Villingen, Kapuziner 

Kurzbeschreibung:

1655 Gründung – 1664 Weihe der Klosterkirche – 1806 Aufhebung

Patrozinium: Wendelin
Ordensgliederung: Schweizer Provinz, Kustodie Konstanz; 1668 Vorderösterreichische Provinz, Kustodie Konstanz
Kirchliche Zugehörigkeit: Bistum Konstanz, Landkapitel Villingen

Ortsbezüge:
  • Villingen
  • Villingen, Villingen-Schwenningen, Schwarzwald-Baar-Kreis
Ordensregel:
  • Kapuziner 1655-1806
Beschreibung:

Name: monasterium Villanganum (1747)1

Geschichte

Obwohl sich in Villingen bereits mehrere Ordensgemeinschaften als Seelsorger betätigten, erwachte im Gefolge des Dreißigjährigen Krieges im Magistrat der Wunsch, das religiöse Profil der unter österreichischer Landeshoheit stehenden Stadt um eine Kapuzinerniederlassung zu bereichern. Eine katalysatorische Rolle sollen dabei die Predigterfolge gespielt haben, welche Pater Hippolyt von Freiburg 1653 in Villingen erzielen konnte. Die vom Magistrat noch im selben Jahr ausgesprochene Einladung zu einer Klostergründung wurde vom Provinzkapitel der Schweizer Kapuziner bereitwillig aufgegriffen. Als Baugrund stellte die Stadt nach längerem Suchen einen Platz am Niederen Tor zur Verfügung, wo es als Zeichen der Inbesitznahme am 16. August 1654 zur Aufrichtung eines hölzernen Kreuzes kam. Die bischöfliche Erlaubnis zum Klosterbau traf erst im folgenden Jahr ein, da die in den Kapuzinern eine unliebsame Konkurrenz witternden Villinger →Franziskaner die Präsenz eines weiteren Bettelordens verhindern wollten. Nachdem am 15. August des Jahres 1655 (Mariae Himmelfahrt) die Grundsteinlegung (in honorem […] sanctorum Wendelini, Erhardi et Viti primi fundamentum et lapis anguloris huius monasterii […] fratrum Capucinorum posita sunt)2 durch einen Konventualen der Benediktinerabtei →St. Georgen vorgenommen worden war, sah es zunächst nach einem reibungslosen Fortgang der Bauarbeiten aus. Die vorläufig in der Siechenschaffnerei untergebrachten vier Ordensmänner mussten indes erleben, dass der Klosterbau ins Stocken geriet. Grund hierfür war die Finanzlage des durch den Dreißigjährigen Krieg geschädigten Gemeinwesens, die den Erwerb des dringend benötigten zusätzlichen Baugrundes nicht zuließ. Im Zuge dieser Schwierigkeiten wurden von den Franziskanern angefachte Stimmen aus der Bürgerschaft laut, welche das Projekt endgültig zu Fall bringen wollten. Der Magistrat blieb indes standhaft und ging durch den Zukauf weiteren Baugrundes in die Offensive. Das sechs Jahre brach liegende Vorhaben einer Klostergründung konnte 1662 mit neuem Schwung wieder aufgegriffen und ein Jahr später zum Abschluss gebracht werden. Am 29. Juni 1664 nahm Fürstbischof Franz Johann von Altensumerau und Prasberg (1645–1689) in Gegenwart einer großen Volksmenge die Weihe der Klosterkirche zu Ehren des Hl. Wendelin vor. Unter den geladenen Gästen ragte das Haus Fürstenberg heraus, das bei dem Villinger Projekt Geburtshilfe geleistet hatte. Dass diese Unterstützung mit einer klaren Zielstellung gewährt worden war, erschließt sich durch den Blick auf den späteren Wirkungskreis der Villinger Klosterfamilie. Deren seelsorgerliche Aktivität beschränkte sich nämlich keineswegs auf den städtischen Bereich, sondern zog verstärkt auf fürstenbergisches Gebiet, um dort Missionen durchzuführen und in der Betreuung der Gemeinden auszuhelfen. Auch der Benediktinerorden hatte sich für ein Kommen der Kapuziner stark gemacht. Demgemäß vertraute er den Ordensmännern die Seelsorge in den benachbarten Gemeinden Pfaffenweiler und Herzogenweiler an. In der ordenstypischen Rolle von Krankenpflegern und Feldpredigern konnten sich die Kapuziner auszeichnen, als Villingen im Verlauf des Spanischen Erbfolgekrieges zwei Mal (1703/1704) von französischen Heeren belagert wurde. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ließ ein immer stärker aufkommendes Staatskirchentum den Stern der Villinger Kapuziner sinken. Im Jahre 1785 dekretierte Kaiser Joseph II. (1765–1790) die Auflösung des Villinger Konventes, zu dem 1779 15 Patres, 1 Professe und 3 Laienbrüder gezählt hatten. Die Ausführung des kaiserlichen Erlasses wurde indes verzögert und schließlich ausgesetzt, was den Kapuzinern noch einmal ein über 20 Jahre dauerndes Schlusskapitel bescherte. Der Anfall der Stadt Villingen an das Haus Baden im Jahre 1806 läutete das Ende für den personell bereits hart getroffenen Konvent ein.

Bau- und Kunstgeschichte

Das an der an der Niederen Straße 88 gelegene ehemalige Kapuzinerkloster wurde 1987/88 grundlegend umgestaltet und dabei von der Denkmalpflege archäologisch und bauhistorisch untersucht. Dabei wurden nicht nur Befunde des Klosters, sondern auch eine vielschichtige, bis in das 12. Jahrhundert zurückreichende Vorbebauung dokumentiert.3 Zu Beginn des 16. Jahrhunderts gelangte das Anwesen in den Besitz der Stiftung des Gutleuthauses, die hier die so genannte Siechenschaffnei errichtete.

Seit November 1655 diente diese den ersten vier Kapuzinern in der Stadt als Bleibe. Nach Erwerb und Abbruch der Liegenschaften und dreier angrenzender Hofstätten wurde 1662/63 das Kapuzinerkloster erbaut. Als Baumaterial verwendete man teilweise das Abbruchmaterial der gotischen St. Konradskirche des wüst gefallenen Dorfes Vockenhausen.

Das Kloster ist nach den Regeln des Ordens errichtet.4 Die Kirche gliedert sich in das 18 × 10 m messende Kirchenschiff, an das sich von einem Chorbogen überspannt der 16 × 8 m lange Chorraum anschließt. Dieser ist in Altarraum und Psallierchor geschieden. Südlich des Chores lag die 15 m lange und etwa 4 m breite, mit einem Steinplattenboden ausgestattete Sakristei. In ihrem Obergeschoss war die Krankenstation untergebracht. Von dort ermöglichten schräg in die Zwischenwand eingebrachte Sichtschlitze zum Hauptaltar die Teilnahme kranker Brüder am Gottesdienst. Vor dem Altar fand sich das Grab von Franz Karl zu Fürstenberg als einzige Bestattung in der Kirche.5 Das Beinhaus lag vermutlich östlich des Chors, ist aber heute überbaut. Im Süden schlossen sich die auf einer Fläche von 18 × 25 m um einen quadratischen Innenhof gruppierten, zweigeschossigen Konventsbauten an.

Nach der Säkularisation 1806 dienten die Klostergebäude 1814 als Militärhospital, 1820 wurden sie an ein Konsortium von sechs Villinger Bürgern veräußert, die große Teile der Anlage abbrachen, andere zu einer Brauerei umbauten. Die Kirche mit dem Dachstuhl des 17. Jahrhunderts und der südlich anschließende Krankentrakt sind jedoch bis heute erhalten. Der Volutengiebel zur Niederen Straße stammt von einem Umbau zu einem dreigeschossigen Wohnhaus 1907.

Bibliographie

Quellen: Romuald von Stockach 1747, S. 226–232.

Handbücher und Lexika: KDM Bd. 2, S. 136 (Franz Xaver Kraus); kloester-bw, Kapuzinerkloster Villingen (Matthias Ilg).

Literatur: Roder 1903; Revellio 1964; Mayer 1975-1977; Frank 1976; Schmid 1980; Huger 1988/89; Jenisch 1987; 1989; 1995; Jenisch/Weber 1998; Jenisch 1999.

Anmerkungen

  • 1 Romuald von Stockach 1747, S. 22 6-232.
  • 2 StadtA VS DD 78.
  • 3 Jenisch 1987; 1989.
  • 4 Frank 1976.
  • 5 Jenisch 1995
Objekttyp: Konvent
Personenbezüge:
  • Matthias Ilg [Autor]
  • Bertram Jenisch [Autor]
Suche
Durchschnitt (0 Stimmen)