Breisach, Zisterzienserinnen Marienau 

Kurzbeschreibung:

um 1250 Gründung – 1525 Aufhebung und Abriss des Klosters

Patrozinium: Maria
Ordensgliederung: Vaterabtei eventuell Lützel
Kirchliche Zugehörigkeit: Bistum Konstanz, Landkapitel Breisach

Ortsbezüge:
  • Breisach
  • Breisach am Rhein, Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald
Ordensregel:
  • Zisterzienserinnen Marienau 1250-1525
Beschreibung:

Name: goteshus von sante Meriunowe bi Brisach (1266);1 conventus Augie sancte Marie (1270);2 den erberen frouen der eptischin von dem connvent von dem kloster zw sante merrun Owe (1279);3 domus Augie sancte Marie iuxta Brisacum monialium ordinis nostri (1283);4 semenung dez klosters von sant Merien Ovwe (1296);5 kloster von sant Mariun ouwe bi Brisach des ordens von Citels (1301);6 kloster ze sant Merien Awe gelegen uswendig an unsere vorstat dez ordenz von Zittels (1319)7

Geschichte

Historische Entwicklung

Marienau wurde nach einer unbelegten lokalen Tradition im 12. Jahrhundert gegründet. Die erste quellenmäßig gesicherte Nachricht für die Existenz des Konvents besitzen wir aus dem Jahr 1265, als der Basler Bischof Heinrich III. von Neuenburg (1263–1274), der damalige Stadtherr Breisachs, die Inkorporation des Klosters in den Orden der Zisterzienser beantragte.8 Die förmliche Inkorporation erfolgte kurz nach 1265. Nach Auffassung der jüngeren Forschung ist eine sukzessive Gründung wahrscheinlich. Die materielle Ausstattung der Abtei ist durch Anna von Tunsel (bei Bad Krozingen) und die Herren von Rathsamhausen (nahe Schlettstadt), einem Ritter- und Adelsgeschlecht, das im Elsass reich begütert war, aber auch über Besitz im Breisgau und in Breisach verfügte, sowie durch den Bischof Berthold II. von Basel aus dem Hause der Grafen von Pfirt (1248–1262) um 1250/55 erfolgt. Im Jahr 1255 war die Stadt Breisach erneut unter die Herrschaft des Bistums Basel gekommen.9

Peter von Hagenbach († 1474), Landvogt Karls des Kühnen von Burgund (1433–1477), hatte die bedrohliche Lage des Klosters am noch heute markant aufragenden Breisacher Eckartsberg sowohl für die Unter- wie die Oberstadt erkannt. Dessen Lage störte die von ihm für notwendig erachtete Verstärkung der städtischen Befestigungsanlagen. Der Konvent wurde deshalb temporär in die befestigte Stadt verlegt. Nach dem Sturz und der Verurteilung Hagenbachs 1474 kehrten die Nonnen jedoch wieder in ihr angestammtes Klosterareal zurück, bis es 1525 zur Klosteraufhebung durch die Stadt kam.

Aus einer unvollständigen Konventsliste geht hervor, dass die Klosterfrauen zwischen 1284 und 1525 geographisch beispielsweise aus Baldoltzheim, Basel, Biesheim, Bolsenheim, Breisach, Colmar, Dunzenheim, Elsenheim, Grezhausen, Istein, Jebsheim, Kaysersberg, Kenzingen, Masmünster, Merdingen, Neuenburg, Schopfheim, Ursch(en)heim, Volgelsheim (Volkeltzheim) und Waldkirch stammten. Soweit sie nicht aus Breisach stammten, kamen sie also vorwiegend aus dem Elsass, dem Breisgau, dem Kaiserstuhl und seit dem Ende des 15. Jahrhunderts auch aus Basel und seiner näheren Umgebung. Was die sozialen Trägerschichten des Frauenkonvents anbelangt, scheint Marienau in seiner Frühzeit als Konventualinnen bevorzugt Adels- und Patriziertöchter aufgenommen zu haben. Das änderte sich erst ab ca. 1500, als überwiegend bürgerliche Frauen (zumeist von auswärts) Aufnahme in das Kloster fanden. Bei genauer Durchsicht der Konventslisten lässt sich darüber hinaus eine gewisse familiäre Versippung unter den Nonnen feststellen.

Die periphere Lage des Konvents vor den Mauern der Stadt Breisach stellte eine potentielle Gefährdung dar. Maximilian I. (1486–1519) drängte die Stadt vergeblich, das Kloster aus militärisch-strategischen Gründen zu verlegen bzw. aufzugeben. Bedingt durch die exponierte Lage des Klosters, welches bei der Belagerung durch aufständische Bauern evakuiert und von den Breisacher Bürgern mitverteidigt hätte werden müssen, entschloss sich die Stadt als Vogtherrin des Klosters 1525 zur Aufhebung und zum vollständigen Abriss der Klosteranlage und übernahm dabei zugleich sämtliche klösterlichen Rechte und Besitzungen.

Diese Maßnahme war jedoch weder vom Landesherrn oder vom Landvogt noch vom Ensisheimer Regiment genehmigt worden. Doch die klösterliche Ordnung war wohl schon lange vor 1525 nicht unerheblich gestört. Die letzten 30 Jahre vor der Aufhebung müssen deshalb als eine Phase der inneren Krise gewertet werden. Die letzten Klosterfrauen wurden von der Stadt nach der Aufhebung des Klosters 1527 mit Leibgedingverträgen abgefunden, die ihren Lebensunterhalt sichern sollten.

Die letzte Äbtissin, Lucia Sterkin oder Störkin (1504–1525), wurde lutherisch und verheiratete sich nach der Klosteraufhebung. Die Aufhebung des Klosters 1525 war von Seiten der Stadt zwar unrechtmäßig erfolgt, die Stadt hatte ihr rigoroses Vorgehen aber mit dem Zwang der Verhältnisse und der für sie bedrohlichen Situation begründet.

Da sich die bäuerlichen Aufstände überall auch gegen die Klöster und ihre Güter richteten, ist es eher unwahrscheinlich, dass die Klosterfrauen mit den Bauern kooperiert oder gar mit dem revolutionärem Gesellschaftsprogramm des »gemeinen Mannes« sympathisiert hätten, wie dies Pantaleon Rosmann und Faustin Ens in ihrer Geschichte der Stadt Breisach 1851 mit leicht moralisierendem Einschlag ohne nähere Begründung vermuteten. Am 23. April 1529 entschuldigte sich die Stadt bei König Ferdinand I. wegen ihres Vorgehens.10 Erst im Jahr 1537 gestattete Ferdinand der Stadt schließlich die rechtmäßige Verwaltung der ehemaligen Klostergüter. Die diesbezüglichen Einnahmen sollten von der Stadt allerdings ausschließlich zum Wiederaufbau bzw. zur Unterhaltung des Spitals und zur Unterstützung der Stadtarmen, also für sozialpolitisch-kommunale Zwecke (»Marienaustiftung« bzw. »Pflege Marienau«), verwendet werden.

Besitz und Wirtschaft

Was die materielle Ausstattung des Klosters in der Frühzeit anbelangt, sind drei Urkunden von 1266,11 127012 und 127213 wichtig. Sie wurden von Rudolf von Rathsamhausen, einem elsässischen Ritter und Lehensmann des Bischofs von Basel, ausgestellt. Rudolf war mit Anna von Tunsel, der Erbtochter des letzten Ritters von Tunsel, verheiratet. Rudolf und seine Ehefrau unterhielten nicht nur Beziehungen zu dem in Breisach begüterten Zisterzienserkloster Pairis in Orbey bei Kaysersberg, sie schenkten dem Konvent in seinen Anfängen auch erhebliche Güter und machten zudem reiche Seelgerätstiftungen. Nach dem Tod seiner Gattin bestätigte Rudolf am 24. Juni 1266 noch einmal ausdrücklich diese Schenkungen. Zugleich errichtete er 1272 eine Seelgerät- bzw. Jahrzeitstiftung.

Die Frühzeit des Klosters Marienau war durch Stiftungen und Schenkungen von Adligen und Bürgern bzw. Patriziern der näheren Oberrheinregion bestimmt. Drei adlige Familien treten dabei in besonderer Weise hervor. Dabei handelte es sich erstens um das bereits erwähnte Adelsgeschlecht derer von Rathsamhausen. Weitere wichtige Förderer des Frauenklosters waren die Breisacher Patrizierfamilien von Pforr und von Merdingen. Beide stellten mehrere Konventsmitglieder und Äbtissinnen. Dass die frühen Klosterjahre trotzdem eher schwierig waren, geht aus der Tatsache hervor, dass die Äbte der Klöster Schöntal an der Jagst und Lützel 1283 im Rahmen der jährlichen Visitation verfügten, dass Marienau während der kommenden sechs Jahre keine neuen Klosterfrauen mehr aufnehmen dürfe.14

Dieser Eintrag lässt sich entweder so deuten, dass das Kloster in den frühen Jahren stark nachgefragt war und deshalb zu schnell wuchs oder über zu geringe ökonomische Ressourcen verfügte, um den Unterhalt der wachsenden Zahl der Konventualinnen angemessen aus Eigenbesitz (de proprio vivere) bestreiten zu können. Erst nach einer längeren Konsolidierungsphase – von 1290 bis ins frühe 14. Jahrhundert – sind zahlreiche Stiftungen, Schenkungen und Gütererwerbungen durch Breisacher Bürgerinnen und Bürger sowie durch Anwohner umliegender Gemeinden und Städte erfolgt, so dass sich die anfänglich offenbar prekäre ökonomische Situation wohl merklich verbesserte und zunehmend festigte. Die weitere Entwicklung bis zum Ende des 14. Jahrhunderts und darüber hinaus zeigt viele weitere Schenkungen, Jahrzeitstiftungen, Käufe und Verkäufe des Klosters, die auf eine wirtschaftlich prosperierende Situation und eine entsprechende Stellung des Klosters schließen lassen.

Das Kloster entwickelte sich im Spätmittelalter zu einem der größten Grundbesitzer der Stadt. Sein Besitz wuchs so stark an, dass 1455,15 1464,16 149517 und 150418 von der Abtei jeweils umfangreiche klösterliche Zins- bzw. Güterverzeichnisse angelegt wurden.

Religiöses und kulturelles Wirken

Zum religiösen und kulturellen Wirken der Abtei lässt sich wenig sagen, da die entsprechenden Quellen fehlen. Zwei nicht zum Konvent gehörige Priester besorgten den Gottesdienst. Ein aus der Primarabtei Lützel abgestellter Mönch war für die Beichte zuständig. Was unter Umständen ebenfalls für Lützel als Vaterabtei spräche, ist die Tatsache, dass die Abtei zwei Geistliche für den alltäglichen Gottesdienst bzw. den Beichtvater für die Klosterfrauen stellte.19

Bibliothek und Archiv

Über eine Bibliothek oder einen mittelalterlichen Bibliotheks- oder Handschriftenbestand liegen uns keine Nachrichten vor. Wäre eine eventuell vorhandene Bibliothek in den Besitz der Stadt als Rechtsnachfolgerin des Klosters übergegangen, müsste sie im Stadt- oder Münsterarchiv nachweisbar sein. Überliefert und erhalten sind heute Urkunden, Zinsbücher und mehrere Güterverzeichnisse, die teilweise erst lange nach Aufhebung des Klosters entstanden. Die Archivbestände gelangten nach der Auflösung des Klosters in das Breisacher Stadt- und Münsterarchiv.20 Daneben findet sich umfangreiches Material im Generallandesarchiv Karlsruhe.

Bau- und Kunstgeschichte

Die Lage des Klosters Marienau ist nicht eindeutig gesichert. Es wird im Sumpfgebiet der Rheinaue vermutet und lag an der Südostecke des Eckartsberges beziehungsweise an der Südwestecke des heutigen Neutorplatzes im Bereich des heutigen Eckartsbergwegs/Harelungenwegs. Die frühneuzeitlichen Festungsbauten und deren Abriss überformten das Areal und verunklärten die archäologische Situation nachhaltig.

Die zahlreichen Quellen des 13. und 14. Jahrhunderts stimmen darin überein, dass Marienau außerhalb der spätmittelalterlichen Stadtbefestigung lag: sancte Marienowen bi/zuo/iuxta Brisach, oder uswendig an unsere stat zuo Brisach. Seit den zwanziger Jahren des 14. Jahrhunderts wird die Lage des Klosters mit der Formel an der stat, außerhalb der vorstat oder ze Brisach vor der muren ausgedrückt. Die Lage des Klosters extra muros machte die Verteidigung der südöstlichen Unterstadt für die Breisacher schwierig, so dass im 15. Jahrhundert immer wieder dessen Verlegung geplant war. Nachdem der Rat der Stadt das Kloster 1525 aufgelöst hatte, wurden die Gebäude abgebrochen.

Der Überlieferung nach habe die Stadt in dem Gebiet einen Friedhof angelegt, zumal dort schon zuvor neben den Nonnen und Dienstleuten auch Stifter des Klosters bestattet waren. Südöstlich des Klosterareals wurde später eine kleine Friedhofskapelle errichtet.21 Merians Plan der Festung Breisach bezeichnet zwei Außenwerke vor den Festungsmauern, so genannte Ravelins, außerhalb des Neutors als Gottesackerravelin. Der Friedhof und die Kapelle wurden bei der Erweiterung der bastionären Befestigung 1632 beseitigt. Bei den Erdarbeiten angetroffene menschliche Gebeine wurden in großen Gruben beigesetzt. Beim Ausbau des Eckartsbergs zu einer Festung 1717/18 schnitt man bei der heutigen Sparkasse eine solche Grube an.

Ein heute in der Abtei Lichtenthal verwahrtes Bild soll laut Vermerk auf seiner Rückseite die Abtei Marienau zeigen. Das Gemälde von 1798 wird als Detailkopie eines heute verschollenen Altargemäldes angesehen. Seine Aussagekraft zur ehemaligen Baugestalt Marienaus kann wegen der Ungewissheiten jedoch nicht eingeschätzt werden.

Ausstattungsstücke aus dem Kloster sind nicht auf uns gekommen. Es sei denn das spätgotische Chorgestühl des Breisacher Münsters St. Stephan (1473 und 1494) stammt aus dem Zisterzienserinnenkloster Marienau, wie mitunter, jedoch ohne valide Belege, angenommen wird.

Bibliographie

Handbücher und Lexika: KB Freiburg Bd. 2,1, S. 101–142 (Günther Haselier); KDM Bd. 6,1, S. 5–77 (Franz Xaver Kraus); kloester-bw, Zisterzienserinnenkloster Marienau/Breisach (Uwe Fahrer).

Literatur: Haselier 1977; Schwineköper 1978; 1980; 1987 (b); Schmidt 22004; 2005; Buck 2021.

Anmerkungen

  • 1 Rieder 1902, S. m 31 f.
  • 2 StadtA Breisach Urkunde Nr. 525; Poinsignon 1889, S. n 76 f.; GLA 21 Nr. 1022.
  • 3 StadtA Breisach Urkunde Nr. 526; Poinsignon 1889, S. n 77.
  • 4 Münsterarchiv Breisach Urkunde Nr. 403.
  • 5 StadtA Breisach Urkunde Nr. 527; Poinsignon 1889, S. n 77.
  • 6 StadtA Breisach Urkunde Nr. 528; Poinsignon 1889, S. n 77.
  • 7 StadtA Breisach Urkunde Nr. 530; Poinsignon 1889, S. n 78.
  • 8 Haselier 1977, S. 75.
  • 9 UB Basel I, Nr. 288 S. 209.
  • 10 StadtA Breisach Histor. Archiv Nr. 2776, 152 9-1543, fol. 1 r.
  • 11 Münsterarchiv Breisach Urkunde Nr. 401.
  • 12 GLA 21 Nr. 8499.
  • 13 Rieder 1902, S. m 31 f.; Poinsignon 1889, S. n 76 f.
  • 14 Münsterarchiv Breisach Urkunde Nr. 403; Rieder 1902, S. m 32; Haselier 1977, S. 75.
  • 15 Poinsignon, S. n 84.
  • 16 GLA 66 Nr. 1235.
  • 17 StadtA Breisach Urkunde Nr. 580; Poinsignon 1889, S. n 87.
  • 18 Poinsignon 1889, S. n 88.
  • 19 Haselier 1977, S. 82, 92.
  • 20 Poinsignon 1889, S. n 2 f.
  • 21 Schwineköper 1980, S. 16
Objekttyp: Konvent
Personenbezüge:
  • Thomas Martin Buck [Autor]
  • Bertram Jenisch [Autor]
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