Markdorf, Kollegiatstift St. Nikolaus
| Kurzbeschreibung: | 1389–1437 Gründungsphase – 1647 Vereinigung der städtischen Kaplaneien mit den Chorherrenpfründen – 1803 Aufhebung Patrozinium: NikolausKirchliche Zugehörigkeit: Bistum Konstanz, Landkapitel Linzgau |
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| Beschreibung: | Name: custodi et capituli ecclesie collegiata in oppido nostro Marckdorf (1470);1 collegiatstift Marchdorff (1597)2 GeschichteDie Gründung des Markdorfer Kollegiatstifts wird in ihrem Ablauf unterschiedlich beschrieben, ist aber in etwa wie folgt nachzuzeichnen:3 1389 übertrug Ursula von Markdorf zu ihrem Seelenheil und dem ihres verstorbenen Mannes, Konrad von Homburg, das Patronatsrecht der Markdorfer Kirche, die zu dieser Zeit eine Filiale der Kirche von Bermatingen war, an den Vikar und die Inhaber der sechs an der Kirche bestehenden Pfründen, die fortan als eine Gemeinschaft das Chorgebet verrichten sollten.4 Ursulas vier Söhne und der Bischof von Konstanz, Burkhard von Hewen (1388–1398), stimmten der Übertragung zu.5 Auch wenn zu diesem Zeitpunkt noch nicht von einem Stift oder von Chorherren die Rede ist, ist hier wohl der Beginn der Gemeinschaft anzusetzen. In der Stiftstradition jedenfalls galt Ursula, gemeinsam mit ihrem Mann, als Gründerin und als solche sind sie im Anniversar von 1630 und der Gottesdienstordnung von 1706 eingetragen.6 Ein nächster Schritt der Entwicklung wird 1431 sichtbar, als der plebanus und das capitulum ecclesisae sancti Nicolai Bischof Otto von Hachberg (1410–1434) um die Inkorporation der Kirchen in Zoggenweiler und Wernsreute baten.7 Zwar scheint sich inzwischen ein Kapitel gebildet zu haben und die Pfründeninhaber werden bei dieser Gelegenheit auch als Kanoniker bezeichnet; es fehlte jedoch weiterhin ein Vorsteher für die Gemeinschaft. Dieses Problem adressierten die Statuten, die die Markdorfer Chorherren 1437 Bischof Heinrich von Hewen (1436–1462) zur Bestätigung vorlegten. Ganz im sprachlichen Duktus der Zeit wurde festgehalten, dass ain custos als unser nechster oberer als ein houpt und sechs korherrn als die gelider […] ain cappittel bilden sollten.8 Dieser Kustos, der aus dem Kreis der Chorherren gewählt werden sollte, besaß die Aufsichts- und Strafgewalt über das Kapitel und sollte an hohen Feiertagen die Messe in der Stiftskirche lesen. Mit den Statuten von 1437 kann die Stiftsgründung als abgeschlossen bezeichnet werden. 1449 gelang es, die Kirche in Markdorf aus dem Bermatinger Pfarrverband zu lösen. St. Nikolaus wurde damit Stifts- und eigenständige Pfarrkirche. Das Vorschlagsrecht für den Pfarrer lag bei der Stadt, dann ab 1689 beim Bischof von Konstanz, das Kapitel musste allerdings zustimmen. Dieser neuen Situation trugen auch die Statuten Bischof Hermanns von Breitenlandenberg (1466–1474) aus dem Jahr 1470 Rechnung, die detailliert die liturgischen Verpflichtungen festhielten.9 Im Laufe des 15. und 16. Jahrhunderts stifteten Markdorfer Bürger noch weitere Kaplaneien, die zwar dem Kustos unterstanden und deren Inhaber sich am Chorgebet beteiligen sollten, deren Verleihungsrecht aber bei der Stadt lag. Diese versuchte im Lauf der Zeit immer wieder auf die Besetzung der Chorherrenstellen Einfluss zu nehmen, wogegen sich das Kapitel zu Wehr setzte.10 Im 17. Jahrhundert kam es mehrfach zu Versuchen einer Neuordnung des Stiftes. Statuten des Konstanzer Bischofs Jakob Fugger (1604–1626) sind nur als Entwurf erhalten.11 Als deutlich einschneidender erwiesen sich die Reformen nach dem Dreißigjährigen Krieg. 1637 überlebte nur ein einziger Chorherr eine Pestepidemie und 1647 war nur noch ein Kaplan am Leben. In der Folge wurden Pfarrei und Kustodie nun auch formal zusammengelegt, zuvor waren die Ämter bereits mehrfach in einer Person vereint. Die Kapläne, deren Stellen von fünf auf drei reduziert wurden, traten an die Stelle der Chorherren.12 Letztlich konnte auch dies den Verfall des Stiftes nicht aufhalten und im weiteren Verlauf des 17. und 18. Jahrhunderts scheint das gemeinschaftliche Leben der Kleriker, vor allem das gemeinsame Chorgebet, gänzlich erloschen zu sein. Bis schließlich das Stift nur noch auf dem Papier existierte, wenn die Kapläne gelegentlich als Chorherren und der Pfarrer als Stiftsadministrator bezeichnet wurden. Denn 1801 wandte sich Pfarrer Brunner gemeinsam mit den Kaplänen nach Konstanz und bat um die Wiedererrichtung des einst in Markdorf bestehenden Chorherrenstiftes und die Verleihung neuer Statuten, was der Bischof Karl Theodor von Dalberg (1799–1817) noch am 28. Dezember des Jahres genehmigte.13 Es bleibt allerdings fraglich, ob die angedachte Neuordnung des Stifts so kurz vor der Säkularisation überhaupt noch Wirkung entfaltete, denn diese machte auch vor Markdorf nicht halt. Im Gegensatz zu den anderen beiden Klöstern der Stadt wurde das Stift allerdings nicht dem Deutschen Orden übergeben, sondern es kam zu einer anderen Lösung. Da die Stiftspfründen ursprünglich städtische Kaplaneien gewesen waren, wurden ihr Vermögen und die Kaplaneihäuser hälftig zwischen Stadt und Pfarrei aufgeteilt. So sollten karitative Aufgaben in der Stadt und der Unterhalt der Pfarrei finanziert werden. Die noch an der Kirche tätigen Geistlichen wurden zur Aushilfe der Seelsorge an umliegenden Orten herangezogen.14 Johann Konrad Haubenschmidt, der letzte Kustos von Markdorf, führte den Titel bis zu seinem Tod 1820. Für das religiöse Leben in Markdorf waren die Bruderschaften enorm wichtig.15 Von überregionaler Bedeutung war die heute noch bestehende Schutzmantelbruderschaft, die an der Wallfahrtskirche auf dem Gehrenberg bei Bildbach angesiedelt war und deren Kapläne dem Stift beigeordnet waren. Der Chorherr Georg Gaul verfasste 1630 eine ausführliche Geschichte der Bruderschaft.16 Nach der Übernahme der Wallfahrtskirche durch die →Kapuziner wurde die Bruderschaft an eine eigene Kapelle in der Stiftskirche verlegt. Im frühen 18. Jahrhundert ließen sich neben diversen Adligen aus dem gesamten Reich auch die Kaiserin Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel mit ihrer Tochter, der späteren Kaiserin Maria Theresia, in das Bruderschaftsbuch eintragen. Daneben finden sich im Mitgliederverzeichnis diverse Namen von Mitgliedern religiöser Frauengemeinschaften aus der Bodenseeregion und Oberschwabens wie →St. Peter an der Fahr und →Zoffingen, →St. Gallus in Überlingen, Edelstetten, Munderkingen und Oberstenfeld.17 Ebenfalls relevant war die Sakramentsbruderschaft, in der eine Vielzahl an Geistlichen aus dem Umfeld der Konstanzer Kurie und Chorherren der Konstanzer Stifte Mitglieder waren.18 Daneben gab es noch eine Sebastians- und eine Rosenkranzbruderschaft. Inhalt und Ordnung des Archives aus der Stiftszeit dokumentieren zwei Repertorien aus dem 17. und 18. Jahrhundert.19 Nach der Aufhebung der Gemeinschaft verblieb das Stiftsarchiv in der Pfarrei. Über eine Bibliothek ist nichts bekannt. Ein Kircheninventar aus der Mitte des 17. Jahrhunderts verzeichnet lediglich Bücher, die sich in der Kirche befanden und für die Liturgie benötigt wurden, darunter ein von dem Konstanzer Bischof Hugo von Hohenlandenberg (1496–1529, 1531–1532) herausgegebenes Missale.20 Bau- und KunstgeschichteDie hochgotische Stiftskirche St. Nikolaus mit Resten der barocken Ausstattung steht im Zentrum der Kleinstadt oberhalb der Marktstraße. Sie wurde anstelle der älteren Pfarrkirche im späten 14. Jahrhundert neu gebaut; möglicherweise sind im Turmuntergeschoss Baureste der Zeit um 1200 erhalten. Wie bei vielen süddeutschen Stadtkirchen wurde ein kurzer, gewölbter Langchor mit einem niedrigeren holzgedeckten, dreischiffigen Langhaus verbunden. Außen ist der Chor durch Strebepfeiler und niedrige Nischen in der Sockelzone gegliedert. Im Norden schließen der Turm und die zweigeschossige spätgotische Sakristei an. Der Zugang für die Chorherren führt in den Turm, das Langhaus hat schlichte gotische Portale in der Westfassade und in der Mitte beider Seitenschiffe. Die schlichten Kreuzrippengewölbe des zweijochigen Chors setzen auf hochgelegenen Blattwerkkonsolen an; die Wandflächen blieben ungegliedert, Schildbögen fehlen. Dreibahnige Maßwerkfenster mit verschiedenartigen Couronnements öffnen sich in den Wänden des 5/8–Polygons und in der Südwand. Von den beiden Schlusssteinen zeigt der östliche die Muttergottes, die ein Zepter hält, der westliche den kreuznimbierten Kopf Christi. Die achteckigen Pfeiler des Mittelschiffs gehen ohne Kämpfer oder Kapitelle in die Arkaden über. Reste von Wandmalereien der Zeit um 1400 sind an den Ostwänden der Seitenschiffe erhalten. Die Obergadenfenster wurden im 19. Jahrhundert historistisch erneuert. Von der barocken Ausstattung sind vor allem die Triumphkreuzgruppe am Triumphbogen (1727) und die Gemälde des Marienlebens im Langhaus (1698/1715) zu nennen; im Chor befindet sich ein Wandtabernakel von 1717. Die 1660 von der Bürgerschaft errichtete, barock neugestaltete Bruderschaftskapelle am nördlichen Seitenschiff hat ihren barocken Stuck (1700, Johann und Franz Schmuzer), den Altar mit dem 1474 geschaffenen Gnadenbild der Schutzmantelmadonna (Johann Rueland) und Reste des Gestühls bewahrt. Im Übrigen wurde die Kirchenausstattung nach der Reduktion zu einer Pfarrkirche nach 1806 (mit barocken Figuren im Mittelschiff), 1870/71 (mit einem neugotischen Hochaltar), 1955 und 1980 weitgehend erneuert. Erhalten sind wenige Epitaphien des 16.–18. Jahrhunderts für Stiftsangehörige. Das zweigeschossige barocke Kanonikerhaus (Abb. 2) steht nördlich der Kirche (sog. Kaplaneihaus, Kirchgasse 5–9). Es hat zwei Hausteile in Fachwerk, einen in Massivbauweise bewahrt, die für drei Chorherren gleichartig aufgebaut waren und einen großen gemeinsamen Keller hatten. Das Kaplaneihaus des Bruderschaftsaltars steht unweit des Hexenturms im Süden der Stadt an der Stadtmauer. BibliographieHandbücher und Lexika: Dehio Baden-Württemberg Bd. 2, S. 438 f. (Peter Findeisen); SKHB, S. 396–399 (Manfred Ill). Literatur: Wetzel 1910; Freyas 1994; Oßwald 2019. Anmerkungen
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| Objekttyp: | Konvent |
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Literatur + Links
| Weiterführende Links: |
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