Ettlingen, Jesuiten
| Kurzbeschreibung: | 1622–1655 Jesuitenmission – 1663 Gründung des Kollegs als Tertiathaus für die oberrheinische Ordensprovinz – Aufhebung 1773 Patrozinium: ErhardOrdensgliederung: Oberrheinische ProvinzKirchliche Zugehörigkeit: Bistum Speyer, Archidiakonat des Stiftspropstes bei St. German und Moritz, Landkapitel Ettlingen |
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| Beschreibung: | Name: in […] civitate Ettlinga domui patrum tertiae probationis […] Soc[ietatis Jesu [...] erigendae initia dare (1663);1 collegium Soc[ietatis] Jesu zue Ettlingen (1687)2 GeschichteDie Anfänge der Jesuiten in Ettlingen sind eng mit der Gründungsgeschichte ihres Kollegs in →Baden-Baden verbunden. Nachdem schon in den 1570er Jahren Jesuiten in Ettlingen gewirkt hatten, wurde die Stadt mit dem Regierungsantritt des Markgrafen Wilhelm von Baden (1622–1677) Sitz einer Jesuitenmission mit zwei bis drei Patres, die bis 1655 Bestand hatte. Um die katholische Seelsorge im nördlichen Teil seiner Markgrafschaft dauerhaft sicherzustellen, strebte Wilhelm die Errichtung eines Kollegs in Ettlingen an. Entscheidend gefördert wurde sein Ansinnen dadurch, dass der oberrheinischen Ordensprovinz der Jesuiten ein Tertiathaus fehlte, in dem die Novizen ihr letztes Probejahr verbringen konnten. Nachdem der Bischof von Speyer am 10. Februar 1663 seine Zustimmung erteilt hatte, fertigte Markgraf Wilhelm die Gründungsurkunde aus.3 Untergebracht wurde das Kolleg im Anwesen des Johann Philipp von Zillenhardt, das der Markgraf 1662 samt der zugehörigen Liegenschaften gekauft hatte.4 Er wies dem Kolleg einen Teil der Einkünfte des Spitals, der Martinskirche und des Gutleuthauses zu und befreite es von allen Abgaben. Die direkt neben dem Zillenhardtschen Anwesen befindliche, lange unbenutzt gewesene Kirche St. Erhard wurde dem Kolleg übergeben. Außerdem übertrug Wilhelm ihm die Einkünfte, die bis dahin das Baden-Badener Kolleg aus der Wallfahrtskirche Maria Bickesheim bezogen hatte, und das Patronats- und Präsentationsrecht der Ettlinger Martinskirche. In den Folgejahren wurde das Vermögen durch Stiftungen und Erbschaften in Streulage bis hin nach Bruchsal, Deidesheim und Heinfeld vermehrt. Das Kolleg wurde im Pfälzischen Erbfolgekrieg 1689 zerstört, das Tertiat deswegen zeitweilig aus Ettlingen abgezogen. Die Patres bezogen provisorisch Quartier im Ettlinger Schloss und konnten 1698 wieder in das notdürftig reparierte Kolleg einziehen. Die Jesuiten wurden mit der Seelsorge in Ettlingen, Ettlingenweier sowie recht weiträumig in den Gemeinden auf der Albhochfläche östlich der Stadt, im westlichen Albtal und dem Lauf der Alb entlang bis Bulach und Beiertheim betraut. Durch ihre spezifischen Methoden wie Prozessionen, öffentliche Theateraufführungen und Exerzitien sowie durch die von Ihnen betreuten Gebetsbruderschaften (insbes. Todesangstbruderschaften) und Sodalitäten wurden sie maßgebliche Träger der Erneuerung des Katholizismus in der nördlichen Markgrafschaft. Die Pfarrseelsorge stand in einem gewissen Widerspruch zu Rolle des Kollegs als Tertiatshaus, weil sie die Ausbildung der Tertiarier behindern konnte und umgekehrt die Pfarrseelsorge unter der personellen Fluktuation litt. Von Ettlingen aus betreuten die Jesuiten die älteste Wallfahrt in der Markgrafschaft nach Maria Bickesheim, die sie neu belebten und ausbauten. Die Zahl der ansässigen Ordensmitglieder und Tertiarier wuchs von rund einem Dutzend in den Gründungsjahren auf etwa das Doppelte am Ende. Sofort nach der Aufhebung des Jesuitenordens 1773 ließ Markgraf Karl Friedrich von Baden (1738/46–1811) das Vermögen des Kollegs und der Wallfahrtskirche Bickesheim inventarisieren.5 Das bewegliche Inventar wurde versteigert.6 Das in Baden gelegene Liegenschaftsvermögen und die darauf ruhenden Gefälle flossen wie diejenigen des Badener Kollegs letztlich in den Studienfonds Rastatt ein, jedoch mit Ausnahme der Vermögenswerte des St. Erhardskirchenfonds, dessen Erträge hauptsächlich der Lehrerbesoldung in Ettlingen dienten. Die Bibliothek des Ettlinger Jesuitenkollegs verblieb nach der Ordensaufhebung zunächst an Ort und Stelle und verwahrloste zusehends. Die als weiterhin brauchbar erscheinenden Werke wurden später zunächst in das Badener Gymnasium gebracht und gelangten mit dessen Bibliothek 1808 nach Rastatt, wo sie heute Teil der Historischen Bibliothek der Stadt Rastatt sind.7 Geringe Reste des Archivs des Jesuitenkollegs Ettlingen sind im Generallandesarchiv Karlsruhe erhalten.8 Bau- und KunstgeschichteLageWie aus dem Gründungsbrief des Jahres 1663 hergeht, überließ Markgraf Wilhelm von Baden-Baden den Jesuiten die spätmittelalterliche Spitalkirche St. Erhard für ihre Gottesdienste und das benachbarte Zillenhardt‘sche Anwesen zur Wohnnutzung in der nördlichen Vorstadt.9 Umfängliche Neubaumaßnahmen auf dem Gelände beim Pforzheimer Tor erfolgten im zweiten Viertel des 18. Jahrhunderts. Zur Westseite schloss sich ein Wirtschaftshof an den Baukomplex an. Kirche und KonventsbautenBei der in den 1660er Jahren übernommenen Kapelle des städtischen Spitals handelte es sich vermutlich um einen im zweiten Viertel des 15. Jahrhunderts errichteten kleinen Saalbau mit eingezogenem Sanktuarium.10 An der Westecke der Nordfassade des barock überformten Kirchenbaus hat sich ein (zugesetztes) spitzbogiges Portal der spätmittelalterlichen Bauphase erhalten. In den ersten beiden Jahrzehnten errichtete die Gemeinschaft wohl zur Ostseite der Kirche ein neues Kollegiengebäude, das über eine Sakristei (als Zwischenbau) mit dem älteren Gotteshaus baulich in Verbindung stand. Im Krieg 1689 wurden die Kirche und Wohnbauten des Kollegs nachhaltig in Mitleidenschaft gezogen. Mit Rückkehr der Patres 1698 erfolgte ein Kollegiumsneubau zur Nordseite der Kirche (mit Anbindung an die Stadtmauer). Im Nachgang erwarben die Jesuiten das gesamte Areal, wobei der Kauf an die Bedingung geknüpft wurde, einen Kirchenneubau in Angriff zu nehmen. Jedoch wurde die Kirche 1701 zunächst nur notdürftig wiederhergestellt; Finanzierungsschwierigkeiten verzögerten die Umsetzung größerer Pläne. Erst in den Jahren 1728 bis 1731 (i) ließ sich der Neubau des Kollegiums (Ost- und Westflügel) realisieren. Unter Einbeziehung des vor 30 Jahren neu errichteten nördlichen Gebäudes (des sogenannten Neuer Baus) als Westflügel, entstand bis 1739 eine dreiflügelige Anlage. Heute ist der Hof zur Pforzheimer Straße offen, doch der Gesamteindruck der barocken Dreiflügelanlage geblieben. Die verputzten Massivbauten unter Walmdächern sind nach wie vor geprägt von der klar gegliederten Anordnung der profilierten Fensteröffnungen in Achsen. Die alte Spitalkapelle wurde im Zuge dieser barocken Neugestaltung dann 1738 in ihren östlichen Partien niedergelegt und neu aufgebaut. Die Ordenskirche erhielt einen Korbbogenabschluss (in der Flucht des Langhauses) mit umlaufender Empore und tonnengewölbter Krypta sowie einer nördlich anschließenden Sakristei. Nach der Profanierung 1808/09 wurde das Gotteshaus als Speicher und Markthalle genutzt; in den 1830er Jahren zog ein Lehrerseminar in die Räume des ehemaligen Kollegiums ein; später auch Schulnutzung. Hierfür wurden insbesondere die Kirche und der Westflügel nachhaltig umgebaut (Einzug von zwei Ebenen und Aufsetzen eines dritten Geschosses). Seit den 1950er Jahre ist in dem ehemaligen Jesuitenbaukomplex das Finanzamt der Stadt untergebracht. Im Innern des barocken Kirchenbaus ist heute im Sanktuarium eine moderne Treppenanlage eingestellt; als Spolien verbaut, zeugen ein Wappenstein (Allianzwappen Zillenhardt und Güssenberg, 1534 [i]), ein Inschriftenstein und eine Grabplatte (beide spätes 17. Jahrhundert) noch von der bewegten Vergangenheit des ehemaligen Gotteshauses. In jüngster Zeit wurde das äußere barocke Erscheinungsbild des Kirchenbaus wieder hergestellt. Von dem ehemaligen Wirtschaftshof zur Westseite ist wenig Bausubstanz erhalten. Nennenswert ist ein Stabwerksportal des späten 16. Jahrhunderts, das sich hofseitig im Erdgeschoss des Gesindehauses (heute Stadtarchiv) erhalten hat. Materielle Kulturgeschichte, BauausstattungZu den herausragenden sakralen Ausstattungsgegenständen des Kirchenraums, die überdauert haben, zählen zwei Altarbilder. Ein stattliches, um 1708 entstandenes Gemälde des Hl. Erhard befindet sich heute im Museum des Ettlinger Stadtschlosses.11 Bei dem anderen Werk handelt es sich um ein Retabel des Hochaltars, das nach der Säkularisation 1809 in die Pfarrkirche St. Bartholomäus nach Haueneberstein gelangte. Einige der sakral weitergenutzten Objekte verblieben vor Ort in Ettlingen, unter anderem eine Monstranz aus dem Jahr 1671 im Besitz der Pfarrei St. Martin und eine Stickarbeit eines Messgewandes, die als eigenhändige Arbeit der Markgräfin Franziska Sibylla Augusta zugeschrieben werden kann (Allianzwappen Baden-Baden und Sachsen-Lauenburg). Insgesamt vier Leuchter (zwei aus dem Jahr 1730 und zwei aus dem Jahr 1744) sowie eine Immaculata (aus dem Jahr 1766) befinden sich in der Pfarrei Herz-Jesu.12 BibliographieQuellen: Kast 1934 (b). Handbücher und Lexika: Dehio, Baden-Württemberg Bd. 1, S. 218 (Karin Stober); KDM Bd. 9,3 (Emil Lacroix/Peter Hirschfeld/Wilhelm Paeseler); kloester-bw, Jesuitenkolleg Ettlingen (Rainer Brüning). Literatur: Bissinger 1978; Stenzel 1982; 1997; Cemus 2015; Werner 2015; Schlenker 2020. Anmerkungen
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| Objekttyp: | Konvent |
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Literatur + Links
| Weiterführende Links: |
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