Reichenau, Kanonikerstift St. Pelagius 

Kurzbeschreibung:

1242 Weihe der Pelagiuskirche – Ende 15. Jahrhundert Aufhebung – 1838 Abbruch der Kirche

Patrozinium: Pelagius, Erasmus und Heraclius (?)
Kirchliche Zugehörigkeit: Bistum Konstanz, Landkapitel Reichenau

Ortsbezüge:
Ordensregel:
  • Kanonikerstift St. Pelagius 1209-1500
Beschreibung:

Name: capella sancti Pelagii martiris (1209);1 ecclesia sancti Pelagii in Augia (1210)2

Geschichte

Bereits unter Abt Hatto III. (888–913) ist die Pelagiuskapelle auf der Reichenau fassbar, unter Abt Witigowo (985– 997) wurde das Pelagius-Oratorium um 995 umfassend renoviert. Die Kapelle ist demnach wesentlich älter als das institutionelle Stift St. Pelagius. Als solches ist St. Pelagius vom 13. bis zum 15. Jahrhundert anzusprechen. Abt Frideloh von Heidegg (1139–1159) forcierte Bemühungen, die Bedeutung der Kapelle St. Pelagius zu heben; noch stärker aufgewertet wurde die Kapelle zu Beginn des 13. Jahrhunderts durch die Einrichtung von mehreren Kanonikaten: Am 4. Juli 1209 bestätigte Abt Heinrich von Spaichingen die Stiftung zweier Kanonikate bei St. Pelagius durch den Konstanzer Domherrn und Leutpriester bei →St. Georg in Oberzell, Werner.3 Dotierung der Pfründe, Einsetzung und rechtliche Stellung der beiden Kanoniker sind genau geregelt, besonders bei der Totenliturgie für verstorbene Mönche treten die beiden Kanoniker hervor. Als zeitweiliger Kaplan König Ottos IV. (1198–1218) erhielt der Stifter Werner sogar eine königliche Bestätigung.4 Das dritte Kanonikat für St. Pelagius wurde am 14. März 1210 von dem Scholaren Gerung errichtet, aus seinem der Kirche St. Pelagius gestifteten väterlichen Erbe. Auf dieses Kanonikat wurde Gerung selbst vom Abt berufen. Auch hier teilt die bestätigende Urkunde Abt Heinrichs Einzelheiten der Stiftung mit.5 Gerung bedingt sich Sondervereinbarungen aus: er durfte zu keiner strengen Regelauslegung gezwungen werden (ut quamdiu vixerit subnullam districtionem alicuius discipline cogatur) und er durfte einen Stellvertreter für seine liturgischen Verpflichtungen bestimmen.

Die weitere Entwicklung des Stifts ist nur spärlich dokumentiert. 1242 ist von einer Neuweihe der ecclesia sancti Pelagii martiris die Rede, als Kirchweihtag wird das Fest Philippi et Jacobi bestimmt (1. Mai).6 Zur →Abtei Reichenau bestanden enge Verbindungen. Mehrfach waren Dignitäre des Klosters Pröpste von St. Pelagius.7 1392 stellte der Kanoniker Walther Raster die Einkünfte der ecclesia sancti Pelagii Augie maioris zusammen, aus denen Präbenden für vier Kanoniker zu erschließen sind.8 Gallus Öhems Bewertung über Ausmaß und Größe des Stifts dürfte nicht unbedingt die realen Zustände wiedergeben, denn seine Beschreibung der Stiftskirche St. Pelagius, sy hatt gehept ainen brobst und sechs korheren, dero ettlich so gewesen syen her Ulrich Schenk, jetz brobst zu Schinen, erkent hat9 lässt sich in den Quellen nicht in dieser Absolutheit bestätigen. 1477 ist nur noch eine Präbende aufgeführt, bald danach existierte das Stift wohl nicht mehr.

Die Pelagiuskirche gehörte zum Baukomplex der Reichenauer Abtspfalz. Sie stand im Nordwesten der Abteikirche St. Maria und Markus am Zugangsweg zum Kloster. Die archäologisch erfasste frühmittelalterliche Pfalz lag nördlich von ihr. Bei ihrem Neubau 1312 unter Abt Diethelm wurde die Kirche in die Südostecke des neuen Areals integriert. Um 1430 wurde neben ihr das Eingangstor zum Klosterbezirk angeordnet, im 17. Jahrhundert gegenüber die neue Klosterbibliothek erbaut. Die Pelagiuskirche wurde 1803 noch liturgisch genutzt,10 1838 aber tiefgründig abgebrochen; Ausgrabungen 1974/75 und 1978 haben nur geringe, nicht datierbare Fundamentreste erfasst. Auf dem Jubiläumsbild von 1624 ist eine Ansicht von Nordosten sichtbar; der Gemarkungsplan von 170711 überliefert ihren Grundriss, eine Südostansicht und wiederum einen Blick von Nordosten; 1820 ist die Kirche noch im Plan der Pfalz enthalten.12

Seit dem 17. Jahrhundert gesichert ist die Baugestalt einer kleinen, rechteckigen Saalkirche, dargestellt mit je drei hochliegenden Fenstern auf den Langseiten und einem im Ostgiebel; das Satteldach wurde von einem großen Dachreiter bekrönt. Ein Südportal führte vom Vorplatz des Klosters in den Westteil der Kirche. Vermutlich gab es im Pfalzbezirk einen zweiten Eingang von Norden her. Zur liturgischen Ausstattung ist nichts bekannt. Archäologisch nachgewiesen ist ein Friedhof westlich der Kirche, unter dem späteren Klostervorplatz.

Die Baugestalt der schon um 1500 als »alt« bezeichneten13 Saalkirche spricht für eine Identifikation mit der Ende 10. Jahrhundert unter Abt Witigowo 995/996 vergrößert neugebaute Pelagiuskirche neben der zeitgleich erweiterten, älteren Abtspfalz.14 Umbauten nach Einrichtung der Kanonikate im frühen 13. Jahrhundert sind nicht erkennbar, ebenso wenig hochgotische Bauformen, wie sie die Weihenachricht zu 1242 erwarten ließe.

Eine 1210 genannte Chorherren-Kurie stand neben dem Brunnen der Pfalz. Insoweit sich die Pfründen im Besitz von Mönchen der Abtei befanden, waren eigene Kurien nicht erforderlich.

Bibliographie

Handbücher und Lexika: KB Konstanz Bd. 3, S. 660 (Anneliese Müller); KDM Bd. 1, S. 328 (Franz Xaver Kraus); kloester-bw, Stift St. Pelagius Reichenau/Mittelzell (Erwin Frauenknecht); SKHB, S. 526–529 (Erwin Frauenknecht).

Literatur: Beyerle/Manser 1925, S. 153, 387, 402; Erdmann 1979, S. 191 ff., 195; Oexle/Zettler 1982, S. 271; Zettler 1988, S. 305, 308–310, 316; Maurer 2003; Zettler 2005.

Anmerkungen

  • 1 GLA 5 Nr. 13778.
  • 2 GLA 5 Nr. 13779.
  • 3 GLA 5 Nr. 13778. Chronik Gallus Öhem 1893, S. 33 f. 1
  • 4 GLA D 8. Purchard, Carmen de gestis Witigowonis abbatis, BLB Cod. Aug. perg. 205, S. 152
  • 5 GLA 5 Nr. 13779.
  • 6 GLA 5 Nr. 13859.
  • 7 Beyerle/Manser 1925, S. 402.
  • 8 GLA Rödel-Selekt Nr. 42.
  • 9 Chronik Gallus Öhem 1893, S. 34.
  • 10 BLB Cod. Karlsruhe 173, S. 39, 103.
  • 11 GLA H Reichenau 1.
  • 12 GLA G Mittelzell 19. 1
Objekttyp: Konvent
Personenbezüge:
  • Erwin Frauenknecht [Autor]
  • Matthias Untermann [Autor]
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