Konstanz, Franziskaner 

Kurzbeschreibung:

1240 vermutliches Gründungsdatum – 1250 Umzug an den endgültigen Ort – 1255 Weihe der Kirche Maria zur Linde – 1415 Ort der Unterwerfung Herzog Friedrichs IV. von Österreich und des Prozesses gegen Jan Hus – 1527 Auflösung im Zug der reichsstädtischen Reformation – 1548/49 Restitution des Klosters – 1808 Aufhebung

Patrozinium: Maria Himmelfahrt
Ordensgliederung: Oberdeutsche (Straßburger) (Minoriten-)Provinz, Kustodie Bodensee, nach der Reformationszeit bis 1781 Sitz des Provinzials; 1781 Vorderösterreichische Minoritenprovinz
Kirchliche Zugehörigkeit: Bistum Konstanz, kein Landkapitel

Ortsbezüge:
Ordensregel:
  • Franziskaner 1240-1808
Beschreibung:

Name: gardianus et conventus ordinis fratrum Minorum Constantiensium (1253);1 domus fratrum Minorum in Constantia (1264);2 der gardian und alle die bruoder des huoses gemainlich von Costentz sant Franciscen ordens (1306);3 wir guardian und convent deß gottshaußes St. Francisci ordinis Minorum conventualium (1671)4

Geschichte

Historische Entwicklung

Der Franziskanerkonvent in Konstanz entstand um 1240, allerdings zunächst im beengten Hinterhofbereich zwischen der heutigen Kanzleistraße und Münzgasse. Daher überließen die Franziskaner diese mit einer Marienkapelle (»Maria zur Linde«) verbundene Liegenschaft einer franziskanischen Frauengemeinschaft (→Schwestern in der Wittengasse), von der sie ein entwicklungsfähigeres Grundstück an der westlichen Stadtmauer übernahmen, wo sie ihre große Kirche errichteten, auf die sie das Marienpatrozinium übertrugen und bei deren Weihe 1255 Berthold von Regensburg predigte.5 Konstanzer Bürger förderten den raschen Ausbau des Klosters; zugleich suchte die Stadt, die Ausweitung geistlichen Immobilienbesitzes zu verhindern. Diesem Widerspruch begegneten die Franziskaner, indem sie sich verpflichteten, nicht über ihren unmittelbaren Klosterbereich auszugreifen und zum Ausbau der anliegenden Befestigungswerke beizutragen. Alsbald war ihr Kloster nicht nur im religiösen, sondern auch im bürgerlichen Leben der Stadt tief verankert; so erließen die städtischen Autoritäten die für die städtische Wirtschaft grundlegende Ordnung des Leinwandhandels auf den Champagnemessen 1289 in der »Gaststube der Minderbrüder«.6 Das Interdikt, mit dem Papst Johannes XXII. (1316–1334) 1324 die Anhänger König Ludwigs des Bayern (1314–1347) belegte, brachte den Klerus der königstreuen Stadt Konstanz mehrfach in Verlegenheit. Die Franziskaner missachteten das Interdikt sogar dann, wenn die Bischöfe es durchzusetzen suchten, so zuletzt 1346 bis 1349.7 Diese kompromisslose Haltung festigte ihr Ansehen gewiss.

Die Bischöfe schätzen das Franziskanerkloster, so etwa Marquard von Randegg (1398–1406), der 1406 den Lektor Johann Schönbentz damit beauftragte, mehrere Schwesterngemeinschaften zu regulieren, und ganz besonders Otto III. von Hachberg (1410–1434), der den Minderbrüdern 1411 eine Vollmacht erteilte, zu predigen und die Beichte zu hören, und der nach seiner Resignation 1434 häufig das Refektorium und den Chor besuchte sowie Baumaßnahmen an der Kirche bezahlte.8

Während des Konzils war das Franziskanerkloster, wo der Generalminister des Ordens Antonio Vinitti da Pireto logierte, nach dem Domstift die am intensivsten beanspruchte geistliche Einrichtung, offenbar dank geeigneter Räumlichkeiten. Die Vertreter der »deutschen« Nation tagten im Kapitelhaus, die englische Nation im Refektorium.9 König Sigismund (1411–1437) empfing dort verschiedene Delegationen; am 5. Mai 1415 nahm er die Unterwerfung Herzog Friedrichs IV. von Österreich (1402–1439) vor den Gesandten der oberitalienischen Mächte entgegen.10 Kurz darauf wurde Hieronymus von Prag im Refektorium vernommen, und in der ersten Juniwoche 1415 fand ebendort der Prozess gegen Jan Hus statt, der beim Franziskanerkloster gefangen lag.11 1417 verstarb Kardinal Francesco Zabarella, einer der Macher des Konzils, und wurde in der Franziskanerkirche bestattet, wenig später aber nach Italien überführt; seine Grabschrift war noch um 1700 sichtbar.12

Im Spätmittelalter schloss sich der Konvent nicht der Observantenbewegung an. Die Nähe zur Bürgerschaft zeigte sich auch in der Stiftung eines Messkelches durch die Bruderschaft der Schumacher zu Ehren der Patrone Crispin und Crispian im Jahr 1502.13 Mit der Durchsetzung der Reformation in der Reichsstadt Konstanz wurden auch die Handlungsmöglichkeiten des Klosters sukzessiv eingeschränkt. Die Aufnahme von Novizen wurde verboten und das Vermögen des Konvents erfasst. 1525 wurden elf Mönche durch den Rat auf die städtische Obrigkeit vereidigt. Zwar übertrug das Domkapitel 1527 den Minoriten die Aufgabe, im Kleinspital die Messe zu feiern, auch sollte das Kloster als »Sammelkonvent« dienen für die Bettelmönche, die noch in der Stadt lebten, doch scheint sich die Gemeinschaft schnell aufgelöst zu haben. Der Guardian Konrad Zimmermann heiratete und trat in städtische Dienste. Zahlreiche Mönche, darunter ein Sohn des Patriziers Hans Schulthaiß, ließen sich »abfertigen«, das heißt sie erhielten ihr in das Kloster mitgebrachtes Vermögen ausbezahlt.14 1540 wurde die leere Kirche als Fasslager benutzt. Der Kirchenschatz war bereits 1529 eingeschmolzen worden, darunter elf Kelche und Patenen und eine große silberne Monstranz. Unter den Messgewändern befanden sich Stücke, die mit den Wappen der patrizischen Stifterfamilien Blarer, von Ulm und von Gaisberg bestickt waren. Auch der Hausrat des Klosters wurde inventarisiert, darunter 47 große und kleine Weinfässer.15

Mit der Übergabe der Reichsstadt an Österreich im Herbst 1548 eröffnete sich für die Minoriten die Gelegenheit zur Restitution ihres Konvents. Gegen den Willen des Bischofs von Konstanz trat Provinzial Heinrich Stolleysen bereits im Dezember mit den österreichischen Kommissaren in Verhandlungen über die Rückkehr nach Konstanz ein. Im Februar 1549 wurde die Stadt angehalten, das Kloster für zunächst drei Brüder wieder notdürftig instand zu setzen. Die finanzielle Entschädigung für die Verluste der Reformationszeit wurde im Juni 1549 geregelt.16 Der Rat verpflichtete sich, in der leeren Kirche drei Altäre aufmauern zu lassen und für eine notdürftige Ausstattung zu sorgen (Kelche, Kirchenglocke). Am 8. September 1549 wurde der erste Gottesdienst durch den Provinzial in der Kirche gefeiert.17 1551 wurde die Kirche neu geweiht. Versuche des Konstanzer Bischofs, den Ausgleich zwischen Minoriten und Stadt zu verhindern, scheiterten.18 Die Wiedereinsetzung von städtischen Pflegern zur Verwaltung des Klostervermögens, bereits 1549 festgeschrieben, wurde 1576 durch den Bischof vertraglich eingeräumt.19 Das Kloster konnte offensichtlich schnell wieder Beziehungen zu den führenden Familien der Stadt aufbauen, wie die zahlreichen Stiftungen belegen.

1560 fand erstmals seit der Reformationszeit wieder ein Kapitel in Konstanz statt. Das Kloster wurde – anstelle des reformierten Straßburg – Sitz der Oberdeutschen Provinz. 1618 wurde für den Konstanzer Konvent eine Sollstärke von acht Priestern festgelegt. 1723 waren es sieben Priester, drei Kleriker und sieben Laienbrüder.

Die Kirchenpolitik von Kaiser Joseph II. (1765–1790) erfasste 1781 auch den örtlichen Minoritenkonvent, der gegen erheblichen Widerstand20 aus der Oberdeutschen Provinz herausgelöst wurde und – zusammen mit den anderen vorderösterreichischen Konventen (darunter →Breisach und →Villingen) – künftig eine eigenständige Provinz bildete. Die Aufnahme von Novizen wurde verboten. Der Zuzug von reformierten Fabrikanten aus Genf 1785 brachte die Konventsgebäude als einen möglichen Ort für die Einrichtung einer Uhrenfabrik ins Spiel. Überlegungen, die Minoriten in das örtliche →Kapuzinerkloster umzusiedeln, kamen 1788 nicht zur Umsetzung, ebenso widersetzte sich der Konstanzer Bischof erfolgreich dem Versuch, die Franziskanerkirche in ein reformiertes »Bethaus« umzuwidmen.

1787 umfasste der Konvent noch 13 Priester und vier Laienbrüder (1781: 16 Kleriker, 5 Laienbrüder). Finanziell konnten die Mönche, denen in der Stadt und den vorderösterreichischen Orten das Terminieren verboten war, die jährlichen Defizite nur durch Veräußerung von Zinsbriefen und Kirchensilber ausgleichen. Am 13. April 1808 wurde der Konvent förmlich aufgehoben. Die sechs Priester und drei Laienbrüder, die im Herbst die Klostergebäude endgültig verließen, wurden mit einer Pension abgefunden.

Besitz und Wirtschaft

Der Konvent finanzierte sich offenbar vorwiegend aus Spenden und Stiftungen Konstanzer Bürger; gestiftete Immobilien wurden rasch veräußert.21 Der Terminierbezirk, in dem die Konstanzer Franziskaner Spenden sammelten, umfasste in heutigen Begriffen neben der Stadt die Kantone Thurgau und St. Gallen (mit beiden Appenzell) sowie den Norden Vorarlbergs; Niederlassungen bestanden in Frauenfeld, Wil und St. Gallen.22 Ein Zins aus Höfen in Altnau ist 1368 belegt, Zinsen aus Konstanzer Häusern seit dem späten 15. Jahrhundert.23

Angaben zu dem frühneuzeitlichen Besitz des Klosters sind erst für das späte 18. Jahrhundert möglich, als der Konvent unter Guardian Patrizius Heindel detaillierte Verzeichnisse anlegte.24 1781 hatte der Konvent Zinsbriefe im Gesamtwert von rund 33.000 Gulden zumeist in nicht sehr großen Beträgen verliehen; in Einzelfällen lassen sich Kapitalbriefe auf Stiftungen von Jahrtagen zurückführen. Der räumliche Radius der Zahlungspflichtigen umschreibt den traditionellen Einzugsbereich der Stadt im Thurgau und dem Bodenseeraum.

Grundbesitz erwarb der Konvent nicht aktiv, sondern erhielt ihn nur indirekt über andere Gemeinschaften. So stiftete Dompropst Maximilian Heinrich von Bayern (1626–1653), als Inhaber der Ortsherrschaft, ein Lehengut (Klausmannslehen) in Wurmlingen, das aus dem Besitz der dortigen Schwesternsammlung stammte, die seit der Reformationszeit nicht mehr bewohnt war, aber erst 1631 formal aufgelöst wurde.25 Ebenso konnte der Minoritenkonvent die Besitzungen der Konstanzer →Sammlungsschwestern, die nach der Reformation nicht wieder restituiert wurden, an sich bringen. Die Urkunden wurden separat aufbewahrt, auch wurden die Einkünfte gesondert ausgewiesen, darunter aus dem Sammlungshof zu Dingelsdorf.26

Religiöses und kulturelles Wirken

Die Nachfrage der Bürger nach der Seelsorge durch die Franziskaner trug die Gründung und den Ausbau des Klosters, das diesen Erwartungen offenbar gut entsprach, wie die frühen Zuwendungen beweisen.27 Dadurch geriet der Konvent in Konkurrenz zur benachbarten Stadtpfarrkirche →St. Stephan, deren Weltpriester ihr Recht auf die Spendung der Sakramente zu behaupten suchten. Der Streit wurde 1291 dergestalt entschieden, dass die Franziskaner an Ostern von der Sakramentenspendung absehen sollten. Der hier als Schiedsrichter angerufene Bischof Konrad Probus von Toul (1272–1296) war zuvor Lektor in Konstanz gewesen, wo er nach seiner Resignation 1303 starb.28 Im Spätmittelalter war das Franziskanerkloster für die Stadtbevölkerung die wichtigste religiöse Einrichtung neben den Pfarrkirchen: Es erhielt von allen Konstanzer Klöstern die meisten testamentarischen Zuwendungen und Jahrtagstiftungen; seine Kirche war als Begräbnisstätte gesucht.29

Daneben betreuten die Konstanzer Franziskaner einige Drittordens- und Schwesterngemeinschaften ihres Terminierbezirks. Eine seit Anbeginn enge, vom Provinzial Berthold 1290 explizit eingeforderte Beziehung bestand zur Sammlung in der Konstanzer Wittengasse, ferner zu den →Schwestern im Turm in der direkten Nachbarschaft der Franziskaner; der Konstanzer Guardian beaufsichtigte die →Sammlung zum Garten auf der Reichenau. Um die Mitte des 15. Jahrhunderts entstanden mehrere Schwesterngemeinschaften in der Stadt St. Gallen, die wie die Gemeinschaften im Umland vom Terminierer in St. Gallen betreut wurden. Die zahlreichen ländlichen Gemeinschaften wurden nur gelegentlich von Franziskanern aus Konstanz besucht und daher vorrangig von den zuständigen Pfarrern betreut; gegen Ende des 15. Jahrhunderts schlossen sich einige dieser Gemeinschaften der Observantenbewegung an, verbunden mit einer Ausrichtung weg von Konstanz nach Lenzfried.30

Mit Marquard von Lindau († 1392) lebte und starb einer der fruchtbarsten Autoren des Franziskanerordens in Deutschland in Konstanz. Dessen theologische und erbauliche Schriften in lateinischer und deutscher Sprache waren im ausgehenden Mittelalter verbreitet und wurden sogar gedruckt.31 Sein Hauptwerk De reparatione hominis lapsi ging in eine Sammelhandschrift ein, die der Franziskaner Johann Ramsperger um die Mitte des 15. Jahrhunderts in Konstanz verfasste und die ansonsten Predigtmanuskripte enthält.32

Nach Ausweis von Testamenten aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts war nach der Stadtkirche St. Stephan das Franziskanerkloster mit seinem angrenzenden Friedhof der bevorzugte Begräbnisort der Bürgerschaft. Neben dem Kirchhof33 sind auch Bestattungen im Kreuzgang34 und in der Kirche bzw. in einzelnen Kapellen belegt.

Eine ähnliche Präferenz wie bei den Begräbnissen gab es auch bei der Stiftung von Jahrtagen. Familien aus dem Patriziat und der wohlhabenden Führungsschicht der Stadt hatten zu den Franziskanern enge Beziehungen, die durchaus an vorreformatorische Traditionen anschlossen.35 Der Patrizier Hans Muntprat und seine Frau Anna von Landenberg stifteten auf dem Familien-Altar einen ewigen Jahrtag.36 Maria Salome Rassler, Witwe des Meersburger Obervogts Johann Ulrich Eggsin, ließ den Hauptaltar der Kirche zu Ehren der Gottesmutter und des Hl. Franziskus neu errichten. Sie wurde im Mittelgang der Kirche in der Nähe ihres Betstuhls bestattet.37 Familienbegräbnisse sind auch für die Familien Tritt und Dietrich belegt, die zum Teil auch mit Eingriffen in die Bausubstanz der Kirche verbunden waren. In der Familienkapelle der Patrizierfamilie Tritt von Wildern ließ sich Weihbischof Johann Anton Tritt (1619–1639) bestatten.38 Der Konstanzer Ratsherr Wilhelm Dietrich (von Landsee) und seine Frau Anna Herbst von Herbstburg, Eltern des Domdekan Georg Dietrich (1626–1634), stifteten 1611 einen Jahrtag am Familienbegräbnis, dessen Kapelle 1635 baulich erweitert wurde.39 1734 wurde die Kapelle auf den Hl. Venturinus, dessen Reliquien am 5. Oktober 1734 dorthin überführt wurden, geweiht. 1771 ließ der Konvent die gestifteten Jahrtage in einem aufwendigen Verfahren schriftlich erfassen.40

Die 1586 errichtete Strickgürtel-Bruderschaft, in den Quellen bisweilen auch als Franziskus-, Antonius- und Sebastianbruderschaft genannt, wurde 1783 aufgehoben. Deren Mitglieder trugen in Anlehnung an den Habit der Franziskaner einen Strickgürtel. Die Bruderschaft hatte aber offensichtlich keine größere Ausstrahlung; sie zählte bei ihrer Aufhebung nur 36 Mitglieder. Aufgabe der Bruderschaft, deren Mitglieder monatlich Heiligenbildchen mit Andachtstexten erhielten, war das Totengeleit mit der eigenen Fahne. 1694 wurde eine Josephsbruderschaft gegründet.

In der Frühneuzeit betreute der Konvent seelsorgerlich das städtische Heilig-Geist-Spital. In der →Domkirche (seit 1689) wie auch in der →Stiftskirche St. Stephan versahen die Mönche die Beichte. Der Guardian Johann Bruder war Beichtvater des Konstanzer Bischofs Kardinal Andreas von Österreich. Im späten 17. Jahrhundert erlebte der Konvent eine kulturelle Blüte. Irenäus Schwendimann publizierte mehrere Predigtbände (Collyrium caecorum […] Dominicale primum, 1697; Dominicale secundum, 1698; Dominicale tertium, 1699; Hortus Salomonis […] Festivale primum, 1697; Festivale secundum, 1698; Festivale tertium, 1699; zudem ein weiterer Predigtband Ferculum sive currus et thronus triumphalis veri Salomonis, 1707). Konstantin Steingaden († 1675) war Kapellmeister an der Bischofskirche. Von Vinzenz Mayer sind zahlreiche gedruckte Predigten zu verschiedenen Festlichkeiten (etwa zur Kanonisation der Elisabeth von Reute, 1768) erhalten.

Bibliothek und Archiv

Die Klosterbibliothek wurde nach der Aufhebung des Konvents an das Lyzeum (heute Heinrich-Suso-Bibliothek) übergeben. Es ist davon auszugehen, dass der Großteil des Bestands erst in der Frühneuzeit erworben wurde.

Das Klosterarchiv erlitt offensichtlich in der Reformationszeit starke Verluste, auch wenn die Stadt 1549 verpflichtet wurde, noch vorhandene Urkunden an die Franziskaner zurückzugeben.41 Provinzial Gabriel Mayer (1647–1650, 1653–1656) ließ Unterlagen aus den einzelnen Konventen – vermutlich als Grundstock für ein künftiges Provinzialarchiv – in Konstanz zusammenführen. Mit der Abtrennung der vorderösterreichischen Klöster aus der Oberdeutschen Provinz, wurde das Provinzarchiv 1781 von Konstanz nach →Überlingen verbracht. Mit der Aufhebung des Klosters 1808 kamen die Unterlagen des Konstanzer Konvents in Auswahl in das Generallandesarchiv in Karlsruhe.

Bau- und Kunstgeschichte

Lage

Die ersten Franziskaner hatte ihre Niederlassung in einem Privathaus in der Münzgasse, früher Sammlungsgasse genannt. 1240 erhielten sie von der Stadt Konstanz ein großes, unmittelbar an die Stadtmauer grenzendes Quartier südlich der Stephanskirche als Bauplatz. Die Baugeschichte der Gesamtanlage ist nicht in allen Punkten geklärt. 1255 wurde eine erste Klosterkirche geweiht. 1295 fiel in Folge eines Erdbebens das krütz uff der barfüßer kirchen überabend an die erd.42 Nach dem Erdbeben wurde die Kirche wiederhergestellt. Grundstücksankäufe 1296 östlich und nordöstlich des Klosters dürften mit einer Vergrößerung von Kirche und Kloster in Zusammenhang stehen. 1306 musste sich das Kloster verpflichten, keinen weiteren Grund zur Vergrößerung des Klosters zu erwerben und seinen Garten mit einer Mauer einzufassen.43 Der Verlauf der Mauer ist in einer Bestandsaufnahme von 1818 dokumentiert. Erste bauarchäologische Untersuchungen erfolgten 1924.

Kirche

Die Klosterkirche verfügte über ein flachgedecktes dreischiffiges basilikales Langhaus mit sechs spitzbogigen Arkaden und einem gerade geschlossenen Langchor. Die weit gespannten spitzbogigen Langhausarkaden datieren stilistisch und anhand der dort angebrachten Steinmetzzeichen in die Zeit um 1300 beziehungsweise in das erste Viertel des 14. Jahrhunderts und sind damit bereits einem zweiten Kirchenbau an dieser Stelle zuzuweisen. Das hochgotische Mauerwerk endet etwa 5,55 m über der Kämpferzone der Langhausarkaden mit einem Gesims. Das Mauerwerk oberhalb des Gesimses ist jünger als das Mauerwerk der Arkadenzone. Die Scheitel der Arkaden liegen nur etwa 0,85 m unter der Mauerkrone der Seitenschiffwände, so dass für die Seitenschiffe offene Dachwerke wie in der Esslinger und Schaffhauser Franziskanerkirche, oder zum Mittelschiff hin ansteigende Decken naheliegend wären. Das Mittelschiff verfügte ursprünglich über keinen Obergaden und dürfte ebenfalls ein offenes Dachwerk oder eine Holztonne besessen haben. Stilistisch sind die Basen und die Kapitelle der Stützen jenen in der Überlinger →Franziskanerkirche (1309 [d]) und in der Klosterkirche Königsfelden (1314 [d]) verwandt. Wohl schon im 14. Jahrhundert erfolgten Anbauten an der Südseite des Chors. 1373 ist die Weihe einer Marienkapelle an dieser Stelle überliefert.

Mit den Geldern, die das Kloster als Ersatz für die Aufwendungen während des Konzils erhielt, wurde eine Modernisierung der Gebäude finanziert. Dieser Bauphase ist der Obergaden der Klosterkirche mit einer dichten Folge von elf Okuli zuzurechnen. An einem Fenster der Nordwand sind noch Teile des Maßwerks mit Fischblasenmotiven sowie Putz und Fassungsbefunden erhalten. An der Nordseite des Langhauses auch Befunde zum Außenbau mit einer Graufassung der Fenstergewände mit rotem Begleitstrich. 1420 wurden Chor und Kirche auf Veranlassung von Bischof Otto von Hachberg-Sausenberg erneuert. 1727 erfolgte der Neubau des Chors über alten Fundamenten unter Verwendung von Abbruchmaterial. Die Finanzierung erfolgte durch Spenden.44 Nach der Erneuerung der Dachwerke über Chor (W 1726/27 [d]) und Langhaus (W 1732/33 [d]) folgten eine Umgestaltung der drei Westfenster und der Obergaden- und Seitenschifffenster sowie die vollständige Barockisierung des Innenraums. Im Chor wurden zwei Lattengewölbe mit Hängekuppeln eingebaut. Das Langhaus blieb flachgedeckt. 1734 erfolgte die Neuweihe der Kirche mit insgesamt sieben Altären. 1737 wurde eine neue Orgel errichtet und 1777 folgte ein neuer Dachreiter mit einer Kupferverkleidung. Von der raumfesten barocken Ausstattung sind nach den Umbauten des 19. Jahrhunderts nur geringe Reste erhalten. An der Ostwand blieben Stuckreste und das Fragment einer Inschrift erhalten.45

Im nördlichen Seitenschiff finden sich Fragmente spätgotischer Wandmalereien, deren Interpretation durch zusammenführende Retuschen erschwert ist. Man erkennt das Fragment einer Gethsemane-Szene, eine Gruppe von drei Stiftern, die vielleicht zu diesem Bild gehören, ein nicht zugehöriges Gemälde mit dem Schweißtuch der Veronika und schließlich anstoßend an einem Fenstergewände das Fragment eines Landschaftshintergrunds, der aber zu keinem der anderen Malereifragmente passt. Wohl während der Reformation, spätestens aber nach dem Konzil von Trient, wurden diese Malereien komplett übertüncht. Eine darüberliegende frühbarocke gemalte Altararchitektur ist auf 1602 (i) datiert (Abb. 2). Die Ausstattung der Familienkapellen der Tritt vom Wildern und der Dietrich von Landsee wurden bereits 1667 durch den Weingartner Benediktiner Gabriel Bucelin gerühmt.46 Er hob auch das Gemälde der Vision des Propheten Ezechiel von der Auferstehung der Toten hervor. Das Bild wird Philipp Memberger zugeschrieben und soll sich in der Kapelle der Familie Dietrich von Landsee befunden haben (Abb. 3). Es kam auf verschlungenen Wegen in die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe. Zwölf Apostelstatuen (um 1700) aus der Klosterkirche sind in der nahe gelegenen Pfarrkirche St. Stephan erhalten, für die sie 1833 erworben wurden.

Konventsbauten

Die Konventsgebäude nördlich der Kirche waren ursprünglich um zwei Höfe gruppiert und umfassten einen erheblich nach Norden vorspringenden Westflügel. Der kleinere östliche Hof nördlich des Chors ist heute komplett modern überbaut, während der größere westliche Hof in seiner spätbarocken Kubatur weitgehend erhalten ist. An der Nordwestecke des Klosters befindet sich ein nach Westen vorgelagerter Anbau, der in seiner heutigen Gestalt aus dem späten 19. Jahrhundert stammt, vermutlich aber auf dem den Stadtgraben überbauenden Turm gründet, in dem sich die Latrine des Klosters befand. 1306 verpflichtete sich der Konvent, diesen Abortturm (Danzger) um zwei Geschosse zu erhöhen und in die Stadtbefestigung einzugliedern.47 Der Turm ist auf einer Vogelschauansicht von Süden aus dem Jahr 1575 zu sehen.48 1560 war der nun als Barfüßerturm bezeichnete Bau in so schlechtem Zustand, dass er bis auf das Erdgeschoß abgetragen und wieder neu aufgebaut werden musste. Da sich hier bis in das 19. Jahrhundert ein Abtritt befunden hat, liegt eine entsprechende Nutzungskontinuität nahe.

Ende des 17. Jahrhunderts erfolgten umfangreiche Baumaßnahmen, vermutlich bereits unter der Leitung von Ulrich (Taufname: Joseph) Beer (1655–1714), dem älteren Bruder von Franz II. Beer von Blaichten, der in Konstanz seine Profess als Laienbruder abgelegt hatte und als Baumeister in der Ordensprovinz wirkte (siehe auch →Offenburg Franziskaner, →Überlingen Franziskaner, →Villingen Franziskaner). Ab 1687 erfolgten Umbau und Erhöhung des südlichen Teils des Westflügels mit der Klosterbibliothek (W 1687/88 [d]). Für 1688 ist der Einsturz des Kreuzgangs überliefert. In demselben Jahr erfolgte die Grundsteinlegung für einen Neubau in östlicher Verlängerung des Nordflügels (W 1687/88 [d] und S 1688 [d]). Aus dieser Zeit stammte wohl auch der nicht erhaltene Ostflügel des östlichen Hofes. Weitere umfangreiche Baumaßnahmen sind ab 1709 belegt. Tiefgreifender Umbau der Klosteranlage unter Leitung von Ulrich Beer. Der Baubeginn erfolgte am nördlichen Ende des Westflügels (W 1709/10 [d]) mit dem Abtritt, der Klosterküche und dem Refektorium im Erdgeschoss. In dem heute unterteilten Refektorium ist die kräftige Stuckdecke mit gezogenen Rahmenmotiven und Muscheldekor erhalten. Am Ansatzpunkt des Nordflügels gibt es eine eigenwillige Dachwerkskonstruktion mit Ausbildung einer walmartigen Ecklösung, ähnlich wie ein Jahr zuvor schon im Franziskanerkloster von →Überlingen. 1711 wurde auch der westliche Teil des Nordflügels komplett erneuert (Dachwerk W 1710/11 [d]). Etwas später wurde der Bibliotheksaal im zweiten Obergeschoss des südlichen Teils des Westflügels erneuert und erhielt eine Stuckdecke mit teilweise beschädigten figürlichen Flachreliefs. Dargestellt sind Episoden aus dem Leben des Hl. Franziskus mit fragmentierten Inschriften (Abb. 6). Der Ostflügel des westlichen Hofes wurde erst nach der Mitte des 19. Jahrhunderts bis auf die heutige Höhe emporgezogen. Im großen Klosterhof gab es eine vom nördlichen Seitenschiff der Kirche aus zugängliche Kapelle mit drei Konchen, vergleichbar der entsprechenden Kapelle im Überlinger Franziskanerkonvent.

Nach der Aufhebung des Klosters wurde die Kirche 1808 profaniert. Eine Versteigerung der Gebäude scheiterte aus Mangel an finanzkräftigen Interessenten. Die Anlage wurde danach als Kaserne genutzt. Die Kapelle im großen Klosterhof war zu diesem Zeitpunkt bereits abgebrochen. 1844 kaufte die Stadt Konstanz den Gebäudekomplex und baute ihn zum Stadthaus um. In diesem Zuge wurden das südliche Seitenschiff und die südlichen Anbauten an den Chor einschließlich der 1373 geweihten Marienkapelle zur Verbreiterung der früheren Brudergasse/Franziskanergasse und späteren Schulstraße abgetragen. Es wurden Zwischengeschosse in den ehemaligen Kirchenraum eingezogen und ein Sitzungsaal im Obergeschoss des Chors eingerichtet. Zur Erschließung wurde 1845 ein neues Treppenhaus am Ostende des nördlichen Seitenschiffs eingebaut (Waldkante 1844/45 [d]). Teile des kleinen Klosterhofs wurden zugunsten eines Feuerwehrmagazins abgebrochen. Erst 1848 wurden die Umfassungsmauern des Klosterbezirks, insbesondere nach Süden, Osten und Norden hin, niedergelegt. Die ehemaligen Konventsgebäude wurden ab 1864 unter anderem für eine Knabenschule, eine Gewerbeschule und eine Handelsschule genutzt. Schon vor 1875 wurde der Nordflügel am östlichen Ende um zwei Fensterachsen verkürzt und das Dach hier mit einem Walm versehen. 1875 folgten ein erneuter Umbau des Chors und die Verlegung des Bürgersaals in das Erdgeschoss. Gleichzeitig wurden die Remisen für die Feuerwehr erweitert. Der Komplex wird bis heute als Schule genutzt. Anstelle der von der Feuerwehr genutzten Räume wurde in den 1970er Jahren eine Schulturnhalle erbaut. Der historistisch ausgestattete Bürgersaal im ehemaligen Chor der Klosterkirche dient heute als Veranstaltungs- und Ausstellungsraum.

Bibliographie

Quellen: Müller/Tschan 1964, S. 52–54.

Handbücher und Lexika: KB Konstanz Bd. 3, S. 388 (Anneliese Müller); KDM Bd. 1, S. 229 f. (Franz Xaver Kraus).

Literatur: Marmor 1860, S. 95–101; Eubel 1886; Stengele 1889 (b); Motz 1925; Schmid 1978 (a); Zimmermann 1994.

Anmerkungen

  • 1 Beyerle 1902, Nr. 32 S. 39 (20. 7. 1253).
  • 2 Beyerle 1902, Nr. 46 S. 56 f. (27. 6. 1264).
  • 3 Beyerle 1902, Nr. 126 S. 162 f. (30. 5. 1306).
  • 4 GLA 5 Nr. 9518.
  • 5 Jahresgeschichten der Franciscaner-Conventualen in Baden, in: Mone III, S. 630.
  • 6 Wielandt 1952, Nr. 4 S. 3 f.
  • 7 Maurer 1989 I, S. 19 4-197; Böhmer/Huber 1868, S. 50 (Heinrich von Dießenhofen).
  • 8 Müller/Tschan 1964, S. 53; Wilts 1994, S. 220; Janson 1968, S. 251, S. 273.
  • 9 Chronik Konstanzer Konzil I, c. 45, 1 S. 153; c. 94, 2 S. 165.
  • 10 Buck 2020 Bd. 1, c. 12 8-134, 2 S. 18 4-188.
  • 11 Novotný 1932, S. 341 f. (Petrus de Mladoňowic); Acta concilii Constanciensis IV, Nr. 483 S. 510 (Franz von Dachau?); Krzenck 2011, S. 16 8-176.
  • 12 Chronik Konstanzer Konzil I, c. 246; Magnum oecumenicum Constantiense Concilium 1700, S. 10.
  • 13 GLA 5 Nr. 9417 a (22. 3. 1502).
  • 14 GLA 5 Nr. 928 3-9285, 9287, 9289 f., 929 3-9299, für die Jahre 152 4-1533 mit zwölf namentlich genannten Mönchen.
  • 15 Verzeichnisse ediert bei Prange 2012.
  • 16 GLA 5 Nr. 9058 (6. 6. 1548), notarielle Beglaubigung GLA 5 Nr. 9059 (24. 8. 1549).
  • 17 Müller/Tschan 1964, S. 54.
  • 18 Ebd.
  • 19 GLA 5 Nr. 7220 f. (12. 11. 1576).
  • 20 GLA 209 Nr. 1425; Eubel 1886, S. 13 8-143 (mit Abdruck der Suppliken).
  • 21 Beyerle 1902, Nr. 126 S. 162 f. (1306); Konstanzer Urkunden III, Nr. 326 S. 51 (1471).
  • 22 Wilts 1994, S. 28.
  • 23 Konstanzer Urkunden I, Nr. 478 S. 144 (1368); III, Nr. 800 S. 128 (1488); IV, Nr. 943 S. 137 (1523) u. ö.
  • 24 GLA 66 Nr. 10676, 10871.
  • 25 GLA 5 Nr. 2089 9-20901, 2090 3-20905 (Lehenbriefe von 1649, 1678, 1693 und 1739); GLA 62 Nr. 4921 (Rechnungen 1809/10).
  • 26 GLA 66 Nr. 10781 f.
  • 27 Beyerle 1902, Nr. 25 S. 3 1-33 (1250); Konstanzer Urkunden I, Nr. 19 S. 9 f. (1262).
  • 28 HelvSac V, 1, S. 54, 5 9-61.
  • 29 Baur 1989, S. 13 0-140; Konstanzer Urkunden II, Nr. 607, 610 S. 122 f. (1443).
  • 30 Wilts 1994 passim.
  • 31 Verfasserlexikon Bd. 6, Sp. 8 1-126.
  • 32 Autenrieth 1968, S. 139 f.
  • 33 GLA 5 Nr. 9486, Patrizier Johann Ulrich Leiner (9. 2. 1627).
  • 34 GLA 5 Nr. 9468 f., Patrizierin Barbara Betz (12. 4. 1617).
  • 35 GLA 209 Nr. 880 a (Verzeichnis von Messverpflichtungen).
  • 36 GLA 5 Nr. 9448 f.; GLA 67 Nr. 511, S. 9 7-105.
  • 37 GLA 5 Nr. 7334 (18. 10. 1628).
  • 38 Stiftungen der Familie Tritt: GLA 67 Nr. 1551, S. 5 4-58 (16. 11. 1600); GLA 5 Nr. 9477 (7. 6. 1623); Regelungen zu der Gestaltung der Jahrtage für den Weihbischof GLA 5 Nr. 9498 (12. 11. 1640), 9512 (5. 12. 1663).
  • 39 GLA 5 Nr. 9462 (20. 2. 1611), 7735 (4. 3. 1635); Zustiftungen: GLA 5 Nr. 9617 (24. 6. 1776).
  • 40 GLA 5 Nr. 957 7-9610.
  • 41 GLA 209 Nr. 1315 (2. 6. 1551).
  • 42 Ruppert 1891, S. 35.
  • 43 Beyerle 1902, Nr. 126 S. 162 f.
  • 44 GLA 209 Nr. 636 (6. 4. 1726).
  • 45 Knapp/Lung 2007, S. 18.
  • 46 Bucelin 1667, S. 8.
  • 47 Beyerle 1902, Nr. 126 S. 162 f.; StadtA KN Urkunde Nr. 622.
  • 48 Gleichenstein u. a. 1987, S. 27, Kat. Nr. 2. 1. 4
Objekttyp: Konvent
Personenbezüge:
  • Harald Derschka [Autor]
  • Wolfgang Zimmermann [Autor]
  • Ulrich Knapp [Autor]
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