Heidelberg, Franziskaner 

Kurzbeschreibung:

angeblich 1245 Ersterwähnung – nach 1314 Zerstörung – 1331 Neubezug – 1420er Jahre Zuführung zur Observanz – 1556 Aufhebung – 1622–1633, 1635–1649, 1698 Wiederbesiedlung mit Unterbrechungen – 1802 Aufhebung

Patrozinium: Maria
Ordensgliederung: Oberdeutsche (Straßburger) Provinz, Kustodie Schwaben; 1426 Oberdeutsche (Straßburger) Observantenvikarie; 1517 Oberdeutsche (Straßburger) Observantenprovinz, Kustodie Schwaben
Kirchliche Zugehörigkeit: Bistum Worms, Archidiakonat des Propstes von Neuhausen, Landkapitel Heidelberg

Ortsbezüge:
Ordensregel:
  • Franziskaner 1245-1802
Beschreibung:

Name: ordinis fratrum Minorum domus in Heidelberg (1292);1 guardini et fratrum ordinis Minorum in Heydelberch (1320);2 barfüssen zu Heydelberg (1406);3 closter zu den Mynnern brudern hie zu Heidelberg (1479)4

Geschichte

Das wohl Mitte des 13. Jahrhunderts gegründete Franziskanerkloster erfuhr spätestens mit dem Neuaufbau innerhalb der Stadtmauern in den 1320er Jahren die Förderung der kurfürstlichen Familie. Pfalzgräfin Elisabeth von Namur († 1382), die mit Unterstützung ihres Ehemanns Ruprecht I. (1329–1390) das Kloster hatte vergrößern lassen, verfügte testamentarisch ihre Beisetzung im Chor, wie auch Friedrich I. († 1476) in seiner eigens zu diesem Zweck aufgeführten Muttergotteskapelle. Sicherlich aufgrund dieser pfalzgräflichen Bestattungen, aber auch wegen der Nähe zum Schloss, avancierte das Franziskanerkloster zur wichtigsten Grablege für Mitglieder des Heidelberger Hofs. Nur im weitesten Sinne zum höfischen Umfeld gehörig war der Humanist Rudolf Agricola († 1485), der ebenfalls hier seine letzte Ruhestätte fand.

Attraktiv für die Memoria des Adels war der Konvent auch durch seinen frühen Beitritt zur Observanz – als erstes Haus der oberdeutschen Provinz. Den maßgeblichen Impuls dafür gab laut Ordensüberlieferung Pfalzgräfin Mechthild von Savoyen-Achaia († 1438). Sie stand der heiligen Colette von Corbie (1381–1447) nahe, der Reformerin des Ordens der Klarissen. Ihr ehemaliger Beichtvater Nikolaus Caroli war dabei die treibende Kraft. Mit Brüdern aus der Provinz Turonia konnte in einem längeren Prozess während der 1420er Jahre der Heidelberger Konvent reformiert werden. Die Klostergüter wurden förmlich erst 1435 der Peterskirche und dem →Augustinerkloster übertragen. In der Folge stellte die Heidelberger Ordensniederlassung und insbesondere Nikolaus Caroli einen Ausgangspunkt der Observanz für die oberdeutsche Provinz dar. Letztgenannter wurde nicht nur zum Guardian des Heidelberger Konvents, sondern auch Provinzvikar, 1444 wurde er zusammen mit Nikolaus Dieppach zum Kommissar für die Reform der oberdeutschen Provinz ernannt. Unter seiner Leitung wurden in den 1440er Jahren die Ordensniederlassungen in Basel, Rufach und →Pforzheim der Observanz zugeführt, es folgten Tübingen 1446 und Nürnberg 1447, wobei im letztgenannten Fall Brüder aus Heidelberg das Haus mitübernahmen. Auch in den Klarissenkonventen Alspach und Gnadental in Basel konnte er die Reform durchführen. Die durch die Zuwendung zur Observanz gewonnene Bedeutung des Klosters zeigt sich sicherlich auch in den 1455, 1481 und 1514 in Heidelberg abgehaltenen Provinzkapiteln.

Wenig wissen wir über die religiöse und kulturelle Bedeutung des Konvents für die Stadt. 1284 und 1379 wurden Ablässe für die Kirche gewährt. In der zweiten Hälfte der 1480er Jahre dürfte eine Zusammenarbeit mit dem Buchdrucker Heinrich Knoblochtzer bestanden haben. Schließlich sind aus seiner Offizin einige Inkunabeln überliefert, die entweder Texte franziskanischer Theologen wiedergeben oder auf franziskanische Bedürfnisse zugeschnitten sind. Auch die Verbindung zur Universität zeigt sich in den Quellen nur schemenhaft. Anfang des 15. Jahrhunderts wird der Heidelberger Konvent als Studienhaus bezeichnet. Als dessen bedeutendster Lehrer kann Sebastian Münster († 1552) gelten, von 1521–23 wirkte er als Lektor an der Klosterschule, von 1524–1529 als Lektor für Hebräisch an der Artistenfakultät. Zu dieser Zeit muss sich das Ordensleben bereits im Niedergang befunden haben, sorgte die sich unterschwellig in der Kurpfalz ausbreitende Reformation doch für ein Schwinden der Konventsmitglieder, die in der Regel bürgerlicher Herkunft waren. 1550 wurde das Kloster offenbar von Studenten gestürmt, 1556 endgültig aufgehoben.

Die Klosterkirche wurde in der Folge zur Pfarrkirche, die Konventsgebäude beherbergten ab 1565 das Pädagogium, eine auf das Universitätsstudium vorbereitende Schule. Mit der Besetzung Heidelbergs durch Truppen der katholischen Liga 1622 während des Dreißigjährigen Kriegs konnten die Brüder wieder Einzug halten. Ab 1628 wurde auch wieder die Lehre aufgenommen. Zwischen 1628 und 1630 gelang dem Heidelberger Bruder Adam Bürvenich die Gründung der Franziskanerklöster in →Tauberbischofsheim und Miltenberg, ehe die heranrückenden Schweden das Ordensleben im Heidelberger Konvent zwischen 1633 und 1635 wieder zum Erliegen brachten. Von 1635 bis 1649 konnte es noch einmal erblühen, ehe mit dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs und der Rückkehr des protestantischen Pfälzer Kurfürsten das Kloster wieder zum Pädagogium umfunktioniert wurde.

Erst mit dem Konfessionswechsel der herrschenden Dynastie zum Katholizismus und nach dem Ende des Orléansschen Kriegs, der Heidelberg schwer verwüstet hatte, gab es einen Neuanfang für die Franziskanerbrüder. Ab 1698 ist in den Quellen wieder klösterliches Leben greifbar. Freilich mussten die zerstörten Gebäude erst wieder in Stand gesetzt werden. Die neue Kirche war nicht vor 1713 vollendet. Zudem wissen wir von einer Anna- und einer Lorettokapelle. Auch mehrere Bruderschaften sind am Franziskanerkloster des 18. Jahrhunderts nachweisbar: die Gürtelbruderschaft bzw. Fünf-Wunden-Bruderschaft, die Bruderschaft von der unbefleckten Empfängnis sowie die Antoniusbruderschaft. Auch der Unterricht im Kloster ist ab 1728 wieder fassbar.

Das endgültige Ende des Klosters kam 1802 mit der Säkularisation. In der Folge wurden die Gebäude auf Wunsch der Heidelberger Bevölkerung abgerissen, um den noch heute in dieser Form bestehenden Karlsplatz anzulegen.

Bau- und Kunstgeschichte

Das Kloster wurde 1248 südwestlich der Stadt gebaut5 und um 1320 nach Brandzerstörung in ein großes Quartier im Osten der Altstadt verlegt.6 1375 wurde das Kloster erweitert und ausgeschmückt.7 Die nach Kriegsschäden erneuerte Anlage wurde 1803 abgerissen; heute befindet sich dort der Karlsplatz. Die Gartenflächen sind überbaut. Historische Ansichten und ein Grundriss von 1803 überliefern die barockzeitliche Baugestalt. Das Kloster wurde vor dem Bau einer Tiefgarage 1979 archäologisch untersucht; diese Grabung ist noch nicht publiziert.

Die außen mit Strebepfeilern gegliederte gotische Kirche hatte ein einschiffiges, siebenjochiges Langhaus und einen dreijochigen Langchor mit Polygonabschluss. Sie trug einen kleinen Dachreiter. Die schlichten barocken Klostergebäude gruppierten sich südlich und östlich der Kirche um drei Höfe, von denen der südöstliche, neben dem Chor, einen Kreuzgang aufwies. Raumbezeichnungen fehlen im Plan von 1803. Zwei große durchfensterte Räume im Ostflügel könnten der Speisesaal und eine Konventstube gewesen sein. Östlich des Klosters befand sich ein großer Garten.

Im »Barfüßerchor« vor dem Altar befand sich das Grab der Pfalzgräfin Elisabeth von 1382.8 Eine südliche Langhauskapelle nahm das 1467 beauftragte Grab des Kurfürsten Friedrich I. auf, ein Doppelbildnis mit repräsentativer Liegefigur.

Bibliographie

Quellen: Chronica fratris Nicolai Glassberger 1887; Wadding 1932; Müller/Tschan 1964.

Handbücher und Lexika: DI 12,4 (Renate Neumüllers-Klauser) KDM Bd. 8,2, S. 116 f. (Adolf von Oechelhäuser); kloester-bw, Franziskanerkloster Heidelberg (Thorsten Huthwelker).

Literatur: Schlager 1929; Merkel 1996; Seeliger-Zeiss 1996; Huthwelker 2012; Silberer 2016

Anmerkungen

  • 1 Monumenta Wittelsbacensia II, Nr. 194 S. 3 3-36.
  • 2 Bullarium Franciscanum V, Nr. 395 S. 182.
  • 3 UB Heidelberg Urk. Barth 61.
  • 4 GLA 43 Nr. 3039.
  • 5 Müller/Tschan 1964, S. 84.
  • 6 RPR I, Nr. 1978 S. 118; Müller/Tschan 1964, S. 84 f.
  • 7 Müller/Tschan 1964, S. 85.
  • 8 RPR I, Nr. 4431 S. 265 f.; zur Ausführung vgl. RPR I, Nr. 4440 S. 166
Objekttyp: Konvent
Personenbezüge:
  • Thorsten Huthwelker [Autor]
  • Leonie Silberer [Autor]
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