchstonsur hinzu, sowie der Grundstein des nie realisierten Wiederaufbaus von 1829.59 Die Grabdenkmäler wurden nur ausnahmsweise in situ angetroffen. Meist waren sie im Zuge des Wiederaufbaus im 18. Jahrhundert – wenn nicht als Spolie im Mauerwerk verwendet – im Platzbelag vor der Kirche verlegt worden.

Bibliographie

Quellen: Rieder 1917; Bartusch 2020.

Handbücher und Lexika: DI 57 (Anneliese Seeliger-Zeiss); KDM Bd. 9,6, S. 254–269 (Emil Lacroix/Peter Hirschfeld/Wilhelm Paeseler); kloester-bw, Dominikanerkloster Pforzheim (Sven Rabeler).

Literatur: Pflüger 1862; Hecht 1920; Wilms 1928; Höpf 1951; Küntzel/Damminger 2016; Damminger/Lehmann 2019; Damminger/Dürr/Lehmann 2022.

Anmerkungen

  • 1 GLA 38 Nr. 3332.
  • 2 GLA 38 Nr. 2936.
  • 3 WUB X, Nr. 4531 S. 246 f.
  • 4 DI 57, Nr. 3 S. 7.
  • 5 Bartusch 2020, Nr. 1 S. 93 f.
  • 6 Pflüger 1862, S. 76; RMB I, Nr. 516 (nach der Angabe Pflügers).
  • 7 Aus den Lebensbeschreibungen der Mitglieder des Prediger-Ordens. Von Bruder Gerhart von Frachet aus Limousin, in: Mone IV, S. 50.
  • 8 Dambacher 1850, S. 479, vgl. ebd., Anm. 5.
  • 9 GLA 35 Nr. 291; gedruckt Dambacher 1857, S. 350.
  • 10 Reichert 1897, S. 299 (1398), 309 (1400), 318 (1401), 329 (1402).
  • 11 GLA 38 Nr. 3332.
  • 12 Meyer II 1908, S. 76.
  • 13 So nach einer chronikalischen Notiz, Löhr 1924, S. 46.
  • 14 Meyer II, S. 102.
  • 15 Meyer II, S. 158.
  • 16 Meyer II, S. 159.
  • 17 Registrum litterarum Raymundi de Capua 1911, S. 77 f.
  • 18 RMB III, Nr. 6769.
  • 19 GLA 38 Nr. 256 1-2563.
  • 20 Rieder 1917, S. 339 f.
  • 21 Hecht 1920, S. 179 f., 192 (Zitat).
  • 22 Meiern I, S. 101.
  • 23 Meiern I, S. 455.
  • 24 Meiern II, S. 869.
  • 25 WUB X, Nr. 4531 S. 246 f.
  • 26 GLA 38 Nr. 2791.
  • 27 Württembergische Regesten 191 6-1940, Nr. 12238; HStAS A 602 Nr. 12238.
  • 28 GLA 38 Nr. 2936.
  • 29 GLA 38 Nr. 1002.
  • 30 GLA 38 Nr. 1736.
  • 31 GLA 38 Nr. 2946 (Notariatsinstrument mit Transsumpt, 1484).
  • 32 GLA 38 Nr. 2690, 2692, 2695, 269 7-2699.
  • 33 Württembergische Regesten 191 6-1940, Nr. 1682 (1475), 7718 (1319), 10480 (1493), 10492 (1498), 11276 (1489); HStAS A 602 Nr. 7718, 10480, 10492, 11276, außerdem GLA 38 Nr. 2972.
  • 34 GLA 38 Nr. 2955.
  • 35 GLA 38 Nr. 3018 f.
  • 36 GLA 38 Nr. 2792.
  • 37 GLA 38 Nr. 2936.
  • 38 Rieder 1917, S. 339.
  • 39 HelvSac IV, 5, 1, S. 88; Wilms 1928, S. 87.
  • 40 GLA 38 Nr. 3309.
  • 41 GLA 38 Nr. 3310.
  • 42 GLA 38 Nr. 3311.
  • 43 GLA 38 Nr. 3217.
  • 44 DI 57, Nr. 3 S. 7 (1945 zerstört).
  • 45 DI 57, Nr. 26 S. 27 (nicht erhalten, nur Inschrift dokumentiert).
  • 46 DI 57, Nr. 121 S. 93 f., Nr. 137 S. 107 (in beiden Fällen Grabplatte oder Epitaph, nicht erhalten, nur Inschrift dokumentiert).
  • 47 Bartusch 2020, Nr. 15 S. 112 f.
  • 48 Bartusch 2020, Nr. 5 S. 98 f., Nr. 9 S. 105 f., Nr. 11 S. 108 f., Nr. 17 S. 314 f.
  • 49 GLA 38 Nr. 3332.
  • 50 DI 57, Nr. 101 S. 77 f.
  • 51 DI 57, Nr. 132 S. 104 f. (Grabmal nicht erhalten, nur Inschrift dokumentiert).
  • 52 Sighart 1857, S. IX f. (danach eine Abschrift in den »Akten des Regensburger Archivs«).
  • 53 Küntzel/Damminger 2016; Damminger 2017; Damminger/Lehmann 2019; Damminger/Dürr/Lehmann 2022.
  • 54 GLA Spez. Akt Pforzheim-Stadt Fasc. 1506 (Abgebildet in KDM Bd. 9, 6, S. 258 Abb. 220); GLA G Pforzheim 101-102 _ 1 _ 1.
  • 55 KDM Bd. 9, 6, S. 257 f.
  • 56 Vgl. Bartusch 2020, S. 91.
  • 57 Damminger/Lehmann 2019, S. 299 mit Abb. 216; Die Bildseiten der beiden anderen sind noch nicht freigelegt.
  • 58 DI 57, S. XXXVI f.
  • 59 Bartusch 2020; Zum inschriftenlosen Fragment: Küntzel/Damminger 2015, S. 313; Küntzel/Damminger 2016, S. 228; Zum Grundstein: Damminger/Lehmann 2019, S. 300 f.; Ein weiterer, bisher unpublizierter Inschriftenstein kam bei Bauarbeiten 2022 zutage
Objekttyp: Konvent
Personenbezüge:
  • Sven Rabeler [Autor]
  • Folke Damminger [Autor]
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