Weitenau, Benediktiner 

Kurzbeschreibung:

um 1100/08 Gründung als Zelle (Priorat) von St. Blasien – vor 1261 Umwandlung in eine Propstei – 1525 Plünderung im Bauernkrieg – 1560 Aufhebung

Patrozinium: Gangolf
Ordensgliederung: Propstei der Benediktinerabtei St. Blasien
Kirchliche Zugehörigkeit: Bistum Konstanz, Landkapitel Wiesental

Ortsbezüge:
Ordensregel:
  • Benediktiner 1100-1560
Beschreibung:

Name: cella […] Wintenowa (1140);1 cellam Witinowa cum ecclesiis suis Wiselat videlicet, Tenniberc (1157);2 fratrum sancti Blasii sanctique Gangolfi Witenowa (1168);3 ecclesia sive cella in Witenowe, que abbati et conventui monasterii sancti Blasii in Nigra Silva subest (1322);4 prepositi et conventus monasterii in Witnow, per prepositum soliti gubernari, ordinis sancti Benedicti Constanciensis dyocesis (1354/56);5 unnsern incorporierten gozheußlinen Berow unnd Weitnow (1548)6

Geschichte

Die Gründung der zu →St. Blasien gehörenden Zelle Weitenau ist erst in wesentlich späteren Quellen überliefert. Gemäß einer im Liber Constructionis von St. Blasien (15. Jahrhundert) überlieferten Notiz verzichteten die Brüder Arnold, Heinrich und Erkenbold von Wart (Gde. Neftenbach, Kt. Zürich) auf ihren Besitz an der Kirche von Weitenau mit allem Zubehör; später habe Abt Udo (1086–1108) dort ein Kloster errichtet.7 Der Liber Constructionis stellt den Verzicht in den Zusammenhang von Wiedergutmachungen, die Adlige nach der Entfremdung von Klostergut leisteten. Es könnte sich aber auch – ähnlich wie bei der Zelle →Bürgeln – um eine Schenkung mit dem Ziel einer Klostergründung gehandelt haben. So berichtet es der Sanblasianer Abt Kaspar Molitor (1541–1577) in seinem Liber Originum.8 Auch wenn dessen Nachrichten, Arnold von Wart sei als Konverse in St. Blasien eingetreten und sein Bruder Erkenbold in Weitenau begraben,9 fraglich sind, könnte die Tatsache, dass die Herren von Wart später als Vögte von Weitenau belegt sind, für eine Schenkung mit dem Ziel einer Klostergründung sprechen.

Aus der Zeit bis 1200 sind neben päpstlichen und bischöflichen Privilegien, die St. Blasien den Besitz der Zelle bestätigen,10 nur wenige Gütergeschäfte bekannt: Anlässlich der Verleihung eines Benefiziums an Weitenau ist 1168 das Gangolfspatrozinium bezeugt.11 Bei einem zwischen 1183 und 1186 beurkundeten Gütertausch ist erstmals ein Prior als Vorsteher der Zelle genannt.12 Bei beiden Gütertransaktionen waren Mitglieder der Familie von Wart anwesend: 1168 ein Arnold von Wart, 1183–86 wird dessen Sohn Heinrich ausdrücklich als Vogt von Weitenau bezeichnet.13 Danach werden die Herren von Wart nicht mehr als Weitenauer Vögte erwähnt. Möglicherweise ging die Vogtei von diesen im 13. Jahrhundert an die Herren von Rotenberg und Rötteln über.14 Dafür spricht, dass die Rotenberger 1298 Güter in Orten an St. Blasien schenkten, in denen auch Weitenau begütert war,15 und dass Lütold von Rötteln 1311 Einkünfte an der Vogtei Weitenau vergab.16 1344 sind dann die Markgrafen von Hachberg-Sausenberg als Vögte belegt, mit denen die Propstei über verschiedene Rechte fast 200 Jahre im Streit lag, bis es 1548 zu einem Vergleich vor dem Rottweiler Hofgericht kam.17

Mit Blick auf die innere Organisation scheint Weitenau später als die anderen Sanblasianer Zellen zur Propstei umgewandelt worden zu sein. Noch 1246 ist ein Prior bezeugt, 1261 dann erstmals ein Propst.18 Neben dem Propst und dem fortan für die geistliche Leitung zuständigen Prior dürften nur ein bis zwei Mönche im Kloster gelebt haben.19 Die finanzielle Lage des Konvents war für eine Zelle vergleichsweise gut: Gemäß dem Liber decimationis von 1275 verfügte Weitenau über jährliche Einkünfte von 80 Mark (Bürgeln: 50 Mark).20 Päpstliche Mandate, in denen die Äbte von →St. Peter (1288) bzw. Allerheiligen in Schaffhausen (1354) beauftragt wurden, für die Rückgabe entfremdeter Güter zu sorgen, zeugen von einer erfolgreichen Wirtschaftsführung.21 Das von Propst Heinrich von Teningen verfasste Weitenauer Urbar mit Weistum und Zinsrodel von 1344 macht die Besitzstruktur und Herrschaftsorganisation der Propstei deutlich – die herausragende Quelle wurde mehrfach vergleichend untersucht.22 Der Weitenauer Besitz lag neben den vermutlich aus Stiftungsgut stammenden Besitzungen am Klosterort (zwei Höfe und die bereits 1295 belegte Mühle) auch im Kleinen und Großen Wiesental und im südlichen Markgräflerland.23

Wie sich das Kloster im 15. Jahrhundert in wirtschaftlicher Hinsicht entwickelte, ist Desiderat der Forschung: Neue Ergebnisse könnte ein Vergleich der Situation um 1344 mit dem Weitenauer Anniversar aus dem 15. Jahrhundert und der urbariellen Überlieferung aus dem 16. Jahrhundert bringen.24 Nach der Plünderung des Klosters im Bauernkrieg 1525 kehrten die Brüder nach kurzer Flucht zurück. Mit der Einführung der Reformation in der Markgrafschaft wurde Weitenau nach einem Vergleich zwischen Markgraf Karl II. (1552–1577) und dem Kloster St. Blasien 1557/60 aufgehoben, die Besitzungen wurden fortan von Meiern verwaltet.25

Bau- und Kunstgeschichte

Südlich des Stoffelbergs, etwa zwei Kilometer südwestlich des Dorfes Weitenau, liegt zurückversetzt von der dem Klosterbach folgenden Landstraße L 135 die zweiseitig eingefriedete Anlage. Aus klösterlicher Zeit sind neben Resten der Umfassungsmauer in Teilen der Kirchturm, das Langhaus und eine Scheune erhalten; nachdem in der Markgrafschaft Baden-Durlach die Reformation eingeführt und die Propstei in Weitenau aufgehoben worden war, ließ St. Blasien ab 1569 anstelle des einstigen Klausurgebäudes westlich des Langhauses ein Haus für den evangelischen Pfarrer errichten. Der ausgedehnte und dicht belegte klösterliche Friedhof ist im Norden, Nordwesten und -osten der Kirche archäologisch nachgewiesen. Die im Torbogen inschriftlich datierte Scheune von 1559 westlich des Klausurgebäudes wurde im 19. Jahrhundert zu Verwaltungszwecken umgebaut. Eine nordwestlich liegende Mühle, deren Wappenstein von Abt Kaspar II. von 1581 (i) sich heute am im 19. Jahrhundert wiederaufgebauten Schloss von Lörrach-Brombach (Ringstraße 1) befindet, ist verloren.26 Eine weitere Mühle befand sich wohl im Gewann Mühlematten weiter nordwestlich der Anlage und wurde ebenfalls vom Klosterbach gespeist.27 Die einstige Anlage wurde bis zum Bau einer neuen evangelischen Kirche samt Pfarrhaus in Steinen-Schlächtenhaus 1890/91 genutzt und anschließend in privater Hand zu einem Landsitz umgebaut; im Anschluss wurde sie als Kurheim, seit 1971 als Fachklinik genutzt.

Das Langhaus der Kirche mit verlorenem polygonalem Ostschluss und nordöstlich anschließendem Turm wurde 1892 profaniert, wobei eine Zwischendecke eingezogen und die wohl der Spätgotik zuzurechnenden Fenstergewände geteilt und ergänzt sowie das Maßwerk entfernt wurden. Das spätgotische Portal der Kirche wurde beim Neubau des Pfarrhauses in dieses eingesetzt. Es zeigt über einem Aststab und spitzgeschweiftem Bogen drei Wappen: oben Markgraf Rudolf IV. von Hachberg-Sausenberg (1444–1487), heraldisch unten links Abt Christoph (1461–1482) und heraldisch unten rechts Abt Georgius Eberhard (1493–1519). Das Portal, vielleicht sogar das Langhaus dürften demnach um 1500 zu datieren sein. Der viergeschossige Turm über quadratischem Grundriss zeigt romanische, spät- und nachgotische Formen, während die Hölzer des Glockenturms von 1718 (i) stammen.

Kurz nach 1100 ließ Abt Udo (1085–1108) ein claustrum errichten, das von Mönchen bezogen wurde; erneuert wurde es nach einem Brand Ende des 12. Jahrhunderts. Propst Caspar Müller (1528–1532) ließ die während des Bauernkrieges zugefügten Schäden reparieren; im Zuge der Reformation wurden die Bauten 1569 niedergelegt.

Als Ausstattungsstücke aus der Sanblasianer Zeit ist ein von Propst Heinrich Walz gestiftetes Sakramentshaus von 1485 erwähnt (einst rechts des Chors beim Turmeingang;28 verloren); im Langhaus befanden sich einst Epitaphien und Grabplatten des 18. Jahrhunderts, sowie eine, einst vor dem Altar eingelassene Grabplatte für Propst Dietgar (1380 [i]), wiederverwendet für Propst Jakob Christoph Antrecht († 1551).29

Bibliographie

Handbücher und Lexika: GermBen V, S. 647–651 (Wilfried Setzler); KB Lörrach Bd. 2, S. 626–630 (Anneliese Müller); KDM Bd. 5, S. 198–201 (Franz Xaver Kraus); kloester-bw, Benediktinerpriorat Weitenau (Georg Pfeiffer/Karl-Heinz Braun).

Literatur: Martini 1889; Horster 1916; Seith 1960; Ott 1969; 1970 (a).

Anmerkungen

  • 1 UB St. Blasien, Nr. 175 S. 23 1-233.
  • 2 UB St. Blasien, Nr. 203 S. 26 9-273.
  • 3 UB St. Blasien, Nr. 216 S. 28 9-291.
  • 4 GLA 11 Nr. 1008 (1. 12. 1322.)
  • 5 StiftsA St. Paul im Lavanttal St. Blasien BU 22; ähnlich bereits 1288, UB St. Blasien, Nr. 628 S. 826, offenbar Spezifikum der päpstlichen Kanzlei.
  • 6 UB Basel X, Nr. 339 S. 36 2-365.
  • 7 UB St. Blasien, Nr. 74 S. 89; das in der älteren Literatur auf Basis einer Inschrift an der Pforte des Weitenauer Pfarrhauses angegebene Gründungsdatum 1111 ist falsch, vgl. Horster 1916, S. 2 3-25.
  • 8 UB St. Blasien, Nr. 74 S. 89 = GLA 65 Nr. 490, fol. 44 r.
  • 9 Arnold ist 1107 noch als Zeuge für Allerheiligen in Schaffhausen belegt: Urkunden Allerheiligen I, Nr. 45 S. 73 f., zu Erkenbold vgl. Liste der Prioren/Pröpste.
  • 10 UB St. Blasien, Nr. 175 S. 23 1-233 (1140, Innozenz II.), Nr. 203 S. 26 9-273 (1157, Hadrian IV.), Nr. 222 S. 29 4-298 (1172, Calixt III.), Nr. 226 S. 30 3-308 (1178, Alexander IV.), vgl. auch die bischöflichen Privilegien Nr. 205 S. 275 f. (1157), Nr. 241 S. 32 4-326 (1189).
  • 11 UB St. Blasien, Nr. 216 S. 28 9-291.
  • 12 UB St. Blasien, Nr. 233 S. 316 f.
  • 13 Zur Vogtei vgl. Waldschütz im Druck.
  • 14 Ott 1970 (a), S. 112.
  • 15 UB St. Blasien, Nr. 531 S. 68 3-687.
  • 16 StA Basel-Stadt St. Urk. 131 a.
  • 17 GLA 66 Nr. 9598; GLA 21 Nr. 8038 (1361); vgl. GermBen V, S. 649; Schülin 1972, S. 163 f.
  • 18 UB St. Blasien, Nr. 327 S. 424, Nr. 418 S. 542 f.
  • 19 GermBen V, S. 648.
  • 20 Person-Weber 2001, S. 310, 330; die gleichen Einkünfte auch um 1370, vgl. Haid 1870, S. 87.
  • 21 UB St. Blasien, Nr. 628 S. 826; StiftsA St. Paul im Lavanttal St. Blasien BU 22 (1354).
  • 22 GLA 66 Nr. 9598; vgl. dazu ausführlich Ott 1970 (a), S. 11 0-170, S. 17 9-185 (Abdruck des Weistums); Blickle 2003, S. 2 9-31; Schülin 1972; Rösener 2000.
  • 23 Ott 1969, S. 18 mit Anm. 138; GLA 66 Nr. 9598, fol. 3 r; zur Entwicklung des Besitzes vom Hoch-zum Spätmittelalter vgl. Waldschütz im Druck; zur Mühle UB St. Blasien, Nr. 696 S. 908 f.
  • 24 GLA 64 Nr. 60; GLA 66 Nr. 960 1-9605.
  • 25 GermBen V, S. 648 f.
  • 26 Die seit dem 14. Jh. belegte Mühle wurde ab 1790 als Mühle und Bauernhof genutzt und 1989 abgerissen.
  • 27 Seith 1952, S. 66 f.
  • 28 martini 1889, S. 28.
  • 29 Martini (1889), S. 31
Objekttyp: Konvent
Personenbezüge:
  • Johannes Waldschütz [Autor]
  • Kristina Hagen [Autor]
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