Konstanz, Augustinereremiten
| Kurzbeschreibung: | 1268 (?) Gründung – 1281 urkundliche Ersterwähnung – 1529 Auflösung im Zug der reichsstädtischen Reformation – 1551 Restitution – 1795 Vereinigung mit dem städtischen Spital – 1802 Aufhebung – 1813 Tod des letzten Paters Patrozinium: Maria Magdalena und der auferstandene Christus (unsicher); später AugustinusOrdensgliederung: Deutsche Provinz, 1299 Rheinisch-schwäbische Provinz, 1781 Vorderösterreichische ProvinzKirchliche Zugehörigkeit: Bistum Konstanz, kein Landkapitel |
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| Beschreibung: | Name: prior et conventus fratrum ordinis sancti Augustini domus Constantiensis (1281);1 prior totusque conventus fratrum Heremitarum ordinis sancti Augustini domus Constantiensis (1303);2 gotzhus ze den Augustinern ze Costentz in Mordergassen gelegen sant Augustins ordens (1361);3 wir prior und convent deß ordens sancti Augustini Eremitarum in Costantz (1699)4 GeschichteHistorische EntwicklungDas von Gabriel Bucelin angegebene Gründungsjahr 1268 ist nicht zeitgenössisch belegt, mag aber ungefähr stimmen.6 Die Augustinereremiten kamen demnach als dritter großer Mendikantenorden etwa eine Generation nach den →Dominikanern und den →Franziskanern nach Konstanz. Im Gegensatz zu diesen fanden sie keinen freien und zentral gelegenen Bauplatz mehr vor, sondern mussten ihn durch eine Aufschüttung in den See hinein erweitern. Ausgangspunkt waren Ufergrundstücke an der Mordergasse (heute Rosgartenstraße) am äußersten Südostrand der Stadt, die ihnen zwischen 1281 und 1328 und nochmals 1361 durch Schenkungen und Käufe zukamen.7 Die Lage war in mehrfacher Hinsicht misslich: Die Gebäude des Klosters kamen direkt an der Stadtmauer zu stehen und behinderten die Einsicht und die Verteidigungsfähigkeit ausgerechnet an einer Schwachstelle der Befestigung am Übergang vom Land zum Wasser. Die Stadt Konstanz verlieh den Augustinern deshalb 1303 ein Baugrundstück nur unter dem Vorbehalt eines Begehungsrechts und des Widerrufs (zu prekarischem Recht), womit sie ein beständiges Druckmittel gegen das Kloster besaß. Der aufgeschüttete Untergrund ist feucht und gibt nach, was der Kirche bis heute statische Probleme bereitet. Andererseits kann in der Ansiedlung unmittelbar an Mauer und Stadttor auch strategisches Kalkül vermutet werden. So dürfte das Kloster für den Unterhalt der Stadtmauer und eines Eckturms herangezogen worden sein. Die Nutzbarmachung der Uferzone waren ebenso im Interesse der Stadt wie die seelsorgerische Betreuung der Bevölkerung in dem in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts immer dichter bebauten Quartier (Anlage Neugasse 1252). Aus den frühen Urkunden geht hervor, dass das Kloster 1303 so weit ausgebaut war, dass dort ein Provinzialkapitel der Rheinisch-schwäbischen Augustinerprovinz abgehalten werden konnte. Als erster Konstanzer Prior ist 1303/11 ein Bruder Ulrich belegt. Im Zuge der Auseinandersetzung zwischen Ludwig dem Bayern (1314–1347) und dem Papsttum von Avignon sprach Papst Johannes XXII. (1316–1334) 1324 den Bann über die Anhänger des Königs aus, und damit über die Stadt Konstanz. 1334 wurde Nikolaus von Frauenfeld (1334–1344) zum Bischof gewählt, ein Angehöriger der päpstlichen Partei, der die Befolgung des Interdikts durchzusetzen suchte, was den Konstanzer Klerus spaltete: Während die Dominikaner dem Papst gehorchten und zwischen 1339 und 1346 deshalb sogar mehrheitlich die Stadt verlassen mussten, hielten die Augustiner weiterhin Messen ab und fügten sich erst 1346 dem Interdikt, bis zu seiner Aufhebung 1349.8 In den folgenden Jahrzehnten erlebte das Augustinerkloster einen Aufschwung, erkennbar an einer 1361 einsetzenden Reihe von Stiftungen und Erwerbungen und vor allem an seiner Bedeutung innerhalb der Rheinisch-schwäbischen Augustinerprovinz. Aus dem Konstanzer Konvent gingen drei Provinziale hervor: Konrad von Husen (1380–1391), Konrad zum Burgtor (1401–1405) und Rudolf Graf (1408–1430). Konrad von Husen wurde darüber hinaus von Bischof Heinrich III. von Brandis zum Pönitentiar des Bistums Konstanz ernannt; in dieser Funktion folgten ihm weitere Konstanzer Augustiner. Für 1384 war ein Generalkapitel des gesamten Augustinerordens in Konstanz vorgesehen, das indes wegen der Pest nach Esztergom in Ungarn verlegt wurde. 1394 wurde das Generalstudium der Provinz in Konstanz eingerichtet und Konrad zum Burgtor als oberster Lehrer eingesetzt. Daraus erwuchs keine dauerhafte Hochschultradition, weil bei den Augustinereremiten sowohl das Personal als auch die Institutionen mobil waren; erst 1456 wurde das Generalstudium dauerhaft nach Straßburg gelegt.9 Im Jahr 1398 beschädigte ein Stadtbrand das Augustinerkloster; zur Unterstützung inkorporierte ihm Papst Bonifaz IX. (1389–1404) die Pfarrei Birwinken.10 Der Wiederaufbau glückte, und das Augustinerkloster konnte in erheblichem Umfang zur Durchführung des Konstanzer Konzils beitragen. Zu Beginn des Konzils diente es als Herberge für die Gesandtschaft Papst Gregors XII. (1406–1415), zumal für Kardinal Johannes Dominici. Die Konstanzer Konzilschronik berichtet von sechs Kardinälen mit 56 Pferden und ebenso vielen Bediensteten, die dort untergekommen sein sollen; das Wappen Gregors XII. wurde allerdings von seinen Gegnern heruntergerissen.11 Später nutzten die Delegierten der hispanischen Nation das Refektorium der Augustiner für ihre Zusammenkünfte.12 Im März 1416 empfing die Konzilsversammlung im Augustinerkloster eine Gesandtschaft des byzantinischen Kaisers Manuel II. Palaiologos (1391–1425).13 Besonders intensiv nutzte König Sigismund (1411–1437) das Augustinerkloster, wo er 1415 mit Carlo Malatesta über den Rücktritt Gregors XII. verhandelte und wo er in der letzten Phase des Konzils, von Januar 1417 an, selbst Quartier bezog.14 Dort nahm er öffentliche Handlungen vor, wie die Belehnung des Grafen von Nellenburg mit der Landgrafschaft im Hegau oder die feierliche Entgegennahme der Goldenen Rose, eines Ehrengeschenks Papst Martins V. (1417–1431).15 Zum Dank stiftete König Sigismund die Ausmalung der Augustinerkirche. So ist es nicht verwunderlich, dass sein Aufenthalt lange im Gedächtnis blieb und eines der Konventgebäude den Namen »Sigismund-Haus« erhielt.16 Zwei prominente Teilnehmer des Konzils fanden ihr Grab in der Augustinerkirche: Kardinal Bandello von Rimini († 1415) und Graf Günther von Schwarzburg († 1418).17 Die Jahrzehnte nach dem Konzil muten ereignisärmer an. 1480 wurde Prior Johannes Schufflein abgesetzt, weil er mit dem Konvent zerstritten war. Die reichsstädtische Reformation brachte den Konvent schnell in Konflikt mit dem Konstanzer Rat. Als die Augustiner sich 1523 weigerten, ihre Kanzel dem Reformator Ambrosius Blarer zu überlassen, entzog der Rat dem Konvent das Grundstück zwischen Kirche und Stadtmauer und widerrief damit den Vertrag von 1303/11. Das dort errichtete König-Sigismund-Haus fiel an die Stadt, den Mönchen blieb das Winterrefektorium. Der Konvent löste sich in der Folge schnell auf. Bereits vor 1523 verließen einige Mönche das Kloster. 1525 schworen elf Augustiner den städtischen Beisasseneid, danach folgte eine weitere Reihe von Austritten.18 Die letzten beiden Mönche mussten 1529 in das Franziskanerkloster umziehen. Zur Erweiterung der Innenstadt wurden 1545 der Klosterfriedhof aufgelassen und dabei die Grabdenkmale zerstört. Das Winterrefektorium wurde durch ein Kornhaus (1535) ersetzt. Im früheren Garten des Klosters wurde eine Schmelzhütte für Metallguss gebaut. 1529 wurde der Kirchenschatz, der unter anderem zehn Kelche, neun Patenen sowie einige Monstranzen umfasste, durch die städtische Obrigkeit eingeschmolzen.19 Bei der Rückkehr der Mönche in die Stadt 1551 erwartete sie ein weitgehend zweckentfremdetes Gebäudeensemble, auch wenn noch im selben Jahr die Klosterkirche wieder geweiht wurde. Die finanziellen Entschädigungsverhandlungen mit der Stadt zogen sich hin. Zwar hatte die Stadt die eingezogenen Zinsbriefe wieder zurückzugeben, soweit sie denn noch vorhanden waren. Mit einer Entschädigungssumme von 500 Gulden erhielten die Mönche aber nur einen Bruchteil der geforderten Gelder. 1558 wurden ihnen in einem Vergleich als Ersatz für offene Ansprüche das König-Sigismund-Haus als Eigentum zugesprochen, während das Korn-, später Zeughaus, der so genannte Sandhof, der Stadt verblieb.20 Der Rat ließ neue Altäre in der Kirche errichten und öffnete ein Tor zum Kirchhof des Klosters. Wie auch in den beiden anderen Konstanzer Bettelordenskonventen wurde 1576 in einem Vertrag zwischen Stadt und Bischof die Bestellung von kommunalen Pflegern geregelt.21 Die finanziellen und personellen Möglichkeiten des Konvents waren begrenzt. 1607 lebten nur drei Priester in dem Kloster, doch setzte unter Prior Blasius Burgknecht ein Aufschwung ein. Burgknecht, der zeitweise auch Stellvertreter des Provinzials war, stand dem Konvent fast 20 Jahre als Prior vor. Während der Belagerung von Konstanz im Dreißigjährigen Krieg durch die Truppen unter dem schwedischen Feldmarschall Gustav Horn (September/Oktober 1633) stellte sich die Bürgerschaft – ganz im Duktus des konfessionellen Zeitalters – unter den Schutz der Gottesmutter. Vor dem Gnadenbild, das 1505 durch Prior Johann Stadelmann in der Kirche der Augustiner aufgestellt worden war und auch die Reformationszeit unbeschadet überstanden hatte, wurden fast kontinuierlich Messen gefeiert. Die erfolgreiche Verteidigung der Stadt wurde anschließend dem Schutz Mariens zugeschrieben. Klerus und Teile der Bevölkerung berichteten von einer Erscheinung Mariens am hellen Tag über dem Augustinerkloster, die mit dem dort verehrten Gnadenbild in Zusammenhang gebracht wurde. Kupferstiche verbreiteten das Wunder. (Abb. 2) Die Bedeutung des Konvents innerhalb der städtischen Sakraltopographie wurde gestärkt. Die Feier von mehreren Provinzkapiteln in den nächsten Jahren verweisen auf die steigende Bedeutung des Klosters im Ordensverband (1636, 1640, 1653 und 1673 [Intermedium]). 1650 wurde Wilhelm Grabler zum Provinzial und zugleich Prior des Konstanzer Konvents gewählt, ebenfalls hatte Nikolaus Grüber nach seiner Wahl zum Provinzial 1676 seinen Sitz in Konstanz, wie sein Vorgänger Fulgentius Cantin, der bald nach seiner Wahl 1675 verstorben war.22 Gefährdet wurde der Aufschwung des Klosters durch einen vermeintlichen »Spionageskandal« um Johann von Juden, der 1656 in Personalunion zum Provinzial und Konstanzer Prior gewählt worden war. Nach der Abwehr der schwedischen Belagerung waren – durchaus plausible – Gerüchte gestreut worden, dass eine städtische Gruppe, die man des Kryptoprotestantismus bezichtigte, Geheimverhandlungen mit Frankreich und den evangelischen Kantonen über einen Beitritt von Konstanz zur Eidgenossenschaft geführt habe. Diese Situation nutzte der Novize Pierre Guillierd, der – so die Ordenschronistik – von Johann von Juden wegen Verfehlungen aus dem Kloster ausgeschlossen worden war. Mit gefälschten Schreiben bezichtigte er beim vorderösterreichischen Stadthauptmann den Prior, mit Frankreich über eine Übergabe der Stadt an den Feind verhandelt zu haben, und diskreditierte den ganzen Konvent als frankophil. Johann von Juden wurde umgehend inhaftiert. Nachdem die belastenden Schriftstücke als Fälschung entlarvt worden waren und der Denunziant seine Beschuldigungen zurückgenommen hatte, wurde der Prior aus der Haft entlassen, sollte aber mit zehn Mitbrüdern die Stadt verlassen. Erst im November 1660 erfolgte die vollständige Rehabilitation. Den Aufschwung des Klosters nutzte der Konvent ab 1666 zum Neubau barocker Konventsgebäude und zur umfassenden »Modernisierung« der Klosterkirche. Die Stadt übergab dem Kloster dafür den zuvor strittigen Sandhof.23 Um 1700 waren die Arbeiten abgeschlossen. Der vorderösterreichische Stadthauptmann ließ auf eigene Kosten eine Marienkapelle errichten (1687), in der das wundertätige Gnadenbild seinen Platz fand. Ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts lassen sich vermehrt Eintritte von Konstanzer Bürgersöhnen in den Konvent nachweisen. Die ratsfähige Familie Labhart besaß traditionell enge Beziehungen zum Augustinerkloster: Der Stadtvogt Christoph Labhart stiftete einen Jahrtag auf drei Altären in der Augustinerkirche (1610), ebenso bedachte der Metzger Thomas Labhart den Konvent (1600).24 An der Wende zum 18. Jahrhundert traten in schneller Folge vier Mitglieder der Familie in den Orden ein.25 Der Konvent, dem durch Kaiser Joseph II. (1765–1790) wie auch den anderen städtischen Klöstern der Bettelorden die Aufnahme von Novizen verboten wurde, zählte 1786 zehn Patres und zwei Laienbrüder. Die Herauslösung der vorderösterreichischen Klöster aus dem Provinzialverband 1781 isolierte die Konvente. Erste Überlegungen, die Räume des Klosters den aus Genf eingewanderten reformierten Unternehmern für ihr Gewerbe zur Verfügung zu stellen, wurden 1787 nicht weiterverfolgt. Die Stadt sah in dem Kloster einen geeigneten Ort für das an der Marktstätte gelegene mittelalterliche Hl. Geist Spital. 1795/96 wurde die Verwaltung des Klosters dem Spital übertragen. Die Zahl der Mönche schwand (1796: 6 Patres, 2 Laienbrüder). Die Insassen des Spitals zogen in die Klosteranlage um. Nach den Bestimmungen eines zwischen Orden und städtischer Spitalstiftung abgeschlossenen Vertrags von 1802 verpflichtete sich die Stadt zum Unterhalt von vier Ordensgeistlichen, die seit 1796 für die Seelsorge im Spital verantwortlich waren und denen ein Stockwerk im Konventsbau als Wohnraum vorbehalten blieb. Das gesamte Anwesen ging zusammen mit dem sonstigen Vermögen in das Eigentum der Spitalstiftung über. Mit dem Tod des letzten Konventualen am 5. Oktober 1813 erlosch der Konvent. Besitz und WirtschaftSeit der Mitte des 14. Jahrhunderts ist der Kauf von Liegenschaften und Zehntrechten belegt. Einen regionalen Schwerpunkt bildete dabei der südlich an die Stadt angrenzende Thurgau. In Ermatingen bezog das Kloster von verschiedenen Parzellen den Weinzehnten.26 Torkel und Weinzehnten in Egelshofen erwarb das Kloster seit 1361/63.27 Nur kurz zählten der Hof Winikon und das Gut Tägermoos bei Bußnang zum Klosterbesitz.28 In Birwinken besaß der Konvent seit spätestens 1485 den vermutlich mit dem sogenannten Bischofshof identischen Kelhof.29 Dazu kamen Zinseinnahmen aus Häusern in der Stadt.30 Drei überlieferte Rechnungsbände dokumentieren die angespannte finanzielle Lage des Klosters am Vorabend des Dreißigjährigen Kriegs.31 In der Frühneuzeit erweiterte die Schenkung des Rebguts Spetzgart bei Überlingen im Jahr 1718 den Grundbesitz des Klosters beträchtlich. Es wurde durch einen Mönch verwaltet (z. B. Franz Xaver Baader, 1781–90). Religiöses und kulturelles WirkenBischof Heinrich II. von Klingenberg (1293–1306) verteidigte 1304 die Predigt der Augustiner und ihr Recht, das Bußsakrament zu spenden und Bestattungen vorzunehmen, wohl gegen Angriffe der Konstanzer Weltgeistlichen.32 Spätestens von da an war das Kloster im religiösen Leben der Stadt Konstanz fest verankert und wurde mitunter großzügig testamentarisch bedacht. Im Gegenzug befanden sich Grablegen Konstanzer Bürger auf dem Friedhof südlich der Klosterkirche und sogar im Kircheninneren, wie die Grabplatte für einen 1403 beim Vögelinsegg gegen die Appenzeller gefallenen Krieger belegt (Abb. 7).33 In der Kirche stifteten die Bäckergesellen 1464 eine Liebfrauenbruderschaft zur Pflege des Totengedächtnisses, der 1483 die Meister beitraten.34 Vom 15. Jahrhundert an betreuten die Patres einige augustinische Frauengemeinschaften, nämlich die Schwestern im unmittelbar benachbarten →Mäntellerinnenhaus sowie →Adelheiden (bei Hegne), →St. Katharina (im Mainauwald bei Litzelstetten) und Blümlistobel (bei Salenstein). Die anspruchsvollste seelsorgerische Aufgabe dürfte die Betreuung des Leprosenhospizes auf der Kreuzlinger Hofstatt gewesen sein. Die Pfarrrechte am Leprosenkirchlein lagen zwar beim Augustinerchorherrenstift Kreuzlingen, aber die Krankenbesuche und die Bestattungen wurden von den Augustinereremiten vorgenommen. Das Augustinerkloster war seit 1395 Patronatsherr der Pfarrei Birwinken im Thurgau, die ihm 1400 inkorporiert wurde, aber in Folge der Reformation 1529 verloren ging. 1565/70 verglich sich das Kloster mit dem Ort über die Zehntrechte.35 Zudem habe das Kloster – so die eigene Chronistik – Pfarrrechte in Sargans innegehabt. Nach der Zäsur der Reformationszeit konnte der Konvent erst wieder in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts pastorale Aufgaben übernehmen. Den Augustinerchorherren in Kreuzlingen nahmen sie seit 1619 die Beichte ab. Bei den Augustinerinnen in St. Katharina (bei Litzelstetten) stellten sie seit 1669 wieder den Beichtvater, ebenso nach 1728 für einige Zeit bei den Augustinerinnen in Adelheiden (bei Hegne). Seit 1576 betreuten sie wieder das vor der Stadt gelegene Leprosenhaus. Von Nikolaus Koch, einem Kranken, der mit der abscheulichen sucht und kranckheit deß aussatzes heimgesuecht worden sei, erhielt der Konvent 1590 eine großzügige Stiftung.36 1684 übernahmen sie zudem die Seelsorge der neu errichteten vorderösterreichischen Garnison. Die Verwurzelung des Klosters in der Bürgerschaft belegen Stiftungen von Jahrtagen und Seelmessen. Als Begräbnisort war der Kirchhof der Augustiner im Vergleich mit den Friedhöfen bei →St. Stephan sowie bei den Franziskanern und Dominikanern weniger attraktiv. Überregionale Bedeutung entwickelte die Gürtelbruderschaft, die Prior Blasius Burgknecht 1617 als Teil der römischen Erzbruderschaft in Konstanz gründete (Bruderschaft der Hl. Maria vom Trost, genannt vom Gürtel). Der Legende nach habe die Hl. Monika, die Mutter des Kirchenlehrers und Ordenspatrons Augustinus, einen Gürtel von der Gottesmutter erhalten, der nun zum Zeichen der Bruderschaft wurde. Die Marienerscheinung über dem Augustinerkloster 1633 gab der Verehrung einen starken Antrieb. Bereits 1619 hatte Blasius Burgknecht ein Bruderschaftsbuch publiziert (Der gnadreichen, hochgebenedeysten Mutter Gottes Mariä Gurtel Brüderschafft […], Konstanz 1619). Das Bildprogramm der Deckenfresken in der Klosterkirche von Franz Joseph Spiegler (1740) ist ganz auf die Gürtelbruderschaft abgestimmt (Abb. 4). Zeitweise war das Ordensstudium der Provinz (Philosophie und/oder Theologie) ebenso wie das Noviziat dem Konstanzer Konvent angegliedert. Als Ordenshistoriker profilierte sich der Konstanzer Prior Antoninus Höhn, der 1744 eine Chronik der Rheinisch-schwäbischen Provinz publizierte.37 Bartholomäus Faber, der 1702–06 im Konstanzer Konvent lebte und 1712–22 Beichtvater in St. Katharina war,38 schrieb aszetische Schriften wie etwa Meditationsbücher.39 Bibliothek und ArchivDie Klosterbibliothek ist offensichtlich mit der Aufhebung des Klosters verloren gegangen. Das Archiv, das Augustin Höhn in seiner Provinzgeschichte mehrfach zitiert, gelangte nur in Einzelstücken an das städtische Spital. Der heutige Bestand im Stadtarchiv Konstanz bildet nur einen Bruchteil des ehemaligen Klosterarchivs. Bau- und KunstgeschichteLageAn Stelle eines Handwerkerquartiers wurde in der Südostecke der Stadterweiterung das Kloster der Augustinereremiten errichtet.40 Es lag zwischen Ausfallstraße und Seeufer an der Stadtmauer. Die erhaltene, dreischiffige Klosterkirche steht mit der Westfassade an der Straße. Der Langchor ragte in die seeseitig anschließende Klausur hinein. Teile der Klosterbauten waren auch der südöstliche Eckturm der Stadtbefestigung und Bauten entlang der Stadtmauer. Die Klausur musste 1872 dem Bau des Bahnhofsquartiers weichen. 1906/07 und 1957/58 wurden an den Mittelschiffwänden Malereien entdeckt und freigelegt («Konzilsfresken»). Sicherungsmaßnahmen 1999 bis 2006 wurden von (bau-) archäologischen und restauratorischen Untersuchungen begleitet. Dabei fanden sich Teile der ortsfesten Ausstattung im mehrfach aufgeschütteten Boden. Das 2006 neu verputzte Äußere wird durch die rundbogigen Fenster des 18. und 19. Jahrhunderts bestimmt. Kirche und KonventsbautenNach der Klostergründung 1268 (?) wurde zunächst der Langchor als freistehender Baukörper errichtet. Sein Bodenniveau lag zwei Meter tiefer als heute. Um 1280 war das dreischiffige Langhaus der Staffelhallenkirche im Bau (1279/80 [d]). Der schlammige Untergrund bedingte spezielle Fundamente und Planwechsel während des Baus (Verschmälerung und Bodenaufschüttung). Außerdem wurde ein Doppelportal zur Straße eingebaut, statt dem ursprünglich vorgesehenen schmalen Zugang von Süden. Das Mittelschiff lag mit den Seitenschiffen unter einem Satteldach. Der Backsteinboden fiel zum fünfjochigen Hallenlettner ab. Im Stadtbrand von 1398 wurde auch das Kloster beschädigt. Der Wiederaufbau der Kirche begann noch im gleichen Jahr (Dachwerk Winter 1397/98 [d]). Das Mittelschiff wurde nun um einen Obergaden mit Okuli erhöht, die Arkaden modernisiert und große Maßwerkfenster eingebaut. Der angehobene Backsteinboden bedingte einen neuen Westeingang, an den ein (Stifter-?) Grab angrenzte. 1417 erfolgte die Ausmalung des Mittelschiffs im Auftrag König Sigismunds, der während des Konstanzer Konzils (1414–18) im Kloster wohnte. Nach einem reformatorischen Zwischenspiel wurde das Kloster im 17. und 18. Jahrhundert barock umgestaltet. Der Lettner wurde 1606 abgebrochen und der wiederum angehobene Boden mit Sandsteinplatten ausgelegt. 1666 folgte die Erweiterung der Klausur, dabei wurde der Langchor verkürzt und ein Psallierchor hinter dem Hochaltar eingerichtet. Das barocke Kloster umschloss mit asymmetrisch angeordneten Gebäuden den östlich quer hinter der Kirche angelegten Kreuzgang. Die Pforte führte am Rand des schmalen, nördlich der Kirche liegenden Friedhofs in den Westflügel mit Pfortenstube und Sakristei; Kapitelsaal, Refektorium und Küche befanden sich in einem nach Osten vorspringenden Nordflügel, die Vorratsräume im Südflügel und im Stadtmauerturm. Die zwei Obergeschosse von Nord-, West- und Südflügel nahmen die Zellen auf. Dem Einbau einer Kassettendecke im Mittelschiff folgte 1686/87 der Bau der Marienkapelle südlich des Langchores für die österreichische Garnison. 1737–40 wurden im Mittelschiff ein Holzgewölbe eingebaut und die Fenster verändert. 1776 (d) hat man den Dachreiter erneuert. Ab 1796 wurden die Bauten auch vom städtischen Spital genutzt und blieben auf diese Weise auch nach der Klosterauflösung erhalten. Doch mit dem Ausbau zum Bahnhofsquartier wurden die Klosterbauten 1872 abgebrochen und an den Chor seitliche Treppentürme angefügt. Dabei wurde das östliche Drittel der Marienkapelle zerstört. Materielle Kulturgeschichte, BauausstattungIm Inneren dominieren die barocke Ausstattung und die spätgotischen Malereien der Konstanzer Maler Heinrich Grübel, Kaspar Sünder und Johann Lederhoser (1417) an den Mittelschiffwänden. Diese gehören zu den Hauptwerken des »Weichen Stils« im Bodenseeraum. In den Zwickeln zwischen den sechs weiten Spitzbögen sind Heilige dargestellt, darüber Mönchsgruppen mit den jeweiligen Ordensgründern und im Obergaden Prophetenhalbfiguren, dazwischen öffneten sich ehemals Rundfenster. Der Bilderzyklus entwickelt eine Übersicht über die wichtigsten Männerorden, verbunden mit einer Rückschau auf die Geschichte des Mönchtums.41 Auch am Chorbogen und hinter der Orgel fanden sich Malereien. Die flache Holzdecke war vermutlich ebenfalls bemalt (Reste oberhalb des Holzgewölbes von 1737/40, das die damals übertünchten Malereien überschneidet). Hochbarocke Stuckaturen von 1687 finden sich in der Marienkapelle, heute Sakristei. Am spätbarocken Holzgewölbe befinden sich Bandelwerkstuck und ein Fresko von Franz Joseph Spiegler mit Augustinus im Mittelpunkt, die im Zusammenhang mit der an der Kirche beheimateten Gürtelbruderschaft entstanden. An den Arkaden weitere Stuckaturen und reiche Rokokokapitelle. Die barocke Ausstattung der Spitalkirche wurde 1840 durch eine neogotische ersetzt, die ihrerseits 1907 einer neobarocken weichen musste. Der Hochaltar und die Seitenaltäre (1662-70) sowie die Kanzel (1641) wurden 1907 aus der abgerissenen Michaelskirche in Zug (Schweiz) übernommen. Die Altarbilder sind zum Teil jünger. Die stuckierten Decken wurden in den Seitenschiffen wie im Langchor 1907 angebracht. BibliographieQuellen: Höhn 1744; Gesterkamp 1972. Handbücher und Lexika: Dehio, Baden-Württemberg Bd. 2, S. 375 f. (Leo Schmidt); KB Konstanz Bd. 3, S. 388 (Helmut Maurer); KDM Bd. 1, S. 93–95 (Franz Xaver Kraus). Literatur: Stengele 1892; Beyerle 1905; Kunzelmann 1971; Schmid 1978 (a); Zimmermann 1994; Landesamt für Denkmalpflege 2007; Löbbecke/Röber 2007; Derschka 2015. Anmerkungen
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| Objekttyp: | Konvent |
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Literatur + Links
| Weiterführende Links: |
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