Heidelberg, Augustinereremiten 

Kurzbeschreibung:

zwischen 1256 und 1279 Gründung – 1279 Ersterwähnung – nach 1547 Aufhebung und Einrichtung des Sapienzkollegs – 1693 Zerstörung des Sapienzkollegs

Patrozinium: unbekannt
Ordensgliederung: Deutsche Provinz, 1299 Rheinisch-schwäbische Provinz, 1476 sächsische Reformprovinz
Kirchliche Zugehörigkeit: Bistum Worms, Archidiakonat des Propstes von Neuhausen, Landkapitel Heidelberg

Ortsbezüge:
Ordensregel:
  • Augustinereremiten 1279-1547
Beschreibung:

Name: fratribus ordinis eiusdem b[e]atissimi Augustini in Heidelberc (1279);1 conuente zu Heydelberg sancte Augustinus ordens (1366);2 conuent sant Augustinus ordens, des Augustiner closters alhie zu Heidelbergk (1538)3

Geschichte

Der Heidelberger Konvent muss zwischen 1256, der Gründung des Augustinerordens, und der Ersterwähnung des Klosters 1279 entstanden sein. Den Baugrund – im Südwesten innerhalb der Stadtbefestigung gelegen – stellte offenbar Pfalzgraf Ludwig II. (1253–1294) zur Verfügung. Gemäß einer Urkunde seines Nachfahren Ludwig V. (1508–1544) soll er auch den Bau veranlasst haben. Demnach wäre das noch heute im Kurpfälzischen Museum erhaltene Grabmal eines Pfalzgrafen am ehesten ihm zuzuordnen. Es barg wohl die fleischlichen Überreste Ludwigs II., während seine Gebeine ins Kloster Fürstenfeld transferiert wurden. Auch sein Vitztum, Heinrich von Sachsenhausen, sollte – wohl aus Verbundenheit zu seinem Herrn – im Jahr 1299 seine letzte Ruhe im Augustinerkloster finden. Abgesehen von diesen frühen adligen Beisetzungen entwickelte sich das Kloster zu einem Begräbnisort des Heidelberger Bürgertums.

Dennoch scheint die pfalzgräfliche Familie mit dem Augustinerkloster einen wichtigen Stützpunkt in der Stadt behalten zu haben. 1406 schlichtete König Ruprecht (1400–1410) hier einen Streit zwischen Bürgern und Universität, 1452 ließ Friedrich der Siegreiche (1451–1476) im Kloster seine Universitätsreform verkünden. Auf sein Betreiben hin wurde das Kloster 1475 durch Andreas Proles reformiert. Wie weit der Einfluss der Kurfürsten reichte, verdeutlicht die Tatsache, dass Ludwig V. 1526 dem Konvent eine neue Ordnung gab.4

Neben den Kurfürsten nutzte auch die Universität die Räume des Klosters: Als Versammlungsort oder für Feierlichkeiten, wir wissen von Promotionen oder Universitätsmessen in der Klosterkirche, gerade in den frühen Jahren aber auch für die Lehre. So unterrichtete Hieronymus von Prag im April 1406 vor seinem Ausschluss aus der Artistenfakultät in den Räumen des Augustinerklosters. Der rheinisch-schwäbischen Provinz des Augustinerordens diente das Heidelberger Kloster als Studienhaus, allerdings nur für die Philosophie. Auch wenn den Mönchen vonseiten der Universität ab 1476 akademische Übungen erlaubt waren, bildete sich hier dennoch keine bedeutende Schule aus.

1518 fand das Generalkapitel der Augustiner in Heidelberg statt, in dessen Rahmen Martin Luther eine Disputation leitete, die allerdings nicht im Kloster abgehalten wurde, wo der Reformator lediglich wohnte. Ihre Wirkung ist kaum zu überschätzen, da ihr zahlreiche Studenten beiwohnten, die später im südwestdeutschen Raum als Wegbereiter der neuen Lehre auftreten sollten. Auch der Heidelberger Konvent blieb davon nicht unberührt. Er verlor an Zulauf, die Gebäude verfielen. 1547 wurde eine Vereinbarung der kurfürstlichen Verwaltung mit der Universität geschlossen, wonach das Augustinerkloster der Alma Mater zugeschlagen werden sollte. Es sollte jedoch noch bis zur Regierungszeit Kurfürst Ottheinrichs (1556–1559) dauern, ehe in den Räumen des Klosters das Sapienzkolleg eröffnet werden konnte. Als Wohn- und Studienanstalt für bedürftige Landeskinder beherbergte es in der Regel 70 Stipendiaten. 1560/61 wurde es in eine Institution zur Theologenausbildung umgewandelt und erreichte seine Blütephase mit europaweiter Strahlkraft, zumindest für die reformierte Konfession. Nach dem Einmarsch bayerischer Truppen 1622 im Zuge des Dreißigjährigen Kriegs wurde es geschlossen. Daraufhin setzten sich die Augustinereremiten erfolglos für die Wiedererlangung des Klosters ein. Stattdessen übernahmen Jesuiten das Kolleg. Deren →Heidelberger Konvent wurde jedoch 1649 wieder aufgelöst. Erst 1656 konnte das Collegium Sapientiae wiederbelebt werden, ehe es schließlich im Orléansschen Krieg 1693 ein Raub der Flammen wurde. Was von den Gebäuden übrigblieb, diente den städtischen Bewohnern für einige Zeit als Notunterkunft, ehe die Ruinen abgetragen wurden, um an ihrer statt den Ludwigs- und heutigen Universitätsplatz anzulegen. Das Archiv des Klosters ging in jenes der Universität ein. Das Gros der Überlieferung liegt heute in der Heidelberger Universitätsbibliothek, der geringere Teil im Heidelberger Universitätsarchiv. Die Bibliothek erlebte eine wechselvolle Geschichte. Deren Bücher sind teilweise noch in der Bibliotheca Palatina als Teil der Biblioteca Apostolica Vaticana sowie in der Wissenschaftlichen Stadtbibliothek Mainz nachweisbar.

Bau- und Kunstgeschichte

Lage

Das Kloster nahm die Südwestecke der im frühen 13. Jahrhundert ummauerten Altstadt ein, den heutigen Universitätsplatz (früher: Ludwigsplatz) und das Areal des Kollegiengebäudes (»Neue Universität«). Es überlagerte dort einen vermutlich bereits aufgelassenen Adelssitz des 12. Jahrhunderts, und auch im übrigen müssen ältere Häuser für die Klostergründung erworben und abgebrochen worden sein. An die Kirche schlossen im Süden Kreuzgang und zweiflüglige Klausur an, dann der Wirtschaftshof und der zweiseitig von der Stadtmauer mit ihrem Eckturm (»Hexenturm«) begrenzte Klostergarten. Auch nördlich der Kirche gab es weitere Klostergebäude. Den Zugang bildete der 1296 von Pfalzgraf Rudolf I. (1294–1317) geschenkte Weg von der Hauptstraße nach Süden.5 Der Friedhof des Klosters, in dem ein 1279 geschenktes Wohnhaus stand,6 lag östlich dieses Wegs, nördlich der Kirche.

Kirche und Konventsbauten

Das vollständig abgegangene Kloster wurde bei einer Neugestaltung des Ludwigsplatzes 1912 und partiell erneut 1979 ausgegraben und dokumentiert; die Mauern waren bis 1,7 m hoch erhalten. Eine moderne Auswertung der Dokumentation fehlt. Das Gartenareal wurde vor Neubauarbeiten 1986–87 archäologisch untersucht; Funde und Befunde sind ausgewertet und publiziert. Die Bauten der Gründungszeit wurden nach der Klosterreform 1475 recht aufwändig erweitert und erneuert.

Die erste Kirche war eine Saalkirche mit polygonal schließendem Langchor. Da Strebepfeiler fehlen, ist unklar, ob sie zunächst holzgedeckt war; der Chor erhielt jedenfalls, wie zwei große Schlusssteine belegen, um 1290/1300 Kreuzrippengewölbe. Ein Lettner teilte im Innenraum den relativ kurzen Laienbereich vom Chor- und Altarraum ab; die Position des Chorgestühls wurde im Fußbodenbelag erkennbar. Die Westwand der Kirche und des Klosters wird durch eine Mauergasse von der älteren Stadtmauer getrennt. Wegen der schräg zur Kirchenachse verlaufenden Stadtmauer entstanden verzogene Grundrisse.

Nördlich am Chor schloss ein mehrgeschossiges Gebäude an, zu dem ein großer Schlussstein mit dem Adlerwappen Ruprechts III. gehörte (um 1400, vgl. Abb. 2); vermutlich diente es den überlieferten, im Kloster stattfindenden Versammlungen, dem Studienbetrieb der Universität und später auch des Ordens. Auch an das nördliche Seitenschiff schloss ein Bauwerk an, vielleicht die 1401 als »kleines Paradies« erwähnte Vorhalle der Kirche.7

Das Kirchenschiff wurde um 1500 mit gewölbten Seitenschiffen erweitert; je drei Rundpfeiler trugen die Wände des Mittelschiffs. Zeitgleich erhielt die Kirche einen neuen Lettner. Nach der Klosteraufhebung und der Umnutzung als Universitätsgebäude (»Collegium Sapientiae«) 1553 wurden der Langchor als Hörsaal eingerichtet, die Arkaden des Kirchenschiffs zugemauert und das Nordseitenschiff abgebrochen; später entstand hier ein Wohnhaus.

Die Klausur südlich der Kirche bestand wohl seit der Gründungszeit aus einem an den Chor anschließenden Ostflügel und einem Südflügel. Ihre klosterzeitliche Innenraumteilung ist durch jüngere Keller zerstört. Der aufwändig gewölbte, vierseitige, vermutlich zweigeschossige Kreuzgang wurde, wie Gewölbekonsolen und Schlusssteine belegen, um 1500 neugebaut. Er war von der Kirche abgerückt, im Nordosten schloss ein Verbindungsraum an. Umbauarbeiten am Kloster waren 1548 noch im Gang.8

Der zweiflüglige Wirtschaftshof ist in einem Plan des 17. Jahrhunderts dargestellt;9 ausgegraben wurde am Südrand eine um 1500 aufgelassene Abfallgrube. Der angrenzende, terrassierte Gartenbereich ist erst im 14. Jahrhundert nach einer Brandzerstörung der älteren Bebauung zum Klosterareal hinzugekommen. Nach der Zerstörung 1693 wurde die Anlage aufgegeben; Wirtschaftshof und Garten sind im 19./20. Jahrhundert überbaut worden.

Materielle Kulturgeschichte, Bauausstattung

Der Chor des Kirchenraums war um 1500 mit einem mehrfarbigen Tonfliesenboden belegt. Zwei Schlusssteine aus dem Chor, einer vom Nordanbau, zwei vom Lettner und 13 von den Kreuzganggewölben, die Apostel und Kirchenväter zeigen, verzierte Konsolen sowie zahlreiche Grabplatten aus dem Kreuzgang, überwiegend des 13. Jahrhunderts, werden im Kurpfälzischen Museum Heidelberg bewahrt; dort befindet sich auch das übrige Fundmaterial der Klostergrabung. Wie in Speyer und Worms in ähnlicher Weise üblich, wurden auf manchen Grabsteinen die Namen der Verstorbenen im Mittelfeld groß wiederholt, um ihre Auffindung beim Jahrgedächtnis zu erleichtern. Bemerkenswert ist der Fund einer an der Nordwand aufgestellten Grabplatte mit Kurfürstenfigur. Die Grabmalinschrift wurde nach der Klosteraufhebung in ein Wandgemälde des Hörsaals übertragen.

Bibliographie

Handbücher und Lexika: DI 12,4 (Renate Neumüllers-Klauser); KDM Bd. 8,2, S. 114 f. (Adolf von Oechelhäuser), S. 345–356 (Hermann Schrieder); kloester-bw, Augustinerkloster Heidelberg (Michael K. Wernicke).

Literatur: Sillib 1899/1920; Kunzelmann 1969/1970/ 1974; Carroll-Spillecke 1993; Wolgast 1999; Seeliger-Zeiss 2000; Seidenspinner/Benner 2006; Huthwelker 2013; Günter 2018; Holste-Massoth 2019.

Anmerkungen

  • 1 UB Heidelberg Urk. Barth 6.
  • 2 UB Heidelberg Urk. Barth 32.
  • 3 UB Heidelberg Urk. Barth 167.
  • 4 Sillib 1899, S. 12 8-140.
  • 5 UB Heidelberg Urk. Barth 9; Mone 1860, Nr. 2 S. 43: viam illam, cum fundo eius, que a ianua cimiterii eorum, posita versus fabrum apud portam civitatis residentem, usque ad ecclesiam ipsorum fratrum inter ipsum cimiterium et areas, versus murum civitatis sitas, se extendit.
  • 6 UB Heidelberg Urk. Barth 6; Mone 1860, Nr. 1 S. 42.
  • 7 UB Universität Heidelberg I, Nr. 53 S. 79.
  • 8 UAH I 3 Nr. 6.
  • 9 UAH IX 5 Nr. 54
Objekttyp: Konvent
Personenbezüge:
  • Thorsten Huthwelker [Autor]
  • Matthias Untermann [Autor]
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