Radolfzell, Kapuziner 

Kurzbeschreibung:

1622 Gründung – 1627 Weihe der Klosterkirche – 1632 Zerstörung – 1660 Neuweihe – 1806 Teilaufhebung – 1826 endgültige Aufhebung und Teilabbruch

Patrozinium: Georg
Ordensgliederung: Schweizer Provinz, Kustodie Konstanz; 1668 Vorderösterreichische Provinz, Kustodie Konstanz
Kirchliche Zugehörigkeit: Bistum Konstanz, Landkapitel Reichenau

Ortsbezüge:
Ordensregel:
  • Kapuziner 1622-1826
Beschreibung:

Name: herren vätteren Capucineren (1694);1 conventus Capucinorum in civitate Cellensis (1725)2

Geschichte

Außer dem →Kollegiatstift und einer →Schwesternsammlung gab es im Mittelalter kein Kloster in Radolfzell. Umso mehr bemühte sich die Stadt im konfessionellen Zeitalter um die Ansiedlung von Kapuzinern. Andere Gemeinden strebten ebenso danach und es bedurfte des ganzen Einsatzes der Stadt, dafür eine Genehmigung der vorderösterreichischen Regierung zu erlangen. Am 25. Februar 1625 erfolgte die Grundsteinlegung des Klosters und am 3. Oktober 1627 weihte der Konstanzer Bischof Sixtus Werner Vogt von Altensumerau und Prasberg (1626– 1627) den Hochaltar.3 Bauleiter und erster Oberer des Klosters war Pater Appollinaris, ein Bruder des Hl. Fidelis von Sigmaringen. Nur wenige Jahre später wurde das Kloster 1632 im Dreißigjährigen Krieg von den schwedisch-württembergischen Eroberern weitgehend zerstört. Man ließ von Chor und Kirche das Dach abtragen und sie zu Schanzen umbauen. Die Kapuziner fanden in dem von Schönau’schen Haus in der Altstadt Zuflucht. Erst zehn Jahre nach dem Krieg gelang es, die Anlage wiederherzustellen. Die feierliche Weihe der Kirche4 erfolgte am 26. September 1660 durch Bischof Franz Johann von Altensumerau und Prasberg (1645–1689).5

Die volksnahe Spiritualität und nicht zuletzt ihr selbstloser Einsatz während der Pestzeit brachten den Kapuzinern große Anerkennung. 1781 verfügte Kaiser Joseph II. (1765–1790) ein Aufnahmeverbot von Novizen. Mit der Abtrennung einer eigenen Schwäbischen Provinz wurden alle Kontakte mit nicht-österreichischen Klöstern wie →Engen und →Überlingen unterbrochen.6 Die Aufhebung 1785 verschob man, doch bedrohte das Verbot des Almosensammelns 1788 das Kloster nun auch noch wirtschaftlich.

Erwähnung finden sollte Pater Wunibald von Zusmanszell, der 1755 das Stadtarchiv Radolfzell und einige Klosterbibliotheken neu ordnete. Der berühmteste Kapuziner aus Radolfzell dürfte Pater Markus Jakob von Schönau sein, der zwei Mal die Leitung der Provinz übernahm (1674–76 und 1680–82) und Bruder des Basler Bischofs Johann Franz von Schönau (1651–1654) war.

Infolge des Preßburger Friedens kam Radolfzell 1806 an das Haus Württemberg und nur die Pensionspflicht des Königs für die Mönche sicherte ihnen den Verbleib im Kloster. Am 5. August 1806 requirierte Regierungskommissar Carl Dizinger den Besitz der Gemeinschaft, ein Großteil davon wurde einen Tag später versteigert.7 Die Radolfzeller Bevölkerung leistete Widerstand und auch der Generalvikar von Konstanz, Ignaz von Wessenberg, setzte sich für die Kapuziner ein.8 Am trostlosen Zustand änderte sich bei der Übergabe der Stadt 1810 an das Großherzogtum Baden nichts. Immerhin lebten 1821 noch drei Patres, zwei Brüder und ein Eremit vor Ort. Mit dem Tod des letzten Guardians, Pater Rudolph Schump, wurde das Kloster am 25. April 1826 aufgehoben. Da man den Widerstand der Bevölkerung befürchtete, erfolgte am 9. Mai 1826 heimlich die Profanierung der Kirche durch den Stadtpfarrer und die Exhumierung von 35 Kapuzinern. Die mehrere hundert Bände umfassende Bibliothek verkaufte man als Altpapier.9 Das Kloster gelangte bei der Versteigerung 1827 an Bürgermeister Joseph Anton Spachholz. Dieser ließ fast alle Gebäude abbrechen und das Langhaus der Kirche zu einem Wohnhaus umbauen. 1838 wurde daraus die Wirtschaft »Zum Kloster«. 1897 kaufte Joseph Mayer das Anwesen und betrieb darin ein Weinhandel-Unternehmen. Nach dessen Auslagerung erwarb die Stadt 1987 das Areal.

Bau- und Kunstgeschichte

Das zu einem Wohnhaus umgebaute Langhaus der Kapuzinerkirche und Teile der einstigen Umfassungsmauern sind die erhaltenen baulichen Reste des Klosters von 1625–27. Die Anlage wurde außerhalb der Stadtmauern vor dem Obertor errichtet und reichte bis zum Bodensee. Von der Landstraße nach Konstanz führte eine Freitreppe zur tiefer gelegenen Kirche und zur Klosterpforte. Die Baukosten von rund 11.000 Gulden teilten sich Stadt und Wohltäter. Nach der kriegsbedingten Zerstörung 1632 kam es zum Wiederaufbau 1659–60 im Bestand.10 Mit der Säkularisation 1826 wurden der Chor sowie die Konvents- und Ökonomiebauten abgerissen und die Klosterkirche zum Wohn- und Gasthaus umgebaut.

Auf einem detaillierten Stadtplan von 1706 im Kriegsarchiv Wien präsentiert sich das ca. 92 × 60 m große Areal. An das Langhaus schlossen sich entsprechend dem Bauschema der Kapuziner der Altarraum und der Psallierchor an. Der Hochaltar war dem heiligen Georg sowie Maria und Josef geweiht. An der Nordseite errichtete man 1711 durch Baumeister Johann Dobler eine Totenkapelle der Herren von Hornstein mit einer darunter liegenden Gruft. Südlich der Kirche folgte ein schmaler Kreuzgang mit offenem Innenhof und den Konventsgebäuden, während sich östlich die Ökonomiebauten erstreckten.

Ein Bestandsplan – fehlerhaft hinsichtlich der Ausdehnung des Langhauses – von Landesbaumeister Thierry 1814 verrät auch die Nutzung der Obergeschosse:11 zum Stadtgraben die beheizbaren Gastkammern und des Guardians, nach Süden ausgerichtet mehr als ein Dutzend Klosterzellen für die Mönche. Die Latrinen sowie beheizbare Krankenzimmer lagen an der Südostseite. Rund die Hälfte des Areals nahm der formale Garten ein. Dieser war in einen Kräuter- und Gemüsegarten mit Rautenmuster und zentralem Kreis sowie in einen Obstbaum- und Ziergarten zum See hin unterteilt.

Von der Ausstattung ist fast nichts erhalten. Wertvolle Bücher wie eine Bibel von 1564 sowie drei Kelche und eine Monstranz gelangten nach Stuttgart. Eine Schranktür mit aufgemalten Buchrücken und Titeln einer typischen Klosterbibliothek des 18. Jahrhunderts bzw. auf der Schauseite mit einer Schutzengel-Darstellung (Raphael mit Tobias) findet sich im Stadtmuseum Radolfzell (Abb. 4). Das Konventsiegel zierte der Hl. Georg als Drachentöter, vielleicht eine Hommage an die den Kapuzinern verbundene Reichsritterschaft im Hegau, die den Hl. Georg als Patron verehrte.12 

Bibliographie

Quellen: Romuald von Stockach 1747, S. 86 f.

Handbücher und Lexika: kloester-bw, Kapuzinerkloster Radolfzell (Franz Hofmann).

Literatur: Walchner 1825; Albert 1896; Zirler 1929; Stadler 2001.

Anmerkungen

  • 1 GLA 219 Nr. 243.
  • 2 Archiv der Generalkurie der Kapuziner in Rom, AD 12 »Provincia Austria Anterior 1725 «.
  • 3 Albert 1896, S. 409 ff.; Zirler 1929, Nr. 21 ff.
  • 4 Ratsprotokoll Stadt Radolfzell (7. 9. 1660).
  • 5 Romuald von Stockach 1747, S. 86 f.
  • 6 Baur 1886, S. 169 f.
  • 7 Dizinger 1833, S. 153 f.
  • 8 Zell 1866, S. 45 1-458. Generalvicar Freiherr von Wessenberg verwendet sich für die Erhaltung von Kapuziner-Klöstern. Dabei auch Briefwechsel u. a. mit dem Radolfzeller Pfarrer Franz Carl Rorschach und dem Guardian Rudolf.
  • 9 GLA 391 Nr. 30880; Bezirksamt Radolfzell, Anzeigeblätter des Seekreises 38/1826.
  • 10 GLA 219 Nr. 262 »Reparierung der den P. P. Capucinis zugehörige Behausung«, 1655.
  • 11 GLA 56 Nr. 776, Beschrieb der landesherrlichen Gebäude in Baden von 1817.
  • 12 Romuald von Stockach 1747, S. 86 f
Objekttyp: Konvent
Personenbezüge:
  • Christof Stadler [Autor]
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