Waghäusel, Kapuziner 

Kurzbeschreibung:

1616–1639 Hospiz (mit Unterbrechungen) – 1639 Erhebung zum Kloster – 1819/25 Aufhebung und Abbruch der Klosteranlage – 1920 Zerstörung der Kirche durch einen Brand und Wiederbesiedlung durch Kapuziner – 1999 Übernahme der Niederlassung durch Brüder vom gemeinsamen Leben

Patrozinium: Maria
Ordensgliederung: Kölner Provinz, 1668 Rheinische Provinz, 1920 Rheinisch-westfälische Provinz
Kirchliche Zugehörigkeit: Bistum Speyer, Archidiakonat des Stiftspropstes bei St. Guido, Landkapitel Bruchsal; 1821/27 Erzbistum Freiburg

Ortsbezüge:
Ordensregel:
  • Kapuziner 1616-1999
Beschreibung:

Name: Capuciner zum Waghäussle (1639)1

Geschichte

Inmitten des Lußhardtwaldes hatte sich im 15. Jahrhundert eine Wallfahrtsstätte entwickelt, in deren Zentrum ein steinernes, die »Mutter mit dem gütigen Herzen« darstellendes Gnadenbild stand. Um den Kult in feste Formen zu überführen, war es 1472/3 zum Bau einer Gnadenkapelle, dem »Häuslein am Wagbach« (= Waghäusel), gekommen. Während der Reformationszeit verlor das Marienheiligtum einiges an Anziehungskraft. Für den an Aufbauarbeit im Sinne der Katholischen Reform und deshalb an einer raschen Einführung des Kapuzinerordens in seiner Diözese interessierten Speyrer Bischof Philipp Christoph von Sötern (1610–1652) lag es nahe, der Wallfahrt neue Kräfte zuzuführen. Deshalb gestattete der in Waghäusel auch als Landesherr fungierende Oberhirte 1616 einer Gruppe von Kapuzinern aus der noch jungen Kölner Provinz, sich in Waghäusel niederzulassen und ein der Betreuung der Wallfahrer verpflichtetes Hospiz zu unterhalten. Unterkunft fanden die als große Verehrer der Muttergottes bekannten Kapuziner in einem turmähnlichen Bau, der neben der Kapelle stand und ursprünglich von einem die Wallfahrt versehenden Eremiten bewohnt worden war.

Schon weit gediehene Pläne, in Waghäusel ein Kloster zu bauen, wurden vom Verlauf des Dreißigjährigen Krieges ausgebremst. So sahen sich die Ordensmänner bereits 1619 dazu gezwungen, in die in unmittelbarer Nachbarschaft entstehende bischöflich-speyerische Festung Philippsburg zu fliehen. Ihr dortiger Aufenthalt war zwar nur von kurzer Dauer, da sie nach 1620 zuerst Speyer und dann Mainz als Ausweichquartiere bevorzugten. Indem zwei Patres in der Festung zurückblieben, um als Militärseelsorger zu wirken, wurde gleichwohl ein in der Folgezeit konstant wahrgenommener und sich phasenweise dynamisch entwickelnder Aufgabenbereich erschlossen. Die 1630 erfolgte Rückkehr nach Waghäusel blieb ein zweijähriges Intermezzo, da sie durch den Siegeszug der Schweden zu einem weiteren, bis 1638 währenden Aufenthalt in Speyer genötigt wurden. Während all dieser Jahre war es den Ordensmännern gelungen, das Gnadenbild zu bewahren. Dies bildete die Voraussetzung für den neben der Kapelle begonnenen Bau eines Klosters, dessen Grundsteinlegung an Mariae Himmelfahrt (15. August) des Jahres 1639 erfolgte. Die Mittel für den ein Jahr später vollendeten Bau kamen aus der Schatulle des kaiserlichen Hauptmanns Kaspar Baumberger. Dieser schrieb dem Gnadenbild seinen zur Nobilitierung (von Rauenberg) und zu reicher Entlohnung führenden größten militärischen Erfolg, die Vertreibung der Franzosen aus der Festung Philippsburg (1635), zu. Im Jahr 1683 erfuhren die Klosteranlage und die Kapelle bauliche Erweiterungen. Sie belegen, dass es die Kapuziner im Laufe des 17. Jahrhunderts verstanden hatten, den Wallfahrtsort einer neuen Blüte entgegenzuführen. Die Nähe zur oftmals hart umkämpften Festung Philippsburg hatte der Gründung des Klosters einen wichtigen Impuls gegeben, sorgte im Rahmen des Pfälzischen, Spanischen und Polnischen Erbfolgekriegs aber auch immer wieder für empfindliche Rückschläge. Im Pfälzischen Erbfolgekrieg sah sich die Klosterfamilie nach der Teilzerstörung ihrer Behausung dazu genötigt, von 1690 bis 1697 ins benachbarte Kirrlach auszuweichen.

Ihre beste Zeit erlebten Wallfahrt und Kloster in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Einen Beitrag hierzu lieferte Martin von Cochem (1634–1712), das berühmteste Mitglied des Konvents. Zu den späten Werken des in Waghäusel seinen Lebensabend verbringenden geistlichen Volksschriftstellers zählt eine Abhandlung (1710) über die Geschichte der Wallfahrt. Das Werk war darauf angelegt, den Glauben an die Wundermacht des Gnadenbildes zu festigen. Fürstbischof Damian Hugo Philipp von Schönborn (1719–1743) suchte die Nähe zu dem Marienheiligtum und zu dessen Hütern, indem er von 1724 bis 1729 den Bau eines als »Eremitage« bezeichneten kleinen Schlosses veranlasste. Auch die nachfolgenden Speyerer Oberhirten blieben den Kapuzinern von Waghäusel geneigt und übten an diesen selbst unter den Vorzeichen der zum Durchbruch kommenden Aufklärung nur begrenzt Kritik. Unter den weltlichen Förderern des Wallfahrtsortes ragten die zum alten Glauben zurückgekehrten Kurfürsten von der Pfalz und die in ihrem eigenen Landen als große Befürworter des Wallfahrtswesens bekannten Markgrafen von Baden-Baden hervor. Die seelsorgerliche Arbeit der Kapuziner ging weit über die Betreuung der Wallfahrt hinaus. Indem Bischof Philipp Christoph von Sötern den Kapuzinern die Erlaubnis erteilt hatte, im ganzen Hochstift zu predigen und die Sakramente zu spenden, legte er das Fundament für weiträumige Helferdienste in der Seelsorge.

Im Reichsdeputationshauptschluss von 1803 fiel der rechtsrheinische Teil des Hochstifts Speyer und mit ihm auch das Kloster Waghäusel an den badischen Staat. Vor dem Hintergrund, dass die kapuzinischen Helferdienste noch benötigt wurden, zögerten die Verantwortlichen die Aufhebung des zusammengeschmolzenen Konvents bis ins Jahr 1819 hinaus. Die letzten Kapuziner fanden Mittel und Wege, in Waghäusel zu verbleiben, wurden 1825 aber mit einem verschärften und hart durchgesetzten Aufhebungsbescheid konfrontiert. 1920 kamen erneut Kapuziner nach Waghäusel, um die Wallfahrt zu betreuen. 1999 verließen sie den Ort wieder, seitdem befindet sich dort eine Niederlassung der Brüder vom gemeinsamen Leben.

Bau- und Kunstgeschichte

Das Kloster wurde am Rand der Wagbachniederung zwischen den Dörfern Kirrlach und Oberhausen an einer einsam im Lußhardtwald gelegenen Wallfahrtskapelle des 15. Jahrhunderts erbaut, ca. 4 km nordöstlich der Festung Philippsburg. Lage und Gestalt der turmartigen Schaffner- und Kaplaneiwohnung der Wallfahrt sind unbekannt; dieses Gebäude wurde anfangs von zwei Kapuzinern bewohnt. Das ab 1639 erbaute, um einen Kreuzgang geordnete Kloster schloss nach Süden und Osten hin an die Kirche an. Unmittelbar südlich des Klostergeländes ließ der Speyerer Bischof Damian Hugo Philipp von Schönborn ab 1724 das Lustschloss »Eremitage« mit einer großen Gartenanlage errichten; die Wohngebäude der Bediensteten wurden nördlich des Klosters gebaut. Der Ort Waghäusel östlich des Klosters entstand erst im 19. Jahrhundert. Nach 1820 wurde die Klosteranlage weitgehend abgebrochen. Die im Eremitagengelände 1837–1997 bestehende Zuckerfabrik mit ihren großen Siloanlagen ist seit 2020 wieder rückgebaut. Die Gebäude des 1920 wiederbesiedelten Klosters enthalten geringe Reste der barocken Anlage.

Die spätgotische Wallfahrtskapelle, Filiale von Udenheim (Philippsburg), mit ihren vier Altären wurde nach 1639 vom Konvent beansprucht; zahlreiche Entwürfe im Archiv der Kapuzinerprovinz belegen Ausbauplanungen für Kirche und Klosteranlage. Für das Kloster wurde zunächst im Osten der Psallierchor des Konvents angebaut, im Süden eine Sakristei. Eine Stifterinschrift mit Wappen unter einer Marienstatue ziert die Nordostecke des Psallierchors. Entsprechend der Gestaltung anderer Kapuzinerkirchen wurde außerdem eine Kapelle im Süden an das gotische Kirchenschiff angebaut. Barocke Bauteile rahmen seitdem die von Strebepfeilern und Maßwerkfenstern geprägten Überreste der kleinen, spätgotischen Wallfahrtskapelle. In ihrem Innenraum trennte ein Triumphbogen den niedrigen rippengewölbten Altarraum vom Laienraum; vor seinen Pfeilern standen zwei Nebenaltäre. 1683 legte der Konvent mit Zustimmung von Bischof Johann Hugo von Orsbeck (1675–1711) dem Provinzrat drei alternative Planungen für eine Erweiterung vor: Als dreischiffige Hallenkirche mit ganz schlichten Pfeilern, Ovalfenstern und Holztonnengewölben, als breiter, holztonnengewölbter Saalraum von vier Fensterachsen oder lediglich mit einer zweiten Kapelle auf der Nordseite des Schiffs. Ausgeführt und 1685 geweiht wurde der breite Saalraum; dort stand nun der Gnadenaltar mit dem wundertätigen Marienbild. Charakteristisch für den Orden war der Einbau einer Begräbnisgruft im Kirchenschiff.

Ab 1718 gelangte die Kirche wieder in die alleinige Verfügung des Bischofs von Speyer und wurde 1721 als Pfarrkirche dem Pfarrer von Wiesental zugeordnet; die Kapuziner waren an den folgenden Umbauten nicht mehr beteiligt, konnten die Kirche aber weiter nutzen. 1734 ließ sich Bischof Damian von Schönborn über dem gotischen Altarraum einen »Bischofschor« mit einem von ihm selbst gestifteten Altar einrichten; der holztonnengewölbte Raum ist als Empore zum Kirchenschiff geöffnet. Ab 1749 wurde die Kirche auf Wunsch von Bischof Franz Christoph von Hutten (1743–1770) grundlegend modernisiert und mit neuen, spätbarocken Säulenaltären und Skulpturen ausgestattet. Überliefert ist die Mitwirkung Bruchsaler und Rastatter Hofkünstler wie Balthasar Neumann, Leonhard Stahl, Gottfried Bernhard Götz, Valentin Götz, Joachim Günther, Martin Eigler, Johann Wolfgang Weinspach und Ulrich Brandmeier. Die Kirche verlor damals den Charakter einer Kapuzinerkirche. 1761 wurde der im Nordosten des Kirchenschiffs stehende Pfarraltar St. Antonius durch einen Nepomukaltar ersetzt, der in seiner Architektur dem 1749 erneuerten Gnadenaltar an der Südostseite entsprach. Eine neue Kanzel mit großen Reliefbrustbildern der Evangelisten entstand 1769. Bischöflich geförderte Ausstattungs- und Bauarbeiten sind auch für 1771 und 1776 überliefert; dieser Epoche entstammen die Verlängerung der Kirche um drei Achsen sowie zwei neue Altäre am Triumphbogen (St. Antonius und St. Franziskus), das Gestühl, der Windfang und eine Glocke. Diese spätbarocke Ausstattung ist nur durch Fotos überliefert. Nach dem verheerenden Brand 1920 wurde die Kirche neu aufgebaut und in neobarocken Formen ausgestaltet.

Die erste, zweigeschossige und um einen Kreuzgang geordnete, zweiflüglige Klosteranlage schloss an Sakristei und Vorraum zum Psallierchor an, war also deutlich von der Wallfahrtskirche abgerückt. Der Klausurostflügel nahm im Erdgeschoss das Refektorium und die Küchenräume auf, der Südflügel drei Gasträume und den Kreuzgangsüdflügel. Neben der Klosterpforte gab es im Westen einen eingeschossigen Wirtschaftsraum. 15 Zellen befanden sich im Obergeschoss des Ostflügels, die Krankenzimmer oberhalb der Sakristei, drei heizbare Räume im Südflügel, die Aborte in einem Südostanbau. Wohl im Zuge der Wiederherstellung nach dem Brand 1690 wurde im Nordosten ein nach Osten vorspringender kurzer zweigeschossiger Trakt mit Weinkeller und weiteren Zellen errichtet, anschließend das Kelterhaus; auch im Südosten entstand ein neues Wirtschaftsgebäude. Der Konvent plante einen neuen zweigeschossigen Ostflügel mit einem Gästeappartement für den in Bruchsal residierenden Bischof über der Kelter und den neuen Wirtschaftsräumen im Erdgeschoss. Für den Bischof sollte es dort standesgemäß eine Antichambre, eine Chambre (im Eckzimmer mit Blick auf die Eremitage) und ein »Schlosszimmer« als Cabinet geben. Das Kloster hätte damit zwei Innenhöfe gehabt.

Bis 1920 waren zahlreiche barocke liturgische Geräte sowie Skulpturen und Votivbilder erhalten, die teilweise im Foto überliefert sind.

Bibliographie

Quellen: Hierotheus Confluentinus 1735, S. XVIII, 3–5, 47, 63, 495.

Handbücher und Lexika: Dehio, Baden-Württemberg Bd. 1, S. 805 f. (Karin Stober); DI 20 (Anneliese Seeliger-Zeiss); KDM Bd. 9,2, S. 322–335 (Hans Rott); kloester-bw, Kapuzinerkloster Waghäusel (Matthias Ilg).

Literatur: Ehrenfried 1966.

Anmerkung

1 GLA 229 Nr. 108420 (21.10.1639).

Anmerkungen

Objekttyp: Konvent
Personenbezüge:
  • Matthias Ilg [Autor]
  • Matthias Untermann [Autor]
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