Ettenheimmünster, Benediktiner
| Kurzbeschreibung: | 728/nach 734 vermeintliche Ersterwähnung – 800/840 sichere Belege für das Kloster im Reichenauer Verbrüderungsbuch – 12. Jh. Verfälschung der Gründungsgeschichte – 13. Jh. bis 1634 Kastvogtei der Geroldsecker – 18. Jh. Auseinandersetzung mit den Bischöfen von Straßburg um die Landesherrschaft – 1803 Aufhebung – nach 1803 Abbruch der Klosteranlage Patrozinium: MariaOrdensgliederung: 1607 Bursfelder Kongregation; 1624 Straßburger BenediktinerkongregationKirchliche Zugehörigkeit: Bistum Straßburg, Archidiakonat Ultra Rhenum, Landkapitel Lahr |
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| Beschreibung: | Name: monasterium Etinheim (826);1 […] Eto […] sui nominis, id est Ethenheim coenobium construxit (1054);2 […] ad monachorum cellam, quae nunc alio nomine Ettenheim vocatur (nach 1125);3 monasterium sanctae Dei genitricis virginis Mariae in Ettenheim (1226);4 abbates […] in Ettenheimmunster (1264);5 abbates et conventus in Ettenheimmunster ordinis sancti Benedicti (1337);6 conventus monasterii S. Etonis et S. Landelini (1653);7 Monasterium divi Etonis, vulgo Ettenheimbmunster (ca. 1740)8 GeschichteHistorische EntwicklungDas Kloster lag im engen Münstertal, das sich von Ettenheim aus entlang des Ettenbachs in die Vorbergzone des Schwarzwaldes zieht. Zur Zeit seiner Aufhebung beherrschte es das Tal durch den Klosterort, mit Kirche, Konvents- und Wirtschaftsbauten, etwas talabwärts die Wallfahrtskapelle des Hl. Landelin und das damit verbundene Bad sowie den Markt- und Pfarrort Münchweier. Nach der Klostertradition konnte Ettenheimmünster im Jahr 1803 auf eine mehr als 1000-jährige Geschichte zurückblicken. Am ausführlichsten berichten über seine Anfänge jedoch Quellen, die erst im 12. Jahrhundert entstanden sind. Nach einer im Kloster nach 1125 verfassten Vita stand der heilige Landelin, ein irischer Missionar des 7. Jahrhunderts, am Beginn der Geschichte. Er habe in Lautenbach im Tal der Unditz (bei Ettenheimmünster) das Martyrium erlitten. Am Ort seiner Grablege sei eine Zelle entstanden, aus der sich – später – das Kloster Ettenheim, so der Name des Klosters bis ins 13. Jahrhundert, entwickelt habe. Letzteres trage seinen Namen von Bischof Etho (Etho episcopus), der die »zerstörte und zerfallene« (destructam atque dilapsam) Mönchszelle (monachorum cella) erneuert habe.9 Während die Angaben der Vita zum Martyrium Landelins in einem gleichsam zeitlosen, legendarischen Nebel der Frühzeit verschwinden, wird sie konkreter, wenn es um Auseinandersetzungen zur Zeit ihrer Abfassung geht. Unter den Straßburger Bischöfen Otto (1084–1100) und Kuno (1100–1123) seien dem Kloster in großem Umfang Güter entfremdet worden. Landelin wird als wirkkräftiger Helfer gegen diese Entfremdung beschworen. In welchem Umfang sein Kult erst jetzt, um 1100 zur Abwehr der Übergriffe der Straßburger Bischöfe auf das Kloster propagiert wurde, lässt sich nicht mehr mit Sicherheit feststellen. Vor dem 11. Jahrhundert zumindest sind trotz intensiver Spurensuche keine Hinweise auf eine Verehrung eines heiligen Landelin (od. Landolin) in der Straßburger Diözese zu finden. Auf belastbarere Zusammenhänge zu den Anfängen des Klosters nimmt die zweite, nach 1121 oder sogar erst um die Mitte des 12. Jahrhunderts entstandene Quelle Bezug. Das in seiner Bedeutung für die Frühgeschichte der Ortenau vieldiskutierte »Testament« Bischof Heddos von Straßburg (734 – nach 762) inszeniert diesen als vorausschauenden Gründer des Klosters nach einem gescheiterten Versuch seines Vorgängers Widegern (belegt 728).10 Heddo habe danach den Rechtsstatus des Klosters bestimmt, die Größe des Konvents auf 30 Mönche festgesetzt und ihm umfangreiche Besitzungen im Elsass, im Raum nördlich des Kaiserstuhls, in der Nähe von Ettenheimmünster und sogar weit entfernt am Thuner See zugewiesen. Die Forschung hat die starke Verfälschung dieses im Kern aus der Karolingerzeit stammenden Bischofsprivilegs herausgearbeitet.11 Für das 8. Jahrhundert gilt heute allein als gesichert, dass es ein Privileg des Straßburger Bischofs Eddo gab, das einen Gründungsversuch durch seinen Vorgänger Bischof Widegern nachweist und den Namen seines Nachfolgers als Bischof und Abt Hildolf/Helidulf überliefert. Alle weiteren Angaben, insbesondere die umfangreiche Zusammenstellung der von Heddo angeblich übertragenen Besitzungen stammen aus verschiedenen Zeitschichten vom 8. bis ins 12. Jahrhundert. Sie spiegeln die Interessen der Fälscher des 12. Jahrhunderts: Die Eigenständigkeit des Klosters gegenüber den Zugriffen der Straßburger Bischöfe im Investiturstreit zu sichern und es – möglicherweise – vor dem Zugriff des Domkapitels zu bewahren. Den historischen Kern der Heddo-Fälschung, die Privilegierung durch den Bischof und die enge Verbindung zur Straßburger Bischofskirche von den Anfängen an belegen auch die wenigen nachfolgenden Quellen. Ins Reichenauer Verbrüderungsbuch werden zwischen 800 und 840 drei Listen von Konventualen des monasterium Etinheim eingetragen, die Bischof Heddo, seine Nachfolger Hildolf/Helidulf und Bischof und Abt Uto II. (832–840) sowie im Schnitt etwa 30 Mönche anführen.12 Um die Mitte des 11. Jahrhunderts spricht der gut informierte Chronist Hermann von Reichenau dann davon, dass der Reichenauer Abt Heddo im Jahr 734 Bischof von Straßburg geworden und »nicht viel später« (non longe post) ein Kloster nach seinem Namen Ethenheim gegründet habe.13 Die Gründung und Privilegierung des Klosters durch Bischof Heddo von Straßburg im 8. Jahrhundert steht somit außer Frage. Sie ist aufs Engste verbunden mit den Anfängen monastischen Lebens im Südwesten, denn Heddo war der Nachfolger Pirmins als Abt der Reichenau. Es war seine monastische Expertise, die dazu beitrug, dass bis um die Mitte des 8. Jahrhunderts im rechtsrheinischen Raum der Diözese Straßburg, in der Ortenau, gleich vier frühe Klöster entstanden, neben Ettenheim, →Gengenbach, →Schwarzach und →Schuttern. Während die letzteren Königsklöster wurden, blieb allein Ettenheim dem Bischof von Straßburg direkt unterstellt. Es war das erste Kloster der Bischöfe außerhalb der Bischofsstadt; im 8. und 9. Jahrhundert sind nach Heddo dann drei Straßburger Bischöfe zugleich als Äbte des Klosters bezeugt. Ettenheim war also vor allem anderen das Kloster der Straßburger Bischöfe, sein Schicksal blieb von seinen Anfängen bis zur Aufhebung mit dem der Straßburger Bischofskirche verbunden. Die Quellenlage zur hochmittelalterlichen Geschichte der Abtei ist überschaubar. Bis ins 14. Jahrhundert geben nur eine Handvoll Urkunden Auskunft über das Kloster, auch die Folge der Äbte ist bis an den Beginn des 15. Jahrhunderts nur fragmentarisch belegt. Nach den Einträgen im Reichenauer Verbrüderungsbuch des 9. Jahrhunderts fehlen bis ins 11. Jahrhundert gesicherte Nachweise. Eine vorgeblich auf 926 datierte Notiz, die der Klärung von Grenzstreitigkeiten zwischen Ettenheim(-münster) und →Waldkirch diente, ist wie die Landelinsvita und das Heddo-Testament im 12. Jahrhundert gefälscht.14 Erst diese Fälschungsaktivitäten des 12. Jahrhunderts ermöglichen dann weiterführende Rückschlüsse. Offenkundig litt das Kloster unter Übergriffen der Straßburger Bischöfe des Investiturstreits, des Staufers Otto (1082–1100) und Kunos von Michelbach (1100–1123). Das einst für 30 Mönche erbaute Kloster ernähre nun mehr kaum zwölf Mönche, so die Landelinsvita.15 Bischof Otto habe – wohl elsässische – Besitzungen des Klosters an seinen Bruder Herzog Friedrich I. († 1105) verliehen. Vor allem um das oberelsässische Rouffach kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen.16 Wenn die Vita davon berichtet, dass die Mönche von Kaiser Heinrich V. (1105/1106–1125) im Jahr 1111 bei einem Straßburger Aufenthalt eine sententia erwirkten, dass es »Niemandem erlaubt sei« (nulli liceat), eine Pfründe »der Mönche oder Kanoniker« zu entfremden, verweist das auf erbittert geführte Auseinandersetzungen, die auch am Königshof geführt wurden.17 In diesen Zusammenhang gehören auch die Fälschungen des Heddo-Testamentes, das ausgedehnte Besitzlandschaften nennt, sowie der Versuch einer detaillierten Grenzziehung zu dem im 10. Jahrhundert gegründeten Stift Waldkirch im Elztal in der Notiz von 926. Trotz dieser Bemühungen gelang es dem Kloster die im Heddo-Testament behaupteten, weit gestreuten Besitzungen nicht zu halten. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch, dass sich in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts ein Hofrecht des Klosters für Münchweier erhalten hat.18 Die wenigen weiteren Belege des 12. Jahrhunderts zeigen, dass dem Kloster zwei Äbte vorstanden, die aus →St. Blasien kamen, womit für Ettenheim wie für andere Klöster des Straßburger Bistums zu dieser Zeit (St. Walburg am Heiligen Forst, Maursmünster) die Zugehörigkeit zum Sanblasianer Reformkreis gesichert ist. Deutlicher erkennbar ist Abt Werner (1125, 1141, 1145), der 1141 in einer Urkunde König Konrads III. (1138–1152) für St. Blasien unmittelbar nach dem Abt von St. Blasien selbst angeführt wird und sein frater genannt wird.19 In einer Straßburger Bischofsurkunde von 1145 finden wir ihn als Zeugen einer Diözesansynode im Kreis der Pröpste und Äbte des Bistums.20 Sein ebenfalls aus St. Blasien stammender Nachfolger Friedrich ist nur ein Mal bei einer Altarweihe durch den Straßburger Bischof nachgewiesen.21 Weitere Belege für Äbte des 13. Jahrhunderts sind selten, Aussagen über die äußere und innere Entwicklung des Klosters lassen sich deshalb aus seinem eigenen, spärlichen Urkundenbestand kaum treffen. Aus einer päpstlichen Besitzbestätigung von 1226 ist zu erkennen, dass sich der Besitz Ettenheim(-münsters) mit Ausnahme einiger weniger elsässischer Reste auf das nähere regionale Umfeld des Klosters konzentrierte.22 Im Laufe des 13. Jahrhunderts erwarb das Hochstift Straßburg in der südlichen Ortenau in größerem Umfang Herrschafts- und Besitzrechte und dies durchaus in Konkurrenz zum Kloster Ettenheimmünster. Die Entstehung der bischöflich-straßburgischen Stadt Ettenheim und des dazu gehörigen Amtes des Hochstifts, die um 1300 abgeschlossen war,23 setzte den Möglichkeiten des Klosters seinen Besitz auszubauen, enge Grenzen. Wenn das Kloster seit der Mitte des 13. Jahrhunderts, zuerst 1248, Ettenheimmünster genannt wurde, geschah dies wohl in Abgrenzung von dem erst jetzt deutlicher greifbaren, mit Stadtrecht ausgestatteten bischöflichen Markt Ettenheim.24 Für das Kloster und seine Äbte blieb dennoch die Nähe zum Bischof von Straßburg wichtig. Die Äbte besuchten weiterhin Diözesansynoden und handelten gemeinsam mit den Straßburger Stiften und Klöstern.25 Von den Bischöfen ausgestellte Urkunden und seit dem 14. Jahrhunderts jene des Straßburger Offizialatsgericht dominieren die Überlieferung zum Kloster bis in die Zeit um 1400. Aus ihnen erfahren wir, dass Ettenheimmünster 1361 einen Hof in Straßburg erwarb26 und um dieselbe Zeit als »Ausbürger« Beiträge zur Verteidigung der Stadt zu leisten hatten.27 Einblicke in die innere Verfasstheit des Klosters sind kaum möglich. Aufhorchen lassen aber drei Belege des 13. und 14. Jahrhunderts in den päpstlichen Registern. Sie deuten darauf hin, dass Besitz des Klosters, bzw. sogar die Abtswürde als Pfründen verstanden wurden und als solche dem sich im 13. Jahrhundert ausbildenden System päpstlicher Reservationen und Expektanzen unterlagen. 1248 erlaubte Papst Innozenz IV. (1243–1254) Abt und Konvent von Ettenheimmünster freiwerdende Pfründen im Ertrag von bis zu 30 Mark Silber dem Straßburger Kanoniker Walter von Geroldseck, Sohn des Klostervogts zu übertragen.28 1263 trug Papst Urban IV. (1261–1264) dem Abt von Ettenheimmünster auf, einem Kanoniker der Straßburger Thomaskirche die nächste freiwerdende Pfründe zu verleihen.29 Knapp hundert Jahre später, 1364, wurde sogar die Abtswürde des Klosters für einen vom Papst providierten Kandidaten vorgesehen. Auch wenn diese päpstliche Reservation daran scheiterte, dass der Konvent Nikolaus Fulkese zum Abt wählte, zeigt dieser Vorgang, dass die Auflösung des gemeinschaftlichen Lebens und des Klosterbesitzes weit fortgeschritten war.30 Erstaunlicherweise fehlen für Ettenheimmünster im 14. Jahrhundert aber die in diesem Zeitraum für andere Benediktinerklöster charakteristischen Verkaufsurkunden, vielmehr gibt es Hinweise auf Zukäufe. Nachdem das Urbar von 1350 den Besitzstand des Klosters verzeichnete,31 erfahren wir in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts nicht nur, dass das Kloster das erwähnte Haus in Straßburg erwarb,32 sondern auch von →St. Trudpert Güter in der Ortenau.33 In diesem Zeitraum konnte es zudem die Vogtei über Münchweier von den Markgrafen von Hachberg als Pfand erhalten, die Ettenheimmünster dann 1408 endgültig kaufte.34 Von einer wirtschaftlichen Krise des Klosters kann keine Rede sein. Auch ein gegen Ende des 14. Jahrhunderts abgefasstes »Rechtsbuch«, Dinghofordnungen über die Rechte des Klosters in (Ettenheim-)Münster, Münchweier, Schweighausen, Harmersbach, Dörlinbach und Wittelbach verweisen auf anhaltendes Bemühen um die Sicherung der Herrschaftsrechte. Das 15. Jahrhunderts, in dem die eigene Urkundenüberlieferung des Klosters in größerem Umfang einsetzte, ist durch eine stärkere Ablösung des Klosters vom Straßburger Bischof gekennzeichnet. Das über Generationen verfolgte Ziel, die Vogtei über Münchweier von den Herren von Üsenberg bzw. den Markgrafen von Hachberg abzulösen, wurde nach dem Tod Markgraf Ottos von Hachberg († 1415) erreicht. Das Kloster ließ sich vom Straßburger Bischof Wilhelm von Diest (1393–1439) bestätigen, dass er diese Vogtei nicht wieder als Lehen ausgeben werde.35 Es nutzte die Gunst der Stunde, sich die Erwerbung 1417 auf dem Konzil von Konstanz durch Königs Sigismund36 und später auch durch Papst Martin V. (1417–1431) bestätigen zu lassen.37 Das Privileg König Sigismunds steht dann am Beginn einer Kette von königlichen Bestätigungen für das Kloster, durch die römisch-deutschen Könige Friedrich III. (1442–1493) im Jahr 1442 und Maximilian I. (1493–1519) 1495.38 Die Urkunde ist eindeutig gegen die (Lehns-)Oberhoheit des Bischofs von Straßburg gerichtet, denn der König bestätigte dem Kloster Freiheiten als ob es die Unterstellung unter den Bischof von Straßburg nie gegeben hätte; das Recht zu Belehnung mit der Vogtei über das neu erworbene Münchweier übertrug er explizit vom Bischof an den Abt von Ettenheimmünster.39 Dass sich Ettenheimmünster in dieser Zeit aus der Abhängigkeit vom Straßburger Bischof zu lösen versuchte, ist kein Zufall. Der Pontifikat Bischof Wilhelms von Diest gilt als der Tiefpunkt der Straßburger Bischofsgeschichte. Die exorbitanten Ausgaben des ungeweihten brabantischen Adeligen, die er durch Verpfändungen von Hochstiftsbesitz und Umlagen auf Stifts- und Klosterbesitz zu bestreiten versuchte, führten 1415 als Gegenreaktion zur Bildung der »Großen Verbrüderung« des Straßburger Domkapitels, der Pröpste und Äbte der Straßburger Stifte und Klöster sowie dem Klerus der Diözese. Ihr Ziel war die Einschränkung des bischöflichen Regiments bis hin zur möglichen Absetzung des Bischofs, die durch einen Prozess auf dem Konzil von Konstanz versucht wurde. Aus dem Archiv von Ettenheimmünster haben sich zwei Handschriften dieser Straßburger Verbrüderung des Liber confoederationis et confraternitatis erhalten.40 Aus ihnen geht hervor, dass die Äbte des Klosters beginnend mit Andreas Kranich (1399–1438) Mitglieder dieser Bruderschaft waren. Die zunehmende Eigenständigkeit Ettenheimmünsters, die sich in seinem nun aussagekräftigeren Urkundenbestand niederschlug, dürfte durch diese Verwerfungen im Bistum Straßburg begünstigt worden sein. Andreas Kranich wie sein Nachfolger Heinrich Ryff (1440–1470) aus einer Straßburger Ammeisterfamilie, und damit aus der zünftischen Führungsschicht der Stadt stammend, gewinnt als erster Abt überhaupt deutlichere Konturen. Neben der durch ihn von König und Papst auf dem Konstanzer Konzil erreichten Absicherung der Vogtei über Münchweier sehen wir ihn in anderen Besitztransaktionen beteiligt. Vor allem aber führte er eine hartnäckige Auseinandersetzung mit den Herren von Geroldseck, die seit 1248 mit Walter von Geroldseck († um 1276) eindeutig belegten Kastvögte des Klosters.41 Wenn Vorfahren Walters schon 1141 urkundlich im Gefolge eines Abtes von Ettenheimmünster belegt sind, könnte das auf eine schon länger bestehende Nähe der Adelsfamilie zum Kloster hindeuten, wenn auch nicht zwingend auf die Ausübung der Vogtei schon zu diesem Zeitpunkt.42 Die Beziehung zu der im angrenzenden Schuttertal auf Hohengeroldseck sitzenden Vogtfamilie bestimmte die Geschicke des Klosters bis zu deren Aussterben 1634. Andreas Kranich gelang es 1438, am Ende seines Abbatiats einen ersten Vertrag mit den Geroldseckern zu schließen.43 In den Jahren zuvor habe, so die Aussage einer Urkunde von 1435, mit der dem Kloster die Pfarrei Ettenheim inkorporiert wurde, das Kloster einen vierzigjährigen Niedergang erlebt, einen Schwund an Einkünften und Gefällen durch Kriegswirren und Brandschatzungen. Novissime, in jüngster Zeit, hätten benachbarte Adelige das Kloster sieben Jahre lange geschädigt, es mit Waffen betreten, alles geraubt, was sie greifen konnten, und es schließlich in Brand gesetzt, so dass Abt und Brüder das Kloster aus Angst um ihr Leben (metu corporum et rerum) für Jahre verlassen mussten.44 Diese weit über die topische Begründung der inopia eines Klosters für die Inkorporation von Pfarreien hinausgehende Schilderung nimmt auf den sogenannten Geroldsecker Krieg (1426–35) Bezug, eine weitausgreifende Fehde um das Erbe der 1426 ausgestorbenen Lahrer Linie der Geroldsecker. Kloster Ettenheimmünster war davon so massiv betroffen, dass das gemeinschaftliche Leben des Klosters vor Ort aufgegeben werden musste. Wenn der unter Vermittlung von Straßburger Schiedsleuten 1438 geschlossene Vertrag mit den Geroldseckern, die Abgaben des Klosters für fünf Jahre mit dem Hinweis auf die erlittenen Brandschatzungen reduziert, wird dieser Zusammenhang belegt.45 In der Übereinkunft werden die Rechte der Kastvögte definiert und beschränkt. Sie steht am Beginn einer Serie von Verträgen zwischen dem Kloster und seinen Vögten bis ans Ende des 16. Jahrhunderts. Diese stellen einen für das Kloster existenziellen Versuch der Einhegung der Vogtsgewalt dar, aufgrund ihrer Bedeutung wurden sie wieder und wieder abgeschrieben.46 Unter Abt Andreas gewann also die Klosterherrschaft über Orte im Münster- und Schuttertal mit dem Zentrum in Münchweier deutlichere Konturen; sie bestand im Kern bis zur Aufhebung 1803 fort. Kennzeichnend für die veränderten Verhältnisse des 15. Jahrhunderts ist, dass das Kloster und seine Äbte an den benediktinischen Reformbewegungen der Zeit teilhatten. Schon Abt Andreas Kranich war auf dem ersten Mainz-Bamberger Provinzialkapitel der Benediktiner im Jahr 1417 in →Petershausen anwesend.47 Sein 1440 nach zwiespältiger Wahl erhobener Nachfolger Heinrich (1440–1470) aus der Straßburger Ammeisterfamilie Ryff zeigt eine herausragende Aktivität in Fragen der Kirchen- und Klosterreform. Kurz nach seiner Wahl inkorporierte er sich im Juli 1440 auf dem Basler Konzil, zu einem Zeitpunkt, als das Konzil sich bereits mit Papst Eugen IV. (1431–1449) überworfen hatte und dieser Akt somit nicht selbstverständlich war.48 Erstaunlich ist dann auch, dass Heinrich nach dem 1449 beendeten Konzil, nämlich im Jahr 1451, in Urkunden als von diesem Beauftragter iudex et conservator iurium et privilegiorum gegenüber den Klöstern →Tennenbach und →Günterstal auftrat.49 Diese bemerkenswerte nachkonziliare Loyalität zum Basiliense mag erklären, wieso Heinrich sich als Teilnehmer des in dreijährigem Turnus stattfindenden Mainz-Bamberger Provinzialkapitels der Benediktiner engagierte,50 und 1459 sogar als einer seiner Präsidenten erwähnt wird.51 1454 ernannte ihn das Provinzialkapitel zum Visitator für die Benediktinerklöster der Diözesen Konstanz und Chur,52 1456 für die Diözesen Straßburg und Speyer. In dieser Funktion reformierte er 1454 das Kloster St. Gallen.53 Es ist bezeichnend für die Quellenlage, dass wir trotz dieser bemerkenswerten überregionalen Reformaktivitäten Heinrichs fast nichts über das innere Leben des Konvents und die Reform vor Ort wissen. 1457 zumindest soll das Kloster überlegt haben, die Bursfelder Reform zu übernehmen, was offenkundig nicht umgesetzt wurde. Sicher ist dagegen, dass Ettenheimmünster unter Heinrichs Nachfolger Hesso von Tiersberg/Diersburg (1470–1500) der Melker Reform beitrat. 1474 schloss Hesso mit dem Kloster Wiblingen, dem Melker Reformzentrum im Südwesten einen Verbrüderungsvertrag.54 1489 schließlich bat er in Blaubeuren um einen Prior und einen Mönch. Mit dem Prior Johannes Ackermann und seinem Begleiter Heinrich zog die Melker Reform im Münstertal ein.55 Ein Indiz für deren Durchsetzung ist, dass sich unter den Handschriften Ettenheimmünsters ein Melker Liber Ordinarius aus Kloster Alpirsbach erhalten hat, der vor Ort um Heilige der Straßburger Diözese ergänzt wurde.56 In den fast acht Jahrhunderten seines mittelalterlichen Bestehens lässt sich kaum Sicheres über die Größe des Konventes aussagen. In der Karolingerzeit dürfte er nach den Einträgen im Reichenauer Verbrüderungsbuch etwa 30 Mönche umfasst haben, womit das Kloster Ettenheim(-münster) zu den Klöstern mittlerer Größe gehörte. Anfang des 12. Jahrhunderts klagte der Verfasser der Vita Landelini, dass kaum mehr zwölf Mönche im Kloster versorgt werden konnten, für das zur Zeit der Stiftung noch 30 vorgesehen waren. Für die folgenden Jahrhunderte gibt es dann keine absoluten Zahlen zur Größe des Konvents mehr, auch Konventualen werden nur selten in Urkunden erwähnt. Die Überlieferung ist so schlecht, dass im 14. und 15. Jahrhundert nur drei Prioren namentlich bekannt sind.57 Daneben erscheinen als Klosterämter in diesem Zeitraum noch mehrere Schaffner,58 und je einmal ein Seelgeräter59 und ein Cellerar (Großkeller).60 Soweit sich die Herkunft der Äbte und der Konventualen erkennen lässt, spiegeln sie durch das Bistum Straßburg gegebene Verbindung ins Elsass bzw. nach Straßburg wider. Abt Hermann »Barner« († 1295) soll aus einer elsässischen Adelsfamilie gestammt haben, die Äbte Andreas Kranich und Heinrich Ryff aus dem Zunftadel Straßburgs, aus zwei bekannten Ammeisterfamilien. Heinrich Ryff setzte sich in zwiespältiger Wahl gegen Antonius Drüblein (de Treubel) aus einer Straßburger Patrizierfamilie durch, der später Abt von St. Maximin in Trier wurde.61 Seine Nachfolger, Hesso von Tiersberg/Diersburg stammte aus einer regionalen Adelsfamilie, einer Linie der Geroldsecker. Nachdem er die Melker Reform eingeführt hatte, findet sich unter den Äbten Ettenheimmünsters zum ersten Mal ein bürgerlicher Name: Laurentius Effinger aus Villingen (1500–1544). Daneben sind nach der Mitte des 15. Jahrhunderts bereits nichtadelige Mönche nachzuweisen.62 Mit aller aufgrund der Quellenlage gebotenen Vorsicht kann somit vermutet werden, dass die Reformbemühungen den Konvent wie in vergleichbaren Fällen stärker für Nichtadelige öffneten. Die folgenden Jahrzehnte der Geschichte des Klosters bis zum Bauernkrieg sind durch einen weiteren Ausbau des Territoriums gekennzeichnet. Das Kloster ließ sich von Kaiser Maximilian I. und seinem Sohn Karl V. (1519–1556) die königlichen Privilegien des 15. Jahrhunderts bestätigen.63 Es erreichte von Maximilian, der kurzzeitig auch Vogt des Klosters war,64 die Exemtion vom kaiserlichen Hofgericht in Rottweil65 und die Bestätigung eines zusätzlichen Wochen- und Jahrmarkts in Münchweier.66 Die Wiedereinsetzung der Geroldsecker und die damit verbundenen Auseinandersetzungen waren noch nicht beendet,67 als sich in den zwanziger Jahren des 16. Jahrhunderts neue Probleme abzeichneten. Der vom Kloster in seiner Pfarrei in Münchweier eingesetzte vicarius perpetuus predigte die neue Lehre, weshalb sich Abt Laurentius Effinger 1524 vom Bischof von Straßburg das Recht bestätigen ließ, den Pfarrvikar jederzeit kündigen zu können.68 Nur ein Jahr später wurde Ettenheimmünster von den aufständischen Bauern eingenommen und verwüstet. Gebäude des Klosters wurden niedergebrannt, das Landelinsgrab in Münchweier, dessen Wallfahrt nach 1500 vom Kloster besonders gefördert wurde, zerstört. Die Reformation hatte in Ettenheimmünster selbst kaum Auswirkungen, auch wenn das Kloster nun von markgräflichen und ritterschaftlichen Orten umgeben war, die sich zur Augsburger Konfession bekannten. Gelegentlich traten Probleme bei der Besetzung von Pfarrstellen auf, die aber zum Ausgleich gebracht werden konnten. Die niedergebrannten Gebäude wurden schon bald wiederaufgebaut. 1527 konnte der Straßburger Weihbischof Konrad bereits einige Altäre in der Klosterkirche konsekrieren. Bereits am Ende der Amtszeit Abt Laurentius Effingers (1500–1544) dürfte sich das Kloster wieder erholt haben. Ob sein Nachfolger Quirin Weber (1544–1558) die tridentinischen Reformdekrete umsetzen konnte, bleibt aber fraglich. Sicher auszumachen ist eine Krise unter Abt Johannes Volmar (Vollmer), der – 1558 einstimmig gewählt – schon nach kaum einem Jahr resignierte und sich wegen ungeschickten Haushaltens rechtfertigen musste. Er hinterließ seinem Nachfolger Balthasar Imbser (1560–1582) ein verdorben closter.69 Imbsers Regierung brachte aber nicht die erhoffte Wende. Bei seinem Tod umfasste der Ettenheimmünsterer Konvent nur noch zwei oder drei Mitglieder. Auf Druck Bischof Johanns IV. von Straßburg (1569–1592) wurde zu seinem Nachfolger der Abt von Altdorf, Laurentius III. Gutjahr (1582–1592) gewählt. Er sorgte für die Renovierung der Klosterkirche und -gebäude und nahm die wirtschaftliche Erneuerung energisch in Angriff. Die Zahl der Konventualen stieg. Auf seine Veranlassung hin hatten neu aufgenommene Konventualen zur Vertiefung ihrer Bildung das 1580 gegründete Jesuitenkolleg in Molsheim zu besuchen. Der Tod Laurentius III. fiel in die Zeit des Straßburger Bischofsschismas. Wegen der ungeklärten politischen Lage konnte die Abtswahl nicht durchgeführt werden. Nachdem Ettenheimmünster wie das Amt Ettenheim unter kaiserlicher Mitwirkung 1593 dem Gebiet des protestantischen Markgrafen Johann Georg von Brandenburg, der den Straßburger Bischofsstuhl beanspruchte, zugeschlagen wurde, wich der größte Teil der Konventualen ins vorderösterreichische und zum Bistum Konstanz gehörende Kenzingen aus. Dem von Johann Georg von Brandenburg postulierten Abt Johann Jakob Brunner (1594–1600) verweigerten die Konventualen von Ettenheimmünster die Anerkennung. Sie blieben in Kenzingen, lebten dort allerdings nicht in klösterlicher Gemeinschaft. Den Anordnungen einer Visitation durch einen Vertreter des Bischofs von Konstanz und der Regierung von Ensisheim, im Pfarrhaus von Riegel das gemeinsame Leben wieder aufzunehmen, leistete der Konvent keine Folge. Nach dem Tod von Johann Jakob Brunner wurde Prior Severin Wagen (1600–1605) zum Abt gewählt und – gegen Zahlung einer entsprechenden Summe – auch von Johann Georg von Brandenburg anerkannt. Er übernahm die Leitung der ausgeplünderten und völlig verschuldeten Abtei. Wegen der unsicheren politischen Lage im Bistum Straßburg erwarb er ein Haus in Kenzingen für den Fall, dass der Konvent ein weiteres Mal gezwungen wäre, ins Exil zu gehen. Nachdem Johann Georg von Brandenburg 1604 auf das Bistum Straßburg verzichtet hatte, gab es dafür vorerst aber keinen Grund mehr. Langsam stieg die Zahl der Konventualen wieder an. Unter Abt Kaspar Geiger (1623–1634) soll sie wieder 16 bis 18 Mönche betragen haben. 1607 waren die Straßburgischen Benediktinerabteien der Bursfelder Union beigetreten, was der Straßburger Bischof Erzherzog Leopold von Österreich als Beeinträchtigung seiner Rechte betrachtete. Er arbeite deshalb beständig auf eine Trennung hin. Die Spannungen mit dem Bistum, aber wohl auch mangelnder Reformwille führten dazu, dass Ettenheimmünster den Bursfelder Generalkapiteln häufig fernblieb und auch den Zahlungsverpflichtungen nur unzureichend nachkam. Auf Druck des Bischofs kam es 1624 zur Gründung einer Straßburger Diözesankongregation. Die Visitatoren der neu gegründeten Kongregation bescheinigten 1627 der Abtei Ettenheimmünster große Fortschritte in Sachen monastischer Disziplin.70 Der Dreißigjährige Krieg bildete allerdings bereits die nächste Zäsur. Bevor das Kloster 1633 von schwedischen Truppen besetzt wurde, konnten Bibliothek, Archiv, Kirchengeräte und Messgewänder noch rechtzeitig ausgelagert werden. In Einsiedeln kamen fünf Konventualen unter. In weiteren Benediktinerklöstern der Schweiz, vor allem in Engelberg und St. Gallen, fanden die übrigen Mönche Zuflucht. 1646 wurde in St. Gallen Amandus Riedmüller (1646–1652) zum Abt gewählt. Er konnte zwei Jahre später mit dem Rest des Konventes nach Ettenheimmünster zurückkehren. Das Kloster stand zu dieser Zeit vor dem Ruin. Von den 300 Einwohnern, die vor dem Krieg das Tal bevölkerten, hatten nur 150 überlebt. Nachdem die Klosterkirche 1651 auch noch einem Brand zum Opfer gefallen war, legte Abt Riedmüller sein Amt nieder. Novizenmeister Arbogast Arnold leitete den nur noch aus sieben Mönchen bestehenden Konvent daraufhin kommissarisch. Die Konventualen konnten sich nicht auf einen Nachfolger für Amandus Riedmüller aus den eigenen Reihen einigen und baten deshalb den Abt von St. Gallen darum, einen Abt und einen Prior für Ettenheimmünster zu postulieren.71 Nach eingehender Inspektion des Klosters wurde daraufhin Franz Hertenstein (1653–1686) zum Abt und Konrad Holzapfel zum Prior bestellt. Das innere und äußere Aufblühen der Abtei ist diesem Abt zu verdanken, der sowohl Wert auf eine Erneuerung der Spiritualität als auch auf monastische Disziplin legte und mit seiner Förderung des wissenschaftlichen Studiums der Mönche den Grundstein für das wissenschaftliche und kulturelle Niveau des Klosters im darauffolgenden Jahrhundert legte. Zur Profess wurden nur noch Novizen zugelassen, die über eine gute wissenschaftliche Ausbildung verfügten. Nachdem schon während des Exils einzelne Patres Studiermöglichkeiten in St. Gallen genutzt hatten, wurden die Ettenheimmünsterer Professen ebenfalls nach St. Gallen abgeordnet, bis das neue bischöfliche Seminar in Straßburg eine Ausbildung ermöglichte. Von 1676 bis 1679 war der Konvent aufgrund der kriegerischen Ereignisse am Oberrhein noch einmal gezwungen, das Kloster zu verlassen und in St. Gallen Schutz zu suchen. Nichtsdestoweniger stieg die Zahl der Konventualen. 1685 sind bereits wieder 20 Patres und 4 fratres conversi belegt.72 In den Jahren 1669 bis 1683 wurde die Klosterkirche unter Abt Hertenstein neu errichtet. Den projektierten Neubau des Konventes konnte er allerdings nicht mehr verwirklichen. 1710 wurde Johann Baptist Eck (1710–1740) zum Abt erwählt. Er nahm den Neubau der Konventsgebäude in Angriff. Die im Heddo-Testament vorgesehene Zahl von 30 Mönchen wurde unter ihm nahezu wieder erreicht. Sein Nachfolger Augustin Dornblüt (1740–1774) konnte die Baulichkeiten abschließen und die Ausstattung der Klosterkirche vervollständigen. Auch die Wallfahrtskirche, die vom Einsturz bedroht war, wurde unter ihm erneuert. 1774, im Jahr vor seinem Tod, legte er krankheitshalber sein Amt nieder. Die Amtszeit des vorletzten Abtes Landelin Flum (Fluem) (1774–1793) war überschattet von Auseinandersetzungen mit den Untertanen des Klosters und dem Ausbruch der Französischen Revolution. 1790 floh der Straßburger Fürstbischof Kardinal Louis de Rohan (1779–1803) aufgrund der Zivilkonstitution des Klerus in seine rechtsrheinischen Besitzungen, von wo aus er gedachte, den konterrevolutionären Widerstand mit organisieren zu helfen. Mit großem Gefolge kam er ein halbes Jahr im Kloster unter, bevor er seine notdürftig hergerichtete Residenz in Ettenheim beziehen konnte. Das Kloster beherbergte darüber hinaus zahlreiche aus Straßburg geflohene Seminaristen. Während der Koalitionskriege diente das Badhaus mehrfach als Lazarett. Das Kloster selbst war immer wieder Ziel von Soldatengruppen, nicht zuletzt angezogen vom 1720 hergestellten »großen Fass«, das nur wenig kleiner als das Heidelberger Fass gewesen ist. Es musste um 1800 zerstört werden, um nicht länger Anziehungspunkt für französische Soldaten zu sein. In der Folge des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803 wurde der Konvent bereits im April aufgelöst. Damals bestand derselbe aus 28 Konventualen und Abt Arbogast Häusler (1793–1803, † 1829). Das konfiszierte Klostervermögen betrug zur Zeit der Auflösung des Klosters nach amtlichen Schätzungen 1.244.120 Gulden.73 In den Konventsgebäuden kamen seit November 1803 kurzzeitig die →Mahlberger Kapuziner unter, deren Konvent im Januar 1806 aufgelöst wurde. Die Wirtschaftsgebäude wurden 1804 an die Lahrer Handelskompanie Wunderlich und Herbst verpachtet. In den Gebäuden wurde zuerst eine Zichorienfabrik, später eine Zigarrenfabrik eingerichtet. 1811 ging die Firma in Konkurs. Das Handelshaus Helbing und Co. erstand den Komplex. Bis 1828 dienten die Gebäude weiterhin in Teilen als Fabrik, wurden teilweise abgerissen und 1865 endgültig auf Abbruch verkauft. Lediglich das Badhaus und die Wallfahrtskirche, die nach Auflösung der Abtei als Pfarrkirche diente, blieben erhalten. Besitz und WirtschaftÜber den Umfang der Besitzungen lassen sich erst im 13. Jahrhundert gesicherte Aussagen treffen. Die zuvor im sogenannten Heddo-Testament genannten Besitzschwerpunkte gehen auf Zusammenstellungen unterschiedlicher Zeitschichten zurück und enthalten auch nicht verwirklichte Ansprüche zum Zeitpunkt der Fälschung in den ersten Jahrzehnten des 12. Jahrhunderts.74 Teile der Urkunde können als Hinweise auf frühmittelalterliche Besitzungen des Kloster am nördlichen Kaiserstuhl um den Fiskus Sasbach und Endingen gelesen werden, von anderen in ihr genannten Besitzungen am Thuner See findet sich dagegen später keine Spur mehr. Gesicherter Boden wird erst mit der Papsturkunde Honorius’ III. (1216–1227) aus dem Jahr 1226 erreicht.75 Mit ihr werden dem Kloster zum einen Besitzungen im unmittelbaren Umfeld des Klosters, im nördlichen Breisgau und der südlichen Ortenau bestätigt: im Schutter- und Münstertal (Dörlinbach, Münchweier, Schweighausen), um Ettenheim, Ringsheim und Rust, um Kenzingen, Herbolzheim, im Süden am Kaiserstuhlrand in Forchheim und Endingen sowie weiter im Norden um Friesenheim und (Nieder/Ober-)Schopfheim. Anderseits finden sich auch noch Spuren von Besitz im Elsass, in Rouffach und Ottmarsheim im Oberelsass sowie auf der Höhe von Ettenheimmünster rechts des Rheins in Richtung Straßburg: Rheinau, Lomheim (abgegangen bei Saasenheim) und Stotzheim. Im 14. Jahrhundert wird sichtbar, dass sich der Besitz des Klosters noch stärker auf den Raum zwischen Endingen und Lahr mit einem Schwerpunkt im unmittelbaren Umfeld des Klosters konzentrierte. Darauf zielten Erwerbungen des Zehnten in Herbolzheim (1316),76 eines großen Lehens, des Hofes »zum Graben« (Grafenhausen) (1318)77 und eines Hofes zu Ringsheim (1322).78 Ein wohl nicht ganz vollständiges Urbar des Klosters aus der Mitte des 14. Jahrhunderts verzeichnet diese Neuerwerbungen79 und grenzt sie von den zur selben Zeit im großen Straßburger Bischofsurbar (1346) aufgenommenen Besitzungen des Hochstifts in diesem Raum ab.80 Das Hochstift erwarb seinen beträchtlichen Besitz im Süden der Ortenau auf Kosten des Klosters. Das Urbar von 1350 lässt ferner bereits deutlich eine Trennung zwischen Konvents- und Abtsgut erkennen. Der Besitz des Klosters war zu dieser Zeit in einzelnen größeren Höfen, die zum Teil schon in der Papsturkunde von 1226 genannt wurden, organisiert. Besonders ausführlich werden diejenigen zu deme Graben (Grafenhausen) und in Ringsheim beschrieben. In Ringsheim gab es sogar zwei Höfe des Klosters, einen alten und den neuen, weshalb hier ein Besitzschwerpunkt anzunehmen ist, daneben ragen die Höfe in Ettenheim und Münchweier hervor. Die im Urbar inserierten Dinghofordnungen von Ringsheim und Münchweier bestätigen die Bedeutung der beiden Orte,81 in einer anderen Handschrift, im sogenannten »Rechtsbuch« (aus der Mitte des 14. Jahrhunderts) sind daneben Hofordnungen für den Klosterort Münster, Münchweier, Schweighausen, Harmersbach, Dörlinbach und Wittelbach überliefert.82 Höfe, die mit Ausnahme Münchweiers im Urbar fehlen, bei denen aber damit gesichert ist, dass sie zu diesem Zeitpunkt im Besitz des Klosters waren. Aus der Zusammenschau ergibt sich somit das Bild, dass Ettenheimmünster um 1400 im Wesentlichen die Herrschafts- und Besitzrechte erlangt hatte, die es bis zu seiner Auflösung bewahren sollte. Im 15. Jahrhundert erwarb das Kloster noch, als lange verfolgtes Ziel, die Vogtei über Münchweier, das zum Marktort ausgebaut wurde. Die königliche Bestätigung der Besitzungen durch König Sigismund (1411–1437) zielt vor allem auf Münchweier, erwähnt daneben auch andere Höfe.83 Zwing und Bann übte das Kloster in den Orten im Münster- und Schuttertal aus. 1483 erwarb es von Einsiedeln noch Zehnt, Dinghofrechte und Anteile an der Dorfherrschaft in Riegel.84 Mit diesem letzten mittelalterlichen Kauf hatte sich der Herrschaftsbereich Ettenheimmünsters ausgebildet. Länger zu verfolgende Konflikte ergaben sich vor allem mit der vor der Haustür des Klosters liegenden bischöflich-straßburgischen Stadt Ettenheim um Abgabenfreiheit der Güter des Klosters in der Stadt, die Betreuung einer Kapelle bzw. der späteren Pfarrei durch das Kloster (bis zu deren Inkorporation im Jahr 1435)85, die Zehntrechte86 und der Anspruch auf Todfallrechte.87 Über die Struktur der Einkünfte des Klosters sind im Mittelalter nur Vermutung möglich, die nicht über das Erwartende hinausgehen: Ackerland in der Rheinebene, Weinbau in der Vorbergzone und aufgrund der Quellen nicht abschätzbare, aber sicher ausgedehnte Waldrechte, die zuerst um 1500 in den Urkunden greifbar sind. Am Ende des Mittelalters waren dem Kloster vier Pfarreien inkorporiert: Stotzheim (1290),88 Münchweier (1425),89 Ettenheim (1435)90 und Kenzingen (1500).91 Ettenheimmünster verfügte über Stadthöfe in Straßburg und Ettenheim. In der frühen Neuzeit konnte das Kloster über alle Krisen und Kriege hinweg den im Mittelalter erworbenen Besitz bewahren. Er wurde nur noch unwesentlich erweitert, vor allem durch den kontinuierlichen Erwerb von Gütern, Rechten und Hofstellen in Riegel.92 Weiter vom Kloster entfernter Streubesitz scheint abgestoßen worden zu sein, der Kernbereich zwischen Endingen und Riegel im Süden und Kippenheim und Nonnenweier im Norden jedoch blieb erhalten. Im Münster- und Schuttertal, in den fünf abtsstäblichen Orten Münchweier, Münstertal/Ettenheimmünster, Schweighausen, Dörlinbach und Wittelbach war die Herrschaft des Klosters geschlossen. Um dieses Gebiet führte Ettenheimünster eine langwierige Auseinandersetzung mit dem Hochstift Straßburg um die Landeshoheit und damit letztlich um die Reichsunmittelbarkeit des eigenen Territoriums. Diese Bemühungen scheiterten in einem Prozess vor dem Reichskammergericht, den das Kloster 1730 verloren hatte. In einem Vertrag des Jahres 1740 musste es die Landeshoheit des Bischofs von Straßburg anerkennen, konnte sich aber Zwing und Bann, Zollrecht, die niedere Gerichtsbarkeit sowie Forst- und Fischrechte in den abtsstäblichen Orten bewahren.93 Durch seinen Anteil an der Dorfherrschaft in Riegel (11/42tel) war Ettenheimmünster Mitglied der breisgauischen Landstände,94 da Riegel ritterschaftlicher Ort war, gehörte das Kloster kurioserweise dem Ritterstand an. Bei der Aufnahme der Besitzungen des Klosters im Zuge der Aufhebung wird sein bemerkenswert umfangreicher Waldbesitz sichtbar.95 1802 besaß es 2.705 Jauchert Wald, alle um das Münstertal, vor allem südlich des Ettenbachs gelegen; zusätzlich hatte es noch Anteile am Ettenheimer Genossenschaftswald. Eine bei der Auflösung entstandene Schätzung zeigt, dass Ettenheimmünster wohlhabend war und über beträchtliche Einkünfte verfügte, das Gesamtvermögen des fast schuldenfreien Klosters wurde auf bis zu eineinhalb Millionen Gulden geschätzt. Religiöses und kulturelles WirkenIn den ersten Jahrhunderten nach der Gründung erfahren wir nichts über geistige und religiöse Aktivitäten. Erst im 12. Jahrhundert zeigt sich schlagartig, dass im Konvent die literarischen Fähigkeiten vorhanden waren, die Vita Landelini zu verfassen. Die Fälschungen des Heddo-Testaments und der vorgeblichen Urkunde von 926 offenbaren zudem rechtliche und diplomatische Kenntnisse. Die Verbindung des Klosters mit der Straßburger Bischofskirche mag hier förderlich gewirkt haben. Hervorbringungen eines eigenen Skriptoriums sind das ganze Mittelalter über jedoch nur mit Mühe zu identifizieren. Ein unter den Handschriften der Badischen Landesbibliothek verwahrtes Psalterium des 13. Jahrhunderts soll im Kloster entstanden sein,96 ansonsten haben sich nur Handschriftenfragmente erhalten. Selbst eigene, eindeutig im Kloster geschriebene Urkunden kann man – nach den Fälschungen des 12. Jahrhunderts – erst ab der Mitte des 14. Jahrhunderts erkennen. Die religiöse Anziehungskraft Ettenheimmünsters ist ohne die im späteren Mittelalter greifbare Wallfahrt zum Ort des Martyriums des Heiligen Landelin nicht zu denken. Anfänge der Verehrung des Heiligen sind in Straßburger Kalendaren des 11. Jahrhunderts bis in die Zeit um 1000 zurück zu verfolgen, wo am 21. September des Lendelinus martyr gedacht wurde.97 Mit der erwähnten umfangreichen Vita des 12. Jahrhunderts setzt eine bis ins 18. Jahrhundert gepflegte Landelinshagiographie ein, die erfolgreich den Kult des Heiligen propagierte. Als Ziel der Wallfahrt zum Hl. Landelin bildete sich im Münstertal um das Kloster eine Folge von Orten aus: das Grab Landelins in der Kirche von Münchweier, der Ort seines Todes mit wundertätigen Quellen (spätere Wallfahrtskirche und Bad) und die Klosterkirche, in der die Schädelreliquie des Heiligen, seit 1506 in einem aufwendigen Reliquiar gezeigt, verwahrt wurde. Bereits um 1300 dürfte das Grab des Heiligen besonders verehrt worden sein, nur so wäre das künstlerisch beachtliche gotische Hochgrab zu erklären. Ein Steindeckel, der sich heute im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe befindet, scheint ein Relikt jenes Grabmales zu sein, das man wohl zu dieser Zeit in der Pfarrkirche errichtete. 1336 erwirkte das Kloster für die Pfarrkirche in Münchweier eine von 14 Bischöfen ausgestellte, illuminierte Ablassurkunde, die am Sitz des Papsttums in Avignon ausgestellt wurde. In ihr wird auf die Verehrung des Märtyrers Landelin in der »zu seiner Ehre errichteten Pfarrkirche in Münchweier« Bezug genommen. 98 Einen Höhepunkt der mittelalterlichen Verehrung Landelins stellt dann das silberne Büstenreliquiar dar, dass Abt Laurentius Effinger nach 1506 für dessen Schädelreliquie anfertigen ließ. Dargestellt ist der Heilige in der Blüte seiner Jahre, Krone und kostbares Gewand weisen auf seine legendarische königliche Abstammung hin. Zwanzig kleine umlaufende Silberreliefs erzählen sein Leben. Die Büste gilt als ein Hauptwerk der Goldschmiedeplastik dieser Zeit. Mirakelbücher und Viten des 17. und 18. Jahrhunderts illustrieren die anhaltende Bedeutung der Wallfahrt in Mittelbaden und dem Elsass. Das Quellheiligtum war zu dieser Zeit allerdings mehr und mehr zu einem Heil- und Kurbad mit profanem Charakter geworden. Die Wallfahrer wurden im eigens dafür errichteten Badhaus bei der Wallfahrtskirche untergebracht. Großen Stellenwert hatte für den Konvent, dass die evangelische Markgräfin Francisca Sibylla Augusta von Baden, 1711 eine Kur mit Wasser aus der Landelinsquelle machte. Bereits seit der Papsturkunde von 1226 ist nachgewiesen, dass das Kloster Ettenheimmünster Kirchen außerhalb des Klosterbezirks besaß, Patronatsrechte innehatte und somit Seelsorge organisierte. Neben Schweighausen werden anfangs Broggingen, Ettenheim, Münchweier, Rust, Lomheim und Stotzheim genannt.99 Bis auf den Sonderfall des im Dreißigjährigen Krieg abgegangenen Lomheim blieb die Verantwortung für die Seelsorge an diesen Pfarrkirchen bis zur Säkularisation beim Kloster. Ettenheim, Münchweier und Stotzheim wurden dem Kloster sogar förmlich inkorporiert, um 1500 kam dazu noch Kenzingen. Bei der Auflösung am Beginn des 19. Jahrhunderts hielt das Kloster Patronatsrechte in acht Pfarreien: Ettenheim, Ettenheimmünster mit der Wallfahrtskirche St. Landolin, Grafenhausen, Kippenheim, Münchweier, Ringsheim, Rust und Schweighausen. In der ausgedehnten Pfarrei Schweighausen mit den Filialkirchen in Dörlinbach und Wittelbach versahen am Ende des 18. Jahrhunderts drei Mönche, die im dortigen Pfarrhaus wohnten, die Seelsorge. Natur- und Brandkatastrophen und deren glückliche Überwindung führten 1627 zur Einführung der Rosenkranz-Bruderschaft und 1711 zur Gründung der Scapulier-Bruderschaft. Im Gegensatz zu den bescheidenen Spuren geistiger Aktivität im Mittelalter, blühte das Kloster in der Frühen Neuzeit auf. Nach dem Dreißigjährigen Krieg, im 17. und 18. Jahrhundert, entwickelte es sich sogar zu einem kulturellen Zentrum, das auf dem Feld der Musikpflege von überregionaler Bedeutung war. Von besonderem Rang war seit dem Ende des 17. Jahrhunderts die unter Abt Hertenstein geförderte Klosterschule. Der Theologe und Jurist Pater Maurus Geiger war als Rechtsgutachter für die bischöfliche Kurie tätig. Weiter sind die Patres Placidus Schmid, Professor für Philosophie und Theologie, der Mathematiker Karl Scherer und der Historiker Bernhard Mugg zu nennen. Letzterer war zusätzlich ein ausgezeichneter Botaniker. Die Konventualen Gabriel Messerschmid und Magnus Schwitter lehrten am Gymnasium der schwäbischen Benediktinerkongregation in Rottweil. Im 18. Jahrhundert entfaltete das Kloster Ettenheimmünster ein hohes wissenschaftliches Niveau, das allerdings – anders als seine Leistungen auf dem Gebiet der Musikpflege – nicht an Klöster wie etwa St. Blasien heranreichte. Germanus Cartier, Professor der Theologie und Philosophie, des Kirchen- und Zivilrechts, hat zahlreiche theologische und bibelwissenschaftliche Werke verfasst. 1751 erschien seine Bibelausgabe, die mit zahlreichen Kupferstichen ausgestattet ist. Sein Bruder Gallus, der Theologie und Philosophie in Gengenbach unterrichtete, verfasste ebenfalls mehrere Schriften und war als Novizenmeister für den Nachwuchs des Klosters zuständig. Der Arzt und Apotheker Franz Josef Weil versorgte nicht nur den Konvent. Sein Können war weit über das Kloster hinaus gefragt. Pater Anselm Fey – einer der letzten Konventualen – hat sich bezüglich der Veredlung des Weinbaus einen Namen gemacht. Im Blick auf die Pflege der Musik finden sich für die Zeit des Mittelalters nur vereinzelt Zeugnisse, aus denen sich kein genaues Bild gewinnen lässt. Mit Abt Franz Hertenstein (1653–1683) begann der Aufstieg der Abtei zu einem musikalischen Zentrum am Oberrhein. Hertenstein selbst hatte in Weingarten Musik studiert. Als Abt von Ettenheimmünster nahm er das Fach Musik mit Gesang und Instrumentalspiel in den Fächerkanon der Klosterschule auf. Zwei Patres wurden mit dem Musikunterricht betraut. Bei Musik- und Theateraufführungen wirkten in der Folge regelmäßig Schüler der Klosterschule mit. Neben dem Amt des chori director, der für den Choralgesang zuständig war, trat der für die Figural- und Instrumentalmusik verantwortlich zeichnende musicae director. Die Bedeutung, die Abt Hertenstein der Musik beimaß, wird auch dadurch unterstrichen, dass in seinem nicht ausgeführten Plan für den Neubau des Konventes ein eigenes Aufbehaltzimmerlein für die Spihilinstrumenta100 vorgesehen war. Aus dieser Zeit finden sich auch die frühesten Erwähnungen szenischer Darstellungen mit instrumentaler Begleitung.101 Zahlreiche Choralhandschriften belegen, welche Bedeutung der Choral in Ettenheimmünster hatte. Aber auch der cantus figuralis, die mehrstimmige Musik, wurde früh schon in der Abtei gepflegt. 1710 beschreibt Pater Karl Will den guten Ruf des Klosters im Blick auf die feierliche Gestaltung der Gottesdienste in seinem Neu auffgerichteten Jahrbuch wahrhaffter Zufälle.102 Ab Mitte des 17. Jahrhunderts tat sich Ettenheimmünster zusätzlich sowohl durch Tafelmusik als auch Theateraufführungen mit Musik hervor. Sie sind nicht selten mit dem Besuch von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens verbunden. Als Aufführungsorte dienten der Festsaal über dem Refektorium des Klosters, das 1762 fertiggestellte Orangeriegebäude mit seinem Garten sowie – insbesondere bei geistlichen Spielen – die Kloster- und die Wallfahrtskirche. Das Musikrepertoire Ettenheimmünsters – geistliche und weltliche, in lateinischer und deutscher Sprache abgefasste Theaterstücke und Singspiele vermehrt um die reine Instrumentalmusik – zeigt, dass sich die dortigen musikalischen Darbietungen an Qualität und Schwierigkeit kaum von denen weltlicher Höfe unterschieden.103 Viele Konventualen verfügten über musikalische Bildung und beherrschten mehrere Instrumente. Der in Offenburg geborene und früh ins Kloster eingetretene Pater Ildefons Haas (1735–1791) war bei weitem der bedeutendste Musiker des Konvents.104 Er war Meister des Violinenspiels und pflegte Bekanntschaft mit Johann Stamitz in Mannheim. Haas schuf eine Fülle orchestrierter Kirchenmusik im spätbarock-frühklassischen Stil. Darunter befanden sich neben Messen, Vespern, Offertorien, Vesperhymnen, Lieder und Marianische Antiphonen auch Singspiele, die als Auftragswerke entstanden. Nicht zu vergessen sind die handwerklichen und künstlerischen Fähigkeiten der Mönche im Blick auf Holz- Stein und Metallverarbeitung. Namentlich zu nennen ist hier vor allem der Bildhauer Ägidius Butsch, dessen Arbeiten sich teilweise in der Wallfahrtskirche erhalten haben. Bibliothek und ArchivNach verschiedenen Verwüstungen des Klosters finden sich erst in den Jahren um 1500 wieder Indizien für Buchbesitz in Form von in Ettenheimmünster selbst entstandenen liturgischen Handschriften. Weitere Einschnitte für die Bestände brachten der Bauernkrieg und das Straßburger Bischofsschisma mit sich. Während des Dreißigjährigen Kriegs konnten Archiv und Bibliothek geflüchtet werden. Die Klosterbibliothek von Ettenheimmünster erhielt Anfang des 17. und erneut Anfang des 18. Jahrhunderts Handschriften und Drucke aus dem Benediktinerkloster Gengenbach. Allein Abt Johann Baptist Eck (1710–1740) erweiterte die Bibliothek um 15.000 Bände. Im unter diesem Abt erfolgten Neubau der Konventsgebäude nahm die Bibliothek das komplette zweite Obergeschoss des zentralen Pavillons im langen Bau ein. Ein weiterer Raum dürfte als Magazin gedient haben. Wissenschaftliche Tätigkeit der Mönche aus Ettenheimmünster fand ihren Niederschlag in vielen neuzeitlichen Handschriften der Klosterbibliothek; hinzu kamen die Sammlungen von Johannes Erhardus Maillot und Franciscus Egon Reich sowie Handschriften, in denen sich die rege Musikpflege im Kloster widerspiegelt. Kurz vor der Aufhebung begann der Bibliothekar Bernhard Stöber mit der Erarbeitung eines Katalogs, der sich aber nicht erhalten hat. Nach Aufhebung des Klosters haben Mönche nachweislich kistenweise Bücher mitgenommen und weitervererbt. Viele haben den Zweiten Weltkrieg nicht überstanden, wurden damals gar – so in einer Ettenheimer Familie belegt – als Heizmaterial verwendet. Ein Teil der Bibliothek ging 1806 an die Hofbibliothek; Reste fielen im Folgejahr an das Gymnasium in Lahr. Die Universitätsbibliothek Heidelberg erhielt 1821 aus Karlsruhe eine Nachauswahl. Heute besitzt die Badische Landesbibliothek Karlsruhe mit 460 Handschriften einen weit überwiegend neuzeitlichen Bestand; im Generallandesarchiv Karlsruhe finden sich klosterhistoriographische Codices. Über 200 Inkunabeln haben sich in Karlsruhe, Heidelberg und Freiburg erhalten. Das Archiv ist am Ende des 18. Jahrhunderts in seinem Umfang bekannt. Bei der Aufhebung des Klosters verzeichnete es der Prior und Archivar Othmar Zwiebelhofer. Das Interesse der frühneuzeitlichen Historiker Ettenheimmünsters an der Überlieferung des Klosters führte dazu, dass es bei der Aufhebung gut geordnet war. Einige Urkunden und Handschriften blieben vor Ort (heute Pfarrarchiv Ettenheim), darunter die für die Klostergeschichte wichtige Bulle Papst Honorius’ III. (1226), der ganz überwiegende Teil aber gelangte über das Provinzialarchiv Freiburg nach Karlsruhe. Dort finden sich Urkunden und Akten Ettenheimmünsterscher Provenienz über verschiedene Bestandsgruppen verteilt. Neben den Urkunden (27a) und Akten (87) aus Ettenheimmünster, ist die bemerkenswerte Serie von Kopial- und Briefbüchern sowie klosterhistoriographischen Arbeiten im Bestand 67 hervorzuheben. Das Archiv der Kastvögte von Geroldeseck (GLA 111) dokumentiert ergänzend die hartnäckige, über Jahrhunderte ausgefochtene Auseinandersetzung mit dieser Familie. Im Wesentlichen dürfte das am Ende des Klosters bestehende Archiv auf uns gekommen sein, die erkennbaren Verluste an mittelalterlicher Überlieferung müssen deshalb früher eingetreten sein, etwa im Bauernkrieg, in dem von Verbrennen von Urkunden und Urbaren des Klosters berichtet wird, oder durch Entwendungen im Dreißigjährigen Krieg, durch die ein Kopialbuch des Klosters sogar den Weg in die Vatikanische Bibliothek in Rom fand.105 Bau- und KunstgeschichteLageDas Kloster lag am Ettenbach im Münstertal, etwa fünf Kilometer von der Stadt Ettenheim in Richtung Schwarzwald. Nach der Säkularisation wurde der großzügige, längs des Flusslaufs im barocken Stil errichtete Baukomplex nahezu komplett abgerissen. Erhalten blieben lediglich die unweit des Klosters flussabwärts gelegene, ebenfalls in der Barockzeit (1687-98) durch den Graubündener Meister Johannes Regutz errichtete Wallfahrtskirche St. Landolin sowie einige Reste der Klostermauern und Wirtschaftsgebäude. Kirche und KonventsbautenAnhand der durch die badische Verwaltung vor dem Abbruch erstellten Grundrisse und anderer erhaltener Dokumente, darunter die in der Stadtbibliothek Mainz verwahrte Handschrift von Pater Karl Will aus dem Jahre 1730, lässt sich die Baugestalt von Kirche und Kloster recht zuverlässig rekonstruieren. Der nach dem Niedergang im Dreißigjährigen Krieg notwendig gewordene Wiederaufbau des Klosters begann mit der unter Abt Franz Hertenstein (1653–1686) neu aufgeführten Kirche. Sie präsentierte sich als großer Saalbau mit gestaffeltem Langchor, einer spitzen Giebelfassade mit zwei Westtürmen und einem Turm im Osten über dem Choreingang. Der Chorturm und das in einer Zeichnung von 1683 überlieferte Rosenfenster der Westfassade lassen sich als mittelalterliche, auf das Straßburger Münster und/oder den lokalen Vorgängerbau verweisende Architekturzitate interpretieren. Von der unter Abt Hertenstein ebenfalls geplanten, als Skizze überlieferten vierflügeligen Klosteranlage wurde nichts verwirklicht. Realisiert wurde hingegen zwischen 1718 und 1734 ein Entwurf des Vorarlberger Baumeisters Peter Thumb, der eine moderne und großzügig dimensionierte Anlage mit zwei Innenhöfen vorsah. Die Zufahrt erfolgte über den östlich sich anschließenden Wirtschaftshof, der durch den Ostflügel des Klosters und ein zweiflügeliges Amtsgebäude begrenzt wurde. Von diesem Hof aus gelangte man über das Hauptportal in den Klostertrakt oder konnte die der Abteikirche dem Hof zu vorgelagerte Landelinskapelle betreten. Die Klosterkirche aus der Zeit Abt Hertensteins integrierte Thumb als östlichen rückwärtigen Flügel in die neue Anlage. Er modifizierte sie wesentlich, indem er ihr Inneres durch eine Emporenanlage bereicherte und den Hochaltar nach Westen verlegte. Dort konnte ein wesentlich geräumigerer Chorraum angelegt werden, während der alte Chor im Osten zu der erwähnten, vom Hof aus zugänglichen Landelinskapelle umgestaltet wurde. Der neue Chor im Westen bot einer aufwendigen Altarkonstruktion mit vier monumentalen Säulen Platz, zu deren Bau und der Errichtung zweier Seitenaltäre 1736 ein Vertrag mit Johann Michael Winterhalder abgeschlossen wurde. Auch nach außen hin trat die Klosterkirche nun durch einen monumentalen, achteckigen Westturm markant in Erscheinung. Mit seinen zwei Freigeschossen und einer hoch aufragenden Welschen Haube mit Laterne erhob er sich über der Schnittstelle des rückwärtigen Trakts mit dem zentralen Querflügel und setzte einen dominanten vertikalen Akzent. Entlang des Ettenbachs zeigte die im Gegensatz dazu breit gelagerte Längsfassade eine typisch barocke Gliederung durch zwei Eckpavillons und einen wuchtigen Mittelrisalit. Abgesehen von einem markanten Sockel und dem die Dachflächen stützenden Kranzgesims beruhte die gliedernde Wirkung schlicht auf der regelmäßigen Anordnung der dekorativ gerahmten Fensteröffnungen. Verteilt auf drei Geschossebenen gaben Sie der Fassade in klaren vertikalen Achsen einen ruhigen Rhythmus. Lediglich die dreiachsigen Eckpavillons und der achatachsige Mittelrisalit waren durch ihre eigenständige Bedachung und ihre etwas größere Höhe herausgehoben. Rechts und links des Mittelrisalits führten kurze Treppenläufe auf jeweils ein oberhalb des Sockels gelegenes Eingangsportal. Materielle Kulturgeschichte, BauausstattungVon der hochwertigen und prunkvollen Ausstattung der Klosterkirche haben sich einige Stücke erhalten. Die heute als eines der besterhaltenen Instrumente des Straßburger Orgelbauers Johann Andreas Silbermann geltende Orgel befindet sich in der Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Landolin, zusammen mit ursprünglich vier, von Ägidius Butsch geschnitzten Beichtstühlen (zwei davon werden mittlerweile auf dem Kirchenspeicher aufbewahrt) und dem reichverzierten, geschmiedeten Chorgitter. Auch Kirchenbänke und Reste des Chorgestühls stehen heute in St. Landolin. Nicht erhalten hat sich der Hochaltar der Klosterkirche, dafür haben die beiden Seitenaltäre in der Martinskirche von Grimmelshofen und der altkatholischen Kirche von Gütenbach eine neue Verwendung gefunden. Nach Gütenbach ging auch die Predigtkanzel. Die beiden von dem ins Kloster eingetretenen Kunstschnitzer Ägidius Butsch als Nebenaltäre für das südliche Seitenschiff der Klosterkirche erschaffenen, Joseph und Sebastian geweihten Altäre stehen heute in der Pfarrkirche von Münchweier bei Ettenheim. Ferner wurden Bauteile (Fensterrahmungen, Portale) der Klosteranlage als Spolien in neue Bauvorhaben des 19. Jahrhunderts übernommen (Lahr, Stadtpark und Geroldsecker Vorstadt; Ettenheimweiler, Kirche; Ringsheim, Rathaus). BibliographieQuellen: Biographische Schriften über Ettenheim-Münster von Karl Will, in: Mone IV, S. 254–275; Leben des Abtes Franz Hertenstein von Ettenheim-Münster. Von 1610–1686, in: Mone IV, S. 171–254; Weech 1878; Bloch/Wittich 1900. Handbücher und Lexika: Dehio, Baden-Württemberg Bd. 2, S. 185 f. (Karin Stober); GermBen V, S. 215–225 (Hansmartin Schwarzmaier); KDM Bd. 6,1, S. 252–256 (Franz-Xaver Kraus); kloester-bw, Benediktinerabtei Ettenheimmünster (Sabrina Merk/Karl-Heinz Braun). Literatur: Kürzel 1870; Mezler 1881; Heizmann 1932; Hacker 1938; Schultz 1978; Schmid 1982 (c); Weber 2004; Uttenweiler 2013. Anmerkungen
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| Objekttyp: | Konvent |
| Personenbezüge: |
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Literatur + Links
| Weiterführende Links: |
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