Lahr, Kollegiatstift Unserer Lieben Frau 

Kurzbeschreibung:

1259 Gründung als Augustinerchorherrenstift – 1482 Umwandlung in ein weltliches Kollegiatstift – 1558 Aufhebung

Patrozinium: Unsere Liebe Frau, Jakob
Ordensgliederung: 1259–1482 Ordensverband der Steigerherren
Kirchliche Zugehörigkeit: Bistum Straßburg, Archidiakonat Ultra Rhenum, Landkapitel Lahr

Ortsbezüge:
  • Lahr
  • Lahr/Schwarzwald, Ortenaukreis
Ordensregel:
  • Augustinerchorherren 1259-1482
  • Kollegiatstift Unserer Lieben Frau 1482-1558
Beschreibung:

Name: prioratum de Lare (1289);1 vnnsers closters zue Lare […] des Steyger ordens (1394);2 des closters zu Lare, sanct Augustinus ordens (1449);3 Vnser Lieben Frouwen styftt zuo Lor (1485)4

Geschichte

Am 30. November 1259 beurkundete Walter von Geroldseck seine Gründung von Kloster und Spital Lahr.5 Damit erfüllte er eine ihm von seiner verstorbenen Gemahlin Heilika von Finstingen aufgetragene testamentarische Verfügung, die beschlossen hatte, zwölf Arme aus ihren eigenen Mitteln zu versorgen und in ein Haus aufzunehmen. Er erweiterte dies und versprach mit Zustimmung seiner Söhne und mit Rat von Prior und Konvent des zur Diözese Straßburg und zum Orden des Hl. Augustinus gehörenden monasterij de Steÿga (Obersteigen südlich von Zabern), auf einem Grundstück nahe seiner Burg vier Brüder des erwähnten Konvents nebst zwei Knechten sowie zwölf Arme und drei Personen zu deren Betreuung anzusiedeln und sie solange aus eigenen Mitteln zu versorgen, bis er ihnen genannte Natural- und Geldeinkünfte zukommen lassen könne. Er bestimmte, dass alle Personen unter der Leitung des Priors des erwähnten Klosters stehen sollten.

Es war die erste der nur wenigen Tochtergründungen von Obersteigen (dessen Niederlassung Heilika auf dem Weg von ihrer lothringischen Heimat an den Oberrhein kennengelernt haben mag). Das »Kloster«, wie es durchweg in den Quellen genannt wird, samt Kirche wurde etwa 300 m östlich der ab 1218 erbauten Lahrer Tiefburg errichtet und befand sich damit bis zu seiner Aufhebung außerhalb der um 1278 von den Geroldseckern zur Stadt erhobenen Siedlung Lahr. Umstritten ist der ursprüngliche Standort des Spitals: entweder zunächst beim Kloster oder aber gleich innerorts, wo es erstmals vor 1349 nachweisbar ist und danach noch mehrmals seinen Standort wechselte, wobei jedoch bis zum Schluss die Verbindung zum Stift grundsätzlich gewahrt blieb. Denkbar ist auch, dass Konvent und Spital anfangs eine gemeinsame Unterkunft innerhalb von Lahr hatten, bis die klösterlichen Gebäude bezogen werden konnten.6

Am 1. Februar 1289 bestätigte Papst Nikolaus IV. (1288–1292) den Augustinerchorherren von Obersteigen den Besitz der Priorate Lahr (prioratum de Lare), Landau und Dürrenstein, jeweils mit ihren Besitzungen.7 Zukauf und Schenkungen, vor allem vonseiten der Geroldsecker – zu denen »ihr« Kloster in einem gewissen Abhängigkeitsverhältnis stand – und der Lahrer Bürger, vermehrten in der Folgezeit dessen Besitzrechte, die im Wesentlichen in Lahr selber und in der südlichen Ortenau sowie im Elsass um Straßburg und Schlettstadt lagen. Mitte des 14. Jahrhunderts erhielt das Stift durch geroldseckische Schenkung die Kirche von (Lahr-)Sulz (1341 Patronatsrecht, 1353 Inkorporation).8 Steuerverzeichnisse des Bistums Straßburg von 1371, 1419 und 1464 dokumentieren die Vermögenslage des Stifts, außerdem Altarpfründen ebendort und im Spital sowie deren Inhaber; eine Reihe von Altären bzw. damit verbundenen Kaplaneien, darunter auch geroldseckische Stiftungen, sind zudem urkundlich bezeugt.9

Über die inneren Verhältnisse des Lahrer Konvents, seine Rolle im Obersteiger Verband und sonstige Aktivitäten gibt es nur ganz vereinzelte Nachrichten. So wies 1348 der Bischof von Straßburg den Prior von Obersteigen an, Lahr in der Befolgung der Regel zu erhalten.10 1398 wurde der Prior von Lahr vom Stadtherrn Heinrich von Geroldseck in dessen geschäftlichen Angelegenheiten zu Verhandlungen nach Straßburg gesandt.11 Dieser Prior bleibt wie fast alle anderen Inhaber des Amtes namenlos. Von den Konventualen – in den Quellen als »Mönche«, »Brüder« oder »Steiger« bezeichnet bzw. kollektiv als »Konvent« – können immerhin einige namhaft gemacht werden; soweit ihre Herkunft genannt ist, stammen sie aus Lahr und aus dem Elsass;12 der prominenteste war ein gleichnamiger Bruder des eben genannten Heinrich von Geroldseck.13 Über geroldseckische Begräbnisse im Kloster gibt es spätere Nachrichten.14 1426 ging die Herrschaft Lahr an die Grafen von Moers-Saarwerden über, womit das bis dahin relativ enge Verhältnis zwischen Stadtherrschaft und Stift endete.

Aufgrund ökonomischer und personeller Probleme ersuchten die fünf verbliebenen Häuser des »Steigerordens« (ordinis Steygensium) – Zabern (Ordensleitung), Lahr, Obersteigen, Landau und Beerenberg – Papst Sixtus IV. (1471–1484) um ihre Umwandlung in weltliche Kollegiatstifte, was dieser ihnen am 17. Juni 1482 gewährte.15 Demgemäß sollte in Lahr, das jährliche Einkünfte von 300 rheinischen Gulden hatte, aus dem Prior ein Dekan und aus den Brüdern fünf Kanoniker – davon ein Kustos und ein Kantor – und vier Vikare werden. Eine Chorschule hat es nicht gegeben.16

1492, mit Vorlauf seit 1485, wurde die Kollegiatkirche auch Pfarrkirche von Lahr; der Pfarrer sollte zugleich eines der Kanonikate innehaben. Im Gegenzug erhielt die Gemeinherrschaft (seit 1442, endgültig seit 1497 Kondominat von Moers-Saarwerden und Markgrafschaft Baden) das Recht, die Stiftspfründen zu vergeben, wobei die Ernennung von Dekan sowie Pfarrer allein Baden vorbehalten war.17 Sie nutzte dies nicht zum Besten der Institution; deren Vermögen und Präbenden wurden teils zweckentfremdet, teils blieben Stellen unbesetzt. Der »Sittenverfall« im Stift und die Wirren der Reformationszeit taten ein Übriges. Die Übernahme der Verwaltung des Stifts durch die Gemeinherrschaft (seit 1527 Nassau-Saarbrücken und Baden) 1558 besiegelte sein Ende.

Nach der Aufhebung des Stifts ist dort eine heute verschollene Bibliothek samt Katalog bezeugt.18 Vom nach 1631 verlorenen Archiv ist lediglich ein Repertoriumsauszug aus dem 17. Jahrhundert erhalten.19

Bau- und Kunstgeschichte

Lage

Das 1259 gegründete Stift wurde östlich der nahegelegenen geroldseckischen Tiefburg an einer überregional bedeutenden Straße errichtet. Nach der Stadtgründung verblieb die Anlage außerhalb der Stadtmauern. Im Osten und Süden führte ein künstlich angelegter Gewerbekanal (sog. »Neuschutter«, 1967 beseitigt) um das Areal herum. Er speiste die östlich der Kirche gelegene Klostermühle. Die historischen Stadtpläne aus den Jahren 1644 und 1723 verorten die Konventsgebäude südlich der Stiftskirche. Nach der Umwandlung zum Kollegiatstift im Jahr 1482 und der Übertragung der Pfarrrechte im Jahr 1492 dienten die Areale nördlich und östlich der Kirche als städtischer Friedhof (nördlicher Teil heute als Denkmalhof bezeichnet). Ein Beinhaus lehnte sich bis 1719 an den nördlichen Abschnitt der westlichen Kirchhofmauer an. Zum Stift gehörte ein Spital, dessen Lage unbekannt ist. Der Spitalfriedhof könnte sich an der Stelle des alten Friedhofs befunden haben.

Kirche und Konventsbauten

Die Stiftskirche in Lahr ist nach der Klosterkirche von →Allerheiligen der früheste Vertreter der gotischen Baukunst in der Ortenau. Der heutige Kirchenbau ist das Ergebnis stark überformender Renovierungsmaßnahmen des 19. Jahrhunderts unter Friedrich Eisenlohr (1844–49) und Ludwig Diemer (Neubau des Westturms 1874–79). Von hohem dokumentarischem Wert sind die 1736 vom Stiftsschaffner Dreyspring und 1844 von Friedrich Eisenlohr angefertigten Zeichnungen. Renovierungsmaßnahmen begleitende Bauuntersuchungen seit 1953 wurden zum Teil in nur knapper Form publiziert.

Vom Gründungsbau, einer dreischiffigen, querhauslosen Basilika, deren erhaltene Bauskulptur in die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts datiert, blieben die Außenmauern bis zum dritten Strebepfeiler von Osten weitgehend erhalten. An ein polygonales Altarhaus schließt sich der aus einem schmalen und einem breiteren querrechteckigen Joch gebildete liturgische Chor an, der ohne architektonische Akzentuierung in das Mittelschiff hineinragt. Bis 1737 wurde der Chor von einem sich in drei spitzbogigen Arkaden zum Mittelschiff öffnenden Hallenlettner nach Westen abgeschlossen. Ein im nördlichen Seitenschiff platzierter Treppenturm diente der Erschließung der Lettnerbühne. Die im Osten gerade abschließenden, nur in den drei östlichen Jochen gewölbten Seitenschiffe enden auf Höhe der schmalen, querrechteckigen Chorjoche und werden von diesen durch ost-west-orientierte Mauerzungen geschieden. Ursprünglich setzten sich die Mauerzungen als dünne, niedrige Chorschrankenmauern noch ein Joch weiter nach Westen fort. Die Außenwände der Seitenschiffe wurden nur in den drei östlichen Jochen des Nordseitenschiffs durch vier Strebepfeiler rhythmisiert; die übrigen sind Zutaten des 19. Jahrhunderts. Ein im östlichen Joch des Nordseitenschiffs freigelegtes, schlitzartiges Fenster, das oben mit einem spitzwinkligen, dreieckigen Gewände abschließt, könnte auf eine ursprüngliche Nutzung als Sakristei verweisen. Ursprünglich wiesen auch die Fenster in den zwei darauffolgenden Jochen einen spitzwinkeligen oberen Abschluss auf. An der stärker ausgebildeten Südwand wurde, unter Rücksichtnahme auf die hier anlehnenden Stiftsgebäude, auf Strebepfeiler verzichtet. Die unvollständige Einwölbung des Kirchenraums, dessen westlicher Teil bis 1844 flachgedeckt blieb, war wohl finanziellen Engpässen geschuldet. Ein Dachreiter erhob sich über dem zweiten Mittelschiffsjoch von Osten (1774 abgebrochen).

Nach der Erhebung zur Pfarrkirche im Jahr 1492 wurde der Kirche ein quadratischer Westturm vorgelagert und die Seitenschiffe um ca. eine Arkadenbreite nach Westen verlängert. Die Westwände des Turms und der Seitenschiffe bildeten eine gemeinsame Fassade, bei der der Turm risalitartig aus der Mauerflucht hervortrat. Im Innenraum wurde der Turm mit schräg verlaufenden Bögen an die Mittelschiffarkaden angeschlossen. Ein im Turm verbauter Steinquader nannte das Jahr 1512. 1874 wurde der spätgotische Turm niedergelegt und durch einen neuen ersetzt sowie die gesamte Westfassade, mit Ausnahme der drei vom Vorgängerbau übernommenen Westportale, erneuert.

Die sich südlich an die Kirche anlehnenden Stiftsgebäude waren mit einem Ost- und einem Südflügel um einen rechteckigen Hof angeordnet. Im Jahr 1550 beklagte man den ruinösen Zustand der Stiftsgebäude und den Verfall der Dechanei. 1673 existierte nur noch ein kleiner Rest des Ostflügels, der vom Messner bewohnt wurde, bevor man auch diesen 1835 beseitigte.

Materielle Kulturgeschichte, Bauausstattung

Für den Hochaltar sind ein steinerner Unterbau und ein hölzernes Retabel belegt (1737 entfernt). Die Aufstellungsorte eines im Jahr 1367 gestifteten Margarethenaltars sowie eines weiteren, erstmals im Jahr 1465 erwähnten Altars sind nicht überliefert, eine Aufstellung unter dem Lettner aber wahrscheinlich. 1585 wurden die Nebenaltäre entfernt und der Kreuzaltar vor den Lettner gestellt.

Von der spätgotischen steinernen Kanzel blieb der mit Fischblasenmaßwerk gezierte, heute im Ambo verbaute Kanzelkorb erhalten.

Die auf dem alten Friedhof an etwa der gleichen Stelle wie heute aufgestellte Kreuzigungsgruppe erhob sich über einem mit Knochen und Getier skulptierten Unterbau. Der Kruzifixus datiert, laut einer am Kreuzesstamm angebrachten, heute nicht mehr erkennbaren Inschrift, in das Jahr 1564. Unterhalb der Johannesfigur öffnet sich eine kleine kreuzrippengewölbte Ewig-Licht-Nische.

Die Grabplatte des im Jahr 1518 verstorbenen Jacobus Zerer, des letzten Priors des Klosters und ersten Dekans des Stifts, befindet sich heute auf dem Denkmalhof.

Bibliographie

Handbücher und Lexika: CVMA II,1, S. 151–153 (Rüdiger Becksmann); Dehio, Baden-Württemberg Bd. 2, S. 399 f. (Karin Stober); HelvSac IV,2, S. 51 f. (Elsanne Gilomen-Schenkel); KDM Bd. 7, S. 61–78 (Max Wingenroth); kloester-bw, Kollegiatstift Unserer Lieben Frau Lahr (Christa Balharek); SKHB, S. 357–361 (Christa Balharek).

Literatur: Bauer 1912; Müller 1978 (c); Parlow 1989; Krohn 2009; Parlow 2009; Mietzner 2018, S. 36–44.

Anmerkungen

  • 1 ADBR G 5697 (5).
  • 2 Reinhard 1766, Nr. XLIII S. 97.
  • 3 GLA 27 Nr. 1104.
  • 4 GLA 27 Nr. 297.
  • 5 Lückenhafte Kopie 16. Jh., GLA 67 Nr. 697, fol. 1 r-v, Abb.: Krohn 2009, S. 18 f.; die Quellenbelege zur Geschichte von Kloster bzw. Stift Lahr finden sich in Parlow 1989, Zeittafel S. 224 ff.
  • 6 Widmann 2009, S. 33 5-342.
  • 7 ADBR G 5697 (5), Ed.: Schoepflin II, Nr. 761 S. 41 f.
  • 8 GLA 117 Nr. 476, fol. 3 r, Nr. 1; fol. 5 r, Nr. 10 f.; fol. 5 v, Nr. 16 f.; fol. 6 r, Nr. 24.
  • 9 Parlow 1989, Zeittafel S. 237, 24 3-245, 249, 25 4-258, 26 1-266, 271.
  • 10 Parlow 1989, Zeittafel S. 237.
  • 11 Parlow 1989, Zeittafel S. 250.
  • 12 Parlow 1989, Zeittafel S. 230, 242, 245, 249, 252, 257, 264.
  • 13 Genannt in einer Urkunde seines Bruders vom 2. Juni 1394, Ed.: Reinhard 1766, Nr. XLIII S. 97.
  • 14 Walther von Geroldseck † 31. Juli 1349, begraben im Chor der Kirche: GLA 211 Nr. 683, Fragmente von 1737, fol. 7 r, 9 r (mit verderbter Namenslesung LONERUS; s. Stein 1827, S. 121). Herr Heinrich von Geroldseck, »Fundator« des Klosters, ebenda begraben laut einer Dotation von 1420: GLA 211 Nr. 531, Extract von 1655, S. 5, 34.
  • 15 Ed.: Schoepflin II, Nr. 1400 f. S. 41 6-419; GLA 67 Nr. 705, fol. 104 v-111 v; GLA 117 Nr. 476, fol. 21 r, Nr. 1.
  • 16 Die gegenteilige Vermutung in SKHB, S. 359 beruht auf einem Missverständnis von GLA 211 Nr. 586, fol. 19 v.
  • 17 GLA 27 Nr. 837.
  • 18 GLA 211 Nr. 531, S. 12, zum Jahr 1580; GLA 117 Nr. 664, S. 15 f. Acta Visitationis in der Herrschaft Lahr 1673.
  • 19 GLA 117 Nr. 476
Objekttyp: Konvent
Personenbezüge:
  • Ulrich Parlow [Autor]
  • Britta Hedtke [Autor]
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