Ottersweier, Augustinerchorfrauen 

Kurzbeschreibung:

– 1826/30 Abbruch der Klosteranlage

Ordensgliederung: Oberrheinische Ordensprovinz (Jesuiten)
Kirchliche Zugehörigkeit: Bistum Straßburg, Archidiakonat Ultra Rhenum, Landkapitel Ottersweier; 1808 Bistum Konstanz; 1821/1827 Erzbistum Freiburg

Ortsbezüge:
Ordensregel:
  • Jesuiten 1639-1773
  • Augustinerchorfrauen 1783-1823
Beschreibung:

Name: residentia Otterswyranae Societatis Iesu (1712)1; Congregation de Notre Dame (1783)2

Geschichte

Die Errichtung der Jesuitenresidenz Ottersweier steht mit der Gründung des Kollegs in →Baden-Baden in engem Zusammenhang. Dessen Stifter Markgraf Wilhelm von Baden-Baden (1622–1677) verfolgte das Ziel, die Einkünfte der als Rektorat bezeichneten Pfarrei Ottersweier, zugleich einziges rechtsrheinisches Archidiakonat des Bistums Straßburg, für die Fundierung des Kollegs in seiner Residenzstadt zu verwenden. Seit dem Erlöschen der Herren von Windeck 1592 lag das Patronatsrecht beim Haus Baden-Baden. Ab 1635 waren hintereinander drei Söhne des Markgrafen Wilhelm Pfarrherren von Ottersweier. Sie ließen die Seelsorge durch Jesuiten aus Baden-Baden wahrnehmen (bis 1641 im Wechsel mit Prämonstratensern aus →Allerheiligen) und schlugen militärische Laufbahnen ein. Der letzte Rektor aus dem Haus Baden-Baden, Karl Bernhard, fiel 1678 im Krieg gegen Frankreich, nachdem er 1673 seine Pfarreinkünfte pachtweise den Jesuiten überlassen hatte.3 Diese waren seit 1639 fest in Ottersweier ansässig und bezogen das Kaplaneihaus der St. Michaelspfründe als ihr Missionshaus. 1663 erhielt die Mission den Status einer Residenz. Der endgültige Übergang auf das Badener Kolleg erfolgte 1679, indem Markgraf Ludwig Wilhelm (1677–1707) das Kollationsrecht über das Rektorat Ottersweier den Jesuiten in Baden-Baden übertrug.

Auch wenn das Verhältnis der Jesuiten zum Klerus des Landkapitels Ottersweier, zum Bistum Straßburg und zur Landvogtei Ortenau nie konfliktfrei war, waren sie doch sehr erfolgreich in ihrem Bemühen um die Festigung des katholischen Glaubens. Neben der Pfarrseelsorge in Ottersweier und den umliegenden Orten brachten sie die in der Reformation fast zum Erliegen gekommene Wallfahrt nach Maria Linden zu neuer Blüte.

In Ottersweier lebte anfangs nur ein einziger Pater, der bald durch einen Bruder verstärkt wurde. Ab 1650 sind zwei Patres bezeugt, zu Beginn des 18. Jahrhunderts waren es vier bis fünf, und am Ende elf Patres und ein Bruder. Die päpstliche Bulle über die Aufhebung des Jesuitenordens wurde ihnen erst am 8. April 1774 förmlich verkündet. Das gesamte Vermögen der Residenz wurde umgehend inventarisiert.4 Danach blieben die Patres entweder in der Seelsorge und im Schulwesen in Ottersweier und Umgebung tätig oder erhielten eine Pension. Die Bibliothek und das Archiv müssen bis auf geringe Reste als verloren gelten. Einzelne Bände der Bibliothek und wenige Aktenstücke verblieben bei der Pfarrei Ottersweier, einzelne Archivalien gelangten ins Generallandesarchiv Karlsruhe.5

Am 25. März 1783 stiftete Markgräfin Maria Viktoria († 1793),6 Witwe des letzten katholischen Markgrafen von Baden-Baden, August Georg (1761–1771), ein Erziehungshaus7 im seit 1771 zu Vorderösterreich gehörenden Ottersweier, wo sie einige Jahre residierte. Augustinerchorfrauen der Congrégation Notre Dame sollten die weibliche Jugend gemäß ihrem Gelübde kostenlos im Lesen, Schreiben und Rechnen unterrichten, zu tüchtigen Hausmüttern erziehen und den katholischen Glauben stärken. Für das dem Stift angeschlossene Pensionat8 galten nur mäßige Beiträge, zudem gab es vier Freiplätze für besonders begabte oder arme Mädchen. Das Stiftungskapital betrug 60.000 Brabanter Gulden.9 Fünf Ordensfrauen aus den Niederlassungen in →Breisach und →Rastatt zogen am 21. Oktober 1783 in die ehemalige Jesuitenresidenz in Ottersweier ein. Diese hatte Markgräfin Maria Viktoria für 2.000 Gulden noch von Kaiserin Maria Theresia erworben. Die Seelsorge für die Frauen und ihre Schützlinge übernahm zeitweise ein Franziskanerpater aus →Rastatt. Aufgrund der Lehrtätigkeit der Schwestern entging das Stift1803/06 der Säkularisation.10 Um eine spätere Aufhebung abzuwenden, nahmen sie das vom badischen Staat 1811 erlassene Regulativ11 an, das sie in der Ausübung ihrer religiösen Ordenspflichten stark einschränkte und weitgehend auf die Lehrtätigkeit reduzierte. 1823 wurde die Ordensniederlassung nach Offenburg in das ehemalige →Franziskanerkloster verlegt,12 wo sie noch heute einschließlich eines Archivs mit Chronik ab 1783 existiert.

Bau- und Kunstgeschichte

Das Gebäude der Jesuitenresidenz Ottersweier wurde 1686/87 südöstlich der Pfarrkirche an der zum Schwarzwald führenden Straße erbaut (heute Laufer Straße 18). Im heutigen Rathaus ist in den acht westlichen Achsen das zweigeschossige Hauptgebäude der Residenz erhalten, das für das Stift der Augustinerchorfrauen um drei etwas breitere östliche Achsen ergänzt wurde. Der rustizierte rundbogige Haupteingang mit Jesuitenemblem wird von dorischen Rustikapilastern gerahmt, die einen trapezförmigen Blendgiebel tragen. Symmetrisch dazu öffnen sich die jüngeren, rundbogigen Türöffnungen, von denen die westliche durch ein modernes Fenster zugesetzt ist. Die Jesuitenresidenz umfasste außer den Zellen das Refektorium, eine Kapelle und die Bibliothek. Die Ökonomiebauten standen östlich der Pfarrkirche.

Als nach Aufhebung des Jesuitenordens Augustinerchorfrauen die Anlage übernahmen, sollte das Stift mit einer Mädchenschule verbunden werden. Markgräfin Maria Viktoria beauftragte den Architekten Franz Joseph Salzmann mit der Planung der Schul- und Stiftsgebäude. Umfangreiche Baumaßnahmen sollten den langrechteckigen Gebäudetrakt der ehemaligen Jesuitenresidenz in eine repräsentative, symmetrische Stiftsanlage integrieren. Im Nordwesten sollten zwei neue Gebäudeflügel zu Seiten eines Ehrenhofs die auf zwei Geschosse geplanten Wohnräume der Chorfrauen und Schülerinnen sowie Kirche, Sakristei und Frauen- und Klosterjungfernchor aufnehmen. Im Südosten sollten in zwei neuen, parallel geführten Trakten gartenseitig die von außen zugänglichen Schulräume sowie Wirtschaftsräume und darüber weitere Zellen der Konventualinnen eingerichtet werden. Für die Markgräfin waren fünf große Zimmer im Hauptgebäude vorgesehen.

Die geplanten Baumaßnahmen wurden nicht ausgeführt. Stattdessen wurde das Raumprogramm in einer schmucklosen Dreiflügelanlage realisiert. Sie diente bis zur Verlegung der Mädchenschule 1823 in das ehemalige Franziskanerkloster Offenburg auch als Schulgebäude. Ost- und Südflügel des Augustinerchorfrauenstifts sind nach 1900 abgegangen. An ihrer Stelle befindet sich heute ein Kindergarten. Der Nordflügel wird als Rathaus genutzt.

Bereits vor dem Bau der Residenz 1687 wurde die nördlich von Ottersweier gelegene Wallfahrtskirche Maria Linden durch Jesuitenpatres betreut. Kirche und Residenzgebäude wurden im Pfälzischen Erbfolgekrieg beschädigt und anschließend wiederhergestellt. Im 18. Jahrhundert wurde die Wallfahrtskirche umfangreich erneuert und erhielt eine reiche Rokokoausstattung.

Bibliographie

Quellen: Schommartz 1775; Kast 1934 (a).

Handbücher und Lexika: KB Rastatt Bd. 2, S. 316 (Kurt Andermann); kloester-bw, Augustiner-Chorfrauen Ottersweier (M. Dorothea Kuld); kloester-bw, Jesuitenniederlassung Ottersweier (Stefanie Zumbrink); SKHB, S. 473 f. (M. Dorothea Kuld).

Literatur: Brunner 1883 (b); Reinfried 1895; Roegele 1952 (a); Kähni 1966; Kauss 1978; Brommer 1997; Maria-Victoria-Schule 2003; Heid 2015; Mayer 2015; Schlenker 2020.

Anmerkungen

  • 1 GLA 61 Nr. 13501.
  • 2 EAF UZ 509.
  • 3 Übertragung der Kollatur 1679, darin auch Erwähnung der pachtweisen Überlassung 1673 durch Karl Bernhard von Baden-Baden: GLA 37 Nr. 518, 521 f. (entgegen Reinfried 1895, S. 245); bischöfliche Bestätigung: GLA 37 Nr. 519; vgl. auch GLA 195 Nr. 1535; GLA 229 Nr. 8205 9-82060, 82073; GLA 436 U 108.
  • 4 GLA 229 Nr. 82103; Vgl. auch EAF B 211/302.
  • 5 Vor allem GLA 436 und 229 (jeweils Specialia Ottersweier), 66 Nr. 651 3-6517 und 61 Nr. 13501 (Chronik).
  • 6 EAF UZ 509.
  • 7 GLA 229 Nr. 82104 I-IV.
  • 8 EAF A 43/66: Tagesablauf 1805.
  • 9 GLA 229 Nr. 82107 f.
  • 10 GLA 48 Nr. 5739.
  • 11 GLA 235 Nr. 16762.
  • 12 GLA 235 Nr. 14943 f., 18798
Objekttyp: Konvent
Personenbezüge:
  • Martin Stingl [Autor]
  • Gabriele Wüst [Autor]
  • Ellen Schumacher [Autor]
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