Radolfzell, Kollegiatstift St. Zeno und Unserer Lieben Frau
| Kurzbeschreibung: | 826 Ersterwähnung – 11. Jh. (Wieder-?) Gründung – 1594 Reduzierung der sieben Chorherrenpfründen auf vier – 1807 Aufhebung Patrozinium: Zeno, Unsere Liebe FrauKirchliche Zugehörigkeit: Bistum Konstanz, Landkapitel Reichenau |
|---|---|
| Ortsbezüge: |
|
| Ordensregel: |
|
| Beschreibung: | Name: nominisque sui vocabulum eidem cellulae imponere – vocans eam Ratoltescella (um 930);1 custos, senior totumque capitulum collegiatae ecclesiae Ratholdi Cellensis (1617)2 GeschichteHistorische EntwicklungDer Name der Stadt Radolfzell verrät noch ihren geistlichen Ursprung: Die Cella Ratoldi, 826 von dem in der Reichenauer Klosterschule erzogenen alemannischen Geistlichen und späteren Bischof von Verona Ratold gegründet, wurde neben dem Reichenauer Kelhof zur Keimzelle der heutigen Stadt. Ratold überbrachte 830 dem Kloster →Reichenau die berühmten Markus-Reliquien und für seine eigene Cella die Gebeine der Hll. Theopont und Senesius sowie wohl die des Hl. Zeno von Verona, dessen Kloster er nach einer Zerstörung neu aufbauen ließ. Im Reichenauer Bericht über die Wundertaten des heiligen Markus (um 930) findet sich der Gründungsvorgang: »Es war eine […] schöne Stelle, vom Kloster zwei Meilen entfernt, jenseits des Sees […] mit Fischerhütten besetzt […]. Diesen Platz begann Ratold herrichten zu lassen, mit Häusern sowie einer Kirche zur Ehre Gottes zu bebauen und diese Zellenanlage mit seinem Namen (Ratoltescella) zu benennen, wie es bis heute der Fall ist.«3 Die Verbindung der Zelle Ratolds mit dem Kloster Reichenau blieb das ganze weitere Mittelalter präsent, noch auf der Weltkarte des Klosters Ebstorf bei Lüneburg um 1300 wird Radolfzell neben →Ober-, →Mittel- und →Niederzell als vierte Zelle benannt. Alle vier Zellen wurden als »Einheit« gesehen. Auf der Synode zu Aachen 816 wurde Äbten der Besitz von Zellen mit mindestens sechs Mönchen oder Kanonikern erlaubt, was die rechtliche Grundlage des Verhältnisses der Reichenau zu Radolfzell gewesen sein könnte. Wenn um 930 die Siedlung noch immer Ratolds Namen trägt, dann lassen sich zwei Schlüsse daraus ziehen: Es kam zu keinem Namenswechsel wie bei der Egino-Thengemar-Zelle (Niederzell/Reichenau), bzw. die Memoria an ihn war so stark, dass kein Namenswechsel erfolgte. Ob und wie sich die Gemeinschaft weiterentwickelte, bleibt offen, eine Kontinuität ist nicht auszuschließen. Die erste gesicherte Nachricht für ein Kollegiatstift finden wir in der kopial überlieferten Marktrechtsurkunde aus dem Jahr 1100, in der neben Abt Ulrich II. von der Reichenau (1088–1122) ein Leutpriester Adilhelm sowie Gerung und andere »dort Gott dienende Kanoniker« aufgeführt werden.4 Die Gründung des Stiftes wurde in der älteren Forschung auch mit der Übertragung von Zeno-Reliquien aus Verona 1052 nach dem damals reichenauischen Ulm verbunden, unter Abt Ekkehard II. (1071–1088) sei es dann zur Translation des Hauptes nach Radolfzell gekommen, was mit einer deutlich jüngeren Randnotiz im Radolfzeller Anniversar (14.–16. Jh.) begründet wurde.5 Es erscheint jedoch wahrscheinlicher, dass es Ratold als Bischof von Verona war, der Reliquien des berühmten Heiligen mit in seine Zelle gebracht hatte. So ist zu vermuten, dass es im 11. Jahrhundert, ähnlich wie bei der benachbarten Egino-Zelle auf der Reichenau, zu einer Erweiterung zu einem Stift kam, bei der Zeno als Patron aufgewertet wurde. Abt Albrecht (1259–1294) entschied 1296 in einem Streit zwischen den Chorherren mit und ohne Priesterweihe über die Verteilung der »Almosen«,6 der Seelenheil- und Jahrtagstiftungen und anderer consolationes dahin, dass letztere sich mit den Einkünften der Kirche in Böhringen, Hattingen, Reute und Überlingen (am Ried) begnügen sollen. Um dem damals um sich greifenden »Pfründensammeln« Einhalt zu gebieten, verfügte Bischof Heinrich II. von Konstanz (1293–1306) 1299 als Gubernator des Klosters Reichenau zusammen mit Dekan Johannes, Propst Ulrich und dem ganzen Konvent, dass ortsabwesende und nicht tätige Chorherren des Stifts ihre Pfründe verlieren sollten. Die Residenzpflicht wurde durch den Reichenauer Abt Eberhard von Brandis 1342 erneuert. Er stellte fest, dass die Einkünfte mager seien, so dass keiner der ansässigen Chorherren einen angemessenen Unterhalt erhalte. Deshalb sollte die bisherige Praxis, dass Abwesende nichts erhalten, sondern die Erträge auf die anderen Anwesenden verteilt würden, festgeschrieben werden. Bis zur Inkorporation der Abtei Reichenau 1540 in das Hochstift Konstanz waren die Äbte zugleich Pröpste des Stifts Radolfzell und nahmen, wie die erhaltenen Urkunden des 14. Jahrhunderts belegen, ihre Patronats- und Jurisdiktionsrechte wahr. Noch im 14. Jahrhundert waren sie bemüht, den Fortbestand des Stifts zu sichern, beispielsweise durch Abt Eberhard von Brandis, der 1361 das sogenannte »Klosterlehen« dem Tisch der Chorherren einverleibte. Im Zuge des Konstanzer Bistumsstreits zwischen Otto von Sonnenberg (1474/80–1491), der von der Mehrheit des Domkapitels und Kaiser Friedrich III. (1440–1493) unterstützt wurde, und Ludwig von Freiberg, den Erzherzog Sigismund und Papst Sixtus IV. (1471–1484) förderten, wich letzterer 1474 nach Radolfzell aus und versuchte von dort seine Ansprüche auf den Konstanzer Bischofsstuhl durchzusetzen. Statuten des Kollegiatstiftes sind von 1482 und 1692 erhalten.7 1692 bestand die Gemeinschaft aus dem Pfarrer und Kustos Dr. theol. Michael Waibl sowie drei weiteren Chorherren. Demnach amtete der Pfarrer, der rector ecclesiae, zugleich als verantwortlicher Leiter der Stiftskirche, des Kapitels, des Chors und als Kustos. Der Kustos wurde durch das Kapitel gewählt und sollte »die Gabe, Frieden zu erhalten und zu stiften«8 besitzen, lediglich bei einer Absetzung musste der Abt bzw. der Bischof zustimmen. Durch die seelsorgerlichen Pflichten des Kustos und Pfarrherrn wurde diesem seit 1482 ein Unterkustos beigesellt, der sich um die heiligen Geräte und den Zierrat der Stiftskirche zu kümmern hatte. Die Statuten berufen sich auf Vorgängerregelungen (Hinweise auf 1299/1429) und geben einen Einblick in den liturgischen und weltlichen Alltag der Chorherren. Diese durften sich vier Wochen aus Radolfzell entfernen, auf Wallfahrten gehen oder warme Quellen aufsuchen. Dazu kam eine Absicherung bei Krankheit und im Alter. Verboten blieb unter anderem der Besuch von Turnieren sowie von weltlichen Festen. Die Hauptaufgabe bestand im Chorgebet und Gesang, dem Feiern der heiligen Messen und Jahrtage. Abgesehen vom Leutpriester waren die übrigen Chorherren vom Spenden der Sakramente ausgenommen, sehr zum Leidwesen des Pfarrherrn. Jedem Chorherrn war ein eigenes Haus zugewiesen, das er in gutem baulichem Zustand halten musste. Das Stiftskapitel trat in der Regel alle 14 Tage zusammen, an denen geistliche und weltliche Dinge beraten wurden. Nach Abbruch der Marienkapelle 1436 im Bereich des heutigen Chors und entsprechend der zeitgenössischen Frömmigkeit wurde der Neubau des Münsters Unserer Lieben Frau gewidmet. Ähnlich scheint der Namenswechsel des Stifts hin zu Maria erfolgt zu sein. Dennoch blieb die Bezeichnung St. Zeno für das Stift noch gebräuchlich, wie das Antiphonar von 1558 bezeugt (Abb. 3). Das Stift wuchs durch Schenkungen und Erwerbungen, zum Beispiel 1472 durch Magister Theodoricus Vogt, Propst des St. Verena-Stiftes zu Zurzach und Chorherrn in Zürich, der mit seinem Bruder Junker Hans Vogt eine große Jahrzeitstiftung machte. Gegen Ende des Mittelalters gab es insgesamt neun Pfründen: 1) Frühmesspfründe (1373), 2) Kaplanei St. Rochus (1396/1400), 3) Ratskaplanei (1437/1446), 4) Homburgische Kaplanei, später von Bodman-Steißlingen (1432), 5) Kaplanei St. Elisabeth, Rebleute (1511/1516, 1535), 6) Kaplanei St. Walpurgis der Schuhmacher- und Gerber-Zunft (1478), 7) Vogt-Herbstheim Kaplanei (1420/1713), 8) Frühmesspfründe zu Böhringen (1426), 9) Spitalkaplanei (1386/1388). Eine Blütezeit erlebte das Stift während der Reformation und Gegenreformation, als sich neben den Chorherren von →St. Stephan in Konstanz auch das bischöfliche Gericht in Radolfzell von 1527 bis 1552 ansiedelte, und ab 1542 noch – nach einem Zerwürfnis in Überlingen – das Konstanzer →Domkapitel hinzukam.9 Zu den prominenten Glaubensflüchtlingen gehörte der kunstsinnige Abt David von Winkelsheim, der 1525 aus dem Kloster St. Georgen in Stein am Rhein mit seinen Mönchen nach Radolfzell floh. Das Kloster bestand in Radolfzell weiter und bezog von seinen Besitzungen in den katholisch gebliebenen Orten Zinsen. Die Beziehungen zwischen Stift und Kloster waren nicht einfach; Abt Martin versprach 1562 sich den Anordnungen des Stiftes zu fügen. Das sogenannte Radolfzeller Notenbuch,10 ein Antiphonar mit 70 Festen, viele davon mit Initialmalereien verziert, wurde für das Exilkloster 1558 von Frater Adamus Bollinger geschaffen. Am Fest des heiligen Zeno, dem 12. April, ist eindeutig vermerkt istius ecclesiae, wonach das Kloster in der Stiftskirche St. Zeno seine Liturgie feiert. Wie man sich mit dem Stift arrangierte, ob man beispielsweise gemeinsam die Tagzeiten feierte, ist nicht überliefert. Auch der Bebenhausener Konventuale Michael Stopper, der die Vogt-Kaplanei übernahm, investierte in die Ausstattung seiner Kaplanei und stiftete einen Jahrtag mit einer ansehnlichen Spende für die Armen. Während der Reformation schloss sich nur Kaplan Hans Hass dem neuen Glauben an, widerrief aber am 9. Mai 1523 vor dem geistlichen Gericht Reichenau seine Ansichten und wurde vom Abt begnadigt. 1594 wurde wegen der geringeren Einkünfte und Wirren der Zeit die Anzahl von sieben Chorherren im Priesterstand durch Kardinal Andreas von Österreich, Fürstbischof von Konstanz (1589–1600), auf vier reduziert. Das Münster besaß mindestens acht Nebenaltäre in den Seitenschiffen. Jeder der Kapläne musste sich um die Erträge und Einkünfte gewissenhaft kümmern, die aus Weinbergen, Wiesen, Häusern und anderen Liegenschaften erzielt wurden. Sofern sie über zwei Häuser verfügten, konnten sie eines vermieten. Zur allgemeinen Verwaltung konnte ein Chorherr oder ein Laie als »Gestiftspfleger« jährlich gewählt werden, auch die Anstellung eines Mesners lag beim Stiftskapitel. Nachdem die Einkünfte weiter zurückgingen, erließ 1740 Bischof Johann Franz von Stauffenberg (1704–1740) auf Bitten des Kapitels eine Karenzzeit von zwei Jahren beim Freiwerden einer Pfründe. Die Einkünfte dienten der Aufstockung des Stiftsvermögens und zur Erhaltung der Stiftskirche und Häuser. 1763 residierten Pfarrherr und Kustos Scheffold mit zwei Chorherren und vier Kaplänen am Münster. Mit dem Übergang an Württemberg 1806 endete die Geschichte des Chorherrenstifts. In einem Manual-Protokoll hielt Pfarrer Johann Baptist Keller, später der erste Bischof von Rottenburg, 1808 den Übergang fest. Im Auftrag der Regierung erließ demnach der königliche hochpreisliche katholische Geistliche Rat per Dekret vom 5. Dezember 1807 die Auflösung des Kollegiatstiftes Radolfzell. Die Bezeichnung Canonicat wurde verboten, der Chorgesang aufgehoben, die bisherigen Kanoniker wurden zu Kooperatoren, der Kustos als Stadtpfarrer anerkannt. Einen Vorteil bot dieser Wechsel, denn das Stiftsvermögen wurde somit nicht aufgelöst, der Chor als Stiftskirche war ohnehin Teil der Kirche. Umstritten war, ob die Abrechnung öffentlich zu erfolgen habe oder wie bisher intern gehandhabt werden konnte. Die Kaplaneien existierten zum Teil noch in badischer Zeit (nach 1810), bis sie überwiegend mit den Zehntablösungen in den folgenden Jahrzehnten des 19. Jahrhundert fusioniert bzw. aufgehoben wurden. Besitz und WirtschaftDer Besitz des Stiftes war aufgeteilt auf die einzelnen Kanonikate, die Kaplaneipfründen und das Stift als Korporation. Er bestand neben Kapitalien aus Häusern, Weinbergen und anderen Lehensgütern in Radolfzell und im Hegau. Der Grundbesitz war zerstreut und vergrößerte sich lediglich durch Zukäufe und Stiftungen, oft auch aus dem Besitz des zunehmend verarmten Klosters Reichenau herrührend. So wurde 1361 das sogenannte Klosterlehen in Radolfzell dem Stift durch Abt Eberhard von Reichenau inkorporiert. Zum Besitz des Chorherrenstifts gehörten u. a. Kelhöfe in Hattingen (vor 1296) und Überlingen am Ried (vor 1296, 1420). Am 27. April 1370 verbot Dekan Werner von Rosenegg zu Reichenau das Fortnehmen und das Entleihen kirchlichen Eigentums aus dem Chorherrenstift ohne Erlaubnis des Kustos bei Strafe der Exkommunikation und der Suspension. Zu den Einkünften gehörten auch die zumindest im Mittelalter nicht unwesentlichen Einkünfte aus den Jahrtags- und Seelgerätstiftungen, deren Verteilung 1299 zum Streit führte. Sofern die Zehntabgaben wie Getreide etc. nicht jeweils vor Ort gelagert wurden, verkaufte man sie und lagerte einen Teil in einem großen mittelalterlichen Gebäude inmitten des Stiftsbezirks. Von besonderer Bedeutung war das Fischereirecht vor der Stadt im Zellersee (westlicher Teil des Untersees), welches 1482 und 1525 erneuert wurde. Die ältesten erhaltenen Schriftstücke des Chorherrenstifts im Pfarrarchiv sind zwei Pergamentrollen aus dem 13. und 14. Jahrhundert mit den Zehnteinkünften für die Kirche.11 In eindrücklicher Weise werden in Kurzform die Stifter und mehrfach die Einkünfte mit ihren Orten wiedergegeben. Dies gewährt einen Blick auf die Zusammensetzung der damaligen Stadtgesellschaft und der näheren Umgebung. Religiöses und kulturelles WirkenIm Zentrum des Wirkens der Chorherren standen das Gebet und der Chorgesang sowie das Feiern der Jahrtage und Gedächtnisse. Noch 1803 gab es 29 Jahrtage mit entsprechenden Einkünften. Die ältesten Aufzeichnungen im Pfarrarchiv sind Lichterzehnten (um 1300) und das Anniversar mit zahlreichen Eintragungen zu den Jahrtagen, überwiegend aus dem 15.–17. Jahrhundert. Eine wohl im 13. Jahrhundert existierende Stiftsschule – 1291 ist ein magister Cunradus, scolasticus Cellensis erwähnt – wird wohl schon im 14. Jahrhundert zur Stadtschule übergegangen sein.12 Sofern die Chorherren und Kapläne auch die Kaplaneien betreuten, kümmerten sie sich um die jeweils angeschlossenen Bruderschaften bzw. Zünfte. Insbesondere die Vereinigung der Rebleute, der Schuhmacher und Gerber sowie der Cäcilien-Bruderschaft konnten sich einen eigenen Kaplan leisten. Zu besonderer Bedeutung erwuchs die Wallfahrt zu den Radolfzeller Hausherren, der heiligen Theopont und Senesius, die seit 1725 gemeinsam mit dem Patron des Chorherrenstifts St. Zeno als Stadtheilige verehrt werden. Im Mittelalter und besonders in der Barockzeit nahm ihre Verehrung zu, was sich in der Namengebung von Kindern und in der Anrufung der Patrone gegen die grassierenden Viehseuchen widerspiegelt. Ein Wallfahrtsbüchlein von 1745, verfasst von Pfarrer und Kustos Peter Philipp Fischer, verstärkte die Verehrung, es enthält auch ein 35 Strophen umfassendes Wallfahrtslied, in dem die Legende gedeutet wird. Aus über 30 Gemeinden der Region sind Mirakel notiert, so dass es nicht verwundert, wenn die Anzahl der Pilger zeitweise die Einwohnerzahl von Radolfzell überschritt. Alljährlicher Höhepunkt im Stadtleben ist bis heute das Hausherrenfest am dritten Sonntag im Juli mit dem sogenannten »Hausherren-Montag« und der Mooser Wasserprozession geblieben.13 Das Erbe des Stadtgründers und des Stiftes hat somit bis in die Gegenwart überlebt. Bibliothek und ArchivEine wohl bescheidene Bibliothek war vorhanden, doch ist über deren Verbleib nichts bekannt. Es ist anzunehmen, dass sie 1807 in die Pfarrbibliothek überging bzw. an die einzelnen Kooperatoren und Pfarrherrn verteilt wurde. Das Archiv des Kollegiatstiftes ist weitgehend verloren gegangen, zumindest die Akten sind nicht mehr erhalten. In der Nachfolge des Stifts birgt das Pfarrarchiv des Münsters einige Dutzend Urkunden, Kopialbücher und weitere schriftliche Zeugnisse aus der Geschichte der Chorherrenstifts. Dagegen sind weder im Stadtarchiv noch im Generallandesarchiv nennenswerte Bestände zum Stift erhalten. Ausnahmen bilden Dokumente, in denen beispielsweise die Stadt an Vorgängen mit dem Stift beteiligt war. Geringfügig sind noch Akten der Kaplaneien im Erzbischöflichen Archiv Freiburg und aus jüngerer Zeit im Stadtarchiv Radolfzell verblieben. Bau- und KunstgeschichteLageDas Stift lag im Zentrum des spätmittelalterlichen Stadtgebiets, im Bereich des heutigen Münsters und der anschließenden Kirchgasse/Seestraße. Der Stiftsbezirk mit den Stiftshäusern samt Kirche und Friedhof war von einer Umfassungsmauer umgeben. Mit der Errichtung der weiter südlich gelegenen Stadtmauer 1267 wurde die Stiftsmauer in einen Teil der erweiterten Stiftshäuser integriert.14 Die ältesten sichtbaren Mauern weisen die für diese Zeit typische Opus-spicatum-Technik auf. Zwischen der Kirche und den Chorherren- und Kaplaneihäusern fanden sich Ökonomie- und weitere Stiftsgebäude, alles zusammen bildete mit dem Friedhof und der Marienkapelle (1436 abgebrochen) ein eigenes, abgeschlossenes Ensemble. Mit dem wirtschaftlichen Niedergang wurden Häuser verkauft und der Bezirk aufgegeben. Auf der Nordseite des Marktplatzes errichtete man das barocke Pfarrhaus (Bagnato-Bau 1739) und zwei weitere Chorherrenhäuser. Stuckdecken im ersten Obergeschoss des Pfarrhauses mit dem früheren Kapitelsaal und im zweiten Obergeschoss in der Wohnung des Pfarrherrn und Kustos dokumentieren die frühere Nutzung als Sitz des Chorherrenstifts. KircheEin karolingerzeitliches Schrankenfragment, das 2017 gefunden wurde, könnte auf einen abgeschrankten Klerikerbereich in der frühmittelalterlichen Kirche hinweisen. Genauere Aussagen zu Baugestalt der Kirche und der Stiftsgebäude lassen sich bislang nicht treffen. Von den romanischen Vorgängerbauten des Münsters ist fast nichts erhalten. Der Grundstein für die heutige spätgotische Basilika mit Lettner wurde 1436 (i) gelegt, der Hochaltar des Stifts 1466 geweiht und das Langhaus 1480/90 bzw. 1515/16 (d) vollendet. Die Seitenschiffe wurden erst 1550/52 eingewölbt. Anlässlich der Barockisierung ab 1712 wurde der Lettner entfernt, das Mittelschiff mit einem stuckierten Gewölbe versehen und eine Orgel eingebaut. Die Ausstattung der sog. »Hausherrenkapelle«, im nördlichen Seitenschiff, erfolgte in barocken Formen durch Johann Kaspar Bagnato, Dominik Herberger und Franz Joseph Spiegler 1752/53. Um 1900 wurde die Kirche in neogotischen Formen umgestaltet. Materielle Kulturgeschichte, BauausstattungDas Tympanon über dem Eingang zur hailthumbskammer im rückwärtigen Hochaltar präsentiert als »Grabwächter« aus Sandstein die Hll. Theopont und Senesius. Ein wohl vom gleichen Steinmetz stammendes Sandsteinrelief mit den beiden Heiligen an der Außenwand des Höllturm von 1470 hatte apotropäische Wirkung und verstärkte die Verteidigungslinie mit der Stadtmauer um eine spirituelle Dimension. Zu den späteren Veränderungen zählen der Rosenkranzaltar (1632/40), der Hausherrenaltar (1752/53) und die barocke Stuckdecke im Langhaus (1710–12), der geschnitzte Hochaltar von 1897 (Eberle, Überlingen) über der spätgotischen Hailthumbskammer (Reliquien- und Schatzkammer). Zum Münsterschatz zählen drei Hausherrenreliquiare: Ein vielleicht noch im Kern karolingisches, mit spätgotischer vergoldeter Verkleidung verziertes Bursenreliquiar. Beeindruckend ist das Dreiturmreliquiar der Hll. Theopont und Senesius um 1320 als Abbild der Himmlischen Stadt mit Faltkuppeln. Neben den Stadtpatronen präsentieren sich seitlich ein Kanoniker mit Tonsur und wohl der Stifter mit einem Modell des Reliquiars. Der bei Prozessionen noch immer mitgeführte Hausherrenschrein wurde 1540 aus älteren Elementen mit neu gravierten Platten mit Szenen aus der Hausherrenlegende in der heutigen Form zusammengefügt. 1723 wurden barocke Bekrönungen hinzugefügt. Das Büsten-Reliquiar des heiligen Zeno aus dem 15. Jahrhundert mit einer verglasten Öffnung wurde im 19. Jahrhundert mit einer Mitra versehen. In den erhaltenen Kelchen, den Monstranzen und dem Verena-Reliquiar spiegelt sich das liturgische Wirken des Chorherrenstifts. Der älteste Kelch von 1495 wurde dem Stift von Erzherzog Sigismund von Österreich geschenkt, mit der Bitte um das Gebet für einen Erbfolger. Das heutige Chorgestühl stammt aus drei Bauphasen. Die ältesten Stallen mit kleinen Säulen stammen aus der Zeit um 1300, es folgten Umgestaltungen um 1400, 1470 sowie 1527, als Radolfzell Zufluchtsort für das Konstanzer Domkapitel wurde und die Sitzplätze nicht ausreichten. Als eine Besonderheit darf das Hochgrab mit den Überresten des Stadtgründers Ratold gelten. Der Sarkophag von 1538 zeigt obenauf eine Reliefplatte mit einer Abbildung des Gründers im spätromanischen Duktus. Ursprünglich stand das Grab an zentraler Stelle unter dem Lettner und wurde nach dessen Abbruch 1712 an die Seite zum Marienaltar versetzt. Daneben blieben Bronzegrabmäler des 16. Jahrhunderts erhalten, unter anderem für Abt David von Winkelsheim (im Exil aus Kloster St. Georgen in Stein am Rhein † 1526), für den Konstanzer Domkanoniker Eberhard von Landau († 1543) und Weihbischof Melchior Fattlin († 1548). BibliographieHandbücher und Lexika: Dehio, Baden-Württemberg Bd. 2, S. 542–544 (Friedrich Jacobs); KB Konstanz Bd. 4, S. 72–91 (Franz Götz); KDM Bd. 1, S. 312–321 (Franz Xaver Kraus); kloester-bw, Kollegiatstift Unserer Lieben Frau Radolfzell (Hendrik Weingarten); SKHB, S. 488–492 (Hendrik Weingarten). Literatur: Albert 1896; 1954; Götz 1967; Hlawitschka 1997/98; Berschin/Klüppel 1994; Stadler 2008; 2016; 2017; Griebel u. a. 2018. Anmerkungen
|
| Objekttyp: | Konvent |
| Personenbezüge: |
|
Literatur + Links
| Weiterführende Links: |
|---|














leobw