Tauberbischofsheim, Franziskaner 

Kurzbeschreibung:

1629/1630 Gründung – 1637 Erhebung zum Konvent – 1823 Aufhebung

Patrozinium: Lioba
Ordensgliederung: 1629 Kölnische, 1665 Thüringische Observantenprovinz
Kirchliche Zugehörigkeit: Erzbistum Mainz, Landkapitel Tauberbischofsheim

Ortsbezüge:
Ordensregel:
  • Franziskaner 1629-1823
Beschreibung:

Name: Episcopiensis (1629)1

Geschichte

Die Minderbrüder leisteten ab 1629 in der Stadt Aushilfe bei der Seelsorge. Nachdem sich der örtliche Pfarrer und der Amtmann für die Gründung einer franziskanischen Niederlassung ausgesprochen hatten, erteilte der Mainzer Erzbischof am 12. März 1630 die offizielle Genehmigung für eine diesbezügliche Gründung.2 Die Franziskaner waren im leerstehenden Kaplanshaus untergebracht und siedelten 1635 in das ehemalige Hospital mit der angrenzenden Elisabethkirche über.3 1637 wurde die bis 1665 zur Kölnischen, danach zur Thüringischen Franziskanerprovinz zählende Niederlassung zum Konvent erhoben. 1655 wurde das Kloster erweitert und ein Jahr später der Grundstein für eine neue Kapelle gelegt. Die kurfürstlichen Beamten lehnten 1702 eine Bitte hinsichtlich einer Verlegung des Klosters vor die Stadttore ab.4 Das Kloster wurde an der alten Stelle in den Jahren 1719–22 weiter ausgebaut.

Die Franziskaner übernahmen 1629 die Kaplansdienste und betreuten zeitweise die gesamte Pfarrei. Außerdem versahen sie in mehreren Dörfern des Umlandes die Seelsorge.5 Zudem gründeten sie die Gürtelbruderschaft und die Bruderschaft der Unbefleckten Empfängnis. Die Minderbrüder waren 1634 als Seelsorger in umliegenden Dörfern tätig, deren Pfarrer vor den Schweden geflohen waren.6

Im November 1687 bat der Rat von Tauberbischofsheim die Franziskaner, einen Lehrer für die drei oberen Klassen des Gymnasiums bereitzustellen.7 Anfang 1688 genehmigte der Mainzer Kurfürst die Eröffnung eines Gymnasiums in Tauberbischofsheim und drohte den Minderbrüdern, ihre Zahl zu reduzieren, falls sie nicht den Unterricht übernähmen.8

Im Umfeld der Mainzer Schulreformen wurde das Gymnasium 1771 geschlossen, aber drei Jahre später wieder eröffnet, nachdem der Rat dem Fortbestand der Schule und einer besseren Bezahlung der Lehrer zugestimmt hatte.9 Die 1827 erneut geschlossene Schule wurde bereits 1828 unter staatlicher Aufsicht als »Pädagogicum« wiederbegründet. Ab 1846/47 bestand in den Räumen des früheren Klosters wieder ein Vollgymnasium.10

Neben dem Gymnasium waren in Tauberbischofsheim von 1677 bis 1785 immer wieder wechselnde Zweige des ordenseigenen Studiums der Thüringischen Franziskanerprovinz untergebracht. Im Jahr 1705 wurden zwei Theologielektoren aus Tauberbischofsheim zu Disputationen an die Würzburger Universität geladen.11

Im Jahr 1803 fiel Tauberbischofsheim an das Fürstentum Leiningen, 1806 an das Großherzogtum Baden. Die neue Regierung setzte den Konvent auf den Aussterbeetat. Eine sofortige Auflösung des Klosters unterblieb, weil die badische Regierung nicht für die Pensionskosten der Minderbrüder aufkommen wollte.12

Eine Inventarisierung aus dem Jahr 1814 wies kaum Mobiliar auf, die Klostergebäude waren baufällig.13 Im Jahr 1816 lebten im Kloster noch sechs Patres und fünf Laienbrüder. Das Kloster wurde 1823 offiziell aufgelöst, die Gebäude an die Stadt übergeben und den letzten Insassen eine jährliche Pension zugesagt. Die Gebäude fielen dem Gymnasialfonds zu und dienten als Schule. Die Bibliothek wurde zu einem geringen Teil verkauft, der Rest makuliert. Seit 1814 diskutierte Pläne, das Kloster zum Gefängnis umzubauen, wurden nicht realisiert. Ein Teil der Gebäude brannte 1862 ab, wurde aber wieder aufgebaut, da dort das Gymnasium untergebracht war.14

Bau- und Kunstgeschichte

Lage

Das Kloster lag im Zentrum der Stadt auf einer schmalen, langen Parzelle an der Südseite des Marktplatzes und an der Westseite der Klostergasse (ehem. Spitalgasse); es übernahm einen Teil des städtischen Spitals. Die nach Süden ausgerichtete Kirche bildet den Nordteil des Ostflügels. Anfangs hatten die Franziskaner die Friedhofskapelle St. Sebastian neben der Pfarrkirche und das zugehörige Kaplaneihaus als Hospiz genutzt. Ein frühes Baugesuch für den Bereich zwischen Oberem Tor und Schloss wurde von der Stadt abgelehnt; ein Bauplatz vor den Mauern, an der Kapelle St. Peter, von den Franziskanern.15 Die Kirche diente 1877–95 der evangelischen Gemeinde und war 1928–48 profaniert; 1965–68 wurde sie verändernd restauriert. 1823–68 nutzte die Stadt das Kloster als Gymnasium, seit 1985 für die Stadtverwaltung.

Kirche und Konventsbauten

Die Baugeschichte ist durch einen Bericht des Guardians Johann Thony und die Klosterchronik von P. Adam Bürvenich überliefert. Die Franziskaner übernahmen 1636 mehrere Gebäude des Spitals und die Spitalkapelle St. Elisabeth, von der Mauerreste und Gräber 1968 ergraben wurden. 1646–49 konnten sie drei Häuser südlich des Mühlkanals erwerben und abbrechen und ihr neues Areal ummauern. Am 25. März 1656 fand die Grundsteinlegung zu einer größeren Klosterkirche statt, die am 14. Oktober 1657 zu Ehren der Hll. Elisabeth und Lioba geweiht wurde.16 1664 wurden Brauhaus und Infirmarie neugebaut. 1702 scheiterte ein Vorhaben, das sehr kleine Kloster außerhalb der Stadt an der Mariahilf-Kapelle neu zu errichten.17 1710 erwarben die Franziskaner dann weitere Gebäude südlich des Mühlkanals,18 und 1720–22 folgte ein stark vergrößerter Klosterneubau auf dem Spitalgelände. Danach konnte die Kirche nach Süden um die Sakristei erweitert und neu ausgestattet werden. Versuche von 1725–30 und 1736/37, weitere, südlich an den Klostergarten angrenzende Parzellen zu erwerben, blieben erfolglos.19 Das große Tauberhochwasser 1732 beschädigte Grabsteine und Altarplatten in der Klosterkirche.20 1753 ließ der Konvent die Kirche erneut modernisieren.

Die Franziskanerkirche ist eine auffallend schlichte, rechteckige Saalkirche mit einem hölzernen Flachtonnengewölbe. Ihre Nordfassade ist zum Markt gerichtet. Das dorische Säulenportal mit gesprengtem Giebel bekrönt eine Statue des Hl. Franziskus; es zeigt die Wappen von Sickingen und Tauberbischofsheim. Drei große Rechteckfenster (1753 [i]) und zwei Okuli durchbrechen die Wandfläche. Als Kirche ausgezeichnet wird die Fassade durch geschweifte Halbgiebel mit Voluten, die ein kleines Giebeldreieck tragen. In den Längswänden öffnen sich in acht Achsen große Segmentbogenfenster. Der Chor wurde durch zwei Seitenaltäre ausgeschieden; zu Seiten des Hochaltars öffnen sich Türen zu Sakristei und Winterchor. In die Wände des Laienraum sind beiderseits je drei Beichtstühle eingelassen, eine kleine Orgelempore steht vor der Nordwand. Wenige kleine Bildfelder zieren das zurückhaltend stuckierte Tonnengewölbe; sie sind signiert »A. W. Stein 1756«.

Im Süden stößt die Kirche gegen ein dreigeschossiges, quer zur Klostergasse stehendes Giebelhaus wohl des 15. Jahrhunderts, das den Südflügel des älteren Reichenspitals gebildet hatte und 1636–1722 das Konventshaus bildete. Es besaß einen Gewölbekeller und zwei Fachwerkobergeschosse. Dort war Platz für das Refektorium, Gastzimmer und 14 Zellen.21 Nach 1721 nahm es im Erdgeschoss die Sakristei sowie im Obergeschoss den beheizbaren Winterchor des Konvents auf, in dem eine zweite Orgel stand. Die Klosterpforte trägt die Jahrzahl 1648.

Die drei südlich angrenzenden, 1720/21 errichteten Flügel der Klausur wurden zweigeschossig gebaut. Im langen Ostflügel befanden sich im Erdgeschoss u. a. die Konventstube und eine Begräbnisgruft; der breitere, kurze Südflügel nahm das Refektorium und Gastzimmer auf; im Obergeschoss waren jeweils Zellen eingerichtet. Der schmale Westflügel diente vornehmlich Wirtschaftsräumen. Ein neuer Nordflügel konnte 1722 im Tausch für einen anderen Gebäudeteil auf Spitalgrund erbaut werden; er nahm sechs weitere Zellen auf. Er setzte das Giebelhaus fort und fiel 1862 einem Brand zum Opfer. Auch der Brunnen am Weinkeller, dessen Becken wohl ein frühmittelalterliches Kapitell des →Liobaklosters bildete, wurde bis 1722 von Kloster und Spital gemeinsam genutzt. Der doppelgeschossige Kreuzgang umzog die Hofseite aller vier Flügel.

Klausurgebäude und Kreuzhof überbauten den Mühlbach, dessen Gewölbe 1721 erneuert wurde. Im Süden schloss sich ein Garten an, der bis zu den Anwesen an der Eichstraße reichte; er ist teilweise modern überbaut. Der Torweg ist 1763 (i) datiert.

Materielle Kulturgeschichte, Bauausstattung

Die Kirche hatte ihre Rokokoausstattung 1898 noch weitgehend bewahrt. Der Hochaltaraufbau prägt durch seine acht rot marmorierten Säulen und Paneele mit goldenen Details und weißen Statuen den Raum. Das Altarbild zeigt die Glorifizierung der Hl. Lioba. Die zwei Seitenaltäre und das Chorgestühl wurden 1965 abgebaut. Beichtstühle, Kommunionbank und vor allem die Kanzel mit ihrer dunklen, durch Silber und Gold akzentuierten Holzfarbigkeit gehören zur Ausstattung von 1753. Sieben mehrfarbig gefasste Statuen von Heiligen stehen im Laienraum zwischen den Fenstern; unter ihnen waren geschmiedete Kerzenleuchter angebracht.

Bibliographie

Handbücher und Lexika: Dehio, Baden-Württemberg Bd. 1, S. 781 (Jörg Paczkowski); DI 1 (Ernst Cucuel/Hermann Eckert); KDM Bd. 4,2, S. 191–195 (Adolf von Oechelhäuser); kloester-bw, Franziskanerkloster Tauberbischofsheim (Christian Plath).

Literatur: Bihl 1907; Schlager 1929; Schmid I–II; Müller 1988; Schneider 2005; Plath 2010.

Anmerkungen

  • 1 Bürvenich, Annalen II, S. 211 f. (1629) (Seitenzahl nach der Abschrift im Archiv der Deutschen Franziskanerprovinz PAT Nr. 61/I A 15 a). In den Kapitelsprotokollen der Thüringischen Franziskanerprovinz (Archiv der Deutschen Franziskanerprovinz Paderborn, PAT Nr. 2/I A 1 bzw. I A 2) wurde die Niederlassung ab 1665 Episcopiensis ad Tauberam genannt, um sie von Bischofsheim/Rhön zu unterscheiden.
  • 2 Wiedergabe des Schreibens bei Haselbeck 1915, S. 389.
  • 3 Bürvenich, Annalen II, S. 211 f.
  • 4 GLA 229 Nr. 104554.
  • 5 Bürvenich, Annalen II, S. 212.
  • 6 Haselbeck 1915, S. 408.
  • 7 Kapitelsakten der Thüringischen Franziskanerprovinz, Bd. 2, fol. 302.
  • 8 Registrum Thuringiae Franciscanae II, S. 159.
  • 9 Registrum Thuringiae Franciscanae II, S. 159; GLA 229 Nr. 104558, 104539 f.
  • 10 GLA 235 Nr. 15168 f.
  • 11 Registrum Thuringiae Franciscanae II, S. 159.
  • 12 GLA 235 Nr. 195.
  • 13 GLA 235 Nr. 15169.
  • 14 GLA 235 Nr. 15168.
  • 15 Bürvenich, Annales Conventus, fol. 9 f.
  • 16 Liebler 1683, S. 11 2-115.
  • 17 GLA 229 Nr. 104555.
  • 18 Registrum Thuringiae Franciscanae II, S. 154, 163 f., 168.
  • 19 StA Würzburg MRA Stifte und Klöster K 622/44.
  • 20 Heusson 1733, S. 12 f.
  • 21 Bürvenich, Annales Conventus, fol. 18 r
Objekttyp: Konvent
Personenbezüge:
  • Christian Plath [Autor]
  • Matthias Untermann [Autor]
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