Überlingen, Kollegiatstift St. Nikolaus 

Kurzbeschreibung:

1609 Einrichtung eines Kollegiatstifts an der bisherigen Pfarrkirche – 1613 Statuten des neuen Stiftes – 1811 Aufhebung

Patrozinium: Nikolaus
Kirchliche Zugehörigkeit: Bistum Konstanz, Landkapitel Linzgau

Ortsbezüge:
Ordensregel:
  • Kollegiatstift St. Nikolaus 1609-1803
Beschreibung:

Name: ecclesia collegiata S. Nicolai Vberlingae (1619)1

Geschichte

Im Jahr 1609 wurde zwischen dem Rat der Reichsstadt Überlingen und Bischof Jakob Fugger von Konstanz (1604–1629) ein Vertrag über die Umwandlung der bisherigen Pfarrkirche samt aller dazu gehörenden Kaplaneipfründen in ein Kollegiatstift geschlossen.2 Der bisherige Pfarrherr wurde zum Propst des Stiftes befördert; acht Kanonikatsstellen und vier Kaplaneien wurden mit den bisherigen Inhabern der Kaplaneipfründen besetzt. Ein entscheidendes Motiv für die Gründung des Stiftes waren Schulden der einzelnen Pfründen in Höhe von 32.000 Gulden. Dazu kam, dass durch die korporative Organisation des Stiftes der städtische Säkularklerus im Sinne der tridentinischen Reform disziplinarisch besser eingebunden werden sollte. Der Rat als Patronatsherr behielt zugleich weiterhin die Kontrolle über die Ernennung von Propst und Stiftsherren sowie durch einen in Abstimmung mit dem Stift ernannten weltlichen Pfleger auch über dessen Finanzen. Da sich Rat und Bischof über Fragen der rechtlichen Zuständigkeit bei der Kontrolle und Aufsicht der Kleriker nicht einigen konnten, kam es zu keiner offiziellen Ratifikation der Statuten von 1613, deren Entwurf der amtierende Propst Christoph Ullanus (1611–1636) vorgelegt hatte, in der Praxis fanden sie aber Anwendung.

Bei der Gründung des Stiftes hatte das städtische Spital alle Schulden der Kaplaneipfründen übernommen und dafür deren 224 Hofstatt Reben erhalten. Als Gegenleistung erhielten die Stiftskleriker jährlich eine festgelegte Besoldung sowie Naturalien vom Spital. Von den ehemals 26 Pfründhäusern übernahm die Stadt 12 in ihr Eigentum, 14 blieben beim Stift, ebenso einige Lehensgüter in den umliegenden Ortschaften. Das Stift erzielte zudem Einnahmen aus weiteren Stiftungen sowie verliehenen Kapitalien.

Beim Stift lagen alle seelsorgerlichen Aufgaben der Pfarrei, wozu auch die sonntägliche Predigt durch den Propst gehörte sowie der Katechismusunterricht. Im Zentrum standen die täglichen Gottesdienste, für deren feierliche Ausgestaltung neben den Kanonikern und Kaplänen auch noch Choralschüler ausgebildet wurden, die bei Interesse und Eignung über ein sogenanntes Kurzsches, von der Stadt zu vergebendes Stipendium (eine Stiftung des Konstanzer Domherrn Dr. Jakob Kurz von 1578)3 ein Studium bei den Jesuiten in Dillingen absolvieren konnten.

Das Stift war mithin auch Teil der reichsstädtischen Musikkultur, vor allem aber natürlich das repräsentative Zentrum für die zeitgenössischen, von der katholischen Reform geprägten Frömmigkeitsformen. Dazu gehörten neben samstäglichen Prozessionen (abwechselnd nach →Birnau bzw. im Winter zur Kirche der →Franziskaner und zur Kapelle auf dem Gottesacker) auch Wallfahrten wie Bruderschaften. 1632 wurde die »Erzbruderschaft unserer lieben Frau« (Rosenkranz-Bruderschaft) gegründet; und 1636 pilgerten als Reaktion auf eine erfolgreich bestandene Belagerung im Dreißigjährigen Krieg Rat, Priesterschaft und Bürger nach Einsiedeln.

Die Entwicklung des Stiftes wurde massiv beeinträchtigt durch den Dreißigjährigen Krieg, da das Spital aufgrund der Zerstörung der Rebgärten nicht mehr in der Lage war, seinen Verpflichtungen gegenüber dem Stift nachzukommen. Die Zahl der Stiftskleriker sank zeitweise auf sechs Kanoniker und zwei Kapläne, die zudem auch die Seelsorgeaufgaben der ehemals vier Helfer des Propstes übernehmen mussten. Ein Aufschwung zeichnete sich erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts ab. 1680 wurde wieder eine dritte Kaplaneistelle besetzt, die wirtschaftliche Lage begann sich zu konsolidieren. Dazu kam, dass in Überlingen zwischen 1687 und 1765 insgesamt sieben neue Kaplaneien durch Familien gestiftet wurden. Die Inhaber der neuen Pfründen wurden zum Teil in das Stiftsleben, insbesondere den Chordienst, als canonici extra gremium eingebunden. Durchweg hatte das Stift qualifizierte Theologen als Pröpste, die meist bei den Jesuiten in Dillingen oder am Germanicum in Rom ausgebildet worden waren. Während im 17. Jahrhundert die Stiftskleriker überwiegend aus dem oberschwäbischen Umland kamen, zeichnete sich im 18. Jahrhundert eine zunehmende Verstädterung ab, die Kanonikate wurden jetzt vermehrt mit Angehörigen Überlinger Familien besetzt.

Neben den in der Sakristei aufbewahrten liturgischen Büchern übernahm das Stift wohl auch Teile der ehemaligen Pfarrbibliothek und führte sie als eigene Bibliothek weiter.

Mit der Mediatisierung der Reichsstadt 1803 begann ein über mehrere Jahre dauernder Auflösungsprozess. Zunächst war vorgesehen, das Kollegiatstift in ein Schulstift umzuwandeln, doch ohne durchschlagenden Erfolg, weshalb spätestens 1811 – gegen den Widerstand der Stiftskleriker – das Stift endgültig aufgehoben und die Seelsorge der Stadt wieder einem Pfarrer und drei Kaplänen übertragen wurde. Das Stiftskollegium war zur Zeit des Auflösungsprozesses bereits überaltert, schon im Jahr 1804 war das jüngste Mitglied 59 Jahre alt, so dass die letzten Kanoniker und Kapläne nach der Auflösung des Stiftes nicht mehr in der Lage waren, größere Verpflichtungen für die neue Pfarrei zu übernehmen. Am 15. März 1820 starb der letzte Kanoniker Friedrich Stahel.

Bau- und Kunstgeschichte

Das Kollegiatstift wurde an der Pfarrkirche St. Nikolaus gegründet, die im Zentrum der stark fortifizierten Stadt lag. Der Bau entsprach bereits durch die im 16. Jahrhundert durchgeführten Modernisierungen den Bedürfnissen an eine repräsentative Stiftskirche mit dem spätgotischen Lettner und dem 24 Stallen umfassenden Chorgestühl, das 1719 (i) um elf weitere Sitze erweitert wurde. Daher erfuhr der Sakralbau nach Einrichtung des Stifts keine baulichen Veränderungen, sondern blieb als spätgotische, geostete fünfschiffige Basilika mit 70 m Länge und 33 m Breite bis heute erhalten.

Unmittelbar nach der Erhebung zum Stift wurde 1611 (i) ein aufwändig gestaltetes, manieristisches Sakramentshaus mit pyramidalem Aufbau und Engeln als Karyatiden an der Nordseite des Altarraums aufgestellt und zugleich prachtvolle neue, frühbarocke Altäre beschafft. Bedeutend sind der 1616 fertiggestellte, mit vielen Figuren ausgestattete Hochaltar von Jörg Zürn, der mariologische Szenen zeigt, sein Marienaltar von 1610 sowie der 1631 von David Zürn gefertigte Rosenkranzaltar. Im 17. und 18. Jahrhundert entstanden weitere neue Altäre für die südlichen und nördlichen Seitenschiffskapellen. Das erhaltene Rokoko-Eisengitter ersetzte 1754 den Lettner vor dem Chor. Reste von Fresken dieser Epoche sind am Triumphbogen sichtbar. Andere Überreste der großflächigen Wandmalereien datieren noch in das 16. Jahrhundert. Ein großer Bestand der reichen liturgischen Ausstattung befindet sich bis heute vor Ort, darunter Silber- und Goldschmiedearbeiten, barocke Leuchter, Monstranzen und Kelche.

Von den Stiftsgebäuden ist das bereits für die mittelalterlichen Kaplaneien genutzte Pfründhaus erhalten geblieben (Münsterplatz 3). Nach Auflösung des Stifts wurde die Kirche weiter als Pfarrkirche genutzt.

Bibliographie

Handbücher und Lexika: Dehio, Baden-Württemberg Bd. 2, S. 734–740 (Peter Findeisen); KDM Bd. 1, S. 591–618 (Franz Xaver Kraus); kloester-bw, Kollegiatstift St. Nikolaus Überlingen (Wilfried Enderle); SKHB, S. 644–649 (Wilfried Enderle).

Literatur: Enderle 1991.

Anmerkungen

  • 1 GLA 67 Nr. 1389, fol. 265 (17. 3. 1619).
  • 2 Teilweise ediert in: Geier 1908, S. 60 9-621, vollständig in: StadtA ÜB Reichsstadt A 1594.
  • 3 Ausführlich dazu: Enderle 1990, S. 32 6-336
Objekttyp: Konvent
Personenbezüge:
  • Wilfried Enderle [Autor]
  • Ellen Schumacher [Autor]
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