Heidelberg, Augustinerchorfrauen 

Kurzbeschreibung:

1700/05 Gründung (nach einem gescheiterten Versuch 1688) – 1802 Aufhebung – 1903 Abbruch der Anlage

Patrozinium: [Maria]
Kirchliche Zugehörigkeit: Bistum Worms, Archidiakonat des Propstes von Neuhausen, Landkapitel Heidelberg

Ortsbezüge:
Ordensregel:
  • Augustinerchorfrauen 1700-1802
Beschreibung:

Namen: les religieuses de la Congregation de Notre Dame (1700);1 die geistlichen jungfrauen der Congregation B. M. V. (1700);2 jungfrauen closter […] deß ordens Unßer Lieben Frauen Congregation sub regula sancti Augustini (1705)3

Geschichte

Als die Kurpfalz nach dem kinderlosen Tode des reformierten Kurfürsten Karl II. (1680–1685) dem katholischen Herzog Philipp Wilhelm von Pfalz-Neuburg (1685–1690) zufiel, begann dieser sogleich, den Katholizismus in seinem neuen Land massiv zu fördern. Dazu gehörte die Ansiedlung geistlicher Orden in der Residenzstadt Heidelberg. Zuerst kamen →Kapuziner und kurz darauf Augustinerchorfrauen der Kongregation Unserer Lieben Frau. Die Kongregation war ein Lehr- oder Schulorden, der sich der Erziehung und Unterweisung der weiblichen Jugend widmete. Die Gemeinschaft war 1597/98 im französischsprachigen Lothringen von der Kaufmannstochter Alix Le Clerc und dem Regularkanoniker Pierre Fourier gegründet worden und hatte sich seit dem Dreißigjährigen Krieg auch im deutschen Sprachgebiet verbreitet.

Am 7. Januar 1688 stellte Kurfürst Philipp Wilhelm auf die Bitte von Mutter und Konvent des Mainzer Klosters ein Privileg aus,4 das ihnen die Gründung einer Filiale in Heidelberg genehmigte. Das Heidelberger Institut sollte einerseits für alle und jede Kinder (weiblichen Geschlechts) eine kostenlose Elementarschule bieten und andererseits Töchter der adligen und bürgerlichen Oberschichten in Kost nehmen und ihnen auch höhere Bildung vermitteln. Der erste Versuch der Niederlassung endete freilich noch 1688, denn bei Ausbruch des Orléansschen Krieges kehrten die drei aus Mainz und Trier abgeordneten Schwestern in ihre Mutterhäuser zurück.

Nach dem Ende des Krieges, in dem Heidelberg 1693 weitgehend zerstört worden war, lud Philipp Wilhelms Sohn und Nachfolger Johann Wilhelm (1690–1716) im Jahre 1700 zunächst die Mainzer Augustinerinnen wieder ein, doch als er mit ihnen nicht einig wurde, deren Bonner Ordensschwestern. Für sie wurden aus Mitteln der Geistlichen Administration (Verwaltung der Kirchengüter) zwei Grundstücke mit einem Haus uff dem Graben erworben, das sie schon 1701 bezogen. Nach längerem Streit zwischen Mainz und Bonn verfügte der Kurfürst 1705, dass beide gemeinsam das Heidelberger Kloster gründen sollten.5 Ein Privileg vom 9. September 17056 markiert den rechtlichen Abschluss dieses Akts. Johann Wilhelm nimmt darin die Heidelberger Kommunität in seinen Schutz, übereignet ihr den Grundbesitz und erklärt sie für unabhängig von auswärtigen Konventen. Die Urkunde macht sechs der Heidelberger Chorfrauen namhaft: fünf, darunter die Vorsteherin (Superiorin) und ihre Assistentin, sind aus Mainz bzw. Bonn gekommen, eine Schwester hat schon in Heidelberg Profess abgelegt.

Als 1720 Mannheim anstelle Heidelbergs Residenz geworden war, gründete der Heidelberger Konvent dort eine Filiale, die 1726/27 verselbständigt wurde. Unterdessen waren in Heidelberg 1724 als zweiter weiblicher Orden Dominikanerinnen ansässig geworden, die wegen ihrer Tracht »Weiße Nonnen« genannt wurden, wohingegen sich für die Augustinerchorfrauen die Bezeichnung »Schwarze Nonnen« einbürgerte.7 Die geistliche Aufsicht über den Heidelberger Konvent nahm anfangs stellvertretend der Weihbischof von Speyer wahr, seit 1711 oblag sie den Wormser Weihbischöfen. Von drei Visitationen, die in ihrem Auftrag 1735, 1739 und 1751 erfolgten, haben sich Akten erhalten.8 1739 und 1751 geben die die Funktionen der Schwestern im Einzelnen an. Die Gemeinschaft bestand 1719 aus 16 Personen;9 1739 aus 25: 21 Chor- und 4 Laienschwestern; 1751 aus 27: 20 Chor- und 5 Laienschwestern sowie 2 Novizinnen; 1785 aus 26: 19 Chor- und 7 Laienschwestern.10

In der Zeit der Französischen Revolution nahmen die Zahlen stark ab, 1801 gab es nur noch fünf Klosterfrauen.11 Bislang sind 58 Heidelberger Schwestern namentlich bekannt, die sich vielfach aus Familien kurpfälzischer »Diener« rekrutierten. Vor etlichen Familiennamen steht die Präposition de oder von; sie wird aber nicht konsequent verwendet und kann nicht immer als Adelsprädikat gelten.

Die Mitgiften der Schwestern trugen wesentlich zur Finanzierung des Klosterlebens bei, ihre Höhe ist für Heidelberg allerdings nur in zwei Fällen überliefert (um 1727:12 1.000 Gulden, 1788:13 1.600 Gulden). Das Kostgeld der Pensionärinnen belief sich 1722 auf 50 bis 60,14 1785 auf 85 Gulden.15 1688 hatte der Kurfürst die Chorfrauen von Steuern und bürgerlichen Lasten befreit und im Übrigen unterstellt, das Institut werde sich finanziell selbst tragen.

Die Realität des 18. Jahrhunderts sah anders aus: Öffentliche Kassen finanzierten nicht nur den Grunderwerb, sie mussten auch des Öfteren Baukostenzuschüsse gewähren, und seit der Zeit Johann Wilhelms hatte die Geistliche Administration den Klosterfrauen jährlich 75 Gulden, 50 Malter Getreide und zwei Fuder Wein zu entrichten.16 In den 1780er Jahren geriet die Kongregation zunehmend in Schwierigkeiten. 1785 war das Geldkapital von früher 18.000 auf 11.500 Gulden geschrumpft.17 Im Jahr 1789 wurden Schulden in Höhe von 3.800 Gulden durch die Administration getilgt.18 Diese steigerte auch ihre Geld- und Getreidezuweisungen sukzessive auf 425 Gulden und 140 Malter,19 konnte ihre Verpflichtungen nach der Besetzung des linken Rheinufers durch die Franzosen jedoch nicht mehr erfüllen.

Wie im Privileg von 1688 vorgesehen, richteten die Heidelberger Augustinerinnen zweierlei Schulen für Mädchen ein, eine »äußere« oder »deutsche Schule«, die 1739 aus zwei Klassen bestand, und eine »innere« oder »französische Schule«. In der äußeren Schule erhielten externe Schülerinnen neben religiöser und moralischer Unterweisung Unterricht im Lesen, Schreiben, Rechnen, Singen sowie Nähen und anderen Handarbeiten, in der inneren Schule wurden für Internatszöglinge die gleichen Fächer gelehrt und überdies französische Sprache und weitere Arten von Handarbeiten.

Die äußere Schule besuchten 171920 und 180121 jeweils rund 200 Kinder (auch nicht-katholischer Eltern), 1791 angeblich fast 300.22 In Pension waren 1785 elf Mädchen, vordem sollen es zumeist 18 bis 20, zeitweise sogar 25 gewesen sein.23 Als Lehrerinnen waren nur Ordensschwestern tätig. Die Ausbildung zur Lehrerin empfingen sie in den Schulen ihres eigenen Klosters, das auch über eine Bibliothek verfügt haben muss.

Noch bevor die Kurpfalz 1802/03 liquidiert wurde, hob Kurfürst Max Joseph von Pfalz-Bayern 1802 mit den meisten Klöstern im kurpfälzischen Restgebiet rechts des Rheins den Heidelberger Augustinerinnenkonvent auf. Die letzte Superiorin suchte dieses Schicksal vergeblich mit einer langen Eingabe abzuwenden, die die Nützlichkeit ihres Ordens und Hauses für die Mädchenbildung herausstrich.24 Die Schwestern lehnten den Übertritt in den →Mannheimer Konvent (der seinerseits 1805 vom badischen Staat aufgehoben wurde) ab und wurden in Pension geschickt, eine setzte später die Rückzahlung des größten Teils ihrer Mitgift durch und heiratete.25

Bau- und Kunstgeschichte

Die Grundstücke, auf denen sich die Kongregation niederließ, liegen im Süden des Gevierts Hauptstraße-Grabengasse-Plöck-Sandgasse und sind seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts Standort der Universitätsbibliothek. Zur Plöck hin erstreckte sich das Gelände noch ein Stück über die Hauptfront der Bibliothek hinaus.

Über das Aussehen des 1701 bezogenen Hauses ist nichts bekannt. Wohl vor 1739 entstand ein großzügiger dreiflügeliger Neubau mit 64 m langem und 11 m breitem Haupttrakt dicht an der nördlichen Grundstücksgrenze und mit schmaleren, nach Süden vorspringenden Flügeln an Grabengasse und Sandgasse. Alle Flügel waren dreigeschossig und trugen mächtige Mansarddächer.

Ein Dachreiter auf dem Ostteil des Haupttrakts verwies auf die in ihn integrierte Kirche, die in Höhe der unteren beiden Geschosse die ganze Breite des Gebäudes einnahm. Die Kirche und ihre drei Altäre wurden am 6. Juli 1732 geweiht, der Hochaltar dem Hl. Joseph, die Nebenaltäre dem Herzen Jesu (Evangelienseite) und der Muttergottes (Epistelseite).26 Ein spezielles Kirchenpatrozinium wird nicht genannt. Südlich neben der Kirche an der Grabengasse lag der Haupteingang des Klosters. Hier war ein lateinisches Chronogramm angebracht: BeatIssIMa VIrgo absqVe labe orIgInaLI ConCepta, proteCtrIX CongregatIonIs nostræ speCIaLIs, sIs pIa IVVentVtIs sospItatrIX.27 In dem angezeigten Jahr 1712 wurde anscheinend mit dem Neubau begonnen. Nach 1802 beherbergte der Bau verschiedene Schulen, bis er 1903 den Bibliotheksmagazinen Platz machen musste. Die Rahmungen des Haupt- und eines Nebenportals blieben (in Außenwände des Kurpfälzischen Museums versetzt) erhalten.

An der Südostecke des Klosterareals stand ein abgesondertes zweigeschossiges Haus, das im frühen 19. Jahrhundert in private Hände kam und 1900 abgerissen wurde (»Fallersches Haus«): Es mag ein 1740/41 und 1792/93 renoviertes bzw. erweitertes Schulgebäude28 (der äußeren Schule) gewesen sein. Ob über seiner Tür im Jahre 1733 die Worte Die Schule der Congregation beatæ Mariæ Virginis 171229 zu lesen waren, ist nicht zu sagen.

Bibliographie

Handbücher und Lexika: KDM Bd. 8,2, S. 229 f. (Adolf von Oechelhäuser); kloester-bw, Augustiner-Chorfrauenstift Heidelberg (M. Dorothea Kuld CSA); SKHB, S. 255–259 (Joachim Dahlhaus).

Literatur: Nellen 1996; Möller 2001.

Anmerkungen

  • 1 GLA 204 Nr. 1971, fol. 6.
  • 2 GLA 204 Nr. 1971, fol. 10.
  • 3 UAH XII, 2 Nr. 150.
  • 4 Ausf.: UAH XII, 2 Nr. 149; Abschr.: Würdtwein II, Nr. 138 fol. 326 rv.
  • 5 GLA 204 Nr. 1976, fol. [ 3 ].
  • 6 Ausf.: wie Anm. 1; Abschr.: Würdtwein II, Nr. 139 fol. 32 7-328.
  • 7 KDM Bd. 8, 2, S. 114, 228 f.
  • 8 1735: GLA 204 Nr. 3126 c, fol. 9-26 v; 1739: GLA 204 Nr. 3126 a, fol. 1 2-15, 25 r-v; 1751: GLA 204 Nr. 3126 d, fol. 2 6-40.
  • 9 GLA 204 Nr. 1998, S. 13.
  • 10 GLA 204 Nr. 1991, S. 249.
  • 11 GLA 204 Nr. 1995, S. 21.
  • 12 GLA 204 Nr. 3126 d, fol. 25.
  • 13 GLA 204 Nr. 1996.
  • 14 GLA 213 Nr. 2840, S. 42.
  • 15 GLA 204 Nr. 1991, S. 252.
  • 16 Wie Anm. 9.
  • 17 GLA 204 Nr. 1991, S. 250.
  • 18 GLA 204 Nr. 1992, S. 264.
  • 19 GLA 204 Nr. 1977.
  • 20 GLA 204 Nr. 1998, S. 25.
  • 21 GLA 204 Nr. 1995, S. 2.
  • 22 GLA 204 Nr. 1992, S. 324 f.
  • 23 Wie Anm. 15.
  • 24 GLA 204 Nr. 1995, S. 1-17.
  • 25 Wie Anm. 13.
  • 26 Schmitt 1958, S. 313.
  • 27 Bay HS tA Geheimes Hausarchiv Hs. 317, Thesaurus Palatinus I, Nr. 38 fol. 22 v., vgl. Kayser 1733, S. 91 f.
  • 28 GLA 204 Nr. 1840, 1858, 1977.
  • 29 Kayser 1733, S. 92
Objekttyp: Konvent
Personenbezüge:
  • Joachim Dahlhaus [Autor]
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