Heidelberg, St. Stephan auf dem Heiligenberg Benediktiner 

Kurzbeschreibung:

vor 1094 Gründung einer Zelle – Benediktinerpropstei 12. Jh. – nach 1217 Ende – ein Prämonstratenserkonvent ist schriftlich nicht bezeugt

Patrozinium: Stephan, Laurentius
Ordensgliederung: Propstei des Klosters Lorsch
Kirchliche Zugehörigkeit: Bistum Worms, Archidiakonat des Propstes von Neuhausen, Landkapitel Heidelberg

Ortsbezüge:
Ordensregel:
  • St. Stephan auf dem Heiligenberg Benediktiner 1094-1217
Beschreibung:

Namen: cellam novam in monte Abrinsberc, scilicet in ecclesia sancti Stephani prothomartyris (1094);1 novam cellam […] in honore sanctorum martyrum Stephani et Laurentii (zu 1088/1101);2 ad cellam quę dicitur Capella (zu 1116/19);3 S. Laurentii preposit(us) (1173);4 bey S. Michels kirchen (1470)5

Geschichte

Gegen Ende des 11. Jahrhunderts gesellte sich zu dem Lorscher Tochterkloster →St. Michael im Norden des Heiligenbergs ein solches im Süden. Die Schriftquellen zur Geschichte auch dieser Dependance stammen überwiegend aus der Mutterabtei.6

Ältestes Zeugnis ist eine carta, die Abt Anshelm von Lorsch (1088–1101) im Jahre 1094 ausgestellt hat.7 Darin erklärt er, cellam novam in monte Abrinsberc, scilicet in ecclesia sancti Stephani prothomartyris ab Arnoldo preposito prius fundata, errichtet und für die dortigen Mönche stipendia circumquaque beschafft zu haben. Anshelm wies dem neuen Kloster den umliegenden Teil des Berges und Waldes zu. Die Grenze wurde unter Mitwirkung von Vogt und familia festgestellt und durch Bann und Begehung gesichert. Die in der Urkunde näher beschriebene Grenze verlief von der Quelle des Hainsbachs über den Sattel zwischen den beiden Kuppen an den Dagrisbach, der in die heutige Hirschgasse hinabfließt, dann über den Süd- und Westhang des Berges. Hier sollten nach dem Willen des Abts und der fratres, die bereits bei St. Stephan lebten, anstelle des Waldes Weingärten angelegt und verpachtet werden.

Die Urkunde macht von den aktuellen Bewohnern der Zelle den Mönch Tietpert und den Konversen Gerlach namhaft und erwähnt als Amtsträger (ohne Namen) einen prelatus ęcclesię und einen magister loci, die vermutlich gleichzusetzen sind. Als »Prälat« kommt zumal Tietpert in Betracht, den die Urkunde auch in der Zeugenliste aufführt. Offenbar mit ihm identisch ist Dietpert, den die Lorscher Chronik als Anshelms precipuum […] cooperatorem preist, weil er Gelder, die ihm nicht zurückgekehrte Teilnehmer des Ersten Kreuzzugs (1096–99) in Verwahrung gegeben hatten, in den Klosterbau habe fließen lassen.8

In späterer Zeit wurde St. Stephan wie die übrigen Lorscher Filialen von Pröpsten geleitet. Arnold, der die Stephanskirche gründete und laut Totenbuch mit einer Hube in Handschuhsheim dotierte,9 ist als Propst nicht für St. Stephan, sondern am ehesten für St. Michael zu reklamieren. Zum Propst von St. Stephan mag indes der 1094 genannte Gerlach avanciert sein, denn einer Urkunde von 119810 zufolge feierte man dort am 10. Januar das Anniversar Gerlaci prepositi.11

Zur Personalstärke des Klösterchens sagen Chronik12 und Totenbuch13 fast gleichlautend, dass Anshelm decem fratribus inibi necessaria sufficienter adtraxit.

Allein steht die Chronik mit ihrer Behauptung, der Abt habe die neue Zelle zu Ehren der Märtyrer Stephanus und Laurentius errichtet.14 Das Doppelpatrozinium ist sonst nicht belegt – allerdings erscheint in Urkunden von 1173,15 119816 und 121717 der Hl. Lorenz als alleiniger Patron des ursprünglichen Stephansklosters, für das zudem der Eigenname Capella aufkam. Urkundlich fassbar wird dieser Name 1165,18 die Chronik verknüpft ihn (vielleicht unsachgemäß) schon mit einem Vorfall von 1116/19.19

Bereits 1094 bat Abt Anshelm den Kaiser Heinrich IV. (1056–1105), die Stephanszelle in seinen Schutz zu nehmen und ihre Güter zu bestätigen.20 Doch erst nachdem der Petent am 25. Juni 1101 gestorben und in Abrinsberg in oratorio sancti Stephani beigesetzt worden war21 und der folgende Abt Gerold (1101–1105) die Bitte wiederholt hatte, stellte der Herrscher am 4. März 1103 ein entsprechendes Diplom aus.22 Dessen Narratio bietet eine Aufzählung der von Anshelm geschenkten Güter: Sie liegen in 19 Orten, vornehmlich an der Bergstraße von Leimen bis Weinheim und auf dem Neckarschwemmfächer, und umfassen 62 Joch Weingärten, davon 20 in Handschuhsheim, sowie 60 Huben, davon 20 in Bechtolsheim (nordöstlich von Alzey).

Die Urkundentexte von 1094 und 1103 erlauben den Schluss, dass Anshelm seine Stiftung nicht nur mit älterem Lorscher Besitz, sondern auch mit Neuerwerbungen ausstattete. Wohl nicht mehr durch die Hand dieses Abtes gegangen ist die Gabe einer Frau, die hinter dem Westportal der Klosterkirche bestattet wurde. Das Grab markierte eine Steinplatte mit Inschrift, 23 die einige Jahre vor 1550 noch weitgehend lesbar war und abgeschrieben wurde.24 Dann verschwand die Platte unter den Kirchentrümmern. 1932 aber fand man drei Fragmente des Originals.25 Die ersten zwei von fünf in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts eingehauenen Zeilen lauten ergänzt: HAZECHA RIFRIDI SE POSCENS HIC SEPELIRI / PREDII QVEQVE SVI CESSIT HVIC DOMVI. Die Wohltäterin gilt herkömmlich als Witwe Rifrids, eher war sie seine Tochter. Rifrid selbst wird mit einem miles gleichgesetzt, der die Carta von 1094 bezeugt.

Jüngere Schenkungen von Immobilien an St. Stephan sind nicht überliefert, vielmehr erlitten die dortigen Mönche früh einen herben Verlust, als Abt Benno (1111?–1119) gegen Ende seines Abbatiats den Güterkomplex zu Bechtolsheim Conrado Sporilino, einem Adligen, überließ.26

Im Jahr 1130 tätigten die Mönche von St. Stephan einen Tausch mit dem Konvent des Mutterklosters27 und erhielten für fünf Huben in Großsachsen, die Abt Anshelm ex proprio suo gegeben hatte, einen Wingert zu Handschuhsheim, überdies einen Weinzehnten, den Abt Diemo (1125–1139) den Mönchen von St. Michael abgetauscht hatte. In Diemos Urkunde steht St. Stephan als minor ecclesia der maior ecclesia Lorsch gegenüber, während die Bezeichnung superius monasterium für St. Michael kein sprachliches Pendant hat.

Urkunden aus den Jahren 1165,28 1191,29 119830 und 121731 belegen, dass das Kloster Capella Liegenschaften in Handschuhsheim und Neuenheim anderen Kirchen und auch Privatleuten gegen Zins in Erbpacht gab. Die 1198 begegnende Bestimmung, dass ein Geldzins je zur Hälfte zu den Anniversarien des Propstes Gerlach32 und des Abtes Marquard (»13.« September)33 fällig sei, ist der einzige Hinweis auf die geistlichen Funktionen des kleinen Konvents.

Von den geistigen Interessen zeugt ein in den Vatikan gelangtes Exemplar der Dialogi Gregors des Großen, das im 9. Jahrhundert geschrieben und im 12. Jahrhundert mit dem Vermerk Codex sancti Laurentii in Capella versehen wurde.34 Der Eintrag ist die einzige Spur einer Bibliothek St. Stephans; von einem Archiv wissen wir nichts. Die Geschichte St. Stephans nach 1217 ist nicht von der →St. Michaels zu trennen.

Bau- und Kunstgeschichte

Lage

Das Kloster wurde auf der südlichen, neckarseitigen Kuppe des von weither sichtbaren Aberinbergs erbaut (375 m ü NN), ca. 700 m von der älteren Propstei →St. Michael entfernt. Die Kirche bildete den Nordflügel der spätmittelalterlichen Klausur. 1932 und 1995 freigelegte Mauerreste sind konserviert und ergänzt; eine kritische Publikation der Befunde fehlt. Nordwestlich der Klosterruine mündet heute die Fahrstraße auf den Heiligenberg. Die in der Urkunde von 1094 beschriebene Umgrenzung des Klosterbezirks, der von dem von St. Michael abgeteilt wurde, ist in den Katastergrenzen noch weitgehend erhalten und gehört trotz der Nähe zu Heidelberg und zu Neuenheim ebenfalls zur Gemarkung Handschuhsheim. Hinweise auf eine Klostermauer fehlen. Ca. 50 m südwestlich der Kirche befindet sich ein 55 m tiefer Brunnenschacht (M. Merian: »Heydenloch«), der das Grundwasser nicht erreicht hat und zu einer Filterzisterne ausgebaut wurde. Um 1400 war dieser Schacht schon 26 m hoch verfüllt; damals wurden Bauschutt, ein Kettenhemd und Waffen hineingeworfen – vermutlich nach kriegerischen Ereignissen.

Kirche und Konventsbauten

Unbekannt ist, ob es schon vor 1023 eine (namengebende) Kapelle an diesem Ort gab. Archäologisch als Propsteikirche fassbar ist eine mäßig große, dreischiffige Basilika mit vier Pfeilerarkaden, sehr schmalen Seitenschiffen und einem wenig vorspringenden, altertümlich ungeteilten Querschiff, an das eine auffallend große Hauptapsis anschloss. Durch Nuten nachgewiesene Schrankenplatten grenzten einen Chorbereich vor der Apsis aus. Westlich war dem Langhaus ein Narthex vorgelagert, in dem eine Stifterin begraben lag. Die Grabstelle des Stifters, des Lorscher Abts Anshelm († 1101), wurde nicht gefunden.

Die Wandpfeiler am Querschiff haben ihre profilierten Basen bewahrt, andere Bauskulptur ist nicht durch Fragmente belegt. Ebenso wie das schmucklose, außen ungegliederte Kleinquadermauerwerk der ungewöhnlichen Kirche sprechen sie für eine Bauzeit im 11. Jahrhundert.

Im 12. Jahrhundert erhielt das Querschiff zwei Nebenaltäre in außen halbrund vorspringenden Nischen, so dass eine aufwändigere Liturgie gefeiert werden konnte. Vielleicht gehörte dieser Umbau zeitnah zum Vermächtnis Abt Heinrichs von Lorsch († 1167) von 50 Schillingen für das Dach der Kirche. Im Spätmittelalter wurde dem Narthex eine große, von Westen her durch drei Bögen zugängliche Vorhalle angefügt, die aus Großquadern gebaut war.

Im Narthex war im frühen 12. Jahrhundert die Stifterin Hazecha beigesetzt worden; ihre Grabplatte wurde 1932 bei Ausgrabungen gefunden (im Kurpfälzischen Museum Heidelberg). Diese Grabschrift war um 1540/50 für den Haller Chronisten Georg Widman noch lesbar. Das Grab darunter war, wie Widman mitteilt, im frühen 16. Jahrhundert wohl aus historiographischem Interesse geöffnet worden; der Leichnam soll ein seidenes Gewand getragen haben.

Lage und Baugestalt der hochmittelalterlichen Klausur sind nicht bekannt. Grabungen wiesen 1995 nach, dass Süd- und Westflügel der als Ruine sichtbaren südseitigen Klausur erst im späten 13. oder 14. Jahrhundert in Stein erbaut wurden. Vermutlich gab es einen älteren, in Fachwerk gebauten Ostflügel. An den Westflügel schloss später die Kirchenvorhalle an, der Südflügel war unterkellert. Um 1400 wurden ein neuer, im Erdgeschoss dreiräumiger Ostflügel errichtet und der Westflügel niedergelegt. Die Gebäude waren um 1550 wohl nicht mehr bewohnt. Nach 1589 waren sie zum Abbruch vorgesehen, sind aber nicht planmäßig abgetragen worden. Noch für den 1885 nahebei gebauten Heiligenberg-Aussichtsturm wurden Steine aus den Ruinen genommen. Vor der Ausgrabung 1932 war nur noch der ungefähre Standort des Klosters bekannt.

Materielle Kulturgeschichte, Bauausstattung

In den Klausurbauten fanden sich schlichte Ofenkacheln und Haushaltskeramik des 14./15. Jahrhunderts (im Kurpfälzischen Museum Heidelberg); die übrige Ausstattung ist verloren.

Bibliographie

Quellen: Huffschmid 1910; 1920; CL I; Lorscher Necrolog-Anniversar 2007.

Handbücher und Lexika: DI 12,4 (Renate Neumüllers-Klauser); GermBen V, S. 269–273 (Meinrad Schaab); KDM Bd. 8,2, S. 525 f. (Adolf von Oechelhäuser); kloester-bw, Benediktinerpropstei St. Stephan auf dem Heiligenberg (Andreas Büttner).

Literatur: Stemmermann/Koch 1940; Moers-Messmer 31987; Gross/Weihs 1995; Ludwig/Marzolff 22008; Untermann 2011.

Anmerkungen

  • 1 CL I, Nr. 134 S. 40 7-409.
  • 2 CL I, c. 134 c S. 407.
  • 3 CL I, c. 134 c S. 423.
  • 4 Gudenus 1728, Nr. 11 S. 2 7-29.
  • 5 Huffschmid 1920, Beil. 2 S. 125 f.
  • 6 Vgl. den Artikel über St. Michael.
  • 7 CL I, Nr. 134 S. 40 7-409.
  • 8 CL I, Nr. 134 c S. 407.
  • 9 Lorscher Necrolog-Anniversar 2007 I, Nr. 1483.
  • 10 LandesA Speyer F 7 Nr. 26; Farbfoto: Debus 2002, Abb. 22 S. 99; Regest: Debus 2002, Nr. 10 S. 46 f.
  • 11 Vgl. Lorscher Necrolog-Anniversar 2007 I, Nr. 52 (10. 1.).
  • 12 CL I, c. 134 c S. 407.
  • 13 Lorscher Necrolog-Anniversar 2007 I, Nr. 972.
  • 14 CL I, c. 134 c S. 407.
  • 15 Gudenus 1728, Nr. 11 S. 2 7-29.
  • 16 LandesA Speyer F 7 Nr. 26; Farbfoto: Debus 2002, Abb. 22 S. 99; Regest: Debus 2002, Nr. 10 S. 46 f.
  • 17 Gudenus 1728, Nr. 42 S. 10 1-103.
  • 18 CL I, Nr. 157 S. 440 f.
  • 19 CL I, c. 143 a S. 423.
  • 20 CL I, Nr. 134 S. 40 7-409.
  • 21 Lorscher Necrolog-Anniversar 2007 I, Nr. 972; CL I, c. 142 a S. 416.
  • 22 CL I, Nr. 135 S. 409 f.; MGH D H IV. 2, Nr. 477 S. 65 0-652.
  • 23 DI 12, 4, Nr. 1 a S. 2 f.; Rössling/Schwarzmaier 1992, S. 136 f., beide mit Abb.
  • 24 Kolb 1904, S. 39, 201.
  • 25 Sie wurden im Kurpfälzischen Museum der Stadt Heidelberg deponiert, wo gegenwärtig zwei der Bruchstücke ausgestellt sind. Eines kam zwischen 1967 und 1992 abhanden.
  • 26 CL I, c. 143 a S. 423.
  • 27 CL I, Nr. 143 S. 425 f.
  • 28 CL I, Nr. 157 S. 440 f.
  • 29 Gudenus 1728, Nr. 15 S. 38.
  • 30 LandesA Speyer F 7 Nr. 26; Farbfoto: Debus 2002, Abb. 22 S. 99; Regest: Debus 2002, Nr. 10 S. 46 f.
  • 31 Gudenus 1728, Nr. 42 S. 10 1-103.
  • 32 Vgl. Lorscher Necrolog-Anniversar 2007 I, Nr. 52 (10. 1.).
  • 33 Vgl. Lorscher Necrolog-Anniversar 2007 I, Nr. 1321 (10. 9.).
  • 34 BAV Pal. lat. 261, fol. 116 v
Objekttyp: Konvent
Personenbezüge:
  • Joachim Dahlhaus [Autor]
  • Matthias Untermann [Autor]
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