Mosbach, Kollegiatstift St. Juliana 

Kurzbeschreibung:

um 825 erstmals als Benediktinerkloster erwähnt – um 1000 Umwandlung in ein Kollegiatstift – 1564 Aufhebung

Patrozinium: Juliana
Kirchliche Zugehörigkeit: Bistum Würzburg, Landkapitel Buchen

Ortsbezüge:
Ordensregel:
  • Benediktiner 800-1000
  • Kollegiatstift St. Juliana 1000-1564
Beschreibung:

Name: monasterium quod Mosabach nuncupatur (um 825);1 abbatia Mosebach (976);2 ecclesia communicata […] in Mosebach (1166);3 decanus et capitulum in Musbach (1234–1247);4 decanus totumque capitulum eiusdem ecclesie Mosebacensis (1291)

Geschichte

Historische Entwicklung

Die Anfänge des Klosters Mosbach reichen wohl ins 8. Jahrhundert zurück. Allerdings lässt sich das historische Dunkel, das die Gründung der Mönchgemeinschaft umhüllt, mangels verlässlicher Quellen kaum aufhellen. Die früheste schriftliche Erwähnung findet sich in dem um 825 angelegten Verbrüderungsbuch der Abtei Reichenau. Es nennt 45 männliche und weibliche Namen, bei denen es sich um Angehörige und Wohltäter des Mosbacher Konvents handeln dürfte. Angeführt wird die Liste von einem Abt Crimoldus.5 In der Forschung wurde dieser frühe Beleg für die Existenz des am Rande des Odenwaldes gelegenen Klosters verschiedentlich hinterfragt, ohne jedoch eine anderweitige Lokalisierung anbieten zu können. Auf eine Beziehung zur Reichenau könnte überdies das freilich erst später bezeugte Mosbacher Juliana-Patrozinium hindeuten.6 Im Kontext der karolingischen Reichspolitik, die auf die Integration des ostfränkischen und bayerischen Raumes abzielte, ist dem verkehrsgünstig auf halber Strecke zwischen den frühen Zentren Worms und Würzburg im Gau Wingartheiba gelegenen Kloster einige Bedeutung beizumessen, auch wenn ihm eine überregionale Ausstrahlung versagt blieb. Dass die wirtschaftlichen Ambitionen des Konvents an enge Grenzen stießen, zeigt der expansive Gütererwerb, den das Kloster Lorsch im 8. und 9. Jahrhundert in Mosbachs unmittelbarer Umgebung betrieb.7

Rund 150 Jahre nach der Ersterwähnung ist das Kloster Mosbach, das sich mittlerweile in königlichem Eigentum befand, ein zweites Mal nachweisbar. Am 15. November 976 übereignete Kaiser Otto II. (973–983) die Abtei mit ihrem auf 23 Ortschaften verteilten Besitz an das Hochstift Worms.8 Durch die Schenkung wurde Mosbach zu einem bischöflichen Eigenkloster.

Bald darauf, um das Jahr 1000, wurde es in ein Kollegiatstift umgewandelt. Noch bis in die Mitte des 13. Jahrhunderts herrschte der Wormser Einfluss vor, dem sich das Stift um 1240 durch die eigenmächtige Wahl eines aus dem staufischen Umfeld von Wimpfen kommenden Propstes zu entziehen versuchte. Die kirchenrechtliche Loslösung von Worms fand 1258 ihren Abschluss, als Dekan und Kapitel zugunsten des Würzburger Bischofs auf die Wahl des Propstes verzichteten.9 Fortan wurde dieses geistliche Amt stets mit adeligen Mitgliedern des Würzburger Domkapitels besetzt. Als Stellvertreter des Propstes fungierte der vom Stiftskapitel gewählte Dekan. Er war der eigentliche Leiter der Klerikergemeinschaft, zumal der Propst nur gelegentlich am Ort weilte. Als weitere Stiftsämter, die aber nicht den Dignitäten zugerechnet wurden, begegnen in den Quellen der Scholaster, der Kantor und der Mesner.10 Die Stelle des Stiftspredigers, auf die nur graduierte Kanoniker berufen werden durften, wurde 1456 von Pfalzgraf Otto I. (1410–1461) gestiftet, der sich zugleich das Patronats- und Präsentationsrecht sicherte.11

In dem Zeitraum von 1406 bis 1523 schwankte die Zahl der Mosbacher Kanonikate zwischen fünf und acht Stellen. Auf Betreiben des pfälzischen Kurfürsten, dessen Vorgängern es schrittweise gelungen war, die einstige Reichsstadt ihrem eigenen Territorium einzugliedern, hatte Papst Bonifaz IX. (1389–1404) bereits 1398 eine der Kanonikerpfründen der neu gegründeten Universität Heidelberg inkorporiert. Den häufigen Pfründenkumulationen war es geschuldet, dass der Chorherrendienst zumeist von Vikaren wahrgenommen wurde. 1371 bestanden neun Altarbenefizien, die von zwölf Vikaren versehen wurden; 1406 zählte das Juliana-Stift 16 Vikarien.12

Der früheste Beleg für das relativ seltene Juliana-Patrozinium, das wohl schon zu klösterlicher Zeit über die Reichenau oder über Worms nach Mosbach gelangt war, stammt aus dem Jahr 1258.13 Neben dem zu Ehren der Hl. Juliana geweihten Hochaltar bestanden an der Stiftskirche 1291 fünf weitere Altäre: Maria, Johannes Bapt., Nikolaus, Michael und Katharina.14 Bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts stieg ihre Zahl auf über ein Dutzend: Petrus (1305), Paulus (1331), Anna (1332), Andreas (1366), Maria Magdalena (1370), Elisabeth (1371), Laurentius, Margarethe und Barbara (1409), Kreuzaltar (1512).15

An der Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert scheint das Mosbacher Stift eine Blütezeit erlebt zu haben. Ablässe, die Papst Bonifaz VIII. (1294–1303) 1295 zugunsten der Juliana-Kirche erteilte, deuten auf größere Baumaßnahmen hin. In diese Richtung weist auch eine Urkunde des Würzburger Bischofs Manegold (1287–1303), der 1296 die in der Pfarrkirche zu Neckarelz aufgefundenen Reliquien nach Mosbach übertragen ließ, dessen Stiftskirche damals einen feierlicheren Eindruck vermittelte. Das gotische Gotteshaus bildete zusammen mit den Stiftsherrenhöfen, dem Fruchtspeicher und der Kelter ein von der Stadt weitgehend abgeschlossenes Areal. 1368 werden die Propstei, die Dekanei, der Warsteiner Hof, der Rosenberger Hof, das steynhuos und das so genannte alte huos erwähnt, die ebenso wie die dem Stift gehörende Mühle und die Obere Badstube von städtischen Steuern befreit waren.16 Durch das großzügige Vermächtnis der Barbara von Neudeck wurde dem Stiftsprediger 1473 ein eigenes Haus zuteil, gelegen hinden am stifte.17

Einen namhaften Förderer fand die Klerikergemeinschaft in Pfalzgraf Otto I. (1410–1461), dem Begründer der von 1410 bis 1499 bestehenden wittelsbachischen Nebenlinie Pfalz-Mosbach, der die Stiftskirche zur Begräbnisstätte seiner Familie ausersehen hatte. Noch heute erinnert an der Nordwand des Chors eine Grabplatte mit kunstvoll gestaltetem Bronzerelief und -schriftband an Ottos 1444 gestorbene Gemahlin Johanna, geborene Herzogin von Bayern-Landshut. Mit der Stiftung einer reich dotierten Seelenmesse bekundete der Pfalzgraf 1447 den Wunsch, an der Seite seiner Frau beigesetzt zu werden.18 Der überraschende Erbfall von Pfalz-Neumarkt veranlasste ihn aber bereits im Folgejahr, seine Residenz in die ungleich größere und reichere Oberpfalz zu verlegen, weshalb der Plan einer Familiengrablege in der Stiftskirche nicht verwirklicht wurde.19

Kaum 50 Meter von der Westfassade der Stiftskirche entfernt, stand in Mosbach eine der Hl. Cäcilia geweihte Pfarrkirche, die 1291 erstmals erwähnt wird.20 Den Kirchensatz hatte seit alters das Stift inne, das in der Regel einen seiner Kanoniker oder Vikare mit dem Amt des zum Landkapitel Buchen gehörenden Leutpriesters betraute.21

Das 16. Jahrhundert führte das Stift in eine schwere Krise. Zwar wurde die Reformation in der Kurpfalz erst 1556 offiziell eingeführt, doch machten sich bereits in den zwanziger Jahren lutherische Tendenzen unter den Chorherren bemerkbar. Eine Schlüsselrolle dürfte Magister Wendel Kretz gespielt haben. Der gebürtige Heilbronner hatte in Heidelberg studiert, war 1521 in Würzburg zum Diakon geweiht worden und war Frühprediger in seiner Heimatstadt gewesen, ehe er 1523 die Stelle des Stiftspredigers an St. Juliana einnahm. Zusammen mit zwei Mitkanonikern musste er sich 1526 wegen seiner Kritik am katholischen Sakramentenverständnis und der Heiligenverehrung vor dem bischöflichen Offizial in Würzburg verantworten. Unmissverständlich gab er zu Protokoll, dass es »allein drei Sakramente« (Taufe, Abendmahl, Buße) gebe. Er verwarf den Opfercharakter der Messe und lehnte die Anrufung der Heiligen, die Ohrenbeichte sowie die heilige Ölung ab. Außerdem ignorierte er die vorgeschriebenen Fastenzeiten und erklärte, daß die meß allein den lebendigen, nicht aber den Toten zustatten komme.22 Damit hatte er radikal mit den Traditionen seines Stifts und dessen jahrhundertelangem spirituell-ökonomischem Erfolgsrezept gebrochen. Doch offensichtlich konnte Kretz dem auf ihn ausgeübten Druck nicht standhalten. Denn schon im Folgejahr (1527) leistete er in Würzburg Widerruf.23 So blieb er bis 1532 Stiftsprediger in Mosbach, kehrte dann aber mit Frau und Kindern in seine evangelische Vaterstadt Heilbronn zurück, wo er sich erfolgreich um eine Predigerstelle bewarb.24

Hatten im Stift zunächst noch die altgläubigen Kräfte dominiert, so zeichnete sich spätestens seit den vierziger Jahren sowohl in personeller als auch in wirtschaftlicher Hinsicht ein Schrumpfungsprozess ab. Einzelne Benefizien wurden eingezogen und zum Unterhalt der Stifts- und der Pfarrkirche verwendet.25

Mit dem Regierungsantritt des lutherischen Kurfürsten Ottheinrich (1556–1559) fand der langjährige konfessionelle Schwebezustand in der Kurpfalz ein Ende. Die Feier katholischer Gottesdienste wurde verboten und eine neue Kirchenordnung erlassen. Im Dezember 1557 erhielt der Mosbacher Amtmann den Befehl, die anstößigen Heiligenbilder und Nebenaltäre, aber auch Sakramentshäuschen, Monstranzen, Weihwasserkessel und andere sakrale Gegenstände aus den Kirchen entfernen zu lassen und den Erlös für die Unterstützung der Armen zu verwenden.26 St. Juliana wurde nunmehr zur Pfarrkirche umgewidmet. Die entbehrlich gewordene Cäcilienkirche wurde größtenteils abgebrochen; an ihre Stelle trat das neue Rathaus.27

Das formal noch bestehende Kollegiatstift wurde 1564 von Kurfürst Friedrich III. (1559–1576) endgültig aufgehoben. Während die dem Stift gehörenden Patronatsrechte an den Landesherrn übergingen, fielen die immer noch beachtlichen Besitzungen an die Geistliche Güterverwaltung, die in Mosbach durch einen Stiftschaffner und einen Kollektor vertreten war. Die ehemaligen Wohngebäude der Stiftsherren wurden unter anderem als Pfarr- und Schulhäuser genutzt, war doch Mosbach nunmehr Sitz einer reformierten Inspektion, der die pfälzischen Pfarreien von Eberbach am Neckar bis Großeicholzheim unterstanden.

Besitz und Wirtschaft

Über die Gründungsausstattung des Klosters Mosbach ist nichts bekannt. Zum Zeitpunkt seiner Übereignung an das Bistum Worms (976) hatte es Güter und Rechte mit einem Schwerpunkt im Umfeld von Mosbach.

Von dem klösterlichen Grundbesitz scheinen nur Reste, so etwa an der unteren Jagst, auf das Stift übergegangen zu sein. Seit dem 13. Jahrhundert entfaltete das Stift, das auf Mosbacher Gemarkung umfangreiche Liegenschaften, Gülten und Nutzungen besaß, eine durch vielfältige Schenkungen begünstigte Erwerbspolitik. 1277 kaufte es von Boppo und Ludwig von Dürn deren würzburgische Lehengüter in Neckarelz, 1305/07 vom Kloster Comburg das Dorf Waldmühlbach mit dem dortigen Fronhof, 1330/32 Hofgüter in Obrigheim und Reichenbuch sowie die Neckarfähre bei Neckargerach. Zwischen 1338 und 1379 brachte es Vogteirechte über das Dorf Sulzbach an sich. Daneben erwarb das Stift Grundbesitz und Einkünfte in Auerbach, Balsbach, Dallau, Diedesheim, Fahrenbach, Katzental, Krumbach, Limbach, Neckarburken, Neckarzimmern, Nüstenbach, Schefflenz, Schollbrunn, Siglingen, Trienz und Unterkessach. In ökonomischer Hinsicht erzielte das Stift Einnahmen aus der Verpachtung und dem Zehnten von Hofgütern, Äckern, Wiesen und Weinbergen. Seit 1332 betrieb es die Herrenmühle unweit des Oberen Tores, auch besaß es zwei Keltern in Mosbach und Diedesheim. Räumlich war das wirtschaftliche Handeln allerdings auf einen Radius von kaum 20 Kilometern beschränkt.

Religiöses und kulturelles Wirken

Zahlreiche fromme Stiftungen, der Erwerb kirchlicher Begräbnisplätze und das Vorhandensein einzelner Bruderschaften lassen beim Mosbacher Julianastift auf ein geistliches Zentrum schließen, das nicht nur für die Stadt, sondern auch für deren Umland von Bedeutung war. Auch verfügte es über das Patronatsrecht an einer Reihe von Pfarrkirchen, die ihm teilweise inkorporiert waren: Assumstadt bei Züttlingen (vor 1326 erworben), Korb (vor 1511), Möckmühl (1258 inkorp.), Mosbach, Neckarburken (vor 1464), Neckarelz (1277), Neckargerach (1332), Neckarzimmern (vor 1464), Olnhausen (1328), Ruchsen (1331), Untergruppenbach (1325 inkorp., bis 1536), Unterschefflenz (vor 1399), Waldmühlbach (1305/07, 1313 inkorp.), Widdern (1258 inkorp.), Züttlingen (1325 inkorp.). Die Seelsorge an der Mosbacher Pfarrkirche oblag in der Regel einem Stiftsvikar; seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts übernahm der Stiftsprediger diese Aufgabe.28

Eine Stiftsschule ist spätestens für das Jahr 1377 bezeugt.29 Unter Anleitung des Scholasters und des Mesners waren die Chorknaben am liturgischen Gesang beteiligt. Den jungen Kanonikern diente die Schule zur Vorbereitung auf ein zweijähriges Universitätsstudium, das sie bevorzugt in Heidelberg oder Tübingen absolvierten.

Einen wertvollen Einblick in das religiöse Leben des Stifts bietet eine liturgische Ordnung, die 1466 von Pfalzgraf Otto II. (1461–1499) und Dekan Johannes von Hemsbach aufgestellt wurde. Detailliert regelt sie die Pflichten der Stiftspersonen, den Ablauf der täglichen Gottesdienste, die Feier kirchlicher Feste und Prozessionen.30

Bibliothek und Archiv

Von der Bibliothek (armarium), die 1403 erwähnt wird,31 konnte bisher kein einziger erhalten gebliebener Band nachgewiesen werden. Immerhin geben zwei Inventare des Julianastifts aus den Jahren 1470 und 1527 Auskunft über den einstigen Bestand an biblischen und liturgischen Handschriften. Neben Psalterien, Evangelien- und Epistelbüchern werden Mess- und Gebetbücher, Antiphonarien und Heiligenlegenden, darunter ein Pergamentbändchen über die Hl. Juliana, aufgelistet. Aus dem Besitz der Pfalzgräfin Johanna bewahrte die Klerikergemeinschaft ein rot buchlin, das vor dem Fronaltar auslag. Dem Totengedenken an die Fürstin dienten sicherlich auch zwei Kaseln in den Farben blau und schwarz, die jeweils mit bayerischen und österreichischen Wappenschilden geschmückt waren und sich noch 1527 im Fundus des Stifts befanden.32

Das Mosbacher Stiftsarchiv ist nur fragmentarisch erhalten. Nach der Aufhebung des Stifts 1564 wurden die rechtlich noch relevanten Unterlagen von der Geistlichen Güterverwaltung nach Heidelberg übernommen, wo sie durch die Verwerfungen der pfälzischen Geschichte verstreut wurden und zu einem großen Teil verloren gingen. Als wichtigste Quelle für die Stiftsgeschichte gilt das von dem Stiftsdekan Volmar von Wildberg zu Beginn des 16. Jahrhunderts angelegte Rote Statuten Buch, das im Generallandesarchiv Karlsruhe aufbewahrt wird.33 Eine wertvolle Übersicht über den Grundbesitz und die Einkünfte des aufgehobenen Stifts liefert ein zweibändiges, 1584 angefertigtes, teils nur abschriftlich überliefertes Urkundenrepertorium der Evangelischen Stiftschaffnei Mosbach, das sich heute im Landeskirchlichen Archiv Karlsruhe befindet.34

Bau- und Kunstgeschichte

Die ehemalige Stiftskirche und Reste der Stiftsgebäude erheben sich im Zentrum der spätmittelalterlichen Stadt im Tal der Elz, in einer Talweitung etwa 3 km oberhalb ihrer Mündung in den Neckar, vermutlich am Ort des frühmittelalterlichen Klosters. Bauten und topographische Strukturen des frühmittelalterlichen Klosters und des Stifts im 11./12. Jahrhundert sind bislang unbekannt; archäologische Dokumentationen bei Bauarbeiten in der heutigen Pfarrkirche und ihrer Umgebung fehlen. Die nach 1564 zunächst reformierte, ab 1698 simultan genutzte, 1708 geteilte Pfarrkirche steht an der Ostseite des Marktplatzes heute allseits frei; bis 1530 lag westlich von ihr der Friedhof mit der Pfarrkirche St. Cäcilien (Erstnennung 1291). Einen Stiftskreuzgang gab es im Spätmittelalter nicht.

Ältester Bauteil der ehemaligen Stiftskirche ist der um 1295/1310 in modernen gotischen Formen erbaute vierjochige Langchor mit polygonalem 5/8–Abschluss; sein Bau wurde 1295 durch Ablässe gefördert. Außen wird das Altarhaus durch abgedachte Strebepfeiler gegliedert. Das dreibahnige Ostfenster ist gegenüber den zweibahnigen seitlichen Fenstern hervorgehoben. Die zierlichen, variierten Fenstermaßwerke zeigen steile Spitzbögen, konvexe Drei- und Vierecke sowie Drei- und Vierblätter. Dieselben Formen sind im Innenraum verwendet für die prächtigen Couronnements über dem in die Südwand eingelassenen Dreisitz, sowie über den sechs doppelten Wandnischen in den Polygonseiten und der Chorwände (eine modern zur Sakristeitür erweitert). Auffallend reich ist das Blendmaßwerk über einem vermauerten doppelten Wandschrank in der Südturmwand. Die deutlich hinterschnittenen Maßwerke stellen einzelne traditionelle Mehrpassformen neben hochmoderne, komplexe Motivverbindungen; in der scharfen Profilierung der Arkaden wird die zeitgleiche Entstehung erkennbar. Die Kreuzrippengewölbe des Langchors ruhen auf Konsolen. Zwei Türme an dessen mittlerem Joch wurden wohl schon um 1300 begonnen, allerdings nur der Südturm fertiggestellt.

Die Turmuntergeschosse waren gewölbt; der Treppenaufgang am Südturm entstand vielleicht 1410 (i). Die Funktion der beiden anschließenden Räume ist unklar; gotische Konsolen belegen die Existenz von Gewölben. 1732 (i) wurden sie zu Vorhallen und Kapellen umgebaut, die nördliche 1753 neu eingewölbt. Die Öffnungen zum Langchor hin wurden im 18.–20. Jahrhundert vermehrt und vergrößert. Beide Anräume erhielten, wie auch die kleinen Obergadenfenster zeigen, Obergeschosse; in Norden fehlt es heute, ebenso wie der Turm, dessen Freigeschosse wohl nicht zur Ausführung kamen.

Im Süden präsentiert der Obergeschossraum nach außen ein achtteiliges Reihenfenster, bei dem jeweils zwei Spitzbögen bzw. genaste Spitzbögen von einer achteckigen Säule getragen sowie innen und außen von einem Segmentbogen überspannt werden. Dieses Bauelement des mittleren 13. Jahrhunderts wurde um 1310 für den vielleicht als Kapitelsaal oder Bibliothek genutzten Obergeschossraum zweitverwendet; das Fenster stammt vermutlich von einem beim Neubau abgebrochenen Stiftsgebäude. Die sechs kleinen, teilweise figürlichen und mit Inschriften versehenen, aufwändigen Gewölbekonsolen, die heute am Lettner befestigt sind, könnten vom Gewölbe dieses Obergeschossraums stammen, aber auch aus einem anderen Stiftsgebäude. Der nördliche Obergeschossraum wies spätgotische Wandmalereien auf.

Der Langchor war an ein älteres Langhaus angebaut worden. Dieses wurde um 1380 als flachgedeckte Basilika erneuert, mit schlichten Rundpfeilern und einfach profilierten, verschnittenen Arkaden. Die Wände blieben außen und innen ungegliedert; Knicke in den Außenmauern sind vielleicht ein Indiz für die Übernahme von Baufluchten des Vorgängerlanghauses. Mäßig große Maßwerkfenster belichten die Seitenschiffe und das Mittelschiff von Westen; die Obergadenfenster sind wie bei vielen Kirchen dieser Epoche relativ klein (Mittelschiffgewölbe 1891 zugefügt). Auf der Nordwand wurden 1958 umfangreiche Wandmalereien der Zeit um 1380/1400 freigelegt, mit Christus zwischen den Aposteln (um 1490 verändert), Themen des Neuen Testaments und einem Stifterbild; an der Südwand ist nur ein Bild bewahrt.

Ein siebenjochiger Lettner (Abb. 5) trennt den Chor und dessen seitliche Anräume von den drei Schiffen des Langhauses; im Mittelschiff wurde er um 1850 zur Orgelempore erweitert. Die Brüstung zeigt spätgotische Maßwerk-Kreismotive mit feingliedrigen rotierenden Fischblasen. An der Tür zum Langchor war ein älterer Inschriftstein zweitverwendet worden. Die achteckige Kanzel wird von einer Säule getragen und präsentiert im mittleren Brüstungsfeld das von einem Engel gehaltene Schweißtuch der Veronika mit dem Antlitz Christi (Vera Icon), in einem anderen Feld das kurpfälzische Wappen. Inschriftbänder auf den angrenzenden Brüstungsfeldern nennen als Datum den Himmelfahrtstag (26. Mai) 1468; ein Band blieb leer. Die zahlreichen Altäre der Stiftszeit sind verloren.

Spätmittelalterliche Grabplatten sind ab 1312 erhalten; bemerkenswert ist die mit Bronzegusselementen versehene Figurengrabplatte der Johanna von Bayern († 1444), Ehefrau Pfalzgraf Ottos. Zahlreiche Grabplatten wurden nach 1564 als Fußboden im Langhaus zweitverwendet, 1958 entdeckt und geborgen. Eine Glocke der Kirche gelangte nach [Mosbach-]Bergfeld.

Der hochmittelalterliche Kloster- und Stiftsbezirk ist mit der frühneuzeitlichen Stadt überbaut. Auf dem Friedhof westlich der Kirche stand die Cäcilienkirche, deren gotischer Altarraum im 1558 erbauten Rathausturm erhalten blieb. Das Amtshaus des Dekans südöstlich der Kirche diente nach der Aufhebung 1564 als Pfarrhaus; ehemalige Chorherrenhäuser und die barocke Schaffnei stehen nördlich der Kirche. Im Südwesten des Kirchenschiffs soll ein großes Wirtschaftsgebäude mit der Stiftskelter gestanden haben. Bauuntersuchungen und Grabungsbefunde fehlen für alle diese Bauten.

Bibliographie

Handbücher und Lexika: Dehio Baden-Württemberg Bd. 1, S. 543–546 (Johannes Wilhelm); DI 8 (Heinrich Köllenberger); KB Neckar-Odenwald Bd. 2, S. 168–194 (Albrecht Ernst); KDM Bd. 4,4, S. 53, 55–63, 69, 74 f. (Adolf von Oechelhäuser); kloester-bw, Kollegiatstift St. Juliana Mosbach (Albrecht Ernst); SKHB S. 413–419 (Albrecht Ernst).

Literatur: Friedlein 1971; Ernst 2002; Bienert 2009.

Anmerkungen

  • 1 UB Mosbach, Nr. 1 S. 1; Verbrüderungsbuch der Abtei Reichenau (MGH Libri mem. N. S. 1), S. 63.
  • 2 UB Mosbach, Nr. 2 S. 2 f.; MGH D O II., Nr. 143 S. 160.
  • 3 UB Mosbach, Nr. 5 S. 5.
  • 4 UB Mosbach, Nr. 8 S. 6 f., Nr. 9 S. 7.
  • 5 Wie Anm. 1
  • 6 GermBen V, S. 394.
  • 7 CL III (Neckarelz, Hartheim, Lohrbach, Hasbach, Neckarburken, Dallau, Sulzbach, Neckarzimmern).
  • 8 MGH D O II., Nr. 143 S. 160 f.; UB Mosbach, Nr. 2 S. 2 f.
  • 9 UB Mosbach, Nr. 8-13 S. 6-9.
  • 10 Friedlein 1971, S. 12 8-137.
  • 11 UB Mosbach, Nr. 421 S. 28 9-291.
  • 12 Friedlein 1971, S. 11 2-117.
  • 13 UB Mosbach, Nr. 13 S. 8 f., Abb. 12 S. 91.
  • 14 UB Mosbach, Nr. 24 S. 16 f.
  • 15 Friedlein 1971, S. 142 ff.
  • 16 UB Mosbach, Nr. 153 S. 9 8-101.
  • 17 UB Mosbach, Nr. 468 S. 32 0-323.
  • 18 UB Mosbach, Nr. 378 S. 25 0-263.
  • 19 KB Neckar/Odenwald Bd. 2, S. 172 f.
  • 20 UB Mosbach, Nr. 24 S. 16 f.
  • 21 Friedlein 1971, S. 132 f.
  • 22 Friedlein 1971, S. 15 3-159, bes. S. 156 Anm. 142.
  • 23 Schottenloher 1939, S. 164 f., 17 0-172 (Abdruck des lateinischen Widerrufs); Ernst 2017, S. 245 f.
  • 24 Cramer 1988, S. 479.
  • 25 Friedlein 1971, S. 16 0-165.
  • 26 Sehling 1969, S. 255; Ernst 1988, S. 7-28.
  • 27 Brüche/Brüche 1978, S. 189 ff.
  • 28 Friedlein 1971, S. 150.
  • 29 UB Mosbach, Nr. 176 S. 120.
  • 30 UB Mosbach, Nr. 452 S. 30 7-311.
  • 31 UB Mosbach, Nr. 251 S. 15 6-158.
  • 32 Das Verdienst, die der Forschung bislang unbekannten Inventare 2018 an unvermuteter Stelle entdeckt zu haben, gebührt Dr. Klaus Graf (Aachen). Klassik-Stiftung Weimar, Goethe-und Schiller-Archiv, Nachlass Simrock 88/251, 1.
  • 33 GLA 67 Nr. 762.
  • 34 UB Mosbach, S. XVI-XVIII
Objekttyp: Konvent
Personenbezüge:
  • Albrecht Ernst [Autor]
  • Matthias Untermann [Autor]
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