Wertheim, Kollegiatstift St. Maria 

Kurzbeschreibung:

1481 Gründung – Residenzstift der Grafen von Wertheim – 1547 Aufhebung

Patrozinium: Maria
Kirchliche Zugehörigkeit: Bistum Würzburg, Landkapitel Karlstadt

Ortsbezüge:
Ordensregel:
  • Kollegiatstift St. Maria 1481-1547
Beschreibung:

Name: beate Marie virginis [...] ecclesia in collegiatam (1481);1 stifftung (1489)2

Geschichte

Die Wertheimer Stiftskirche ging aus einer Pfarrkirche hervor, die zunächst im 13. Jahrhundert Filialkirche der Pfarrei Reicholzheim (Main-Tauber-Kreis) gewesen war, und später vom →Zisterzienserkloster Bronnbach aus betreut wurde. Überlegungen zur Einrichtung eines Kollegiatsstifts werden am 17. Januar 1419 greifbar, als eine neue Ordnung der Wertheimer Pfarrkirche (ein Pfarrer, Vikare für elf Altäre) erlassen wurde, die die Trennung in Kleriker- und Laienkirche einführte. Die Liturgie sollte nach dem Vorbild des Würzburger Doms gestaltet werden.3

Aus einer Urkunde des Basler Konzils vom 22. September 1436 ist mehr über die Verfassung der Wertheimer Pfarrkirche zu erfahren, in der täglich die kanonischen Horen gesungen und nach dem Vorbild der Chorherren der Kollegiatkirchen Chorhauben getragen wurden.4 In der Folgezeit kam es zu mehreren Erweiterungen und Neuordnungen der Kapitelsverfassung, so zu den Präsenzgeldern (1440)5 oder zum Vermögen der weiterhin unveränderten Anzahl an Pfründen (1474).6

Am 4. Juli 1481 bestätigte Papst Sixtus IV. (1471–1484) auf Bitten von Graf Johann III. von Wertheim (1454–1497) die Erhebung der Wertheimer Pfarrkirche zu einem Kollegiatstift (ecclesia in collegiatam). Inkorporiert wurden die Pfarrkirchen in Üttingen und Remlingen (beide Lkr. Würzburg), 1483 dann auch die Pfarrkirche St. Veit in Karbach (Main-Spessart-Kreis). Seit 1501 mussten die Kanoniker vor Antritt einer Präbende ein zweijähriges Universitätsstudium absolvieren. Kanoniker des Wertheimer Stifts waren an der Wertheimer Lateinschule und am Spital tätig.

Schon seit 1518 sympathisierte Graf Georg II. von Wertheim (1509–1530) mit Luthers Reformideen, seit 1522 befand sich ein lutherischer Prediger in der Stadt Wertheim. Über mehrere Jahre hinweg bestanden wohl parallel ein evangelischer Gottesdienst und eine katholische Messe des Kapitels in der Stiftskirche. Einige Kanoniker schlossen sich der neuen Lehre an. Die übrigen Kanonikate blieben erhalten und wurden nach Ausscheiden der Kanoniker nicht mehr neu besetzt; 1547 wurde die letzterledigte Pfründe eingezogen. Aus dem ehemaligen Kollegiatstift enstand das über Jahrhunderte bedeutsame Chorstift, oft Chor und Stiftung genannt, das eine große Vermögenssumme besaß und als Baulastträger von kirchlichen und schulischen Gebäuden wirksam war.7

1448 vermachte Konrad Wellin von Reutlingen, Professor der Theologie an der Universität Köln und Vikar der Wertheimer Pfarrkirche, alle seine Bücher der Theologie, des kanonischen wie bürgerlichen Rechts, der Medizin und der Artes (63 Bände) der Pfarrkirche in Wertheim, was die Bibliothek des späteren Stifts begründete. Die Bibliothek wurde später immer wieder erweitert und besteht über die Reformation hinaus weiter bis heute.8 Zum Archiv des Kollegiatstifts ist nichts Spezifisches bekannt.

Bau- und Kunstgeschichte

Lage

Die Stiftskirche St. Maria liegt im Südteil der Altstadt von Wertheim, oberhalb der Flussmündung der Tauber in den Main, am Fuß der gleichnamigen Burg (Lageplan: Wertheim Kapuziner, Abb. 2). Vor ihrer Westfassade verläuft auf tieferem Niveau die stadtauswärts führende Mühlenstraße. An der Nordostseite der Kirche ist die Bibliothek angebaut, an ihrer Südseite befand sich der Stiftshof. Zum Friedhof, der die Kirche dreiseitig umschließt, gehört die bemerkenswert große und prächtige, 1472 (i) erbaute Karnerkapelle St. Kilian, die sich im Nordosten der Stiftskirche erhebt. Gemeinschaftliche Stiftsgebäude sind nicht bekannt. Die Stiftsherren behielten als Kurien ihre ehemaligen Kaplaneihäuser im Stadtgebiet.

Kirche

Anspruchsvolle Neubauten an der Pfarrkirche St. Maria lassen seit dem späten 14. Jahrhundert das Bemühen um eine Stiftsgründung an der Residenz erkennen. Für die künftige Errichtung eines Stiftes waren 1419 Chorraum und Altarstellen bereits vorbereitet. Die Pfarrkirche war als dreischiffige, flachgedeckte gotische Pfeilerbasilika mit gewölbtem Langchor errichtet worden. Die feierliche Grundsteinlegung am 24. Juni 1384, auffallenderweise gleich nach der Inkorporation der Pfarrei in das →Zisterzienserkloster Bronnbach 1378/79, wird durch eine Inschrift über dem Nordportal überliefert. Eine zweite, 1445 angefertigte Inschrift bezeugt den Baubeginn des Chors 1388. Quadratische Pfeiler tragen über je fünf profilierten Spitzbogenarkaden ungegliederte Mittelschiffwände; der zweijochige Langchor mit 5/8–Schluss erhielt große Maßwerkfenster und ein Kreuzrippengewölbe. Wappen zieren die Schlusssteine der Kreuzrippen und der Gurtrippen. Der Haupteingang befindet sich stadtseitig in der Nordwand und ist mit einem prächtigen Vorhallen-Baldachin ausgezeichnet, die Westfassade wies ursprünglich kein Portal auf. Die gewölbte gräfliche Kapelle über der Sakristei im Süden des Chors war bis 1829 durch einen Gang mit einem südöstlich an der Schlossgasse stehenden Stadthaus der Grafen verbunden. Kurz nach 1400 entstand der dreiseitig freistehende, 50 m hohe, fünfgeschossige Turm mit Spitzhelm an der Nordwestecke der Kirche, in dem sich ein Beinhaus und darüber eine Kapelle mit einem prunkvollen Erker befinden. Der Erker trägt eine Stiftungsinschrift von 1410. 1442 wurde ein heute nicht mehr erhaltener Lettner eingebaut, der fortan den Laienraum vom Chor der Kleriker trennte. 1445 (i) wurde an die Nordseite des Chorraums eine zweigeschossige Bibliothek angebaut; im sterngewölbten Obergeschoss ist eine Bücherstiftungsinschrift von 1448 aufgemalt.

Umbauten infolge der Stiftserhebung 1481 sind nicht fassbar; der Kirchenbau war für diesen rechtlichen Schritt schon angemessen vorbereitet.

Im Zuge der Reformation wurden 1524/25 die Seitenaltäre und Heiligenbilder entfernt und die Wandmalereien im Kirchenschiff übertüncht. Die Umbaumaßnahmen stehen in Zusammenhang mit der Funktion als evangelische Pfarrkirche und von den →Kapuzinern mitgenutzte Simultankirche bis zum Bau der katholischen Pfarrkirche St. Venantius im 19. Jahrhundert.

Materielle Kulturgeschichte, Bauausstattung

Der heutige Raumeindruck ist bestimmt durch zahlreiche frühneuzeitliche Grabmäler. Das bei Renovierungsarbeiten 1957 im nördlichen Seitenschiff wiederentdeckte Epitaph für Magister Caspar Kobolt ist das Einzige, das sich aus der Stiftszeit erhalten hat. Eine Orgel wird 1486/87 erwähnt. In den Gewölbekappen der Apsis haben sich Reste gotischer, floraler Deckenmalerei erhalten. 1957 konnten an zwei Arkadenpfeilern des Langhauses, an der nördlichen Wand unter der Empore und im nördlichen Seitenschiff spätgotische Wandmalereien gefunden werden, die unter anderem die Hl. Apollonia und die Hl. Gertrud darstellen. Die Malereien an den Pfeilern weisen auf die Standorte von Nebenaltären hin. Im nördlichen Seitenschiff wurden 2006/07 weitere Wandmalereien entdeckt, darunter auch eine frühe Stadtansicht von Wertheim. Einer der zehn spätgotischen Altäre steht im Badischen Landesmuseum Karlsruhe.

Bibliographie

Quellen: UB Wertheim; Engel 1959.

Handbücher und Lexika: Dehio, Baden-Württemberg Bd. 1, S. 851 f. (Jörg Paczkowski); DI 1 (Ernst Cucuel/Hermann Eckert); KDM Bd. 4,1, S. 246–269 (Adolf von Oechelhäuser); kloester-bw, Kollegiatstift St. Maria Wertheim (Carsten Kottmann); SKHB, S. 684–687 (Carsten Kottmann).

Liratur: Langguth 1984/85; Ehmer 1989; Langguth 2010/11; Wennemuth 2021.

Anmerkungen

  • 1 UB Wertheim, Nr. CXCI S. 29 2-295; Engel 1959, Nr. 356 S. 174.
  • 2 Engel 1959, Nr. 371 S. 181 f.
  • 3 Langguth 1984/85, S. 32, 48 f.
  • 4 Engel 1959, Nr. 207 S. 106.
  • 5 Engel 1959, Nr. 218 S. 112.
  • 6 Engel 1959, Nr. 335 S. 163 f.
  • 7 Langguth 1984/85, S. 54.
  • 8 Wennemuth 2021; zu den vorhandenen Katalogen vgl. HHBD Bd. 9, S. 191
Objekttyp: Konvent
Personenbezüge:
  • Carsten Kottmann [Autor]
  • Ellen Schumacher [Autor]
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