Zürcher, Josephina Theresia 

Geburtsdatum/-ort: 01.10.1866; Zürich
Sterbedatum/-ort: 10.07.1932;  Stuttgart
Beruf/Funktion:
  • Ärztin
Kurzbiografie: 1866 Taufe in Zürich, Gottfried Keller anwesend
1879–1886 Waisenhaus Zürich; seit 1882 Lehrerinnenseminar in Zürich
1886–1891 Studium an der Univ. Zürich, eidgenössisches Arztdiplom
1891 Stipendiatin bei Prof. Charcot an der Salpêtrière in Paris
1891–1894 Praxisstellvertretung als Frauen- und Kinderärztin in Bern
1894–1896 Dissertation und Promotion Dr. med. in Zürich; praktische Ärztin in Florenz; Assistentin am Sanatorium „Weißer Hirsch“ in Dresden bei dem Naturheilkundler Prof. Heinrich Lahmann
1897/99 Missionsärztin in Urfa und im Missionsspital in Aintab
1899/1904 eigene Praxis in Aleppo
1904/05 Vertretung des Chefarztes im Spital von Maresch
1905–1912 Haifa, prakt. Ärztin und Geburtshelferin, zugleich Tierärztin
1915–1917 Jerusalem, in deutschem Hospital
1917 Kennenburg bei Esslingen, seit 1918 Gesundheitsamt Stuttgart
1921/22 Krankheit, Erholung in Hirsau und im Sanatorium in Agra (TI)
1922–1925 Bethlehem in Galiläa bei Haifa
1925–1930 Jerusalem
1930–1932 Stuttgart
Weitere Angaben zur Person: Religion: rk., später ref.
Verheiratet: 1899 Heinrich („Henry“) Samuel Fallscheer aus Köngen am Neckar (* 30.7.1872)
Eltern: Vater: Karl Joseph Eduard Zürcher aus Menzingen/Zug (1824–1876)
Mutter: Anna-Barbara, geb. Hirt, aus Schöfflisdorf/Zürich († 30.7.1904)
Geschwister: 3: Anna; Eduard; Max (*1868), Architekt, Direktor der deutschen Kunstakademie in Rom
Kinder: Gerda Margarethe Sdun-Fallscheer (1901–1990)
GND-ID: GND/101239669X

Biografie: Karl Heinz Burmeister (Autor)
Aus: Württembergische Biographien 2 (2011), 309-312

Josephina Theresia Zürcher entstammte sowohl von väterlicher als auch von mütterlicher Seite in Kriegsdiensten bewährten Familien. Vater und Mutter kamen aus armen Verhältnissen. Der Vater Karl Joseph Eduard Zürcher aus dem katholischen Menzingen stand als Reisläufer in Diensten des Königs von Neapel, wechselte in die Schweizergarde, fand 1847 eine Stelle bei der kantonalen Eisenbahn und wurde 1862 Oberpedell am Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich. Die Mutter Anna-Barbara Hirt kam aus dem protestantischen Schöfflisdorf. Das Paar wurde 1861 in Zürich katholisch getraut. Zu der katholischen Tauffeier Josephinas waren 120 Gäste geladen, unter ihnen der Dichter Gottfried Keller, der Architekt Gottfried Semper, der Kulturhistoriker Johannes Scherr und zahlreiche Professoren des Polytechnikums und der Universität. Nach dem Tod des Vaters 1876 betrieb die Mutter ein Kolonialwarengeschäft in Zürich-Hottingen. Der Vater, 1870 der altkatholischen Kirche beigetreten, hatte in seinem Testament seiner Frau die Entscheidung über die religiöse Erziehung der Kinder eingeräumt, sodass Josephina protestantisch erzogen und 1883 konfirmiert wurde.
Josephina Zürcher trat 1879 gemeinsam mit ihrem jüngeren Bruder Max in das Waisenhaus in Zürich ein, wo sie bei spartanischer Kost eine strenge Erziehung genoss. Die Kinder trugen Waisenhaustracht und mussten im Haushalt und Garten hart mitarbeiten. Die Schule besuchten sie in der Stadt. Mit 15 1/2 Jahren verließ Josephina Zürcher mit gutem Abschlusszeugnis die Sekundarschule und äußerte den Wunsch, Ärztin zu werden. Trotz aller Vorbehalte, die man diesem Berufswunsch gegenüber hatte, schickte man Josephina 1882 auf das Lehrerinnenseminar, die einzige Schule für Mädchen, die zur Maturität führte. Mit 17 Jahren wurde sie aus der Internatszucht des Waisenhauses entlassen und konnte jetzt bei der Mutter wohnen. Ihr Lieblingsfach wurde Latein. Im April 1886 bestand sie die Maturität.
Josephina Zürcher bezog die Universität, die in einem Flügel des Polytechnikums untergebracht war. Hier war sie zu Hause, hier lag einst die Dienstwohnung ihres Vaters und hier war sie geboren. Die Universität Zürich hatte sich im liberalen Geist frühzeitig dem Frauenstudium geöffnet. Der Medizinerberuf von Frauen nahm von Zürich aus seinen Ausgang. Als erste Schweizerin hatte sich hier 1868 Marie Vögtlin zum Studium der Medizin eingeschrieben. Zürcher war die einzige Medizinstudentin in ihrem Semester; sie war die fünfte Schweizerin, die das Arztdiplom machte. Als sie ihr Studium begann, studierten an der medizinischen Fakultät 36 Frauen, davon waren 27 Ausländerinnen. Obwohl, von Ausnahmen abgesehen, den Studentinnen kaum mehr Schwierigkeiten bereitet wurde, forderte das Frauenstudien große Ausdauer und Kraft.
Zürcher bestand im Sommer 1888 mit guten und sehr guten Noten die Vorprüfung in den naturwissenschaftlichen Fächern sowie in der Anatomie, Histologie und Physiologie. Ihr besonderes Interesse galt dann der Psychiatrie; in diesem Fach war Prof. Auguste Forel aus Morges (VD), Chefarzt der Irrenanstalt Burghölzli, ihr Lehrer. Im Januar bis März 1891 bestand sie, wiederum mit guten und sehr guten Noten, das medizinische Staatsexamen. Josephina Zürcher war jetzt Ärztin, sie hatte ihr Berufsziel erreicht.
Die Schweizer Kliniken ermöglichten jedoch jungen Ärztinnen die weitere Ausbildung nicht, weshalb viele an deutsche Kliniken gingen. Josephina Zürcher erhielt durch die Vermittlung von Prof. Forel 1891 ein Stipendium nach Paris, wo sie mit ihrem Bruder Max zusammentraf, der gerade sein Studium an der Kunstakademie in Dresden abgeschlossen hatte. Sie besuchte vormittags die Chefvisiten von Prof. Jean Martin Charcot, nachmittags die Vorlesungen der École de Médecine. Ihr Interesse für die Psychiatrie wuchs, doch war es ihr nicht möglich, in Zürich eine entsprechende Assistentenstelle zu erhalten.
Josephina Zürcher begab sich im Herbst 1891 zu ihrer Schwester Anna nach Davos, wo sie Notfälle behandelte und als Ärztin zum Militär eingezogen wurde. Ende 1891 übernahm sie bis April 1894 die Praxisvertretung als Frauen- und Kinderärztin in Bern. Dann widmete sie sich ihrer Dissertation, für die ihr Lehrer Forel vorschlug, das Leben der 1431 im Alter von 19 Jahren als Hexe verbrannten Jeanne d’Arc zu durchleuchten. Über Jeanne d’Arc wurde um diese Zeit eine heftige Kontroverse geführt: während die katholische Kirche an der in Frankreich verehrten Freiheitsheldin ihre Heiligsprechung betrieb (1909 selig, 1920 heilig gesprochen), sahen liberale Theologen in ihr eine Erscheinung des Aberglaubens. Zürcher ging ihr Thema streng wissenschaftlich und interdisziplinär an, indem sie auch die Prozessakten bearbeitete und auch die Literaturwissenschaften zu Hilfe nahm. Die aus finanziellen Gründen auf 147 Seiten stark gekürzte Dissertation „Jeanne Darc. Vom psychologischen und psychopathologischen Standpunkte aus. Eine Studie“ (Leipzig 1895) wurde angenommen. In Ergänzung ihrer Ausbildung absolvierte Zürcher noch in Genf einen Kurs in der Tierheilkunde.
1894/95 praktizierte Zürcher in Florenz, wo ihr Bruder Max seine künstlerische Ausbildung weiter betrieb. 1895/96 wirkte sie als Assistentin am Sanatorium „Weißer Hirsch“ in Dresden bei dem Naturheilkundler Prof. Heinrich Lahmann. Ihre Verhandlungen mit dem äthiopischen Minister Alfred Ilg über eine Berufung an den Hof des Negus in Addis Abeba scheiterten an finanziellen Fragen.
Ende Mai 1897 verließ Zürcher ihre Heimat, um über Triest und Beirut nach Damaskus und dann weiter nach Urfa zu reisen. Ziel dieser Reise war es, den seit Ende 1895 durch blutige Massaker bedrängten Armeniern Hilfe zu leisten, denen sie im Rahmen der Schweizerischen Armenienhilfe Medikamente, Verbandstoffe und medizinische Instrumente brachte. Nachdem sie ihre Arbeit als Missionsärztin aufgenommen hatte, untersagten ihr 1898 die Behörden jede ärztliche Tätigkeit, da sie nicht im Besitz eines türkischen Permis war. Sie reiste eigens nach Konstantinopel, wo das Problem auftauchte, dass in der Türkei Frauen nicht zur Doktorprüfung zugelassen wurden, ohne eine solche Prüfung aber die ärztliche Berufsausbildung untersagt war. Man fand – gegen Zahlung von 1000 Franken – eine echt orientalische Lösung darin, dass der Innenminister den Vali von Aleppo anwies, ihre Berufsausübung im seinem Bezirk nicht zu stören.
Zürcher setzte 1898/99 ihre ärztliche Arbeit im amerikanischen Missionsspital in Aintab (Vilayet Aleppo) fort. Von da begab sie sich nach Aleppo, wo sie 1899 bis 1904 eine eigene Praxis betrieb. Hier heiratete sie am 27. Juni 1899 den Lehrer und Kaufmann Heinrich („Henry“) Samuel Fallscheer aus Köngen am Neckar. Mit der Ziviltrauung im Deutschen Konsulat, das von dem Schweizer Zollinger versehen wurde, wurde Josephina Zürcher deutsche Staatsbürgerin. Am 23. September 1901 kam ihre Tochter Gerda Margaretha zur Welt.
1904/05 vertrat Zürcher den Chefarzt im Spital von Maresch (Vilayet Aleppo). 1905–1912 wirkte sie in Haifa als prakt. Ärztin und Geburtshelferin, war aber zugleich auch als Tierärztin tätig. 1915–1917 wohnte die Familie im Haus Dalmans in Jerusalem, wo Henry unterrichtete (Lehrer waren damals sehr gefragt), Zürcher war in einem deutschen Hospital beschäftigt. In dieser Zeit weilte Sven Hedin als Gast im Hause Zürchers. Im März 1917 musste sich Henry in Deutschland zum Militärdienst stellen. Auch häuften sich die englischen Fliegerangriffe und die Lebensmittel wurden knapp. Auf dem Landweg reist die Familie über Damaskus und Aleppo nach Istanbul.
Nach Deutschland zurückgekehrt übernahm Zürcher in Kennenburg bei Esslingen eine Vertretung in einer psychiatrischen Heilanstalt, während Henry als Lehrer wirkte, zunächst in Ulm, seit Dezember 1918 an der Römerschule in Stuttgart. Zürcher gab jetzt ihre Stellung Kennenburg auf und zog zu Henry, wo sie eine Stelle beim Gesundheitsamt (Impfungen, Reihenuntersuchungen) antrat. Die Familie hatte mit der schwierigen Nachkriegszeit zu kämpfen, vor allem mit der laufenden Geldentwertung und der schlechten Versorgungslage, in der Lebensmittelpakete aus der Schweiz eine willkommene Hilfe waren. Zürcher äußerte sich in dieser Zeit zu aktuellen politischen Fragen. So verfasste sie am 9.1.1919 einen Artikel im Stuttgarter Neuen Tagblatt zum Wahlrecht der Frauen.
Im Mai 1921 stand die Rückkehr nach Jerusalem bevor. Doch kurz vor der Abreise verlangte eine Lungenblutung bzw. die Tuberkulose einen Krankenhausaufenthalt. Ihr Mann fuhr allein nach Jerusalem, wo sich seine Mutter in großer Not befand. Nach vier Wochen nahm Zürcher ein Zimmer in Hirsau. Ihre Krankheit führte sie 1921/22 nach Agra (Tessin). Im Oktober 1921 kam Zürcher erstmals wieder nach Zürich, wo sie viele Bekannte wieder traf. Sie reiste mit ihrer Tochter Gerda weiter ins Tessin, um sich in einem freundlichen Zimmer eines Sanatoriums mit Aussicht auf See und Berge zu erholen. In diese Zeit fiel ihre Beschäftigung mit Ibn Chaldun, zu dem sie im Calwer Tagblatt vom 8.2.1922 einen Artikel schrieb.
1922 bis 1925 lebte Zürcher in der Templerkolonie Bethlehem in Galiläa bei Haifa. Da die Gemeinde mit 101 Einwohnern zu klein war, führte Zürcher keine eigene Praxis mehr, sie sprang aber jederzeit Mensch und Tier bei Unfällen bei. Sehr häufig waren vor allem Schlangenbisse zu behandeln. Schwerere Fälle überwies sie an das deutsche Hospital in Haifa.
1925 bis 1930 finden wir Zürcher wiederum in Jerusalem. Seit der Einwanderung der Juden 1918 war Jerusalem eine aufstrebende Stadt mit einem blühenden Handel und einer lebhaften Bautätigkeit, Nahrungsmittel gab es in Hülle und Fülle. Zürcher arbeitete jetzt meist am Schreibtisch. Sie führte einen ausgedehnten Briefwechsel und schrieb an ihren Erinnerungen. Ihre ärztliche Praxis beschränkte sich nur mehr auf Notfälle, wenn kein anderer Arzt zu haben war „Ich praktiziere so vor mich hin“. Großes Interesse zeigte Zürcher an dem von den Engländern gegründeten Tierschutzverein; oft besuchte sie das Tierpflegeheim. Ihr Mann strebte nach Deutschland zurück, um in den Genuss einer Altersrente kommen zu können. Zürcher verfasste eine letzte Arbeit über die Friedhöfe Jerusalems.
Im Mai 1930 kehrte sie nach Stuttgart zurück, wo sie 1930/32 mehr als Seelsorgerin denn als Ärztin die Kranken der Tuberkulosesiedlung in einem Außenquartier Stuttgarts betreute.
Quellen: NL Zentralbibliothek Zürich.
Werke: Diss. 1895 (wie oben); Die türkische Provinzialhebamme, in: Ergänzungshefte zur Allgemeinen Deutschen Hebammen-Ztg., 1910; Ztgsaufsätze (wie oben); Reiseerinnerungen einer Schweizer Ärztin, in: Hygieia 3–5, 1932.
Nachweis: Bildnachweise: Porträtfoto 1897, Passbild 1917, Passbild 1930, alle Zentralbibliothek Zürich; Abb. bei Frutiger, 63, 133, 157.

Literatur: Gerda Sdun-Fallscheer, Jahre des Lebens, Die Geschichte einer Familie in Palästina um die Jahrhundertwende bis zum Zweiten Weltkrieg, 1985, 2. Aufl. 1989; Uarda Frutiger, Ärztin im Orient, auch wenn’s dem Sultan nicht gefällt, Josephina Theresia Zürcher (1866–1932) (Basler Veröff. zur Geschichte der Medizin und der Biologie, NF 1), 1987; Hans-Lukas Kieser, Fallscheer [-Zürcher], Josephina, in: Historisches Lexikon der Schweiz, Version vom 11/02/2005, URL: http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D14351.php
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