Konstanz, Jesuiten
| Kurzbeschreibung: | 1567 Beschluss der Konstanzer Diözesansynode zur Errichtung eines von Jesuiten geführten Priesterseminars – 1573 Scheitern der Pläne am Widerstand von Stadt und Landesherr – 1592 erste Jesuiten in Konstanz (Residenz) – 1604 Erhebung zu einem Kolleg mit Gymnasium – 1773 Aufhebung Patrozinium: Konrad von KonstanzOrdensgliederung: Oberdeutsche ProvinzKirchliche Zugehörigkeit: Bistum Konstanz, kein Landkapitel |
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| Beschreibung: | Name: collegium Societatis Jesu in Costantz (1698)1 GeschichteHistorische EntwicklungAusgangspunkt für die Gründung eines Jesuitenkollegs in Konstanz waren die Reformbeschlüsse des Konzils von Trient, die 1563 die Diözesanbischöfe zur Errichtung von Priesterseminaren verpflichtet hatten. Der Konstanzer Bischof Kardinal Mark Sittich von Hohenems (1561–1589, † 1595) nahm die Errichtung des Seminars in die Reformbeschlüsse der Diözesansynode von 1567 auf. Die Finanzierung der Einrichtung, deren Leitung den Jesuiten übertragen werden sollte, konnte auf der Versammlung jedoch nicht geklärt werden. Neben Abgaben von den wohlhabenden Prälatenklöstern des Bistums sollten – durch das Reformdekret des Konzils ausdrücklich vorgesehen – auch die Einkünfte von nicht besetzten Konventen für das künftige Priesterseminar eingezogen werden. Es entwickelten sich seit 1566/67 intensive Verhandlungen zwischen Bischof, österreichischem Stadtherrn und Konstanzer Rat.2 1573 setzten sich zudem die päpstlichen Nuntien am Kaiserhof und in Oberdeutschland sowie Kardinalstaatssekretär Ptolemeo Gallio für das Seminarprojekt ein. In Innsbruck intervenierte der Jesuit Petrus Canisius am Hof des Erzherzogs. Während der Konstanzer Rat das Projekt kategorisch ablehnte, lavierte die Innsbrucker Regierung zwischen Bischof und Stadt. Auf der einen Seite unterstützte sie die kirchlichen Reformmaßnahmen im Sinn des Konzils von Trient, auf der anderen Seite hatte sie auf die fragilen konfessionellen Verhältnisse in der ehemaligen Reichsstadt Rücksicht zu nehmen, in der noch eine politisch einflussreiche reformatorische Minderheit lebte. Zudem wollte Österreich seine eigenen Pläne zum Ausbau der landesherrlichen Universität Freiburg nicht gefährden, die kurzfristig auch die Umwandlung des dortigen →Augustinerchorherrenstifts Allerheiligen in ein landesherrliches Priesterseminar vorsahen. Dem Versuch des Konstanzer Bischofs, das Areal und die Einkünfte des leerstehenden →Dominikanerinnenklosters St. Peter an der Fahr für das Seminarprojekt zu nutzen, schob der Konstanzer Rat einen Riegel vor, indem er kurzfristig die Initiative zur Wiederbelebung des klösterlichen Lebens in dem Frauenkonvent übernahm. Erzherzog Ferdinand II. (1564–1595) unterstützte in den anschließenden Verhandlungen letztlich die Position der Stadt, die selbstbewusst die strategische Lage der Bischofsstadt als ain grenzstatt und […] ain schlüssel des hochloblichen haus Osterrychs landen und luten und des gemainen rychs hervorhob.3 Die Innsbrucker Regierung warnte gegenüber dem Erzherzog vor einer weiteren Eskalation der Auseinandersetzungen, damit dannacht khain unrat darauß entstünde, wenn die Bürgerschaft zu newerm unwillen bewegt werde.4 Erst mit dem Amtsantritt von Kardinal Andreas von Österreich (1589–1600), der dem Papstnepoten Mark Sittich von Hohenems als Konstanzer Bischof nachfolgte, gewann das Seminarprojekt an Dynamik, nicht zuletzt vorangetrieben durch den neuen Generalvikar Johannes Pistorius. Begründet in einer umfangreichen Denkschrift,5 entfachte der Bischof rege diplomatische Initiativen zwischen Innsbruck und Konstanz, in der die Parteien nicht davor zurückschreckten, mit Indiskretionen, Geheimabsprachen und Unwahrheiten die Partner gegeneinander auszuspielen. Innsbruck beharrte auf seiner zurückhaltenden Position, musste aber im Oktober 1592 dem Kardinal das Recht einräumen, in der Bischofsstadt eine kleine Niederlassung von wenigen Jesuitenpatres im Status einer vom Kolleg in Dillingen abhängigen Residenz einzurichten. Mit Alexander Höller und Johannes Pelecyus wurden zwei profilierte Theologen nach Konstanz entsandt, die jedoch in ihrem Wirkungskreis eng auf den Bereich der bischöflichen Gerichtsbarkeit begrenzt blieben: Sie nahmen in der Bischofspfalz Wohnung und feierten den Gottesdienst in der Pfalzkapelle; Kardinal Andreas übertrug zudem Alexander Höller die Prädikatur in der Kathedralkirche. Mit dem Tod von Erzherzog Ferdinand II. 1595 und dem Übergang der Herrschaft über Vorderösterreich an Kaiser Rudolf II. (1576–1612) wurde der Innsbrucker Hofrat aufgelöst; die Verhandlungen liefen fortan direkt über den Kaiserhof in Prag, der deutlich positiver der Kolleggründung gegenüberstand und eine schärfere Konfessionspolitik gegenüber Konstanz befürwortete, zumal der Bischof als Präzedenzfälle auf die Gründung von Jesuitenniederlassungen in den evangelischen Bischofs- und Reichsstädten Speyer und Regensburg verweisen konnte. Die beiden kaiserlichen Kommissare Graf Friedrich von Fürstenberg und Dr. Gall Hager erzwangen schließlich im Sommer 1600 die Zustimmung des Konstanzer Rats zur Gründung des Kollegs durch den Bischof. Zuvor war am Barbaratag (4. Dezember) 1598, dem Termin der Neuwahlen von Bürgermeister und Stadtvogt durch die Ratsherren, der vollständige Geistliche Rat des Bistums im städtischen Ratssaal erschienen, um seiner Forderung nach Gründung eines Jesuitenkollegs Nachdruck zu verleihen. Ein Vertrag zwischen Bischof Johann Georg von Hallwyl (1601–1604) und den Jesuiten vom 22. Oktober 16036 legte einen Kapitalstock von 40.000 Gulden fest, der von Bischof und Domkapitel, aber auch durch die schwäbischen Prälatenklöster aufgebracht wurde. Der Ritterkanton Hegau-Allgäu-Bodensee bewilligte 8.000 Gulden. Das Kolleg sollte für etwa 20 Patres ausgelegt sein, zeitweise lebten bis zu 25 Patres im Kolleg.7 Im Mittelpunkt des bischöflichen Interesses stand die baldige Aufnahme des Schulbetriebs durch die Jesuiten in dem neuen Gymnasium. Als Bauplatz wurde ein Grundstück in unmittelbarer Nähe zur Domkirche durch den Bischof zur Verfügung gestellt, nachdem der Wunsch der Jesuiten nach einem Domizil in der Bischofspfalz abgelehnt worden war. Mit der Stadt schlossen die Jesuiten am 22. April 1604 einen Vertrag ab,8 der den Ausbau der Schule zu einer Universität ausdrücklich ausschloss, die städtische Gerichtsbarkeit über die Schüler festschrieb und auch Detailfragen über die Abgabenpflicht des Kollegs und seiner Schüler regelte. Die Konstanzer Jesuitenniederlassung erhielt den Rang eines Kollegs, in der 1604 elf Patres und fünf Brüder lebten. Es war jedoch kein bischöfliches Priesterseminar im Sinn des Konzils von Trient, das letztlich erst durch Bischof Johann Franz Schenk von Stauffenberg (1704–1740) in Meersburg errichtet wurde. Schnell begannen die Bauarbeiten an Kolleg (Grundsteinlegung 6. April 1604), Kirche (28. August 1604) und Gymnasium (25. März 1607). Die Weihe der Kollegkirche am 14. Oktober 1607 inszenierten die Jesuiten zu einem glänzenden Festtag mit hochrangigen kirchlichen und weltlichen Gästen. Mit der Wahl von Bischof Konrad von Konstanz als Kirchenpatron stellte sich der junge Orden in die mittelalterliche Tradition der Bischofsstadt, unterstrich darüber hinaus zugleich den Anspruch auf eine grundlegende Reform im Sinn des Konzils von Trient, wie es auch im Schuldrama, das am Weihetag durch die Schüler aufgeführt wurde und dem Leben von Bischof Konrad, dem Konstanzer Diözesanpatron, gewidmet war, breit ausgeführt wurde.9 Das Konstanzer Kolleg entwickelte schnell überregionale Strahlkraft, von dem weitere Ordensniederlassungen in der Region im Status von abhängigen Residenzen gegründet wurden: 1628 in Lindau (1649 wieder aufgehoben), 1649 in Feldkirch (1680 Erhebung zum Kolleg), 1649 in Rottenburg am Neckar (1668 Erhebung zum Kolleg) und 1652 in der Reichsstadt Rottweil (1678 Aufhebung, 1692 erneut errichtet). Der Versuch der Gründung einer Niederlassung in Chur scheiterte 1636. Kleinere Missionsstationen bestanden jeweils kurzzeitig in Tettnang und Arbon. Mit einer geschickten Publizistik durch die überregional verbreiteten Berichte in den ordenseigenen Litterae annuae und der eigenen Geschichtsschreibung inszenierten die Jesuiten ihre Erfolge in der Bekehrung von Protestanten und der Seelsorge durch die populären Formen von Volksmissionen in der gesamten Bodenseeregion und weit darüber hinaus. Die Heiligsprechung des Ordensgründers Ignatius von Loyola und des Missionars Franz Xaver im Jahr 1622 wurde auch im Konstanzer Kolleg aufwendig gefeiert. Ebenfalls wurden die Jahrhundertfeiern für die Niederlassung in Konstanz (1692) und der Einweihung des Gymnasiums (1710) als große kirchliche Ereignisse inszeniert. Umfangreiche Schenkungen aus dem städtischen Bürgertum und Patriziat, aber auch aus dem regionalen Niederadel belegen die konfessionellen Netzwerke, die die Jesuiten von ihrem Kolleg in Konstanz aus aufbauten. Der Konstanzer Weihbischof Johann Jakob Mirgel (1598–1619, † 1629) ließ sich in der Kollegkirche bestatten, Bischof Jakob Fugger (1604–1626) trat mit reichen Stiftungen hervor. Als die vorderösterreichische Stadt Freiburg im Spätherbst 1677 an französische Truppen übergeben werden musste, ließ Kaiser Leopold I. (1658–1705) die Universität nach Konstanz an das örtliche Jesuitenkolleg transferieren, wo sie 1686 ihren Lehrbetrieb aufnahm. Es entwickelten sich zähe Verhandlungen zwischen den Konstanzer Jesuiten und den aus Freiburg zugezogenen weltlichen Professoren über die Besetzung der Lehrstühle, wobei auch die Dominikaner Anspruch auf theologische Lehrstühle erhoben. Es gelang ihnen aber nur, zwei außerordentliche Professuren für Kontroverstheologie und die Hl. Schrift zu besetzen. Mit der Rückkehr der Universität nach Freiburg im Herbst 1698 endete diese Episode. In den nächsten Jahrzehnten wurden auch in Konstanz Krisensymptome innerhalb des Jesuitenordens spürbar, ohne dass dadurch die zentrale Position des Kollegs innerhalb der Bischofsstadt gefährdet wurde. Das Breve Dominus ac redemptor noster vom 21. Juli 1773, mit dem Papst Clemens XIV. den Jesuitenorden aufhob, bedeutete auch das Ende des Konstanzer Kollegs, auch wenn Bittschriften an den Bischof die Auflösung der Gesellschaft Jesu im Bistum zu verhindern suchten.10 Am 8. September wies die Luzerner Nuntiatur den Bischof zur Umsetzung der päpstlichen Verfügung an; Konstanz befürchtete Unruhen in der Bevölkerung (seditiones atque tumultus). Die Ansprüche von Kardinal Franz Konrad von Rodt (1750–1775) auf den Besitz des Kollegs wurden – ebenso wie entsprechende Forderungen aus dem Kreis der früheren Stifter – durch Österreich zurückgewiesen, das als Landesherr die Güter des Kollegs für sich reklamierte. Bischöfliche und landesherrliche Kommissionen zur Umsetzung der Aufhebung wurden eingesetzt. Die beiden österreichischen Kommissare von Gleichenstein und von Schmidsfeld trafen am 27. November am Bodensee ein. Zwei Tage später erhielten sie vom Rektor des Kollegs ein Verzeichnis des Personalbestands (catalogus personarum), das die Daten von 21 Patres und acht Brüdern enthielt. Am 2. Dezember kam die landesherrliche Anweisung zur Publikation des Aufhebungsbreves, das am 9. Dezember den Jesuiten in Anwesenheit der bischöflichen Kommission eröffnet wurde. Bibliothek und Besitzunterlagen waren bereits zuvor versiegelt worden; eine umfassende Inventarisierung folgte. Die Jesuiten hatten das Kolleg zu verlassen. Einige Patres übernahmen die Seelsorge von Pfarreien oder unterrichteten weiter am Gymnasium. Freiherr Anton von Egkh, der letzte Rektor des Kollegs, verstarb 1777 in Konstanz und wurde auf dem Friedhof des →Stifts St. Johann begraben. 1782 fand die letzte Bestattung eines Bruders in der Gruft von St. Konrad statt.11 Besitz und WirtschaftIm Gegensatz zu anderen Orden finanzierte sich das Konstanzer Jesuitenkolleg weniger durch grundherrschaftliche Einnahmen als vielmehr aus den Zinsen von Kapitalien, mit denen das Kolleg bereits bei der Gründung durch Bischof, Prälatenklöster und den Adel ausgestattet wurde und die in der Folgezeit durch Stiftungen auf 64.650 Gulden zunahmen (1770).12 Sukzessiv erwarb das Kolleg durch Kauf oder Schenkungen auch Grundbesitz. Darunter ragte die testamentarische Stiftung der Katharina von Freiberg heraus, die den Jesuiten 1651 das ritterschaftliche Dorf Linz vermachte. Langwierige Rechtsstreitigkeiten mit der Ritterschaft und der Herrschaft Heiligenberg wurden erst 1754 zugunsten der Jesuiten juristisch beigelegt. Dazu kamen Einkünfte von Reben im Thurgau und der Lohnerhof auf Reichenauer Gemarkung. Einige Jahrzehnte besaß das Kolleg zudem das Schloss Sandegg am Untersee, das man aber 1693 an die Benediktinerabtei Muri verkaufte.13 Nach Ausweis der Rechnungsunterlagen waren die finanziellen Möglichkeiten des Kollegs eng bemessen. Durch ausbleibende Zinseinkünfte entstanden regelmäßig Defizite, die kaum ausgeglichen werden konnten. Seit 1710 schwankten die jährlichen Einkünfte zwischen 12.000 und 16.000 Gulden. Bei der Aufhebung hatte das Kolleg rund 30.000 Gulden Schulden.14 Religiöses und kulturelles WirkenEin zentrales Tätigkeitsfeld der Konstanzer Jesuiten war der Unterricht in dem eigenen Gymnasium, dem die Aufgabe zufiel, die künftigen akademischen Eliten im Sinn des konfessionellen Zeitalters auszubilden und ggf. auf ein universitäres Studium oder die höheren Weihen vorzubereiten. Bereits am 18. Oktober 1604 – dem Festtag des Evangelisten Lukas, an dem traditionell an den Kollegien das Schuljahr begann – wurde in Konstanz der Unterricht aufgenommen, zunächst provisorisch im bischöflichen Kleinspital, dann ab 1609/10 im eigenen Gebäude, das acht Unterrichtsräume und einen großen Festsaal umfasste. Schnell übernahmen die Jesuiten auch die Aufsicht über die städtischen Elementarschulen (1612) und die Lateinschule (1663). Die Zahl der Schüler, die unentgeltlich den Unterricht besuchen konnten, stieg nach kurzer Zeit auf 450 bis 500 Jungen an, die in Haushalten in der Stadt untergebracht wurden. Neben den klassischen Fächern des Gymnasiums wurde der Fächerkanon um theologische und philosophische, eigentlich universitäre Disziplinen erweitert, die der Schule den Rang eines Lyzeums (1720) einbrachten (Fächer Kasuistik [1607], Kontroverstheologie [1661], Kirchenrecht [1722]). Der Unterricht folgte den in der Ratio atque institutio studiorum Societatis Iesu (1599) festgelegten Regeln des Ordens. Bereits für das Jahr 1609 ist eine gedruckte Schulordnung erhalten.15 Der Einzugsbereich des Gymnasiums ging weit über den Bodenseeraum hinaus. Angehörige aus adligen Familien konnten sich auf eine Karriere in der Reichskirche vorbereiten. Abteien schickten ihre Novizen zum Studium nach Konstanz. Daneben finden sich Schüler aus den städtischen Rats- und Patrizierfamilien im Gymnasium. Stipendien ermöglichten auch Kindern aus dem Kleinbürgertum den Schulbesuch. Forderungen des Adels nach einer ständischen Differenzierung innerhalb der Schülerschaft mussten die Jesuiten 1712 in einem Vergleich nachgeben, der die Titulaturen der Schüler regelte und den Adelssöhnen zugleich hervorgehobene Bänke zubilligte. Eine besondere Bedeutung besaß das ordenstypische Schultheater; die Aufführungen der Schüler waren auf Latein; gedruckte »Programmhefte« (Periochen) fassten auf Deutsch den Inhalt der Stücke zusammen und verzeichneten zudem die beteiligten Schüler.16 Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts nahm die Zahl der Schüler ab. 1773/74 zählte man noch 203 Studenten (65 Theologen, 16 Philosophen, 122 Gymnasiasten). Nach der Aufhebung des Jesuitenordens 1773 wurde das Gymnasium in das staatliche »Collegium Josephinum« (seit 1784 Gymnasium) umgewandelt, aus dem in badischer Zeit das humanistische Gymnasium (seit 1948 Heinrich-Suso-Gymnasium) hervorging. Als Inhaber der Münsterprädikatur prägten die Konstanzer Jesuiten von 1592 bis 1773 nachhaltig die Predigt in der Kathedralkirche, zudem waren sie oft Beichtväter der Konstanzer Bischöfe und hielten für sie die Trauergottesdienste. Zahlreiche Gelegenheitsschriften der Jesuiten erschienen im Druck.17 Überregionale Bedeutung besaß das moraltheologische Werk von Georges Gobat (1600–1679), der in Konstanz seit 1659 unterrichtete. Seine kasuistischen Werke zu den sieben Sakramenten gliederte er nach dem lateinischen Alphabet in 23 Kapitel. Die erste Gesamtaufgabe seiner Schriften erschien 1671 bei Johann Jakob Straub in Konstanz. Von den Jansenisten und Blaise Pascal des »Laxismus« beschuldigt, wurden einige der Thesen Gobats durch die römische Kurie verurteilt, wogegen der aus Konstanz stammende Jesuit Johann Christoph Raßler (1654–1723) 1706 in einer Schrift Stellung bezog.18 Ein wichtiges Element der Seelsorge war die Gründung von Bruderschaften, die in der Terminologie des Ordens als Sodalitäten oder Kongregationen bezeichnet wurden und ständisch differenziert waren. Die Congregatio maior latina Beatae Mariae Virginis assumptae war Klerus, Adel und Patriziat vorbehalten,19 die Studenten besuchten die Congregatio minor latina Beatae Mariae annuntiatae,20 daneben gab es für Gesellen und Studenten eigene Kongregationen. Während die Congregatio maior latina die Eliten im Blick hatte (darunter auch die Prälaten der oberschwäbischen Klöster), erreichte die Bürgerkongregation (Congregatio Beatae Mariae Virginis purificatae oder Congregatio civica) weite Teile der männlichen Einwohnerschaft, auch waren die in Konstanz ansässigen Künstler hier Mitglieder (z. B. die Bildhauer Hans Morinck und Christoph Daniel Schenk sowie die Maler Hans Asper und Johann Christoph Storer). An Mariä Lichtmess, dem Titularfest der Sodalität, erneuerten 1684 feierlich 455 Mitglieder ihr Gelübde, 1768 zählte sie 1100 Mitglieder.21 Die Bürgerkongregation hatte den kommunalen Raum – vergleichbar der städtischen Verwaltungsgliederung – in Bezirke eingeteilt, denen einzelne Sodalen vorstanden. Bei Verstößen gegen die Regeln der Sodalität drohte der Ausschluss. An den Begräbnissen ihrer Mitglieder nahm man in demonstrativer Bußkleidung (»Säcke«) teil, die erst allmählich durchgesetzt werden konnte. An Mariä Heimsuchung (2. Juli) führte jährlich eine feierliche Prozession der Bürgerkongregation zur Loretto-Kapelle, auf dem Staader Berg vor der Stadt gelegen. Die Kapelle war 1637 auf Initiative von Bischof und Bürgerkongregation errichtet worden als Zeichen des Dankes für die abgewehrte Belagerung der Stadt durch schwedische Truppen 1633, die man dem Schutz Mariens zuschrieb. Spektakulär inszenierte Frömmigkeitsformen dienten der konfessionellen Abgrenzung, so etwa das 1608 eingeführte 40-stündige Gebet während der Fastnachtszeit oder Prozessionen in Bußgewändern in der Karwoche (so 1601, 1603). Jährlich wurde die Zahl der Konversionen in den Litterae annuae publiziert.22 Die ordenseigenen Quellen sprechen von bis zu 40.000 Beichten pro Jahr. Bedeutend für die Durchsetzung der tridentinischen Reform war die temporäre Tätigkeit in Frauen- und Männerkonventen, 1601 in 21 Klöstern, 1611 in elf Konventen. Predigt- und Missionstätigkeiten führten die Patres jährlich in bis zu 60 Ortschaften Oberdeutschlands. 1618 listet die Chronik Missionen in 14 Dörfern, zwölf Städten und elf Klöstern auf, bei denen 98 Predigten gehalten wurden.23 Bibliothek und ArchivDas Kolleg konnte durch Kauf und Stiftungen schnell eine große Bibliothek aufbauen. Den Grundstock legte die Schenkung des Konstanzer Generalvikars Theodor Greiß (1593).24 Die Bibliothek umfasste bei der Aufhebung des Kollegs 11.511 Bände, darunter auch ein Bestand an Inkunabeln. Sie bilden den Großteil des Altbestands der heutigen Bibliothek des (Heinrich-Suso-) Gymnasiums. Das Archiv des Kollegs ist nur fragmentarisch im Generallandesarchiv und in einzelnen Stücken im Stadtarchiv Konstanz erhalten. Bau- und KunstgeschichteLageDas ehemalige Jesuitenkolleg am Münsterplatz, das ursprünglich im Osten an die Stadtmauer, im Süden an die Bischofspfalz, im Westen an Mauritiusrotunde und Ostflügel des Kreuzgangs und im Norden an Domherrenhöfe angrenzte,25 bildet eine trapezförmige Anlage, bestehend aus der Kirche St. Konrad und, südlich an sie anschließend, den drei sehr unterschiedlichen Flügeln der Kollegiengebäude um einen Hof. Eine Grabung im Langhaus von St. Konrad erfasste 2009 als älteste erkennbare Struktur eine Mauer des 13. Jahrhunderts, die noch aus römischem Abbruchmaterial bestand. Außerdem wurden mehrere Werkgruben, wohl im Zusammenhang mit dem Bau des Münsters, eine weitere Mauer des 13. Jahrhunderts, Reste des Domherrenhofes sowie unter der Nordmauer der Kirche älteres Mauerwerk aus Geröllen in Ost-West-Richtung, wahrscheinlich von der hochmittelalterlichen Stadtmauer, aufgedeckt.26 Kirche und KollegsbautenAuf dem Grundstück, auf dem sich bis dahin der Domherrenhof von Bartholomäus Metzler, die Kapelle St. Katharina, die Lateinschule als Nachfolgerin der Domschule und ein Teil des bischöflichen Gartens befunden hatten,27 errichteten die Jesuiten nach Plänen von Stephan Huber SJ (1554–1619) zwischen 1604 und 1607 Kirche und Kollegbauten. Die Westfassade des Langhauses ist vertikal symmetrisch durch Öffnungen unterschiedlicher Form mit kräftigen, kantigen Rahmungen gegliedert, horizontal durch drei Gesimse im Giebel, die unten durch Voluten, darüber durch Obelisken betont sind. Der Chor ist von außen nicht erkennbar, da die Langhauswand sich bis zur Ostfassade fortsetzt. In der Mitte der Chorostwand tragen drei Seiten eines Oktogons einen ungewöhnlich schlanken Turm mit Haube. Den Unterbau schmücken gliedernde Gesimse, die Freigeschosse breite Geschossrahmungen, das Glockengeschoss Pilaster. Das Innere des fünfjochigen Langhauses prägen 1,40 m tiefe Wandpfeilernischen mit Quertonnen. Darüber folgten ursprünglich eine Reihe niedriger, untereinander durch einen Laufgang verbundener Quertonnennischen mit breiten segmentbogigen Fenstern, darüber Okuli unter einer Flachdecke. Der zweijochige Chor, ursprünglich ebenfalls mit Flachdecke, ist quadratisch und hat die Breite des Langhauses ohne die Nischen. Ein leicht eingezogener Triumphbogen trennt Langhaus und Chor und schafft zusammen mit den beiden östlichen Nischen knappen Raum für die Seitenaltäre. Im Süden schließt die geräumige Sakristei bzw. der tiefe Ostflügel schräg an den Chor an. 1608 konnte der Hochaltar geweiht werden, die Seitenaltäre folgten 1609 und 1638. Unter dem Chor befindet sich eine Gruft zur Beisetzung der Konventsmitglieder. Heinrich Mayer SJ (1636–1692) ersetzte 1682 die ursprüngliche Flachdecke durch eine Tonne, und zwar, wie am benachbarten Münster, unter Erhaltung des bestehenden Daches. Die oberen Nischen wurden abgetragen, ihre Fenster nach innen versetzt und die Trennwände zu Strebepfeilern zurückgearbeitet. Erhalten blieben dagegen die auf diesen aufsitzenden Strebepfeiler mit dreieckigem Profil zwischen den Okuli. Gleichzeitig veränderte Heinrich Mayer die Westempore mit den eigenwilligen Aufsätzen auf den Pfeilern. Die ursprünglichen Altäre, die Kanzel und die Beichtstühle wurden 1761–63 durch Bruder Simon Burchard SJ (1722–1770) ersetzt. 1929/30 musste das Gewölbe der Kirche durch ein Scheingewölbe an Stahlseilen ersetzt werden. Alte Stuckteile sollen dabei wiederverwendet worden sein. Bei der Anhebung des Plattenbodens in der Kirche 2009 wurden sieben Bodengräber, fünf ohne Kennzeichnung des Bestatteten und zwei mit Namen, aufgedeckt: westlich des Marienaltars unter einer Grabplatte mit den Initialen AME das Grab der 1671 verstorbenen Anna Maria Eggsin, und südlich des Marienaltars das Grab (mit Epitaph) des 1629 verstorbenen Weihbischofs Johann Jakob Mirgel, mit vielen qualitätvollen Beigaben. Noch vor der Kirche wurde der dreigeschossige Ostflügel des Kollegs begonnen, den die Jesuiten 1607 beziehen konnten. Die Stadt hatte ihnen zusätzlich ein geräumiges, aber sumpfiges Gelände östlich der vom Domkapitel stammenden Grundstücke überlassen. Dies erklärt die Nachricht, dass die Fundamentierung des Kollegs schwierig gewesen sei. Dieser Ostflügel liegt mit einem leichten Knick in der Flucht der Kirchenostwand und tritt mit vier Achsen über die Flucht des Südflügels hinaus. Die Hauptseite zum See hin ist durch ein übergiebeltes Mittelportal und weitgehend regelmäßige Fensterachsen gegliedert, besitzt jedoch außer einem Staffelgiebel im Süden keinen Schmuck. Nach Süden ist er nachträglich um einen zweigeschossigen Anbau von zwei Achsen verlängert – ein Erweiterungsbau, der nach einer weiteren Geländeschenkung ab 1614 entstand und als Krankenhaus diente. Der vierachsige Südflügel von 1682, ehemals Bibliothek, ist ebenfalls dreigeschossig, die beiden mittleren Achsen sind durch ein Zwerchhaus überhöht. Zu Domschule und Mauritiusrotunde hin treppt sich das Gebäude mit je einer Achse und kleinen Walmdächern ab. Erhalten ist der barocke Bibliothekssaal. Den Nordflügel, der sich unmittelbar an die Kirche anlehnt, besteht aus einer 8-achsigen Arkade, einer Art Remise, auf deren Pultdach eine zweite, deutlich niedrigere Arkade aufsteht. Ihr Zweck war offensichtlich der eines gesonderten Außenzugangs vom Torhaus bzw. vom Ostflügel zur Orgelempore. Der Nordflügel des Münster-Kreuzgangs mit Domschule und Dombibliothek schließt den Hof. Zwischen ihm und der Arkade im Norden findet die schlichte Durchfahrt Platz. Eine unsignierte kolorierte Vogelschau28 zeigt den ursprünglichen Entwurf, der nicht vollständig umgesetzt wurde (Abb. 5): Die Kirche, bestehend aus einem Langhaus von sieben Jochen, einem leicht eingezogenen Chor mit polygonalem Schluss und Chorflankenturm im Norden bildet den nördlichen Abschluss der regelmäßigen Anlage. Nord- und Ostflügel schließen hier nicht – wie ausgeführt – an den Chor, sondern an das Langhaus an, während der Chor nach Osten über dessen Flucht hinausragt. Die Kirche wurde demnach während des Baus um zwei Joche gekürzt und der Chor in die bereits bestehenden Außenwände des Langhauses eingefügt. Der Chorflankenturm musste entfallen, da er nach der Kürzung des Langhauses die enge Gasse verstellt hätte. Die beiden dreigeschossigen Flügel sollten Arkaden im Erdgeschoss, geschossgliedernde Gesimse und regelmäßige Fensterachsen haben. Weiter zeigt die Zeichnung, dass der Ostflügel mit den vier zusätzlichen Achsen schon in der Planung vorgesehen war. Im Süden und Westen bleibt Huber unbestimmt, da er offenbar wusste, dass hier Gebäude des Domstifts zu berücksichtigen waren. Bei Anfertigung der Zeichnung dürfte ihm auch die Problematik des sumpfigen Baugeländes nicht klar gewesen sein. Gesamtanlage und Ausführung der Details erfuhren große Änderungen, und die Ausführung fiel deutlich bescheidener aus als die Planung. Nach der Aufhebung des Jesuitenordens zog das nun staatliche Gymnasium in das Kolleg. Die Kirche diente den Schulgottesdiensten. Seit 1904 nutzt die altkatholische Gemeinde die Kirche St. Konrad (nun Christuskirche) für ihre Gottesdienste. Das Gymnasium bezog 1910/11 ein neues Schulgebäude. In dem ehemaligen Kollegiengebäude sind heute verschiedene Behörden untergebracht. GymnasiumDas Jesuitengymnasium liegt nördlich der Kirche, nur durch die enge Gymnasiumgasse von ihr getrennt. Der Grundstein wurde nur vier Tage nach deren Weihe, am 25. März 1607 gelegt.29 Ähnlich wie die Kollegiengebäude sollte auch das dreigeschossige Gymnasium gegliedert sein, jedoch über den Fensterachsen zusätzlich Œuils de bœufs haben. Auf dem Walmdach ein Dachreiter. Wie Kirche und Klostergebäude wurde wohl auch das Gymnasium deutlich weniger aufwändig gebaut als geplant. 1773 an privat verkauft, 1852 gründlich umgebaut und den Bedürfnissen eines Theaters angepasst. Materielle Kulturgeschichte, BauausstattungIm Inneren der Kirche fällt neben den gedrückten Proportionen der Unterschied in der Stuckierung von Wänden (Stephan Huber) und Gewölbe (Heinrich Mayer) auf. Starke Farbakzente in der ganz in Weiß gehaltenen Kirche sind Altäre, Kanzel und Bilder. Von der ersten Ausstattung sind die 15 Rosenkranzbilder auf Holz mit den Wappen der Stifter von Kaspar Memberger d. Ä. an den Wandpfeilern, der Holz-Kruzifix am Chorbogen sowie vier Statuen – Maria mit dem Kind und die drei Könige – von Hans Morinck und das Epitaph von Johann Jakob Mirgel erhalten. Die Seitenaltarblätter stammen von Franz Ludwig Herrmann, 1773 und 1778, links Maria mit den Hll. Aloysius und Stanislaus, rechts eine Himmelfahrt Mariens. Das Hauptaltarbild von Franz Anton Palko entstand bereits 1740 und zeigt die Anbetung des Namens Christi. Das Gitter unter der Empore um 1730. Interessant die Eingravierung von zahllosen Namen der Schüler in den Kirchenbänken. BibliographieQuellen: Kunzer 1893; Wegelin 1981. Handbücher und Lexika: Dehio, Baden-Württemberg Bd. 2, S. 373 f. (Leo Schmidt); HelvSac VII,1, S. 243–278 (Ferdinand Strobel); KDM Bd. 1, S. 95 f. (Franz Xaver Kraus); kloester-bw, Jesuitenkolleg Konstanz (Elmar L. Kuhn). Literatur: Gröber 1904; Seidenfaden 1963; Hundsnurscher 1968; Zimmermann 1994, S. 133–155; 1996; 2004. Anmerkungen
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| Objekttyp: | Konvent |
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Literatur + Links
| Weiterführende Links: |
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