Öhningen, Augustinerchorherren
| Kurzbeschreibung: | vor 1155 Gründung – 1534/36 Inkorporation in das Hochstift Konstanz – 1803/05 Aufhebung Patrozinium: Peter, Paul, HippolytKirchliche Zugehörigkeit: Bistum Konstanz, Landkapitel Stein |
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| Beschreibung: | Name: prepositura Oningen (1155);1 vita secundum regulam beati Augustini (1166)2 GeschichteHistorische EntwicklungDas Stift Öhningen liegt auf einer Anhöhe oberhalb des Untersees und wurde aufgrund seiner exponierten Lage möglicherweise an der Stelle eines älteren Adelssitzes, einer Kirche oder einer Kapelle mit einem Friedhof gegründet. Die Lage Öhningens in der Nähe zum Rheinübergang bei Stein war, auch wenn die Bedeutung der vorbeiführenden Handelsroute ab dem Hochmittelalter abnahm, durchaus attraktiv. Ob die Namen der Patrone der späteren Stiftskirche, die bereits in der Karolingerzeit nördlich der Alpen verehrten Petrus, Paulus und Hippolyt, auf eine ältere Kirche, etwa die Pfarrkirche des 788 erstmals erwähnten Dorfs Öhningen, oder auf eine Kapelle beispielsweise in Zusammenhang mit einem Adelssitz hinweisen, muss spekulativ bleiben, zumal eine breitere Verehrung des heiligen Hippolyt von Rom im Bodenseeraum erst für das Hochmittelalter sicher nachweisbar ist.3 Die drei Patrone werden zuerst in einer im späten 12. Jahrhundert gefälschten Urkunde genannt, ab dem 14. Jahrhundert ist zudem die Verehrung von Maria und der Hl. Verena nachweisbar.4 In der Neuzeit gelten als Patrone in erster Linie Petrus sowie Hippolyt. Die Urkunde, in der Kaiser Otto I. (936–973) am 13. Januar 965 in Chur die Stiftung Öhningens und den zugehörigen Besitz bestätigt haben soll, ist eine Fälschung des letzten Drittels des 12. Jahrhunderts.5 Da der größte Teil des Urkundeninhalts auf einem Diplom Friedrich Barbarossas (1152–1190) fußt und auf Nachrichten der Genealogia Welforum (1123/1126) bzw. der Historia Welforum (1167/1174) zurückgeht, da außerdem Datum und Lokalisierung der Stiftungsbestätigung aus der Chronik Hermanns des Lahmen (1054) gewonnen sein dürften, muss offenbleiben, ob einzelne Passagen aus einer oder mehreren Vorgängerurkunden des 10. Jahrhunderts stammen können; wahrscheinlich ist das Diplom in allen Teilen eine Fälschung des ausgehenden 12. Jahrhunderts, die im Umfeld des Konstanzer Bischofs entstanden war. Nach dem unechten Gründungsprivileg von 965 hatte Kuno von Öhningen mit Zustimmung seiner Frau Richlind und seiner vier Söhne das Stift kurz zuvor gegründet. Bereits die Gestalt des vermeintlichen Stifters, der ansonsten nur in einem Gedenkeintrag eines Reichenauer Verbrüderungsbuchs von 970/80 und in der Genealogia Welforum bzw. der Historia Welforum erwähnt wird, hat für eine noch andauernde Forschungskontroverse gesorgt. Einigkeit besteht bei manchen Forschenden lediglich darin, dass Kuno als ein Mitglied des konradinischen Familienverbands anzusehen ist und dass er eine enge Beziehung zum Rheinauer Stifterverband besaß. Die Forschung tendiert des Weiteren dazu, Kuno mit dem von Otto II. (973–983) eingesetzten Herzog Konrad von Schwaben (982–997) gleichzusetzen sowie Richlind als Enkelin Ottos I. genealogisch einzuordnen.6 Die Vermutung, Kuno habe in Öhningen eine geistliche Institution gestiftet, ist jedoch in gleicher Weise spekulativ wie alle anderen Hypothesen, die einen späteren Gründungszeitpunkt favorisieren. Nicht zu klären ist ebenfalls die Frage nach dem Status Öhningens, das erstmals 1155 als Propstei und 1166 in einer möglicherweise gefälschten Urkunde als Augustinerchorherrenstift fassbar ist: Entweder bestand bereits eine ältere Gemeinschaft von Geistlichen, die erst später die Augustinusregel übernahm, möglicherweise als Benediktinerkloster oder als nicht reguliertes Kollegiatstift, oder Öhningen wurde als Augustinerchorherrenstift eingerichtet, vielleicht während der großen Gründungswelle solcher Institutionen im Bistum Konstanz im ausgehenden 11. und beginnenden 12. Jahrhundert. Eine wichtige Rolle bei der Gründung könnten somit die Bischöfe Gebhard III. (1084–1110) und vor allem Ulrich I. (1111–1127) gespielt haben, zumal letzterer, vor Antritt des Bischofsamts selbst Augustinerchorherr, als großer Förderer der Augustinerchorherrenstifte in der Diözese hervorgetreten ist. Skelettfunde im Osten der Anlage werden in das 8./9. Jahrhundert datiert, was aber lediglich die Annahme bestätigt, dass in dieser Zeit ein Kirchen- oder Kapellenbau und ein Friedhof bestanden haben müssen.7 Als Teile der ältesten Konventsgebäude interpretierte Funde werden in die Mitte des 12. Jahrhunderts datiert.8 Am 27. November 1155 bestätigte Friedrich Barbarossa dem Konstanzer Bischof Hermann I. (1138–1165) im Rahmen eines großen Privilegs für die Konstanzer Kirche auch den Besitz der prepositura Oningen.9 Diese hatte der Staufer, so seine Darstellung, aus eigenem Besitz an die Konstanzer Bischofskirche gegeben. Elf Jahre später, am 16. Oktober 1166, schenkte Barbarossa Öhningen einen Hof, bestätigte dessen Besitzungen, die Augustinusregel (vita secundum regulam beati Augustini) und die freie Wahl des Propsts.10 Dabei beanspruchte der Kaiser das Stift für sich, da es von seinen Vorfahren gegründet worden sei und er es geerbt habe; vielleicht waren Herrschaftsrechte in diesem Raum oder eine bereits bestehende geistliche Institution über den Erbweg von Kuno oder von einem anderen Verwandten über die Welfen an die Staufer gekommen. Barbarossas Anspruch auf Öhningen war durch seine Hausmachtinteressen am westlichen Bodensee motiviert; dabei kam er in Konflikt mit den Konstanzer Bischöfen, die ihren Besitz auf der Höri und am Hochrhein sichern und erweitern wollten. Nach dem Tod Bischof Hermanns am 20. November 1165, einem wichtigen Anhänger des Staufers, konnte der Kaiser seine Besitzbestätigung von 1155 rückgängig machen und so die eigenen Familieninteressen wahren. Die jüngere Forschung hat jedoch die Echtheit der Urkunde Kaiser Friedrichs I. angezweifelt; somit muss offenbleiben, ob Öhningen nicht vielleicht doch unbestritten im Besitz der Konstanzer Bischöfe verblieb.11 Im ausgehenden 12. Jahrhundert gehörte das Augustinerchorherrenstift fraglos zum Konstanzer Hochstiftsbesitz, denn am 9. April 1191 übertrugen Heinrich VI. (1190–1197) und seine Brüder im Rahmen einer Seelgerätstiftung am Konstanzer Dom den Ort Öhningen mit allem Zubehör an die Konstanzer Kirche; die Vogtei des Ortes stehe ebenfalls dem Bischof zu.12 Auch wenn in der Urkunde das Stift nicht explizit erwähnt wird, so ist doch davon auszugehen, dass dieses zum Konstanzer Besitz gehörte. Eine Identifikation des in der Stiftungsurkunde genannten Ortes mit Unadingen (Lkr. Breisgau-Hochschwarzwald), wie sie zum Teil in der Forschung vertreten wurde, ist schon allein deswegen abwegig, weil die Konstanzer Bischöfe erst im Jahr 1781 Rechte in Unadingen erwerben konnten.13 Im Jahr 1192 ist der Propst von Öhningen im Umfeld des Konstanzer Bischofs Diethelm von Krenkingen (1189–1206) belegt, wahrscheinlich war er Teilnehmer an einer Diözesansynode.14 Trotz eines Privilegs Papst Alexanders IV. (1254–1261) vom 5. Mai 1256, in dem dieser das Stift Öhningen und dessen Güter in seinen Schutz nahm sowie alle Besitzungen und Rechte bestätigte,15 blieb die Vogtei ab dem ausgehenden 12. Jahrhundert unangefochten beim Konstanzer Bischof. Die Vogteirechte übten unter anderem in Gaienhofen ansässige Untervögte aus. Zwar verpfändeten die Bischöfe Heinrich von Brandis (1357–1383) und Otto von Hachberg (1410–1434) kurzzeitig die Vogtei, doch bildete Öhningen weiter einen Stützpunkt konstanzischer Herrschaft am Hochrhein, der nicht für längere Zeit aus der Hand gegeben werden sollte. Das Augustinerchorherrenstift Öhningen gehörte zum Archidiakonat Ante Nemus und war Teil des Landdekanats Ramsen (Kt. Schaffhausen), Öhningen bzw. Stein.16 Ein Propst ist namentlich erstmals 1160 fassbar,17 er versah die inneren Angelegenheiten des Stifts und lenkte den meist etwa sechs Chorherren umfassenden Konvent. Zudem war der Propst für Bauangelegenheiten verantwortlich. Im 14. und 15. Jahrhundert fungierten die Pröpste einige Male als Schiedsrichter in lokalen Rechtsangelegenheiten. Besonders im beginnenden 15. Jahrhundert, als die Gemeinde Öhningen nach Unabhängigkeit von Bischof und Stift strebte, entstanden häufig Auseinandersetzungen um Rechte und Zuständigkeiten, die wie beispielsweise am 12. Januar 1415 immer nur zeitweise zwischen Stift und Gemeinde geschlichtet werden konnten.18 Am Ende des Jahres 1427 überfiel Bischof Otto von Hachberg zusammen mit Hegauer Adeligen das Dorf, weil es ein Burgrecht mit der Stadt Konstanz eingehen wollte.19 Bis März 1428 hielt sich der Hachberger in Schaffhausen auf, zudem hatte er für diesen Zeitraum das bischöfliche Gericht nach Kaiserstuhl im Aargau verlegt. Der Anlass für das militärische Eingreifen des Bischofs ist in erster Linie in dessen Gegnerschaft zur Stadt Konstanz zu sehen, doch ein weiterer Grund für Otto von Hachberg war, die Ausbreitung des eidgenössischen Einflusses nach der Eroberung des Aargaus 1415 und im Rahmen der Appenzellerkriege (1401–1429), an denen Bischof Otto insbesondere zwischen 1427 bis 1429 aktiv beteiligt war, in seinem Herrschaftsgebiet zu begrenzen. Am 26. Februar 1428 wurde die Auseinandersetzung mit der Gemeinde Öhningen beigelegt, wobei der Propst und der Konvent auf Seiten des Konstanzer Bischofs und des Domkapitels standen.20 Das Stift verhielt sich also bei der Konfrontation mit der Gemeinde Öhningen und den Eidgenossen im 15. Jahrhundert bischofstreu. Weitere Konflikte entstanden zwischen dem Augustinerchorherrenstift und der wie Öhningen rechtsrheinischen Stadt Stein am Rhein oder dem dortigen Kloster St. Georgen, die beide nur 2,5 Kilometer von dem Stift entfernt liegen. Diese Spannungen nahmen im 15. Jahrhundert zu, als 1454 mit Schaffhausen erstmals eine rechtsrheinische Stadt ein Bündnis mit den eidgenössischen Orten abschloss. Im Jahr 1459 verbündete sich Stein am Rhein mit den Städten Zürich und Schaffhausen gegen die Habsburger. Im Schwabenkrieg 1499 blieb Öhningen durch das diplomatische Geschick Propst Nikolaus Cristiners (1482–1513/16) von den in Stein lagernden Kriegsknechten weitgehend verschont. Der Propst hatte alle wertvollen Güter in Konstanz in Sicherheit gebracht und die Kriegsknechte mit Ochsen, Korn und Wein bestochen, um weitere Plünderungen wie zu Beginn der Auseinandersetzungen Ende März 1499 zu verhindern. Im Bauernkrieg 1525 vertrieben Öhninger Bauern Propst Konrad Rupp (1516–1534), selbst einige Chorherren wie Johannes Cristiner sollen sich den Aufständischen angeschlossen haben. Nach dem Ende der Kämpfe konnte der Konstanzer Bischof jedoch die Kontrolle über die abtrünnigen Chorherren wiedergewinnen.21 Schon in den Jahrzehnten zuvor hatte es wiederholt Differenzen zwischen dem Propst und den Kanonikern gegeben. Mit dem Beginn des 16. Jahrhunderts erreichte der wirtschaftliche Niedergang vieler geistlicher Institutionen im Bodenseeraum auch im Augustinerchorherrenstift Öhningen seinen Höhepunkt, meist konnten nur noch drei Kleriker mit Pfründen versorgt werden. Die Bischöfe warfen den Chorherren sittliches Fehlverhalten vor, in erster Linie dürften sie mit diesen Anschuldigungen aber versucht haben, das Stift stärker unter ihre Kontrolle zu bekommen. Eine solche Absicht zeigt sich in gleicher Weise an der Propstwahl des Jahres 1516: Da die Kanoniker die Wahl ohne Einverständnis des Bischofs vollzogen hatten, mussten sie ihre Entscheidung zurücknehmen und einen von Konstanz eingesetzten Kandidaten akzeptieren. Nach dem Bauernkrieg wurde das Stift vom in Gaienhofen ansässigen bischöflichen Vogt als Administrator geleitet. Wenige Jahre später bot der Kaiser dem Bischof an, die Inkorporation des Stifts Öhningen zu unterstützen, um die Finanzen des Hochstifts zu verbessern. Unter Bischof Johann von Lupfen (1532–1537) wurde der Plan ausgeführt, die Inkorporation erlangte 1534 die Zustimmung Papst Pauls III. (1534–1549) und 1536 die Billigung König Ferdinands I. (1531–1564). Nun fungierte der amtierende Konstanzer Bischof als Propst, der einen Dekan, einen Prior oder einen Superior einsetzte, der für die geistlichen Aufgaben vor Ort zuständig war; das Einverständnis des Konvents zu diesen Personalentscheidungen musste nicht eingeholt werden. In Öhningen residierte ab dem 17. Jahrhundert ein bischöflicher Obervogt, der, unterstützt von einem Amtsverwalter und einem Amtsschreiber, die weltlichen Belange des Stifts bestimmte. Das Obervogteiamt Öhningen umfasste vor allem die Orte Öhningen, Wangen und Schienen. Zudem konnten die Fürstbischöfe von der Landgrafschaft Nellenburg das Hochgericht über Öhningen 1622 als Pfand und 1739 als Lehen erwerben. Die Konstanzer Bischöfe erlangten nach der Einverleibung Öhningens noch weitere Herrschaftsrechte in der Umgebung, in erster Linie durch die Inkorporation der →Reichenau 1540 konnte ihr Besitz am Untersee erweitert und abgerundet werden. Damit veränderten sich auch die Öhninger und Konstanzer Wappenbilder: Das Öhninger Wappen, das zwei Hände zeigt, die aus Wolken heraustreten und einen Schlüssel meist mit doppeltem Bart halten, das also die Schlüsselübergabe Gottes an Petrus symbolisiert, wurde bereits in das älteste erhaltene Propstsiegel vom 28. Dezember 1328 aufgenommen.22 Nach der Inkorporation trat nun das Konstanzer Bistumswappen zum Öhninger Wappenbild hinzu. Das fürstbischöfliche Wappen, Münzen oder Medaillen wurden im 16. Jahrhundert um das rote Kreuz der Reichenau und den Öhninger Schlüssel ergänzt, und auch in der Titulatur wurde der Fürstbischof nun als Herr der Reichenau und von Öhningen angesprochen. Die Inkorporation brachte eine vorübergehende Verbesserung der wirtschaftlichen Situation auch des Stifts, nun sind meist sechs Pfründner belegt, ab dem 18. Jahrhundert sogar bis zu zwölf Chorherren. Allerdings war die von Konstanz aus gewährte finanzielle Versorgung aus Sicht des Konvents oft zu knapp bemessen und wurde in manchen Fällen unvollständig und verspätet ausgezahlt, sodass sich die Chorherren im Jahr 1650 sogar beim Papst über den Bischof und dessen Amtleute beschwerten. Im Dreißigjährigen Krieg kam es wiederholt zu Plünderungen des Stifts, und zeitweise musste der Konvent das Stift verlassen, doch die Bischöfe sorgten für die Wiederherstellung des Besitzstands. Zudem unterstützten die Fürstbischöfe ab dem 16. Jahrhundert den Aufbau der Bibliothek, veranlassten wie Bischof Jakob Fugger (1604–1626) umfassende Neubauten beispielsweise der Stiftskirche und der Friedhofskapelle St. Jakob, ließen wie Bischof Franz Johann Vogt von Altensumerau und Prasberg (1645–1689) Kriegsschäden an Stiftsbauten beheben und statteten wie Bischof Kasimir Anton von Sickingen (1743–1750) Kirche und Konventsbauten barock aus: Dem Vorwurf der Vernachlässigung des Stifts Öhningen begegneten die Fürstbischöfe also mit einer beachtlichen Bautätigkeit. Gleichwohl sind auch noch aus der Mitte des 18. Jahrhunderts mehrfach Klagen der Chorherren überliefert, dass der Bischof nicht angemessen für ihren Unterhalt und für den Erhalt und die Ausstattung der Gebäude aufkomme. Bemühungen, besonders unter Dekan Karl Loder († 1760), die Inkorporation aufzuheben, blieben jedoch wie die zeitgleichen Anstrengungen der Reichenauer Mönche erfolglos. Das Augustinerchorherrenstift Öhningen kam im Rahmen der Säkularisation 1803 an Baden. Im selben Jahr wurde seine Auflösung eingeleitet, die zwei Jahre später am 1. April 1805 mit der Einrichtung der Pfarrei Öhningen durch Kurfürst Karl Friedrich von Baden (1738–1811) abgeschlossen war. Von den im Jahr 1800 noch zwölf Konventualen mussten nach 1805 insgesamt sechs Chorherren als Pensionisten bzw. als in der Pfarrei verbliebene Seelsorger abgefunden werden. Besitz und WirtschaftDie Besitzschwerpunkte des Augustinerchorherrenstifts Öhningen befanden sich vor allem im Hegau und Klettgau, wie die Erwähnung von Besitzungen und Rechten in einer Urkunde aus dem Jahr 1166 zeigt.23 Da man diese Urkunde jedoch als Fälschung ansieht, sind erst die Angaben im Privileg Papst Alexanders IV. von 1256 glaubwürdig, die einen deutlich geringeren Besitzstand des Stifts vermelden: die Dörfer Öhningen, Elmen, Bühlhof, Litzelhausen und Wald, allesamt im nächsten Umfeld des Stifts, sowie Besitzungen in Kattenhorn, Wangen (Lkr. Konstanz), Eschenz (Kt. Schaffhausen) und Lottstetten, außerdem Zehnten in Buchberg (Kt. Schaffhausen), Rafz, Gottmadingen, Jestetten (Lkr. Waldshut), Zeilen, Zimmerholz, Beuren und Büßlingen.24 Die 1256 genannten Güter und Rechte konnte das Stift bis in das 18. Jahrhundert weitgehend bewahren und durch einige wenige Zuerwerbungen zwei Besitzkomplexe ausbilden: um das Dorf Öhningen und um die hinter Schaffhausen rheinabwärts gelegenen Dörfer Lottstetten und Buchberg.25 Die wichtigsten Nutzungsformen waren die Landwirtschaft, der Weinbau und der Fischfang, zudem ist um 1500 erstmals der Abbau von Kalkstein bei Öhningen belegt. Im Mittelalter verwalteten die in Gaienhofen ansässigen Untervögte des Bischofs den Besitz des Stifts, ab dem 17. Jahrhundert übte der bischöfliche Obervogt in Öhningen diese Funktion aus. Bis zur Inkorporation besaß der Propst Mitspracherechte, auch übte er das Niedergericht über den Ort Öhningen aus. Der durch die Territorialpolitik der Habsburger und anderer Mächte im 13. und 14. Jahrhundert eingeschränkte Güterstand Öhningens wurde durch die Inkorporation der Pfarrkirchen Lottstetten (Lkr. Waldshut) im Jahr 1399 sowie Buchberg (Kt. Schaffhausen) im Jahr 1481 kaum verbessert. Die Konstanzer Annatenregister belegen für das 15. Jahrhundert, dass Öhningen als eine wirtschaftlich schwächere geistliche Institution einzuschätzen ist, denn das Augustinerchorherrenstift stand unter den 36 Klöstern und Stiften in der Diözese Konstanz, was die Höhe der Annaten angeht, nur auf Platz 23.26 Den ökonomischen Herausforderungen insbesondere seit dem frühen 16. Jahrhundert begegneten die Bischöfe mit der Inkorporation des Stifts, dessen Einnahmen gleichwohl nun in die Konstanzer Kassen flossen. Am Ende des 18. Jahrhunderts war Öhningen einer der vier am wenigsten ertragreichen Bezirke unter den 31 Obervogteiämtern des Fürstbistums. Religiöses und kulturelles WirkenDas Stift Öhningen besaß keine herausragenden Reliquien seiner Patrone Peter, Paul und Hippolyt und war auch kein Ort besonderer marianischer Frömmigkeit,27 sodass sich keine bedeutenden Wallfahrten entwickelten, zumal das direkt benachbarte →Schienen mit seinen Genesiusreliquien und vor allem seiner nachreformatorischen Marien-Verehrung ein weit ausstrahlendes Pilgerziel darstellte. An der Öhninger Kirche gab es mehrere bruderschaftliche Zusammenschlüsse, die um 1600 gegründete Sebastiansbruderschaft, die 1661 errichtete Totenbruderschaft und die 1628 bezeugte Rosenkranzbruderschaft. Das Anniversarium des Stifts, in welches auch Listen der Pröpste (bis 1540) und der Konventualen (1519–1644) eingebunden wurden, legte man 1483/1500 an und führte es bis zum Jahr 1734 fort.28 Der Schulunterricht in Öhningen durch einen Chorherrn ist erstmals um 1600 belegt. Der geistig wirkungsmächtigste Kanoniker war Dominicus Wenz († 1755), der einen Kommentar zur Augustinusregel (1718), eine Vorbereitungsschrift für die Erstkommunion (1724) und eine Sammlung von Sinnsprüchen (1726) zum Druck brachte. Sein Hauptwerk ist das 1757 und 1793 erschienene Exempel-Buch für Kinder und Jugendliche, das für die Erzählliteratur des 18. und 19. Jahrhunderts wichtige Anstöße gab. Der Dekan Karl Loder († 1760) verfasste neben einer biblischen Historie (gedruckt in Konstanz 1761–66) handschriftliche Aufzeichnungen zur Stiftsgeschichte, in welcher er an seinem Lebensende vor allem seine gescheiterten Bemühungen um die Aufhebung der Inkorporation Öhningens in einen größeren historischen Kontext stellen wollte.29 Bibliothek und ArchivBei der Öhninger Bibliothek handelt es sich um eine kleine Sammlung. Die einzige Handschrift wird in der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe aufbewahrt (Cod. Öhningen 1) und überliefert die lateinische Bibel. Ausleihvermerke gehen auf den Konstanzer Bischof Otto von Hachberg und den Domkustos Heinrich Nithart zurück. Im 18. Jahrhundert hatte, wie der Catalogus minor zeigt, die Sammlung einen Umfang von über 2.500 Titeln. Die Vorauswahl lag bei der Hofbibliothek, die Nachauswahl sollte 1806 an die Universitätsbibliothek Heidelberg gehen, fiel 1808 dann aber an die Universitätsbibliothek Freiburg, die unter anderem sieben Inkunabeln aus dieser Quelle besitzt. Das Öhninger Archiv kam nach Aufhebung des Stifts in das Generallandesarchiv Karlsruhe und wird dort zusammen mit den Archivalien der Verwaltung der Bischöfe von Konstanz verwahrt. Bau- und KunstgeschichteLageVom ehemaligen Augustinerchorherrenstift oberhalb des Rheinausflusses aus dem Bodensee sind die Kirche und, um einen auffallend engen rechteckigen Hof angeordnet, die Konventsgebäude erhalten – Propstei, Pfarrhaus und Stammhaus sowie Torkel und Bibliothek. Im Vorhof stehen noch die kleine Kapelle der Totenbruderschaft und das Verwaltungsgebäude für den bischöflichen Obervogt, heute Rathaus. Kirche und KonventsbautenZwei Skelette aus dem 8./9. Jahrhundert (861 +/- 86 [d]) von einem Friedhof südöstlich des heutigen Chors weisen neben dem Hippolyt-Patrozinium und der Erwähnung von Öhningen 788 auf die Existenz einer Friedhofs- und/oder Pfarrkirche des 8./9. Jahrhunderts hin, die jedoch archäologisch nicht nachweisbar ist. Mehrere Mauerzüge aus zweischalig geschichteten Geröllen sowie ein gut 3 m hoher Block fluchten auffallend miteinander und lassen auf eine größere Anlage schließen, die um die Mitte des 12. Jahrhunderts beschädigt wurde. Möglicherweise konnten die Augustinerchorherren zunächst ältere, bereits bestehende Gebäude nutzen. Im Zusammenhang mit der Gründung des Chorherrenstifts ist jedoch mit einem Kirchenneubau zu rechnen (1166 Nennung des Patroziniums Peter, Paul und Hippolyt), auf den sich die Nachricht einer Weihe durch Bischof Hermann I. beziehen könnte. Heute besteht die Kirche aus einem flach gedeckten Langhaussaal mit großen Rundbogenfenstern und einem tiefen Rechteckchor. Auffallend sind die Maße des Langhauses, die fast mit denen der Kirche St. Georg in Stein am Rhein und der Länge von St. Genesius in Schienen übereinstimmen. Für einen Neubau des frühen 17. Jahrhunderts ist das Langhaus jedoch deutlich zu breit. So ist zu vermuten, dass wenigstens die Fundamente, eher jedoch Teile der Langhauswände der romanischen Kirche erhalten sind. Man kann sich diese Kirche als Basilika vorstellen, eine kleine Schwester der Konstanzer Bischofskirche des 11. Jahrhunderts vielleicht. Auch der Chor mit der darunter liegenden (Substruktions)Krypta könnte dem 12. Jahrhundert entstammen. Um 1600 scheint er baufällig gewesen zu sein. Initiator des barocken Umbaus war Bischof Jakob Fugger, dessen Wappen die Westwand ziert. Das gut erhaltene, einheitliche Dachwerk besteht aus Hölzern mit Fälldatum 1615/16 (d), das des Chors 1618/19 (d). Dieser besitzt ein zweijochiges Gratgewölbe, das Langhaus eine Flachdecke. Dass der Fußboden des Langhauses offenbar mehrfach aufgeschüttet wurde, belegen zwei Tonplatten sowie ein Sandsteinblock 0,62 m unter dem heutigen Fußboden. Unter der Kanzel liegen 1,08 m unter dem heutigen Fußboden noch ca. 1,5 m² eines Tonplattenbodens. Offenbar gab es hier auch Grabplatten, darunter die des Philipp Scriba († 1620). Demnach war dies das Niveau der seit ca. 1616 benutzbaren Kirche. Später fanden alle Bestattungen offenbar in einer Art Gruft unter dem Langhaus statt, die erst 1752 aufgehoben wurde, als der Boden (nach der Anhebung?) mit neuen Platten ausgelegt wurde.30 Künftig bestattete man die Chorherren in der Totenbruderschaftskapelle. Auch der nördliche Kreuzgangflügel beziehungsweise die beiden aufeinander folgenden des 12. und des frühen 17. Jahrhunderts müssen zunächst ca. 1 m tiefer gelegen haben. Jedenfalls lassen sich ein Laufhorizont mit einem Pflaster aus Geröllen, welcher nicht zu einer Hofpflasterung gehörte, sowie darüber eine Mörtel- und eine Sandschicht mit Fragmenten eines Ziegelbodens so interpretieren. Der Bau des unten quadratischen, oben oktogonalen Turms mit Zwiebelhaube (Buckelquader an den Ecken unter dem Dach noch sichtbar) wurde 1616 begonnen (Gerüsthölzer 1616 [d]), stürzte 1618 ein und war 1623/24 (d) wieder bis zur Höhe des Chordachs vollendet. Die Konstruktion der (stark restaurierten) Haube wurde 1624/25 (d) aufgesetzt. Dass diese Wand gerade ist und nicht polygonal, lässt ebenso wie die beiden kleinen Chorfenster, die ganz offensichtlich die Breite des Turms bestimmten, vermuten, dass es sich um den romanischen Bau mit ursprünglich drei Fenstern nach Osten handelt. Auf jeden Fall ist der Chor aber auch älter als der ca. 1450 begonnene Ostflügel, der mit seiner Nordwand an den Chor der Kirche stößt und auch hier gerade noch ein nach Größe und Position zugehöriges Fenster frei lässt. Denn ab der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts entstand über den Gebäuden des 12. Jahrhunderts ein neuer Ostflügel (vier Proben 1452/53, fünf von 1510/11). Sichtbare Hinweise auf die Bauzeit sind eine spätgotische Türrahmung und eine gedrehte Fenstersäule. Unter Bischof Jakob Fugger wurde er aufgestockt und erhielt einen Staffelgiebel nach Süden, welcher später durch einen Walm ersetzt wurde. Das Dach ist 1615/16 (d) abgezimmert. Fugger ließ eine neue Sakristei und seine Privaträume mit einem Oratorium errichten. Mit seinem 1617 datierten Wappen an der Fassade gab er sich auch hier als Bauherr zu erkennen. Eine datierte Deckentäfelung von 1651 trägt das Wappen von Bischof Johann Franz Vogt von Altensumerau und Prasberg. Ab dem späten 15. Jahrhundert ließ Nikolaus Cristiner im Süden das Stammhaus errichten. Vom Keller (Unterzug 1481/82 [d]) über das Gebälk des Erdgeschosses 1495/96, 1494 und 1493 (d) bis zum Dachwerk 1520/21, 1521/22 (d) lassen sich die Baufortschritte gut nachverfolgen. Es handelt sich um ein viergeschossiges Gebäude mit Buckelquadern an den Ecken und Staffelgiebeln, zwei fast ganz geschlossenen Sockel- und zwei Fenstergeschossen (Fenster dat. 1487). Ursprünglich befand sich hier der Konventssaal mit seinen drei tiefen Nischen hinter den dreiteiligen, gestuften Fenstern. Unter Bischof Kasimir Anton von Sickingen wurden gegen Mitte des 18. Jahrhunderts Decke und Wände stuckiert und mit Medaillons ausgestattet. An der Decke befindet sich ein großes Stifterbild. Die Mauern, die jüngst vor der Südwand freigelegt wurden – entweder als Bade- oder Brauhaus gedeutet31 – scheinen unterschiedlichen Phasen anzugehören. Weder ihre Datierung noch ihre Nutzung ist eindeutig zu rekonstruieren. Jedenfalls aber stoßen sie noch gegen die Mauer des 12. Jahrhunderts. Vor 1556 errichtete man das Torkelgebäude im Westen, das ursprünglich einen Fachwerkaufsatz besaß, welcher ab 1732 durch ein steinernes Geschoss für Bibliothek und Krankenzimmer ersetzt wurde. An der Decke der Bibliothek findet sich das Wappen von Bischof Johann Franz Schenk von Stauffenberg (1704–1740). Erst ab 1685 (Grundsteinlegung)32 entstand das sogenannte Pfarrhaus, das den hochmittelalterlichen Bau im Süden ersetzt, jedoch (aus statischen Gründen?) den Mauerblock respektierte, denn seine Südwand verläuft ca. 2 m davor. Offenbar wurde zu dieser Zeit das Gebäude im Süden ganz aufgegeben. An der Außenseite gliedern regelmäßige Fensterachsen seine Fassade, zum Hof hin besaß es ursprünglich eine Fachwerkwand. Der Südflügel des Kreuzgangs ist erhalten. Eine Wappentafel (Kopie von 1962) verweist auf Johann Franz Vogt von Altensumerau und Prasberg. Mit dem Bau des Pfarrhauses wurde offenbar das Niveau des Innenhofes angehoben und auch der nördliche Kreuzgangflügel erneuert. Er war zweigeschossig – über den unteren Arkaden lag ein Beichtgang mit Pultdach, über den auch die Kanzel im Innern zugänglich war (abgebrochen 1840). Zugleich wurde wohl der Fußboden des Langhauses angehoben, was auch eine Veränderung der beiden Zugänge zur Folge haben musste. Materielle Kulturgeschichte, BauausstattungBereits 1619 war Hans Schenck an einem Hochaltar tätig. Das Hauptaltarblatt, Maria mit den Hll. Augustinus, Verena, Hippolyt und Franziskus, darüber Gottvater, aber erst 1680 von Johann Schmidtner, 1681 durch den Stifter Vogt von Altsumerau und Prasberg geweiht. Die Hans Schenck zugeschriebenen Titelheiligen Petrus und Paulus seitlich des Altars stehen nicht am ursprünglichen Standort. In den mit zartem Stuck überzogenen Gewölben des Chors sieht man acht Medaillons – die Gottesmutter und Gottvater, die Hll. Verena und Wendelin sowie die Kirchenväter, von F. Schilling 1931 geschaffen. Das Chorgestühl mit 28 Plätzen entstand um 1640/50. Dazu gehörten die 14 kleinen Apostelgemälde, heute im Langhaus. Der Marienaltar im Norden und der Sebastiansaltar im Süden entstammen der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die beiden Figuren, umgeben von Medaillons mit den Vierzehn Nothelfern im Süden und den Geheimnissen des Rosenkranzes im Norden, schuf jedoch Hans Schenck 1625. Die Mondsichelmadonna wird von einer Rosenkranzspende an Dominikus, Sebastian von einer Darstellung des Hl. Rochus bekrönt. Das Triumphkreuz befindet sich heute im Langhaus. Die Skulpturen im Langhaus – Hippolyt und Verena von Hans oder Hans-Christoph Schenck 1630/40, Johannes d. T., der Werkstatt von Jörg Zürn zugeschrieben – könnten zu älteren Altären gehört haben. Die Empore entstand 1707, die Kanzel 1734, Beichtstühle und Gestühl 1737. In der zweijochigen, gratgewölbten Sakristei mit ursprünglicher Einrichtung von ca. 1750 werden u.a. eine silberne Büste der Hl. Verena (vor 1317), ein Armreliquiar des Hl. Hippolyt von 1485, ein Kruzifix aus dem Umkreis J. A. Feuchtmayers, eine Sonnenmonstranz des W. C. Kolb und weitere liturgische Geräte aufbewahrt. Die Kapelle St. Maria zum guten Trost an der nördlichen Vorhofmauer ist zweigeschossig und (wegen der Anhebung des Bodens?) in das Erdreich eingetieft. Ihr Dachwerk stammt von 1473/74 (d). Ursprünglich könnte sie ein Beinhaus gewesen sein. Nach Süden besitzt sie zwei Arkaden und eine identische nach Osten. Im Untergeschoss wurden seit 1752 die Chorherren beigesetzt. Hier wird die stark verwitterte Liegefigur einer Frau, ca. 1140/60, aufbewahrt, die zu einem Stiftergrab innerhalb der Anlage des 12. Jahrhunderts gehört haben könnte. Darüber ein Kapellenraum mit einem Marienaltar von 1715. Das Verwaltungsgebäude, heute Rathaus, entstand wohl in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts als Sitz für den bischöflichen Obervogt. BibliographieQuellen: Seelbuch Öhningen 1988, S. 79–85. Handbücher und Lexika: GermBen V, S. 471–475 (Franz Quarthal); HelvSac I,2, S. 164–178 (Werner Kundert); KB Konstanz Bd. 3, S. 351–362 (Eugen Reinhard); KDM Bd. 1, S. 309–312 (Franz Xaver Kraus); kloester-bw, Augustiner-Chorherrenstift Öhningen (Andreas Bihrer); SKHB, S. 451–456 (Andreas Bihrer). Literatur: Berner 1966; Fischer 1969; Berner 1988; Baaken 2011; Meyer 2019. Anmerkungen
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| Objekttyp: | Konvent |
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Literatur + Links
| Weiterführende Links: |
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