Neuenzell, Benediktiner 

Kurzbeschreibung:

vor 1259 Gründung – vor 1266 Vertreibung der Mönche – 1315 Übergabe an St. Blasien mit anschließender Einrichtung einer Propstei – nach 1558 Aufhebung

Patrozinium: Cyrill, Georg, Maria Magdalena
Ordensgliederung: Propstei von St. Blasien
Kirchliche Zugehörigkeit: Bistum Konstanz, Landkapitel St. Blasien

Ortsbezüge:
Ordensregel:
  • Benediktiner 1259-1558
Beschreibung:

Name: capella nostra, que Noua Cella nuncupatur (1266);1 Noua Cella apud Ibach in Nigra Silua (1272);2 zuo der Núwen Zelle (um 1320)3

Geschichte

Nach einem erst im 16. Jahrhundert niedergeschriebenen Bericht, der indes auf Quellen aus der Zeit um 1300 basiert, gründete der Adlige Diethelm von Tiefenstein das Kloster vor dem Jahr 1259. Er errichtete eine Kapelle, die er Neuenzell nannte und dem Kloster St. Georgen in Stein am Rhein unterstellte unter der Bedingung, dass dieses dort eine Propstei einrichte.4 Diese Gründung tangierte jedoch die Interessen Graf Rudolfs von Habsburg, des späteren Königs (1273–1291), der das Klösterchen angriff, es samt seiner Ausstattung vereinnahmte und die beiden St. Georgener Mönche von dort vertrieb. Im Jahr 1266 übertrug Rudolf die Kapelle mit Zubehör an einen Priester und sechs Jahre später wurde beurkundet, dass er beides dem Kloster Stein am Rhein abgekauft hatte.5 Die Nennung des Hl. Blasius als Patron der Kirche im Jahr 1283, neben den bereits im Gründungsbericht genannten Cyrill, Georg und Maria Magdalena, deutet darauf hin, dass →St. Blasien bereits zu dieser Zeit einen gewissen Einfluss auf die Kirche besaß.6 Mönche scheinen damals jedoch nicht in Neuenzell gewesen zu sein, denn Urkunden von 1288 und 1296 nennen lediglich Priester, die die Kapelle innehatten.7 Im Jahr 1315 übergab Herzog Leopold I. von Österreich (1308–1326) Neuenzell an das Kloster St. Blasien,8 das dort eine Propstei einrichtete. Ein namentlich nicht genannter Propst ist aus der unmittelbar anschließenden Zeit belegt.9

Zeitweise lebten zwei Mönche in Neuenzell. Da jedoch der Besitz mehr und mehr der Kontrolle der Propstei entglitt, konnte ab dem 15. Jahrhundert nur noch der Propst allein von den Einkünften leben. Einigen Erfolg in der Rückgewinnung der zwischenzeitlich verlorenen Einkünfte hatte Propst Heinrich Gündelwang (1412–nach 1430), doch auch für die Zeit nach ihm ist unklar, ob wieder mehrere Mönche die Propstei bewohnten. Wann sie aufgehoben wurde, ist unbekannt. Letztmalig ist mit Jakob Keller (1544–1558) ein Propst belegt. Die Güter wurden seit dem 16. Jahrhundert durch einen Meier bewirtschaftet, der das ehemalige Propsteigebäude bewohnte. Ab 1787 diente dieses als Pfarrhaus.

Diethelm von Tiefenstein übergab seiner Gründung Neuenzell die Wiese Brühl am Ibach, worauf die Kapelle errichtet war, den Freiwald bis zum Schwarzenbach samt der dort ansässigen Freileute sowie seinen gesamten Besitz. Die Urkunde von 1266 und Einkünfteverzeichnisse von um 1320 und 1424/1430 nennen die Neuenzeller Güter detailliert.10 Sie lagen in den benachbarten Orten am Südabhang des Schwarzwalds zwischen Wehra und Schlücht; die wichtigsten Güterorte waren Ober- und Unteralpfen, Ballenberg und Schönenbach. Als das Kloster St. Blasien aufgehoben wurde, gelangten 1806/07 aus dessen Besitz noch über 100 Juchart Matten und rund 800 Juchart Wald an Baden.

Die Vogtei über die Propstei war im Besitz der Habsburger. Die Propstei stand gemeinsam mit dem Vogt einem eigenen Gerichtsverband vor, der von den auf den Propsteigütern lebenden Bauern gebildet wurde.

Zu einer Bibliothek in Neuenzell liegen keine Informationen vor. Die Archivalien gelangten über St. Blasien ins Generallandesarchiv nach Karlsruhe und in das Archiv des Stifts St. Paul im Lavanttal.

Bau- und Kunstgeschichte

Im Südschwarzwald, im Ibachtal zwischen St. Blasien und Todtmoos, liegt die kleine, wohl aus einer spätmittelalterlichen Wohnturmburg hervorgegangene Anlage aus Propsteigebäude und anschließender, auf eine spätmittelalterliche, einst freistehende Kapelle zurückgehende, geostete Kirche. Östlich der Apsis steht ein kleines, eingeschossiges Gebäude unter eigenem Dach, vielleicht ein Beinhaus. Nördlich und östlich der Kirche liegt der bis heute belegte, ummauerte Friedhof, westlich des Propsteigebäudes steht die sogenannte Pfarrscheune von 1808 (i).

Die wohl anstelle der hochmittelalterlichen Kapelle bzw. einer baufälligen11 Vorgängerkirche 1698 (i) unter Abt Augustin Fink von St. Blasien neu errichtete Kirche ist ein einschiffiger Putzbau mit polygonalem Ostschluss, Satteldach und schindelverkleidetem Glockenturmaufsatz mit Zwiebelhaube. Der Innenraum ist mit einer Holzkassettendecke flachgedeckt, die Orgelempore ruht auf vier Stützen und war nach 1698 vom ersten Obergeschoss der Propstei her zugänglich (nachträglich eingebrochene Tür heute verschlossen).Das Propsteigebäude (heute Pfarrhaus) ist ein dreigeschossiger, verputzter Massivbau über annähernd quadratischem Grundriss; die Mauerkrone befindet sich allseits auf einer Höhe von 10,2 m.12 Das turmartige Haus weist an den Gebäudeecken eine teils bis oberhalb des ersten Obergeschosses, teils bis fast unter das Dach reichende, bossierte Eckquaderung aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts13 auf und ist mit einem steilen Walmdach gedeckt; Reste einer Farbfassung an zwei Fenstergewänden der Ostfassade können bislang nicht datiert werden.

Das wohl im 16./17. Jahrhundert für den nun hier lebenden Meier und unter Fürstabt Martin Gerbert von St. Blasien 1784–87 erneut für die Nutzung als Pfarrsitz umgebaute Haus bewahrt weiterhin Reste des mittelalterlichen Wohnbaus: Im Erdgeschoss, das einst wohl eine Eingangshalle aufnahm, ist eine profilierte Eichenholz-Stütze wohl des 13. oder 14. Jahrhunderts, in der repräsentativen Südfassade des ersten Obergeschosses eine große, spätmittelalterliche Fensteröffnung – wohl eines Saales – erhalten bzw. ablesbar; der Lesefund einer mittelalterlichen Ofenkachel weist auf ein beheizbares Inneres. Die im 18. Jahrhundert an allen Fassaden teils vergrößerten, teils verschlossenen, teils neu ausgebrochenen Fensteröffnungen sind hochrechteckig und mit Sprossenfenstern verschlossen; wohl zeitgleich wurde an die Westfassade ein Abortturm angebaut.

In der Kirche steht ein Altar des späteren 19. Jahrhunderts von Johann Baptist Melzer, dessen Altarbild die Krönung Mariens zeigt, und eine Kanzel des 17. Jahrhunderts sowie einige wohl ältere Holzfiguren.

Bibliographie

Handbücher und Lexika: GermBen V, S. 441–444 (Georg Wieland); Kolb II, S. 316–318; kloester-bw, Benediktinerpropstei Neuenzell/Unteribach (Georg Pfeiffer/Karl-Heinz Braun).

Literatur: Braun 1995.

Anmerkungen

  • 1 UB St. Blasien, Nr. 440 S. 57 3-575.
  • 2 UB St. Blasien, Nr. 482 S. 627 f.
  • 3 Bader 1858, S. 368.
  • 4 UB St. Blasien, Nr. 397 f. S. 51 2-518.
  • 5 UB St. Blasien, Nr. 440 S. 57 3-575, Nr. 482 S. 627 f.
  • 6 UB St. Blasien, Nr. 586 S. 762 f.
  • 7 UB St. Blasien, Nr. 627 S. 825 f., Nr. 719 S. 935.
  • 8 RegHabs III, Nr. 75.
  • 9 Bader 1858, S. 368.
  • 10 UB St. Blasien, Nr. 440 S. 57 3-575; Bader 1858, S. 36 3-369.
  • 11 Booz 2001, S. 245.
  • 12 Bitterli-Waldvogel 1989, S. 4.
  • 13 Ebd
Objekttyp: Konvent
Personenbezüge:
  • Boris Bigott [Autor]
  • Kristina Hagen [Autor]
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