Hechingen, Franziskaner St. Luzen
| Kurzbeschreibung: | 1586 Gründung – 1808 Aufhebung – 1819/57 Tod der letzten Patres Patrozinium: LuciusOrdensgliederung: Oberdeutsche (Straßburger) Observantenprovinz, Kustodie SchwabenKirchliche Zugehörigkeit: Bistum Konstanz, Landkapitel Hechingen |
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| Beschreibung: | Name: closter oder gozhauß zu St. Luzen (1586)1 GeschichteHistorische EntwicklungNachdem die →Schwesternsammlung St. Luzen verlassen worden war, suchten die Zollerngrafen, zunächst vergeblich, dort Franziskaner anzusiedeln. Graf Eitelfriedrich II. von Hohenzollern (1488–1512) beabsichtigte zwar, bei St. Luzen ein Kloster zu gründen, und bestimmte darüber auch in seinem Testament, was jedoch von seinen Erben nicht umgesetzt wurde.2 Graf Karl I. (1558–1576) wollte verschiedentlich Franziskaner für St. Luzen gewinnen, doch erst seinem Sohn Graf Eitelfriedrich I. von Hohenzollern-Hechingen (1576–1605) sollte dies gelingen. Dabei spielte gegenreformatorisches Gedankengut eine wichtige Rolle. Die Grafschaft Zollern grenzte vielfach an württembergisches Territorium, worin der Graf eine Gefahr für den katholischen Glauben seiner Untertanen erkannte, der es entgegenzuwirken galt. Zudem war der auf Repräsentation bedachte, prachtliebende Zollerngraf stark vom Münchner Hof beeinflusst. Mit Unterstützung Herzog Wilhelms V. von Bayern (1579–1597) konnten Franziskaner aus München gewonnen werden. Im November 1585 zogen neun Mönche in das um- und ausgebaute Klostergebäude ein. Erster inoffizieller Guardian wurde 1586 Pater Andreas Nas, genannt Abenberger (Abimontanus), der 1584 Hofprediger in Innsbruck gewesen war. Die Niederlassung wurde 1586 auf Ansuchen des Grafen in die Straßburger (Oberdeutsche) Observantenprovinz inkorporiert, nachdem der Graf dem Hechinger Konvent ein festes Einkommen zugesichert hatte. Die Franziskaner lebten nach dem Herkommen eigentlich von Almosen, doch waren in Hechingen die Möglichkeiten zu betteln durch das nahe württembergische Umland begrenzt.3 Nach der Inkorporation stellte Graf Eitelfriedrich I. am 26. Juni 1586 den Stiftungsbrief aus.4 Er stiftete zusammen mit seiner Ehefrau Sibylle, geb. Gräfin von Zimmern, das Kloster St. Luzen als Franziskanerniederlassung und stattete es mit einem Kapital von 2.000 Gulden und Naturallieferungen aus. Zudem verpflichtete er sich und seine Nachfolger, für den baulichen Unterhalt des Klostergebäudes zu sorgen. Dafür hatte das Kloster die Totenmemoria der Familie zu übernehmen. Als im Spätsommer 1586 der Konvent komplett war, wurde der vom Kapitel aufgestellte Pater Wilhelm Schölnagl der erste offizielle Guardian. Die Klosterkirche wurde in den Jahren 1586 bis 1589 neu gebaut und im Spätsommer eingeweiht. Aus der ehemaligen Pfarrkirche war eine franziskanische Klosterkirche geworden. In seinem Testament vom 27. April 1601 bedachte Eitelfriedrich das Kloster zusätzlich mit weiteren Naturallieferungen.5 Als Zeichen der besonderen Zuneigung ließ er nach dem Tode sein Herz in der Antoniuskapelle von St. Luzen beisetzen; sein Körper wurde in der zollerischen Grablege in der →Stiftskirche Hechingen bestattet.6 Der Konvent war anfänglich mit 30 Franziskaner-observanten aus München besetzt; neben dem Guardian 18 Patres, zwei Novizen und neun Laienbrüder.7 1755 bestand der Konvent aus 18 Patres, neun Laienbrüdern und Novizen.8 1779 waren es außer dem Guardian, 20 Patres, vier Brüder und acht Novizen.9 1794 umfasste der Konvent einen Guardian, 24 Patres und sieben Laienbrüder.10 Die meisten Konventangehörigen kamen aus dem Raum zwischen Iller und Lech, dem heutigen Bayerisch-Schwaben, wenigstens 20 Mönche stammten aus Hechingen und Umgebung.11 Die im Kloster verstorbenen Mönche wurden in der Gruft bestattet; letztmals im Jahre 1800. Ab dann durften die Toten nur noch in dem kleinen Klosterfriedhof außerhalb der Kirche beigesetzt werden.12 An der Spitze des Klosters stand wie bei den Franziskanern üblich ein Guardian, als Stellvertreter war ihm ein Vikar beigegeben. An weiteren Funktionsträgern gab es unter anderem den Novizenmeister, den Konventprediger und Prediger in der Stiftskirche, den Prediger für die Feste, den Präses der Konferenzen, den Präses der Tertiaren, die Beichtväter für die Nonnenklöster und für den Fürsten. Sodann existierten ein Säckelmeister (Kassier), ein Ordensschreiber, Organisten und ausgewiesene Sänger.13 Das Kloster war als zollerische Gründung wirtschaftlich vom Landesherrn abhängig, woraus dieser offenbar ein gewisses Aufsichtsrecht ableitete. Dies richtete sich wohl weniger gegen den Konvent als vielmehr gegen den Bischof von Konstanz. Die Konstanzer Kurie wollte ihm dieses Recht im Sinne der Reformen des tridentinischen Konzils nicht zugestehen. Andererseits übten die Franziskaner Einfluss auf den Landesherrn aus. Sie stellten die Hofkapläne und bis zum Ende des 18. Jahrhunderts Beichtväter der gräflichen, ab 1623 fürstlichen Familie.14 Vermutlich war es kein Einzelfall, dass ein Guardian, wie Pater Leo Hietmann (1650–1652), eine besondere Vertrauensstellung beim Fürsten einnahm. Auch wirkten die Franziskaner mit ihren Predigten politisch, denn sie appellierten an das Gewissen der Landesherren, indem sie an deren Verpflichtung erinnerten, für den gemeinen Nutzen der Untertanen zu sorgen. Zudem wiesen sie auf Missstände in Stadt und Land hin. 1616 kritisierte ein Pater in einer Predigt den strengen Strafvollzug in der Grafschaft, worauf sich der Graf beim Guardian beschwerte und ihm nahelegte, derartige Angriffe abzustellen. 1621 predigte ein Franziskaner an zwölf Sonntagen über den Geiz und behandelte auch die Frage der Münzpolitik und des Zinsnehmens. Der Hechinger Untervogt, der zusammen mit dem Stadtschultheißen für die Hechinger Münze zuständig war, verklagte den Prediger wegen übler Nachrede bei der Konstanzer Kurie.15 Der genannte Guardian Pater Leo Hietmann wies den Fürsten 1651 auf Missstände in der Beamtenschaft hin. Um 1723 soll ein Pater die harten Strafen für Wildfrevel kritisiert haben und daraufhin des Landes verwiesen worden sein.16 Im Reichsdeputationshauptschluss erhielt der Hechinger Fürst 1803 für den Verlust linksrheinischer Feudalrechte das Recht, die Klöster in seinem Land aufzuheben. Der Konvent von St. Luzen blieb zunächst erhalten, wurde 1807 aber der Aufsicht des Dekanats Hechingen unterstellt, nachdem die Straßburger Provinz ihren Aufgaben nicht mehr gerecht werden konnte. 1808 wurde die Auflösung de facto vollzogen, indem die fürstliche Regierung die Verwaltung übernahm und einen Kurator einsetzte. Der letzte Guardian Pater Dionysius Frank trat aus dem Franziskanerorden aus und wurde als Säkularpriester der Diözese Konstanz angenommen, nachdem seine Versorgung durch den Fürsten sichergestellt war. Die übrigen Mönche durften im Kloster verbleiben, wo sich damals noch neun Priester und sechs Laienbrüder befanden. Ein Teil von ihnen ließ sich in den folgenden Jahren säkularisieren. Noch 1810 erlaubte der Fürst die Aufnahme eines Laienbruders, der ein Landeskind war. 1811 befanden sich noch fünf Patres in St. Luzen. Nachdem 1819 die letzten drei Patres verstorben waren, bedeutete dies das Ende des Konvents. Es verblieben noch zwei Laienbrüder in St. Luzen, von denen der letzte 1857 verstarb. Ein Teil des Klostergebäudes wurde 1821 bis 1832 als »Kapitels-Vikariat« genutzt. Der dortige Geistliche hatte in den Pfarreien des Fürstentums Aushilfe zu leisten, nachdem es mit dem Tod der letzten Priestermönche spürbar an Aushilfskräften in der Seelsorge mangelte. Zudem hatte er die im Gebäude untergebrachte Kapitelsbibliothek zu beaufsichtigen. Von den ebenfalls dort wohnenden zwei Laienbrüdern hatte einer die Pflegschaft für das Vermögen des Dritten Ordens und für die Kreuzwegstiftung auszuüben sowie die Aufsicht über die Kirche und die Paramente zu führen. Die Klosterkirche wurde zunächst noch für Gottesdienste genutzt, wobei das Ordinariat das Messelesen von auswärtigen Geistlichen verbot und eine mögliche Reduzierung der Gottesdienste wünschte. St. Luzen blieb gleichwohl bei den Hechingern ein beliebter Ort der Andacht.17 Nach der Abtretung der hohenzollerischen Fürstentümer an Preußen und deren Eingliederung in das preußische Staatswesen 1850 erwarb Fürst Karl Anton von Hohenzollern-Sigmaringen noch im gleichen Jahr die Klosteranlage St. Luzen. In der Folgezeit gab es verschiedene Bestrebungen, dort ein neues Kloster zu gründen, die jedoch alle scheiterten. Seit Beginn der 1850er-Jahre bis zur Renovierung 1971–75 wurde die Kirche nur noch unregelmäßig für Gottesdienste genutzt. 1970 hatte der Fürst von Hohenzollern der Heiligenpflege Hechingen die Kirche samt angrenzenden Grundstücken geschenkt.18 Das Klostergebäude war nach 1857 nur noch als Brauerei und Gastwirtschaft genutzt worden, bis es 1985 in den Besitz des Allgemeinen Katholischen Kirchenfonds für Hohenzollern überging, der es 1987 zu einem kirchlichen Bildungshaus ausbaute.19 Besitz und WirtschaftDas Kloster verfügte den Statuten des Ordens entsprechend über keinen Grundbesitz außerhalb der Anlage, nur innerhalb gab es Gärten. Die wesentliche materielle Grundlage bestand in den im Stiftungsbrief von 1586 und im Testament des Stifters von 1601 zugesagten Lieferungen der Herrschaft. Damit war das Existenzminimum nach dem Willen des Stifters gesichert. Gleichwohl war der Erlös aus dem Bettel für das Kloster von großer Bedeutung. Hinzu kamen Geschenke und Stiftungen der Bevölkerung, des zollerischen Fürstenhauses, aber auch von anderen Fürstenhäusern. Spenden flossen von Mönchen vor ihrer Profess oder von deren Angehörigen. Zahlreiche Geistliche bedachten das Kloster testamentarisch als Ausdruck der Dankbarkeit. Verschiedene fürstliche Beamte berücksichtigten das Kloster ebenfalls in ihren Vermächtnissen. Eine wichtige Einnahmequelle für das Kloster bestand in den geistlichen Aushilfen und Messstipendien. Eine gewisse Selbstversorgung der Mönche erfolgte durch Gartenbau innerhalb des Klosters und durch handwerkliche Tätigkeiten.20 Auch Bier wurde im Kloster selbst gebraut, dessen Qualität verschiedentlich gelobt wurde und mit dem der gräfliche bzw. fürstliche Hof versorgt wurde. Die herrschaftlichen Lieferungen entsprachen offenbar nicht immer den Zusagen. So stellte der Konvent 1750 fest, dass er letztmals im Jahre 1662 die 100 Gulden Zinsen aus dem Kapital von 2.000 Gulden erhalten habe. Ebenso stellten die Weinlieferungen mehrfach einen Klagepunkt dar. Die Horber Franziskaner verdrängten um 1651 die Mönche aus St. Luzen fast vollständig aus ihrem Gebiet. Die jährliche Weinsammlung in Rottenburg, die von beiden Konventen beansprucht wurde und um die 1660 ein Konflikt entstand, musste durch eine von dem vorderösterreichischen Regenten verfügte Abgrenzung der Sammelbezirke geregelt werden.21 Fürst Joseph Wilhelm (1750–1798) zeigte sich den Mönchen von St. Luzen verbunden. Als diese 1782, also in der Zeit des Josephinismus, das Recht zum Betteln in der vorderösterreichischen Grafschaft Hohenberg verloren, bat die fürstliche Regierung die vorderösterreichische Regierung in Freiburg, den Franziskanern wieder den Bettel zu erlauben, da sie in hohenbergischen Orten in der Seelsorge helfen würden. Freiburg erlaubte daraufhin das Sammeln an den Orten, wo sie sich seelsorgerisch betätigten. Dies war allerdings nur in der Herrschaft Werenwag der Fall, so dass die Genehmigung auf diesen Bezirk beschränkt wurde. Ähnlich setzte sich der Fürst beim Kloster Muri dafür ein, dass den Franziskanern in der naheliegenden Murischen Herrschaft Glatt das Almosensammeln gestattet werden sollte. Muri lehnte zunächst ab, da es Repressalien von Seiten Österreichs fürchtete und die in der Herrschaft Glatt sammelnden Horber Franziskaner nicht schädigen wollte. Ein wiederholtes Gesuch mit dem Hinweis, dass die Mönche bereit seien, in der Seelsorge zu helfen, hatte schließlich 1787 Erfolg.22 Religiöses und kulturelles WirkenDie Mönche von St. Luzen waren vor allem in der Seelsorge in Hohenzollern-Hechingen und in benachbarten Territorien tätig. Grundsätzlich war die Klostergründung ja dazu gedacht, im Sinne der Gegenreformation in einem von protestantischem Gebiet umgebenen Land und in dessen Nachbarterritorien den Katholizismus zu stärken und zu erhalten. So wirkten die Franziskaner insbesondere in der Stadt Hechingen und in den umliegenden Orten, wo sie bei Bedarf auch seelsorgerische Aufgaben übernahmen. 1613 erhielt der Guardian des Klosters vom Bischof von Konstanz sogar die außergewöhnliche Vollmacht, bußfertige Ketzer wieder in die Kirche aufzunehmen, eine Vollmacht, die nicht einmal der Dekan des Kapitels besaß.23 Die Franziskaner waren wie die Jesuiten als vorzügliche Prediger geschätzt, weil sie meist eine bessere Vorbildung als der weltliche Klerus besaßen. Regelmäßig predigten die Franziskaner von St. Luzen seit dem Ende des 16. Jahrhunderts in der Hechinger Stifts- und Pfarrkirche. 1612 entstand ein heftiger Streit zwischen dem Stiftsklerus und den Franziskanern um die Predigertätigkeit, wobei die Franziskaner mit Hilfe des Grafen ihr Recht durchsetzen konnten. Das Verhältnis zwischen Stift und Kloster blieb gestört. Die Mönche waren ebenfalls in benachbarten katholischen Territorien in der Seelsorge tätig, so in der zollerischen Herrschaft Haigerloch, die ab 1634 zu Hohenzollern-Sigmaringen gehörte, in der schwäbisch-österreichischen Grafschaft Hohenberg, insbesondere in der Stadt Horb, in der fürstenbergischen Herrschaft Trochtelfingen und in reichsritterschaftlichen Gebieten. Ebenso predigten sie auf dem Kornbühl bei Salmendingen. 1748 wehrten sich die Hechinger Franziskaner bei der beabsichtigten Gründung eines Priesterhospizes in Haigerloch gegen dessen Besetzung mit Kapuzinern. Es kam dann 1749 zur Einrichtung einer Mission, an der Mönche aus St. Luzen und Kapuziner aus Rottenburg beteiligt waren. Abwechselnd unterstützten jeweils zwei Mönche die Haigerlocher Seelsorger und halfen bei der Betreuung der St.-Anna-Wallfahrer. Nach 30 Jahren wurde diese Tätigkeit eingestellt, weil sie sich von Hechingen aus als zu beschwerlich erwies. Das Kloster unterhielt Beziehungen zu den Franziskanerinnenklöstern St. Maria de Victoria in Biberach/Riß und zu Mariä Heimsuchung in Unlingen bei Riedlingen, wohin u. a. außerordentliche Beichtväter entsandt wurden. Hechinger Mönche waren zudem bei der Gründung von Franziskanerniederlassungen tätig, so 1629/30 bei der versuchten Wiederbelebung des von Württemberg aufgehobenen Klarissenklosters Pfullingen und 1772, als der Hechinger Guardian Pater Paul Kinker erfolgreich bei der Errichtung eines Franziskanerhospizes in Oeffingen bei Stuttgart durch das Domkapitel Augsburg mitwirkte. Der Hechinger Guardian wurde dort der erste Superior. Die 1585 vom Papst zur Verehrung des Hl. Franziskus gegründete Erzbruderschaft zum Gürtel des Hl. Franz von Assisi fand von St. Luzen aus Verbreitung. Die Mitglieder trugen zum Zeichen der Verbundenheit mit Gott und dem heiligen Franz dauernd einen geweihten Strick. Der Bruderschaftstag wurde jeweils am ersten Sonntag im Monat feierlich begangen. Für die »in der Welt« lebenden Mitglieder des Dritten Ordens des Hl. Franziskus bildete das Kloster einen Versammlungsort. Für die Drittordensmitglieder war dort ein Präses (ab 1733 Direktor) bestellt.24 Franziskaner waren schließlich auch als Lehrkräfte tätig. Seit 1775 unterrichteten zwei Mönche an dem vom Fürsten neugegründeten Gymnasium in Hechingen.25 Im 18. Jahrhundert entwickelte sich St. Luzen zu einem Ort der franziskanischen Volksfrömmigkeit. Nachdem es bereits im 17. Jahrhundert auf dem Weg von Hechingen nach St. Luzen einen Kreuzweg mit sieben Stationen gab, wurde 1731/33 ein neuer Kreuzweg angelegt, der auf einem Kalvarienberg mit einer 1733 geweihten Heiliggrabkapelle neben der Kirche endete. Der alte Kreuzweg wurde 1737 zur Lorettokapelle bei Binsdorf verbracht. 1766 kam auf dem Kalvarienberg eine von dem Haigerlocher Bildhauer Johann Georg Weckenmann geschaffene Kreuzigungsgruppe hinzu. Im 19. Jahrhundert wurden in den Stationshäusern wohl einige Darstellungen aus der 1814 abgebrochenen Schlosskapelle aufgestellt, die 1596 von dem Hechinger Bildhauer Joachim Taubenschmid geschaffen worden waren. Schon 1720 war am Anfang des Kreuzwegs die Kapelle zur Unbefleckten Empfängnis erbaut worden. Der Kreuzweg mit Kalvarienberg wurde zu einem auch von Auswärtigen viel besuchten Wallfahrtsort. Von Nachbarorten führten Prozessionen dorthin. Selbst Protestanten kamen später am Karfreitag aus benachbarten württembergischen Orten. Neben der Passion gehörte die Betrachtung des Weihnachtsgeschehens zu den von den Franziskanern im Zeitalter des Barock besonders gepflegten Frömmigkeitsformen. In St. Luzen gab es eine Krippe mit großen Figuren, die durch Umstellung und Kleiderwechsel zu vier Darstellungen zusammengestellt werden konnten. Insgesamt erwartete in St. Luzen die Gläubigen ein umfassendes Angebot franziskanisch geprägter Frömmigkeit: Bereits beim Bau der Kirche hatte man im Innenraum mit der Darstellung der sieben Hauptkirchen Roms an franziskanische Traditionen angeknüpft, denn der Orden besaß das päpstliche Privileg, in seinen Gotteshäusern diese Kirchen sinnbildlich für das Ablassgebet zur Gewinnung eines vollständigen Ablasses darzustellen. Auch die Marienverehrung besaß in der Klosterkirche eine große Bedeutung. Vor 1743 wurde dort zudem ein »Prager Jesuskind« aus Wachs aufgestellt und verehrt.26 Zu den großen Festen kamen zahlreiche Gläubige nach St. Luzen, dies waren das Fest des Kirchenpatrons St. Lucius (3. Dezember), der Antoniustag (13. Juni), das Portiunkula-Fest (2. August), dessen Ausgangspunkt das mit dem Hl. Franziskus eng verbundene Marienkirchlein Portiunkula bei Assisi war und an dem auch ein Ablass gewonnen werden konnte, sowie das Fest des Hl. Franz (4. Oktober). Kreuzweg und Grabkammer wurden gerade in der Karwoche von weit her besucht. Diese Tradition wurde noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fortgesetzt.27 Nicht nur besuchten Protestanten den Kreuzweg am Karfreitag, sondern im Zeitalter der Aufklärung gab es verschiedentliche weitere Kontakte zwischen Protestanten und Patres: Wiederholt sollen evangelische Tübinger Studenten nach St. Luzen gekommen sein, wo sie bewirtet wurden und mit den Franziskanern theologische Gespräche geführt haben sollen. Der junge Karl Friedrich Reinhard (1761–1837), der spätere französische Minister, besuchte von Balingen aus, wo er als Vikar bei seinem Vater tätig war, das Franziskanerkloster. Ab dem 18. Jahrhundert sind einzelne Publikationen von Mönchen erhalten, die sich zeitweilig in St. Luzen befanden. Es handelt sich u. a. um Anleitungen zu geistlichen Übungen, Gebetsanleitungen, theologische Betrachtungen. Die von Pater Paulinus Textor, Prediger in der Stadtkirche, 1751 anlässlich der Hochzeit von Fürst Joseph Wilhelm mit Gräfin Maria Theresia von Waldburg-Zeil-Wurzach gehaltene Predigt wurde in Augsburg gedruckt. Der im Jahre 1800 in Hechingen verstorbene Pater Walfridus Hillinger veröffentlichte zwischen 1770 und 1781 eine Rhetorik für Prediger, Kreuzwegbetrachtungen und deutsche Übersetzungen von religiöser Erbauungsliteratur der heiligen Franz von Sales und Alfons Maria von Liguori.28 Seit dem letzten Viertel des 18. Jahrhunderts befanden sich einige der Aufklärung und modernen Ideen gegenüber aufgeschlossene Mönche in St. Luzen, die aber meist erst mit Publikationen hervortraten, nachdem sie Hechingen verlassen hatten. In den Schriften kamen u. a. erzieherische Bestrebungen der Aufklärung zum Ausdruck. Das wohl reichhaltigste Werk hinterließ Pater Edilbert Menne, der sein Noviziat in St. Luzen verbrachte und nach dem Studium 1778 bis 1783 dort Präses der Konferenzen über die Moral war. Aufgrund körperlicher Gebrechen war ihm keine Lehr- oder Predigttätigkeit möglich. 1784 wurde er als Vikar nach Kloster Lechfeld versetzt. Er schrieb eine Selbstbiografie und veröffentlichte zunächst anonym zahlreiche Bände mit Predigtentwürfen. Sein Schwerpunkt lag bei der Pastoraltheologie, sein Hauptanliegen war die Bildung der Bevölkerung, vor allem der Landbevölkerung. Sein 1799 erschienener »Praktischer Katechismus für Eheleute« brachte ihm eine Strafversetzung ein, weil eine Behandlung dieses Themas in deutscher Sprache nicht erwünscht war. Einzelne seiner Werke wurden bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts neuaufgelegt oder neubearbeitet.29 Bibliothek und ArchivFür die wissenschaftliche Fortbildung der Mönche hatte zunächst der Präses durch die Konferenzen zu sorgen.30 Sodann verfügte das Kloster zur Weiterbildung der Mönche und für die Ausbildung der Novizen über eine beachtliche Bibliothek, die verschiedentlich durch Vermächtnisse von Pfarrern Zuwachs erhielt. Die Bibliothek war zum einen konfessionsapologetisch ausgerichtet, um die Hechinger Franziskaner, die sich als Verteidiger des wahren Glaubens begriffen, entsprechend zu schulen, etwa auch mit lutherischen und calvinistischen Gegenschriften, Sektenlehre, Ketzer- und Hexenliteratur. Zum anderen sollte die Bibliothek den Franziskanern als Seelsorger und Prediger dienen, etwa mit deutschsprachigen Predigtsammlungen und -anweisungen, Anleitungen zur Beichte und zum Besuch von Kranken und Sterbenden. Hinzu kamen Bruderschaftsbücher und -hefte.31 Nach dem faktischen Ende des Konvents 1819 wurde der Bestand der 1821 im Klostergebäude neu eingerichteten Kapitelsbibliothek zugewiesen. Von dort kam der größte Teil in das Franziskanerkloster →Gorheim in Sigmaringen.32 Vor dessen Schließung im Jahre 2000 wurden die franziskanisch relevanten Bestandteile 1999 nach Fulda zum Kloster Frauenberg verbracht und nach dessen Auflösung in die Hochschul- und Landesbibliothek in Fulda integriert.33 Eine 1748 angelegte Klosterchronik ist lediglich angefangen. Sie behandelt die Gründung und erste Entwicklung des Klosters, bietet Abschriften der Stiftungsurkunde und des Testaments Graf Eitelfriedrichs I., enthält das Anniversar- oder Seelbuch mit den größeren Jahrtagsstiftungen, die Namen der Professen im Zeitraum 1623–1752 sowie die Namen der 1587–1782 verstorbenen Franziskaner. Für die Laienbrüder existiert ein eigenes Verzeichnis von 1597 bis 1753. Die Chronik und weitere Unterlagen des Klosters finden sich im Staatarchiv Sigmaringen, Domänenarchiv Hechingen.34 Der Liber benefactorum et mortuorum, der den Zeitraum 1597 bis 1807 abdeckt, ist im Provinzarchiv der 2010 gebildeten Deutschen Franziskanerprovinz von der heiligen Elisabeth im Kloster Paderborn.35 Weitere Quellen zur Geschichte St. Luzens sind im Stadtarchiv, im Pfarrarchiv Hechingen und im Hauptstaatsarchiv Stuttgart vorhanden.36 Bau- und KunstgeschichteLageSt. Luzen lag außerhalb des Stadtgebiets am nördlichen Rand der Hechinger Unterstadt. Das Kloster wurde dort an einer leichten Hanglage errichtet. Dies hat zur Folge, dass das Klausurgeviert um etwa einen Meter höher liegt als die Kirche. Sie bildet ihrerseits den Südflügel der Anlage. Der Bezirk ist von einer Klostermauer umfriedet. Das Hauptportal zur Gesamtanlage befindet sich seit Ende des 18. Jahrhunderts in einem Rundbau südlich der Kirche. Kirche und KonventsbautenBei der Kirche St. Luzen handelt es sich um ein Meisterwerk der Frührenaissance in Süddeutschland. Herausragend ist das Bauwerk nicht allein wegen der Einzigartigkeit der erhaltenen künstlerischen Ausstattung des späten 16. Jahrhunderts. Auch die Vollständigkeit der erhaltenen zeitgenössischen Schriftstücke zur Bau- und Ausstattungstätigkeit scheint in Südwestdeutschland singulär. Bereits Eitelfriedrich II. von Zollern (1488–1512) hatte die Errichtung eines Franziskanerklosters bei der Hechinger Pfarrkirche St. Luzen im Sinn, verstarb aber ehe er das Vorhaben ausführen konnte. Wahrscheinlich hinterließ er eine angefangene Baustelle. Die →Klause der mittelalterlichen Schwesternsammlung, die bei der früheren Pfarrkirche St. Luzen angesiedelt war, blieb offenbar mitsamt einiger Ausstattungsstücke wie etwa Ornate unberührt, wie aus einem Brief Eitelfriedrichs I. von Hohenzollern-Hechingen vom 27. September 1583 hervorgeht. Die Gebäude scheinen aber so baufällig geworden zu sein, dass der Stifter sie von Neuem errichten ließ. Ob auch die alte Kirche abgebrochen und neu errichtet wurde, ist unklar. Wahrscheinlich wurde sie umgebaut und restauriert. Deshalb mutet der Grundriss des Bauwerks noch gotisch an. Die Baugeschichte der mittelalterlichen Pfarrkirche zu St. Luzen ist nicht im Einzelnen untersucht. Erst die im Zuge der Generalsanierung zwischen 1971 und 1975 hinzugezogene Denkmalpflege konnte nähere Erkenntnisse über sie gewinnen. Demnach bestand der Vorgängerbau aus zwei nicht zeitgleich entstandenen Bauteilen, einem Langhaus und einem polygonal geschlossenen Chor. Beide Bauteile scheinen bis zu barocken Umbautätigkeiten durch eine Trennwand, möglicherweise einen Lettner, voneinander separiert gewesen zu sein. Wohl ab 1584 wurde mit der Renovierung der Bauten begonnen. Die Einweihung fand im Spätsommer 1589 statt. Die Innenausstattung wurde dabei gänzlich neu geschaffen. Am 19. März 1583 beauftragte Eitelfriedrich den Ulmer Bildhauer Hans Amann, der auch an der Burg Hohenzollern und am Hechinger Schloss arbeitete, mit der Erneuerung des mittelalterlichen Altarschreins und von dessen Figuren. Vermutlich handelte es sich dabei um einen Marienaltar. 1584 hat Eitelfriedrich die Wiederherstellung des Dachstuhls in Auftrag gegeben,37 was bis Ostern 1585 geschehen sein dürfte. Am 28. Juni 1586 schloss der Stifter mit dem Stukkateur Wendel Nuffer (auch Nufer geschrieben) von Herrenberg einen Vertrag über die Ausstattung des Chores. Nuffer wurde dazu verpflichtet, daß gewelb im chor auff mit gybs zu machen, ebenmessig und von dem gewelb an biß auff den boden sollen nebenzu die wendt von seulen und gesimbsen samt den sieben kirchen, wie die jene sollen angegeben werden. Und der gantze chor alles fleißig zierlich, schöne und lustige nach ausweisung der fisierung […] gemacht und zugerichtet werden [...].38 Dafür erhielt er hundert Gulden. Am 10. August 1587 wurde Nuffer mit den Stuckarbeiten im Schiff und in der heutigen Antoniuskapelle (damals der Heiligen Dreifaltigkeit geweiht) betraut. Nur sollten dort die vier wendt geringß herumb mit seüllen und gesimbßen, auch den heiligen Zwelf Apostelenn, und andern schönen bildern nach gestalt es erfordern von schönen saubern gibs machen und zieren. Dafür erhielt er 900 Gulden. So überzog Nuffer die Wände von Chor und Langhaus mit einem überreichen Dekorationssystem aus Stuck, Flachornamenten, Kartuschen, Rollwerk, Muschelnischen, Pilastern, Fruchtschnüren und vielem mehr. Das System besteht in beiden Baukörpern aus drei Zonen, wobei die mittlere jeweils die Hauptdarstellungen enthält. Das beherrschende Thema im Chor sind die sieben Stationskirchen Roms. Sie erscheinen als Reliefs in Muschelnischen zwischen Pilastern, die auf einem umlaufenden Postament stehen und ein vielfach profiliertes, mit Zierband versehenes Gebälk tragen. Wahrscheinlich hatte Nuffer grafische Vorlagen für seine Darstellungen, wenngleich die Literatur herausstellt, dass die Kirchenansichten eher heimischen Vorbildern nachempfunden seien. Die Wände des Langhauses zieren in der Hauptzone reihum die zwölf Apostel. Die Vorlagen für die figürlichen Darstellungen der zwölf Apostel entstammen der Kupferstichfolge des Hendrik Goltzius. Der dekorative Aufbau der Wände entspricht ansonsten jener des Chors. Petrus und Paulus, die den Chorbogen flankierten, mussten jedoch zugunsten des Einbaus zweier barocker Seitenaltäre weichen, sodass die Stuckdekoration in den Ecken zur Chorwand hin unvermittelt unterbrochen ist. Auch der Einbau einer barocken Empore samt neuem Chorgestühl mit hohem Dorsal störte die Wanddekoration am Westgiebel des Langhauses empfindlich. Die Darstellung des Hl. Matthias sowie nicht näher bekannte Darstellungen eines bildnuß Christi wurden dafür geopfert. Die mit Maßwerk versehenen Rundfenster in den Gewölbeschildflächen sind jeweils von einer mit kraftvollem Rollwerk gezierten Kartusche eingefasst. Der Innenraum der Kirche vermittelt insgesamt den Eindruck, als sei der gesamte ornamentale Mustervorrat, den die Renaissance zu bieten hatte, ausgeschöpft worden. Am 15. Oktober 1586 schloß Eitelfriedrich mit dem niederländischen Meister Hansen de Bay von Riedlingen einen Vertrag. Dieser sollte das gewelb mit farben verfasst und der pleicen wie auch die paternoster in der muschel vergoldet und die 3 rundinen zu sabt darein gehörigen bilder mit laubwerkh wie auch alles andre jetz vermeltes etlicher mit oel – und etliches mit wasserfarben […] aufs best und vleißigst angestrichen gemalt und ver weißet werden. Ein Verdingzettel vom 25. März 1591 nennt weitere Künstler, so Elsaiaß Gruoler, Bildhauer und Bürger zu Lindau, sowie Hans Amann, Bildschnitzer von Ulm. Letzterer fertigte die Kanzel sowie 30 geschnitzte Bänke à 2 Gulden. Die Bildhauer Hans Kastner und Hans Gmelich von Augsburg wurden für 600 Gulden mit dem Schnitzen der Altäre beauftragt. Die beiden Seitenaltäre, die franziskanische Heilige als Patrone erhielten, wurden bereits 1589 geweiht. Sie wurden 1702 erneuert und mit neuen Statuen ergänzt. Die Antoniuskapelle enthält in ihrer Westwand eine zeitgenössische Gedenktafel zu Ehren des Stifters Eitelfriedrich I. von Hohenzollern-Hechingen. Am 19. Juli 1731 legten Friedrich Wilhelm Fürst zu Hohenzollern, der fürstliche Rat Paul de Baratti und der Stadtpfarrer Johann Martin Fischer den Grundstein zum Bau des Kalvarienberges und der Kreuzwegstationen. Er ist bis heute ein beliebter Wallfahrtsort an Karfreitag. Die Weihe der Heiliggrabkapelle im Rundbau, auf dem der Kalvarienberg steht, und ihres Altars fand am 13. August 1733 statt. 1766 wurde am Aufgang zum Kloster ein Kalvarienberg errichtet. Die Figuren fertigte der Hofbildhauer Johann Georg Weckenmann für 60 Gulden. Die Skulptur des Gekreuzigten verfiel mit den Jahren jedoch so sehr, dass der Oberkörper 1930 herabstürzte. 1932 fertigte der Sigmaringer Bildhauer A. Tönnes einen Ersatz. Anfang des Jahres 1743 wurde der Plan gefasst, den Hochaltar zu erneuern, da dieser wegen seines alters in einem so delabrirten und ruinosen stand sei, dass er nicht mehr erhalten werden könne. Am Festtag des Hl. Franziskus am 4. Oktober desselben Jahres wurde der neue Hochaltar geweiht. Er verursachte Kosten in Höhe von 600 Gulden. Mitte des 18. Jahrhundert erhielt auch die Antoniuskapelle einen neuen Altar von der Hand des Söflinger Malers Johann Enderle. Zwischen 1971 und 1975 wurde die Kirche umfassend restauriert. Diese Sanierung nahm die Denkmalpflege zum Anlass, umfangreiche Forschungen an der aufgehenden Bausubstanz zu unternehmen. Hierdurch konnten wesentliche Erkenntnisse zur Baugeschichte von Kirche und Kloster gewonnen werden. Im Februar 1987 eröffnete die Bildungsstätte St. Luzen im erweiterten und umgestalteten Kloster. BibliographieQuellen: Schellhammer 1884/1885. Handbücher und Lexika: AFA 16, S. 139–214 (Max Heinrichsperger); Dehio, Baden-Württemberg Bd. 2, S. 285 f. (Dagmar Zimdars); KDM Hohenzollern Bd. 1, S. 165–178 (Friedrich Hoßfeld); kloester-bw, Franziskanerkloster St. Luzen Hechingen (Andreas Zekorn). Literatur: Manns 1898; Hebeisen 1919; Noeske 1976; Mors 1987; Gönner 1991; Noeske 1991; Werner 2002/03 (a); Holzem 2011; Enderlein 2021. Anmerkungen
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| Objekttyp: | Konvent |
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Literatur + Links
| Weiterführende Links: |
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