Sinsheim, Kollegiatstift St. Michael 

Kurzbeschreibung:

1092 Gründung – 1100 Übergabe an das Bistum Speyer – 1497 Umwandlung in ein Kollegiatstift – 1565 Einführung der Reformation und Aufhebung – 1595 Tod des letzten Dekans – 1626 Restitution und Wiederaufnahme stiftischen Lebens – 1649 Aufhebung

Patrozinium: Michael
Kirchliche Zugehörigkeit: Bistum Speyer, Archidiakonat des Stiftspropstes bei St. Guido, Landkapitel Bruchsal

Ortsbezüge:
Ordensregel:
  • Benediktiner 1092-1497
  • Kollegiatstift St. Michael 1497-1649
Beschreibung:

Name: abbatiam […] Sunnesheim (1100);1 abbas de Sunnesheim (1192);2 conventus in Sunnesheim (1270);3 ecclesie collegiate Sonsen (1508);4 capit[uli] colleg[iatae] ecclesiae S[ancti] Michaelis Sintz[hei]mensis (1641)5

Geschichte

Historische Entwicklung

Die frühe Existenz eines Stifts in Sinsheim ist nur durch zwei Quellen, die Sinsheimer Chronik und die Speyerer Annalen, überliefert. Nach der im 16. Jahrhundert verfassten, aber auf mittelalterlichen Quellen beruhenden Sinsheimer Chronik wurde ein Kollegiatstift (Sunnesheim dictam, ubi canonicorum erat collegium) an der Stelle der späteren Benediktinerabtei bereits vor dem Jahr 1000 durch die dort ansässigen Kraichgaugrafen gegründet.6 Treffen diese nicht unproblematischen Angaben zu, so könnte Graf bzw. Herzog Otto von Worms († 1004), aus der Familie der Salier, welcher auch das Grafenamt im Kraichgau innehatte, das Stift gegründet haben. Nach der Königswahl Konrads II. (1024–1039) ging das Grafenamt an die nach ihrem Leitnamen Zeisolf-Wolframe genannte Familie über. Diese soll in der Sinsheimer Stiftskirche eine Familiengrablege begründet haben. Die Annales Spirenses berichten anlässlich der Gründung des Benediktinerklosters in Sinsheim, dass die Sinsheimer Kirche von den Vorfahren des Speyerer Bischofs Johannes (1090–1104) mit Kanonikern versehen worden sei.7 Ausgrabungen der Jahre 2009–11 legten archäologische Zeugnisse eines Friedhofes und einer Vorgängerkirche frei, sie lassen allerdings keine weitergehenden Schlüsse zu.

Gesicherte Daten für die Sinsheimer Kirche liegen erst seit der Gründung des Benediktinerklosters im Jahr 1092 durch Bischof Johannes auf dessen Allodialgut vor. Die Sinsheimer Chronik berichtet von der Aufhebung des Stifts und der Versetzung der Kleriker nach Speyer in die Stifte St. Guido und St. German. Die Speyerer Annalen und abhängig davon die Chronik des Johann Seifried von Mutterstadt aus dem 15. Jahrhundert berichten zudem von der Übersiedlung von Mönchen aus St. German nach Sinsheim. Erster Abt wurde der aus dem Kloster Siegburg stammende Godefried, ihm folgte Drudo. Erst unter dem wieder ebenfalls aus Siegburg stammenden Abt Adelger, der laut Sinsheimer Chronik 36 Jahre lang das Kloster leitete, scheint sich die Gründung ab 1098 endgültig konsolidiert zu haben. Die Wahl der ersten Äbte aus dem Reformkloster Siegburg weist auf die von Bischof Johannes beabsichtigte enge Bindung des Klosters an die Speyerer Kirche hin.

Um das in der Wormser Diözese gelegene Kloster auch seiner geistlichen Jurisdiktion zu unterstellen, nahm Bischof Johannes, der letzte männliche Angehörige der Grafenfamilie der Zeisolf-Wolframe, im November 1099 durch einen Tausch mit dem Wormser Bischof eine Arrondierung seines Sprengels vor. Am 6. Januar 1100 übergab er seine Stiftung an die Bischofskirche von Speyer.8 Die Narratio der hierüber ausgestellten Urkunde schildert zwar die Klostergründung auf Eigengut, nicht aber die Existenz einer dort zuvor bestehenden Stiftskirche. Im Jahr 1104 starb Bischof Johannes und wurde in dem von ihm gegründeten Kloster beerdigt. Seine Nichte und Erbin, Gräfin Adelheid von Tübingen, erwirkte 1115 in Rom von Papst Paschalis II. (1099–1118) die Bestätigung der Privilegien des Klosters. Nach ihrem Tod wurde sie 1122 ebenfalls in der Familiengrablege bestattet.

Mit dem Tod Abt Adelgers (1133), der in keinem Totenbuch der Siegburger Reformklöster genannt wird, löste sich die Verbindung zu diesem Klosterverband. Sein Nachfolger Eggehard (1133–1158) knüpfte enge Kontakte zum Kloster Hirsau. 1158 fiel die Wahl auf den aus Hirsau stammenden Mönch Wetzel, dessen Investitur durch den Speyerer Bischof Gunther von Henneberg (1146–1161) verhindert wurde. Anschließend wurde mit Johannes (1158–1175) wieder ein Siegburger Mönch zum Abt gewählt. Unter ihm wurde in Bruch, dem heutigen →St. Ilgen, das einzige Priorat Sinsheims gegründet.

In der Stiftungsurkunde wurde dem Kloster die freie Vogtwahl zugesichert. Im späteren 12. Jahrhundert lag die Vogtei bei den Herren von Wiesloch, gegen deren unrechtmäßige Eingriffe Abt Heinrich 1179 und 1186 in Rom protestierte. Wann der Übergang der Vogtei an das Reich geschehen ist, lässt sich nicht sicher klären, einige Indizien sprechen für die Wende zum 13. Jahrhundert. Im 14. Jahrhundert wurde die Vogtei von den Königen Friedrich dem Schönen (1315) und Ludwig dem Bayern (1330, 1344, 1349, 1353) an die Markgrafen von Baden, die Pfalzgrafschaft und die Herren von Hirschhorn verpfändet. Im Jahr 1362 löste Pfalzgraf Ruprecht I. (1329–1390) das Pfand mit der Genehmigung Karls IV. (1346–1378) ab. Seitdem verblieb das Kloster in der kurpfälzischen Herrschaftssphäre. Bei der pfälzischen Teilung nach dem Tod König Ruprechts (1400–1410) erhielt die Mosbacher Linie die Vogtei, bis diese nach deren Absterben 1499 an die Kurlinie zurückfiel.

Eine wirtschaftliche Krise des Klosters wurde Mitte des 13. Jahrhunderts durch das Eingreifen des Bistums Speyer in die Wirtschaftsführung (Gewährung von Krediten und Einsetzen einer Kommission) und Güterverkäufe abgewandt. Der Einfluss Speyers festigte sich so und das Kloster musste trotz seiner Freiheiten Kontributionen beitragen und wurde spätestens seit 1464 dem Landkapitel Bruchsal zugeordnet.

Die Äbte des 14. und 15. Jahrhunderts stammen, soweit bekannt, aus den regionalen Adelsfamilien Gemmingen, Urbach, Venningen, Finsterlohe, Weiler und Angelloch. Während sich Apel von Finsterlohe (1411–1426) und Siegfried von Venningen (1429–1461) auf benediktinischen Reformkapiteln nachweisen lassen, scheint unter ihren Nachfolgern das religiöse Leben gelitten zu haben. 1469 unternahm der Speyerer Bischof Matthias von Rammung (1464–1478) einen Versuch, die Klosterzucht in Sinsheim wiederherzustellen, doch war dieser Bemühung wenig Erfolg beschieden.

1248 bestand der Konvent neben dem Abt aus 16 weiteren Mönchen und vier Novizen. Beim Tod des vorletzten Abtes, Burkart von Weiler, werden fünf aus dem Adel stammende Mönche genannt. Über Klosterämter sind nur wenige Nachrichten überliefert (etwa 1248 ein Cellerarius).

Nach dem Vorbild anderer Benediktinerklöster entschieden sich Abt Michael von Angeloch, Prior Konrad von Habern und der Konvent zur Umwandlung des Klosters in ein dem Adel vorbehaltenes Kollegiatstift. König Maximilian (1493–1519) setzte sich 1495 hierfür bei Papst und Kardinalskollegium ein. Alexander VI. (1492–1503) erteilte im Dezember 1496 die päpstliche Genehmigung. Die Umwandlung in ein Kollegiatstift beurkundete der Dekan des Stifts zu Wimpfen im Tal, Jodokus Bock, am 20. Mai 1497. Als Dignitäten wurden Propstei und Dekanat eingerichtet. Darüber hinaus hatte das Stift acht Kanonikate, von denen eines mit dem Dekanat verbunden war, und zehn Vikariate. Die Kanoniker mussten niederadeliger Herkunft sein. Viele hatten neben ihrem Kanonikat in Sinsheim noch weitere Pfründen an den Domstiften zu Speyer und Worms oder dem Stift →Bruchsal-Odenheim inne.

Die Umwandlung in ein Stift änderte nichts am Rechtsverhältnis zu den Speyerer Bischöfen als Ordinarien und den Pfalzgrafen zu Mosbach als Vögten. Dies bekräftigten im Juni 1497 ausdrücklich Michael von Angeloch und Konrad von Habern, nunmehr Propst und Dekan, und das Kapitel des neuen Stifts zu Sinsheim gegenüber Pfalzgraf Otto II. (1461–1499). Auf Michael von Angeloch folgte Heinrich von Helmstatt als Propst, der als Speyerer Domdekan kaum in Sinsheim wirken konnte. Zur Verbesserung der wirtschaftlichen Situation des Stifts erwirkte Propst Heinrich von Helmstatt von Papst Leo X. (1513–1521) 1514 die Genehmigung, die Präpositur nach seinem Tod nicht mehr zu besetzen. Doch geriet es dadurch auch in eine stärkere Abhängigkeit zum Speyerer Bischof.

Im Gegensatz zur Stadt Sinsheim blieb das Stift vom Bauernkrieg 1525 nicht verschont. Vor allem die Kurien der Stiftsherren wurden beschädigt. An der Instandsetzung der Baulichkeiten in den folgenden Jahren musste sich wegen ihrer Unterstützung der Bauern auch die Stadt Sinsheim finanziell beteiligen.

Eine Visitation Bischof Philipps II. (1529–1552) im Januar 1550 deckte verschiedene Missstände im Stift auf. Daher wurde den Stiftsmitgliedern am 28. Februar 1550 die Abschaffung des Konkubinats befohlen, ohne dass dies, wie spätere Klagen belegen, Wirkung gezeigt hätte. In den folgenden Jahren kam es zudem zu Streitigkeiten zwischen der Kurpfalz und dem Stift über verschiedene von der Pfalz beanspruchter Abgaben.

1553 musste das Stift die Besetzung der Pfarrei in Sinsheim mit einem protestantischen Pfarrer zulassen. Einen ersten Versuch, die Reformation im Sinsheimer Stift einzuführen, unternahm Pfalzgraf Ottheinrich (1556–1559) an Mariae Verkündigung (25. März) des Jahres 1557. Eine kurpfälzische Delegation befahl, den katholischen Gottesdienst am Stift einzustellen. Die Stiftsherren verweigerten jedoch die Annahme der Reformation und verteidigten sich mit dem Hinweis auf die geistliche Jurisdiktion des Speyerer Bischofs und ihre Privilegien als adeliges Stift. Den Stiftsherren wurde eine vierzehntägige Bedenkzeit gewährt, während der sich das Stift am 31. März an den Speyerer Bischof um Hilfe wandte. Aufgrund der unsicheren Situation wurde ein Teil der Kleinodien, Urkunden und Akten des Stifts nach Bruchsal geflüchtet.

Die Reformation im Stift führte dann Kurfürst Friedrich III. (1559–1576) durch. Dieser begab sich am 16. April 1565 persönlich nach Sinsheim und forderte am folgenden Tag die Stiftsangehörigen auf, die Reformation anzunehmen. Nach wiederholter Weigerung ließ Friedrich III. den Chor der Kirche öffnen, die Altäre niederreißen und gemeinsam mit den Ornaten, Bildern und anderen Ausstattungsgegenständen verbrennen. Am 5. Juli wurden die Kanoniker aus dem Stift verwiesen. Einzig Kaspar von Wildberg konnte seine Pfründe behalten, indem er eine geforderte Erklärung unterschrieb und sich verehelichte. Der Dekan des Stifts, Wernher Nothaft von Hohenberg, begab sich in das Ritterstift →Bruchsal, während die übrigen Kanoniker nach Worms zu ihrem Mitkanoniker, Bischof Dietrich von Bettendorf (1552–1580), gingen. Die Wirtschaftsführung des aufgehobenen Stifts wurde durch einen Schaffner verwaltet, die Einkünfte dem Heidelberger Pädagogium zugewiesen.

Im Verein mit dem Kraichgauer Adel und dem Wormser Bischof bemühten sich die Stiftsangehörigen um die Wiederherstellung des Stifts. Ein kaiserliches Mandat vom 10. Juli 1565 zur Restitution der Stifte Neuhausen und Sinsheim zeigte aber keine Wirkung. Auch die Bemühungen auf den Reichstagen zu Augsburg 1566, Speyer 1570 und Regensburg 1576, eine Restitution zu erlangen, scheiterten. Das Stift führte im Wormser Exil seine Existenz weiter. Nach dem Tod des mit dem Rest des Kapitels zerstrittenen Dekans Werner Nothaft von Hohenberg wählte dieses 1568 Johann Cuno von Mörsheim zum Dekan. Letztmalig wurde 1572 mit Philipp Christoph von Sötern ein neuer Dekan gewählt. Durch den Tod Bischof Dietrichs von Worms fehlte ab 1580 die treibende Kraft in den Restitutionsverhandlungen. Der Tod des Dekans Philipp Christoph von Sötern (1595) beendete die Existenz des Stifts.

Erst der Speyerer Bischof Philipp Christoph von Sötern (1610–1652), der gleichnamige Neffe des letzten Dekans, zeigte als zuständiger Ordinarius Interesse an einer Wiedererrichtung des Sinsheimer Stifts. Nach der Eroberung der Pfalz durch Truppen der katholischen Liga (1622) fungierte er als Administrator der von der Kurpfalz eingezogenen Klöster und Stifte. Anfang 1626 setzte er Peter von Ouhren als Regens des Stifts ein. Das stiftische Leben wurde mit nur zwei Kanonikern und vier Vikaren aufgenommen. Die Wende im Kriegsgeschehen durch den Kriegseintritt Schwedens hatte zur Folge, dass die Stiftsmitglieder 1631 fliehen mussten. Erst nach der Einnahme Heidelbergs durch katholische Truppen 1635 konnte Peter von Ouhren, nun gegen den Willen des Speyerer Domkapitels, wieder davon Besitz ergreifen. Ouhren erlangte beim Papst seine Bestätigung als Dekan (21. Juni 1636) und konnte bis 1637 ein Kapitel von zwölf Kanonikern um sich versammeln. Die zerrütteten wirtschaftlichen Verhältnisse und der andauernde Widerstand des Speyerer Domstifts erschwerten jedoch ein geregeltes Leben in Sinsheim. Nach der Restitution der Kurpfalz durch den Westfälischen Frieden wurde das Stift 1649 endgültig aufgehoben. Proteste des Dekans bei Papst, Kaiser und den Reichsständen zeitigten keinen Erfolg.

Besitz und Wirtschaft

Das Stiftungsgut lässt sich aus den verschiedenen Fassungen der Urkunde vom Januar 1100 rekonstruieren.9 Es stammt aus dem Erbgut des Bischofs Johannes, welches dieser gemeinsam und mit Zustimmung seiner Nichte und Erbin Adelheid dem Kloster übertrug. Besitzschwerpunkte befanden sich im Elsenzgau, Kraichgau, Enzgau und Speyergau. Einzelbesitz im Hedengau, Nahegau und Wormsfeldgau (Gundersheim). Für das 12. und frühe 13. Jahrhundert sind einige Schenkungen und Erwerbungen überliefert, welche das Gründungsgut abrunden und ergänzen.

Im Laufe des 13 Jahrhunderts geriet das Kloster, möglicherweise unter anderem durch die Kosten des Kirchenbaus, in finanzielle Schwierigkeiten und musste unter Abt Heinrich II. verschiedene Güter und Rechte veräußern (unter anderem in Altheim, Geinsheim, Böbingen, Westheim und Böhl). Zur Sanierung der Finanzen aufgrund der Schulden und fälligen Zinsen (intolerabili onere debitorum et voragine usurarum)10 wurde ein Magister Adelvolc und Cellerar Dieter beauftragt. Unter Abt Volland wird 1271 der Hof in Gundersheim dem Andreasstift zu Worms verkauft. Abt Beringer erwirbt 1294 vom Kloster Flein dessen Hof in Kürnbach.

Aus dem 14. Jahrhundert ist die Schenkung des Patronatsrechtes der Nikolauskapelle der Pfalz Wimpfen durch Ludwig den Bayern (1333), aber auch Güterabtretungen, wie die Schenkung der Patronatsrechte in Niefern (1323) an die Markgrafen von Baden oder der Verkauf eines Hofes in Reichartshausen (1327) an das Stift Wimpfen belegt. Weitere Gütergeschäfte sind bis in das 16. Jahrhundert überliefert. Güter und Gefällverzeichnisse des Stiftes sind im Generallandesarchiv Karlsruhe vorhanden.11 Im Landshuter Erbfolgekrieg 1504 musste das Kloster der Kurpfalz zwei Wagen stellen. Nach der Einführung der Reformation konnte das im Wormser Exil weiter bestehende Kloster nur auf Einkünfte aus den außerhalb der Kurpfalz gelegenen Besitzungen zurückgreifen. 1572 wurden die Pfarrrechte in Dürrmenz, Lienzingen und Zaiserweiher an den Herzog von Württemberg verkauft.

Religiöses und kulturelles Wirken

Über das religiöse und kulturelle Leben des Klosters und späteren Kollegiatstifts sind kaum Quellen erhalten. Laut Stiftungsurkunde war die zentrale Aufgabe des Klosters das Totengedenken für die Stifterfamilie der Zeisolf-Wolframe. In der Klosterkirche sind neben dem Gründer Bischof Johannes noch dessen Eltern Wolfram und Azela, seine Brüder Zeisolf und Wolfram sowie seine Nichte Adelheid und weitere Angehörige bestattet worden. Auch für die weitere Verwandtschaft, Kaiser Heinrich IV. (1056–1105) und einen Erzbischof Hermann von Köln, wurden Jahrtage gehalten. Ein Anniversarverzeichnis ist nicht überliefert.

Patronatsrechte hatte das Kloster in Sinsheim, Rohrbach am Gießhübel, Böbingen (bis 1251?), Iggelheim (bis 1252), Geinsheim (bis 1253), Rheingönnheim (bis 1253), Niefern (bis 1323), Reichartshausen (bis 1327), Steinfurt (seit 1333), St. Nikolaus in Wimpfen (seit 1333), Dürrmenz (bis 1572), Lienzingen (bis 1572) und Zaiserweiher (bis 1572).

Über die Bildung der Sinsheimer Mönche und späteren Kanoniker können kaum Aussagen getroffen werden. Einige Geistliche lassen sich als Studenten der Universität Heidelberg nachweisen.

Während das Kloster in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts in der benediktinischen Reformbewegung eine führende Stellung hatte, an Reformkapiteln teilnahm, mehrfach mit der Visitation anderer Klöster beauftragt war und zeitweise die Kasse des benediktinischen Provinzkapitels Mainz-Bamberg verwaltete, setzte um die Jahrhundertmitte ein Niedergang des geistlichen Lebens ein. Der Versuch, die Klosterzucht 1468 wieder einzuführen, misslang. 1475 waren nur noch fünf Konventualen im Kloster. Auch durch die Umwandlung in ein Kollegiatstift trat keine dauerhafte Besserung ein.

Bibliothek und Archiv

Von der Stiftsbibliothek ist nichts erhalten. Die Sinsheimer Chronik,12 deren Handschrift heute verschollen ist, hat Franz Josef Mone auszugsweise veröffentlicht. Sie bietet im ersten, wohl von Dekan Werner Nothaft geschriebenen Teil eine Geschichte des Klosters von seiner Gründung bis zu Abt Wolfram (1222). Der zweite Teil, im 17. Jahrhundert von einem Anonymus und dem Dekan Peter von Ouhren verfasst, behandelt die Geschichte des Stifts von seiner Gründung 1496 bis zum Jahr 1636. Der dritte Teil des Werkes beinhaltet im 16. Jahrhundert angelegte Annalen, die bis zum Jahr 1653 weitergeführt wurden.

Vom Kloster- und Stiftsarchiv ist kein zusammenhängender Bestand erhalten. Es wurde im 16. und 17. Jahrhundert zerstreut oder ging verloren. Der Dekan Werner von Nothaft übersandte 1550 dem Wormser Domdekan Dietrich von Bettendorf das heute verlorene Privilegienbuch des Stifts. Im Zuge der drohenden Reformation flüchtete das Stiftskapitel 1557 Kleinodien und Archivalien nach Bruchsal. Über die 1565 noch vorhanden Wertgegenstände und Archivalien ließ Pfalzgraf Friedrich III. 1565 ein Verzeichnis anfertigen. 1568 wird das noch vorhandene Stiftsarchiv in das Vikariatsarchiv zu Speyer überführt.

Bau- und Kunstgeschichte

Lage

Die ehemalige Stiftskirche und die dazugehörige Anlage befinden sich nordöstlich des historischen Stadtkerns von Sinsheim auf dem Michaelsberg. An die Stiftskirche schloss sich nach Norden der Konventsbau an. Östlich der Anlage befanden sich Wirtschaftsgebäude und der Torbau.

Kirche und Konventsbauten

Obwohl an mehreren Stellen im stehenden Gemäuer der Stiftskirche römische Spolien eingefügt sind, wurde bislang keine antike Bebauung auf dem Michaelsberg nachgewiesen. Eine Vorgängerbebauung sowie eine frühmittelalterliche Kirche sind durch Pfostenlöcher und Fundamente belegt. Bei der ältesten Baustruktur (7./8. Jahrhundert) handelt es sich um die Reste eines aus Holz ausgeführten Gebäudes. Von einem weiteren Vorgängerbau (spätestens 10. Jahrhundert) sind die Fundamente einer 9 m breiten und etwa 21 m langen Saalkirche mit eingezogenem Rechteckchor erhalten. Die Auswertung menschlicher Knochenfunde, welche einem diese Kirche umgebenden Friedhof zuzuordnen sind, schließen eine bereits monastische Nutzung aus.

Eine um 1000 erweiterte Kirche, möglicherweise die erste Stiftskirche (Ende 10./Anfang 11. Jahrhundert), ist im aufgehenden Mauerwerk des heute noch bestehenden Langhauses und in den Fundamenten des südlichen Seitenschiffs in weiten Teilen nachweisbar. Die erfassten Baubefunde ergeben eine etwa 28 m lange und etwa 18 m breite dreischiffige Basilika mit Querhaus, Rechteckchor und drei halbrunden Apsiden. Von diesem Bau sind die Arkadenpfeiler, bis auf das westlichste Paar erhalten. Sie sind grob gemauert mit wenigen Quadern mit gemustertem Spiegel, niedrigen Kämpferplatten mit schlichter Hohlkehle und sehr kleinformatigen Bogenelementen, teils unter Verwendung römischer Spolien.

Anlässlich der Stiftung eines Benediktinerklosters durch Bischof Johann von Speyer wurde das Kirchenschiff (ausgehendes 11./frühes 12. Jahrhundert) nach Westen erweitert und im Südwesten ein Turm oder Westwerk errichtet. Die erfassten Baubefunde ergeben eine 32,60 m lange und 21 m breite Kirche. Im Westen sind das Pfeilerpaar und die darauf ruhenden Arkaden des Mittelschiffs aus dieser Zeit erhalten. Die Pfeiler bestehen aus sorgfältig bearbeiteten Quadern aus Lettenkohlensandstein, die Kämpfer sind mit Palmettenfries verziert.

In der Folgezeit (13. Jahrhundert) wurde ein dem Südseitenschiff vorgelagerter Anbau errichtet, der als Vorhalle gedeutet wird, die unter anderem als Bestattungsort genutzt wurde. Diese Baumaßnahme lässt sich mit den Obergaden des Mittelschiffes in Zusammenhang bringen, der mit einem Traufgesims abschließt. Der oberhalb des Traufgesims erhaltene Dachstuhl aus dieser Bauphase der Kirche wird in das Jahr 1233 (d) datiert. Aus dem 13. Jahrhundert stammen die östlichen zwei Drittel des Dachstuhls (1233 [d]). Das vermutlich zeitgleich entstandene, aufwendig verzierte Traufgesims auf der Südseite des Aufgehenden zeigt in einer ovalen Rundstabkartusche abgewandte Halbmonde auf rotem Grund.

Nach der Umwandlung des Klosters in ein Kollegiatstift gegen Ende des 15. Jahrhunderts kam es zu umfangreichen Umbauten (16. Jahrhundert), die noch heute das Bild der Kirche prägen. Dazu gehören die Errichtung des Turms (1535 [d]) im Südwesten, die Erhöhung der Seitenschiffe und die Erneuerung des westlichen Drittels des Kirchenbaus. Vor 1542 entstand der heute noch im Kircheninneren befindliche Lettner (Abb. 4, 6) mit Netzgewölbe, worin sich das Wappen der von Habern befindet. Von der Innenausstattung haben sich – mit Ausnahme des im 16. Jahrhundert errichteten Lettners – ansonsten keine Reste erhalten.

Ob sich unter den anderen, auf dem Areal befindlichen Gebäuden noch mittelalterliche Reste erhalten haben, ist nicht untersucht. Das einzige, aus der Klosterzeit erhaltene Bauwerk ist ein Torbau im Osten, der noch heute als Hauptzugang genutzt wird. Sein auf einem Quadrat von 6,2 m erbautes Erdgeschoss zeigt Mauerwerk aus sorgfältig bearbeiteten Sandstein-Glattquadern. Zum Außenbereich hin werden Lisenen und Sockelschrägen von einem Rundstab begleitet, was stark an das Erdgeschoss des Laienrefektoriums im Kloster Maulbronn aus dem beginnenden 13. Jahrhundert erinnert. Seine vor die ehemalige Umfassungsmauer tretende Position hat fortifikatorischen Charakter. Das Obergeschoss sowie der hofseitige Torbogen entstammen dem 16. Jahrhundert, der äußere Bogen einem Umbau des 17. Jahrhunderts.

Während des Dreißigjährigen Krieges erlitten die Kirche und die Wohngebäude durch Zerstörung und Plünderung große Schäden. Im Anschluss folgte 1649 die endgültige Auflösung des Stifts. In den zwei Jahrhunderten darauf wurden die Seitenschiffe, die Apsis und die Vierung abgerissen. Seit Ende des 19. Jahrhunderts befindet sich das Areal in staatlichem Besitz und dient als Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe. Die heutige Baugestalt wird durch diese Maßnahmen bestimmt sowie durch den gläsernen Anbau an der Stelle des südlichen Seitenschiffs, der in Zusammenhang mit dem Umbau zu einem Kultur- und Begegnungszentrum 2010 steht.

Bibliographie

Quellen: Chronik des Klosters Sinsheim, in: Mone I, S. 202–214; Drös 2013; Hildebrandt 2013.

Handbücher und Lexika: Dehio, Baden-Württemberg 2, S. 720 (Rainer Laun); DI 16 (Renate Neumüllers-Klauser); GermBen V, 590–598 (Franz Quarthal); KDM Bd. 8,1, 93–95, 104–115 (Adolf von Oechelhäuser); kloester-bw, Kollegiatstift St. Michael Sinsheim (Oliver Fieg); SKHB, S. 604–608 (Oliver Fieg).

Literatur: Wilhelmi 1846; 1851; Semmler 1956; Grafen 1994; Hildebrandt/Knauer 2013.

Anmerkungen

  • 1 GLA 67 Nr. 448 fol. 43 ff.; HS t A S A 601 U 2; Hildebrandt 2013, S 11 S. 308.
  • 2 HHS tA Confirmationes privilegiorum der deutschen Expedition, Fasc. 204; Hildebrandt 2013, S 49 S. 318.
  • 3 Drös 2013, Nr. 4 S. 285.
  • 4 Drös 2013, Nr. 13 S. 298.
  • 5 Drös 2013, Nr. 16 S. 301.
  • 6 Chronik des Klosters Sinsheim, in: Mone I, S. 204.
  • 7 Chronik der Bischöfe von Speier, in: Mone I, S. 183.
  • 8 Hildebrandt 2013, S 11 S. 30 6-310, mit Angabe der Überlieferung.
  • 9 Hildebrandt 2013, S 11 S. 30 6-311.
  • 10 Hildebrandt 2013, S 74 S. 323 f.
  • 11 GLA 220 Nr. 330 f.
  • 12 Chronik des Klosters Sinsheim, in: Mone I, S. 20 2-214
Objekttyp: Konvent
Personenbezüge:
  • Oliver Fieg [Autor]
  • Sandra Kriszt [Autor]
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