Ettlingen, Kollegiatstift St. Martin
| Kurzbeschreibung: | 1459/60 Erhebung zum Stift – 1549 Aufhebung Patrozinium: MartinKirchliche Zugehörigkeit: Bistum Speyer, Archidiakonat des Stiftspropstes bei St. German und Moritz, Landkapitel Ettlingen |
|---|---|
| Ortsbezüge: |
|
| Ordensregel: |
|
| Beschreibung: | Name: collegiata ecclesia (1459)1 GeschichteDie auf einer römischen Badruine errichtete und im Besitzverzeichnis des Klosters Weißenburg (um 1260–1291) erstmals erwähnte Martinskirche liegt am linken Albufer der Ettlinger Altstadt. Als Teile des Pfarrsprengels der Martinskirche lassen sich für das Hochmittelalter Rüppurr, Spessart, Wolfartsweier (mit Hohenwettersbach), Burbach und Schöllbronn nachweisen. Auf Initiative von Markgraf Karl I. (1453–1475) erteilte Papst Pius II. (1458–1464) am 29. November 1459 die Erlaubnis zur Umwandlung der St. Martinskirche in eine Stiftskirche. Die Genehmigung und Bestätigung durch Johannes II. Nix von Hoheneck (1459–1464), Bischof von Speyer, folgte am 5. November 1460.2 Die päpstliche Bulle von 1459 weist dem Stift zur Versorgung von je zwölf Kanonikern und Vikaren zwölf bereits in Ettlingen und vier in der Wallfahrtskirche Bickesheim bestehende Kaplaneien zu. Die Errichtung eines Chorherrenstifts in Ettlingen wird nach vorherrschender Meinung in Verbindung mit den Bestrebungen der Markgrafen Jakob I. (1431–1453) und Karl I. zur Gründung einer badischen Universität in Pforzheim gesehen. Kanonikate und Vikariate sollten der Dotierung von Universitätsstellen dienen. Die Stiftsgründungen in →Baden-Baden (1453) und →Pforzheim (1460) erfolgten im selben Kontext. Das Stiftskapitel wurde nach seiner Gründung mit den ursprünglichen Pfründinhabern aus Ettlingen und der Wallfahrtskirche Bickesheim besetzt, die Höchstzahl an 15 Stiftsangehörigen, darunter der Dekan als Vorsteher, ist für 1479 nachweisbar.3 Die Vermögensverwaltung übernahm ein Stiftsschaffner, höchstwahrscheinlich der ehemalige Heiligenpfleger der Martinskirche. Die Ausstattung des Stifts muss von Beginn an als unzureichend angesehen werden. Kein beneficium ward de novo fundirt,4 hielt ein Beamter der markgräflichen Kanzlei retrospektiv fest. Auch die weitere Stiftsausstattung mit verschiedenen Gefällen konnte diesen Mangel nicht kompensieren. Besitz von Höfen außerhalb Ettlingens lässt sich für Durmersheim, Mörsch, Ötigheim, Würmersheim und Rüppurr nachweisen.5 Die Funktions- und Aufgabenbeschreibung von 1459/60 beschränkte sich vor allem auf Sakralhandlungen innerhalb der Kirche, seelsorgerische Elemente fehlten gänzlich. Die Aufgabenverteilung zwischen Stift und Pfarrei, aber auch die zunehmenden Übergriffe der Stiftsherren zur Aufbesserung ihrer Ausstattung, führten immer wieder zu Konflikten. Die Stellung des Pfarrers war zudem nicht eindeutig geregelt. Gemäß Gründungsurkunde gehörte der Pfarrer nicht zum Stift. Seine Gefälle, von denen er nach der Gründung nur noch einen Bruchteil erhielt, wurden allerdings dem Stift übertragen. Mit der Übertragung des Patronats vom →Kloster Lichtenthal an die Markgrafen 14716 war die Pfarrei nun auch faktisch in das Stift inkorporiert, der Pfarrer formell dem Stift zugehörig. Mehrfach mussten markgräfliche Beamte und die Markgrafen selbst zwischen dem Stift auf der einen und dem Stadtpfarrer und der Bürgerschaft auf der anderen Seite schlichten. Während Markgraf Karl I. dem von ihm begründeten Stift noch wohlwollend gegenüberstand und eher zu dessen Gunsten entschied, konnte sich sein Sohn Christoph I. (1475–1515) weniger für das Stift begeistern und setzte den Begehrlichkeiten der Stiftsherren auch Grenzen. Das spannungsgeladene Verhältnis zwischen Stiftsdekan und Stadtpfarrer wurde erst durch markgräflichen Beschluss von 1479 und die neue Pfarrordnung von 1488 entschärft. 1503 schlichtete Markgraf Christoph I. die Streitigkeiten mit der Stadt, die sich in der Hauptsache über die mangelhafte Pflichterfüllung der Chorherren beschwert hatte.7 Der zunehmende Verfall des Stifts setzte sich mit dem Aufkommen reformatorischer Ideen in den 1520er Jahren fort. Die Pfründeinkünfte wurden aufgrund von wachsender Zahlungsunwilligkeit der protestantisch eingestellten Bürgerschaft immer geringer. Gab es 1528 noch 13 Geistliche, so waren zehn Jahre später davon sechs Pfründen unbesetzt.8 Mit vakanten Pfründen wurden zunächst die noch besetzten aufgewertet, später wurden sie anderen Zwecken zugewiesen oder verfielen. Mit Übertragung der Dekanatspfründe auf den Stadtpfarrer Matthäus Gydele am 17. Juli 1549 kann das Stift als erloschen angesehen werden. Drei Personen erhielten aus Stiftspfründen bis 1560 noch Zuwendungen.9 Das Ende des Stifts überdauerten die Stiftsschaffnei, die mit dem Stiftsvermögen ab 1661 der finanziellen Ausstattung der →Jesuiten diente, sowie die bereits 1447 erstmals erwähnte Chorschule, die uns ab 1459 als Stifts-, später dann als Lateinschule begegnet. Bau- und KunstgeschichteLageDie Stiftskirche St. Martin liegt im Norden des historischen Stadtkerns von Ettlingen parallel zum Flusslauf der Alb. Die Lage der Kanonikerhäuser ist unbekannt. Grabungen im Kircheninneren 1934 stießen auf Reste einer römischen Badanlage und auf die Fundamente des romanischen Vorgängerbaus. Unter dem nördlichen Seitenschiff sind diese noch heute anschaulich konserviert. KircheDas Chorherrenstift wurde 1459/60 an der Stadtpfarrkirche St. Martin eingerichtet. Anlässlich der Stiftserhebung erfuhr die Süd-Ost gerichtete, durch barocke Baupläne überlieferte, dreischiffige gotische Basilika mit Chorturm und polygonaler Apsis weitreichende bauliche Veränderungen. Die frühgotische Apsis wurde durch einen großzügigen, polygonal geschlossenen Stiftschor mit dreibahnigen Lanzettfenstern ersetzt. Er wird überspannt von einem Netzgewölbe, Reste der spätgotischen Ausmalung und Verzierung mit Wappenschilden blieben in den Gewölbescheiteln erhalten. Südöstlich an den Chorturm schließt ein zweigeschossiger Annex an, der die Sakristei und im Obergeschoss den Kapitelsaal aufnahm. Die notwendige Vergrößerung des Kirchenraums wurde durch das Hinzufügen eines weiteren Seitenschiffs und einer Kapelle im Norden erreicht. Zahlreiche Bestattungen von Bürgern der sozialen Mittelschicht konnten in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts dort im Boden nachgewiesen werden.10 Mit der Stiftsaufhebung wurde der Sakralbau auf seine ursprüngliche Funktion als Pfarrkirche zurückgeführt. Diese wurde 1689 infolge des Stadtbrands im Pfälzischen Erbfolgekrieg schwer beschädigt, das Langhaus als barocker Saal wiederhergestellt. Brandschäden am romanischen und frühgotischen Turmmauerwerk zeugen noch heute von dieser Zerstörung. Der Stiftschor und der Turm blieben bis auf die Dachaufbauten bestehen. Materielle Kulturgeschichte, BauausstattungAus der Stiftszeit hat sich ein Sakramentshäuschen erhalten (2. Hälfte 15. Jahrhundert). Es kragt ohne Fuß aus der nordöstlichen Chorwand aus. Der Korb wird geziert von plastisch hervortretenden Efeuranken und dem Wappen des Speyerer Bischofs Johann von Enzberg (1459–1464) mit einem plastisch hervortretenden Löwen als Schildhalter. Vor der durch ein Gitter geschlossenen Nische findet sich eine Darstellung des Lamm Gottes, von einem plastisch hervortretenden Spruchband begleitet (Ecce agnus dei, qui tollit peccata mundi). Alle übrigen Teile der gotischen Ausstattung sind durch die Brandzerstörung verloren. Im Chorpolygon hat sich eine rund überfangene Nische erhalten, die wohl ein Grab aufnahm. Der heutige Raumeindruck wird bestimmt durch den barockzeitlichen Wiederaufbau als Saalkirche, der neobarocken Marmorierung der Wände, den im frühen 20. Jahrhundert aus Italien importierten Seitenaltären und Marmoreinbauten und dem modernen Deckengemälde (1988). BibliographieQuellen: Haselier 1964. Handbücher und Lexika: Dehio, Baden-Württemberg Bd. 1, S. 217 (Karin Stober); DI 20 (Annelise Seeliger-Zeiss); KDM Bd. 9,3, S. 24–34 (Hans Rott); kloester-bw, Kollegiatstift St. Martin Ettlingen (Rainer Brüning); SKHB, S. 196–199 (Rainer Brüning). Literatur: Stenzel 1982. Anmerkungen
|
| Objekttyp: | Konvent |
| Personenbezüge: |
|
Literatur + Links
| Weiterführende Links: |
|---|






leobw