Coppius, Marie Berta 

Geburtsdatum/-ort: 14.07.1871; Charkow
Sterbedatum/-ort: 02.11.1949;  Heidelberg
Beruf/Funktion:
  • Pädagogin, Kindergärtnerin und Autorin
Kurzbiografie: Vor 1887 Privatunterricht, (Sprach)Reisen mit d. Mutter in Europa
1887–1905/06 Erzieherin im Arbeiterinnenkindergarten südöstlich von Warschau, ab 1892 Leiterin
1905/06 Flucht aus dem revolutionären Russland zur Kindergartenpädagogin Hanna Mecke (1857–1926) nach Kassel
1906–1934 Leitung des Weststadtkindergartens in Heidelberg
1908–1910 Vorstand im „Fröbelverein“
1911 Beamtete städt. Kindergärtnerin
1912 Autorin des Standardwerkes „Pflanzen u. Jäten in Kinderherzen. Erlebtes u. Erfahrenes für Mütter u. Erzieherinnen“
1913 Dozentin d. Kindergärtnerinnenausbildung an d. Fortbildungsanstalt Sophie Bernthsen (1857–1936)
1916 Initiative im Heidelberger Stadtrat für eine amtsärztliche Versorgung von Kleinkindern
1921 Städt. Sonderausschuss für Säuglings- u. Kleinkinderfürsorge
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.
Verheiratet: unverheiratet
Eltern: Vater: Gustav Hermann Coppius, Ingenieur
Mutter: Elise Maria, geb. Küster (1839–1920)
Geschwister: 2; eine ältere Schwester, ein Bruder
Kinder: keine
GND-ID: GND/1012415473

Biografie: Ilona Scheidle (Autor)
Aus: Badische Biographien. Neue Folge 6, S. 63-66

Coppius entstammte einer liberalen deutschen Ingenieursfamilie, die in die Ukraine ausgewandert war. Privatunterricht förderte Coppius' Talente in Musik und Kunst, ausgedehnte Studienreisen mit der Mutter durch Frankreich, England, Italien und Deutschland dienten dem Spracherwerb und regten das geistige Interesse der jüngsten Tochter an. Unter elterlicher Anleitung lernte sie soziale Einrichtungen kennen und erwarb dabei Wissen über das zeitgenössische Wohlfahrtswesen, dessen internationale Lage und sein von privater wie staatlicher Seite organisiertes Mangel-Management.
Wie ihre ältere Schwester wurde Coppius auf einen Lebensweg als Dame der aufstrebenden bürgerlichen Führungsschicht in einer international ausgerichteten städtischen Honoratiorengesellschaft des autokratisch regierten russischen Zarenreiches vorbereitet, bis der tödliche Berufsunfall des Vaters im schwedischen Brückenbau die Hinterbliebenen in die Gefahr der Verarmung führte. Allein die in Bromberg geborene Mutter verhinderte das gesellschaftliche Abrutschen durch erfolgreiches Engagement als Hausfrau und Sparsamkeit; mit ihrem Vermögen sicherte sie auch die fundierte Ausbildung ihrer Kinder.
Nach dem Abschluss einer Höheren Töchter Schule erwirtschaftete die 16-jährige Coppius Geld für den Familienunterhalt, indem sie ihr angeeignetes Wissen als private Lehrerin vermarktete. Ab 1887 war sie als Pädagogin erwerbstätig. In ihrer 47-jährigen ununterbrochenen Berufslaufbahn gestaltete Coppius maßgeblich die Etablierung und Qualifikation des Berufsbildes der Kindergärtnerin mit; ihre Veröffentlichungen in Fachjournalen, worin sie die Fröbelsche Pädagogik des Kindergartens mit eigenen Erfahrungen als Kindergärtnerin untermauerte und eine aktualisierte Theorie der Kindergartenbewegung vorlegte, fanden internationale Anerkennung und wurden ins Französische übersetzt. Sie trug so zur Internationalisierung einer professionellen Pädagogik und zur Standardisierung dieser Berufsbezeichnung bei.
Coppius' Pädagogik galt der Förderung einer kindorientierten Erziehung, die die kindliche Persönlichkeit bilden und zur individuellen Entfaltung führen sollte. Ab 1913 war Coppius als Dozentin in der staatlichen Erzieherinnenausbildung tätig. Sie verglich Kindererziehung mit dem Hegen der Gärtnerin: Es ging ihr nicht darum, ein möglichst „angenehmes Glied der Gesellschaft zu erziehen, sondern das Kind zu der Vollkommenheit der in ihm liegenden Möglichkeiten zu fördern, die gerade ihm vom Schöpfer zu eigen werden.“ (1924, S. 10).
Coppius' Berufsweg begann 1887, als sie aus der ukrainischen Hauptstadt ins ca. 100 km von Warschau entfernte Zyrardów reiste. Dort trat sie eine Anstellung als Erzieherin im 20-klassigen Arbeiterinnenkindergarten an, obwohl sie keine eigentliche Berufsausbildung hatte vorweisen können. Nach ungefähr fünf Jahren übernahm sie die Leitung dieser Einrichtung. Nun organisierte sie die Betreuung der Kinder, die als Nachwuchs der Beschäftigten der lokalen Textilindustrie durchweg von Verwahrlosung und Pauperisierung betroffen waren. Schließlich wechselte Coppius nach Posen, um dort die Leitung einer christlichen Kleinkinderschule des Vaterländischen Frauenvereins zu übernehmen. Damals begann sie, sich in die internationale Fachdebatte der Kleinkinderpädagogik durch Aufsätze im renommierten Fachorgan „Der Kindergarten. Zeitschrift für die entwickelnde Erziehung in Familie, Kindergarten und Schule“ einzumischen. Die repressive russische Innenpolitik, die revolutionären Wirren im Zarenreich verbunden mit Befürchtungen vor Übergriffen ihrer deutschen Abstammung wegen, ließen die 24-jährige mit ihrer Mutter 1905/06 aus dem Zarenreich nach Kassel fliehen.
Dort wurde Hanna Mecke ihre Mentorin. Als gestandene Fröbel-Pädagogin vermittelte sie Coppius entscheidende Impulse zum Verständnis der Philosophie des Kindergartenbegründers, dessen Bewegung 1851 vom preußischen Kultusministerium noch „wegen destructiven Tendenzen auf dem Gebiet Religion und Politik“ verboten worden war. Es dauerte dann acht Jahre bis die preußische Obrigkeit von der politischen Harmlosigkeit der Kindergartenpädagogik überzeugt war; besonders der Berliner „Frauenverein zur Beförderung der Kindergärten“ war hierfür aktiv gewesen. Die Fröbelsche Maxime der individuellen kindlichen Förderung durch die Entwicklung von Selbständigkeit war, das Kind „zum eigenen, klaren Erkennen und zum freien Entscheiden zwischen Gut und Böse, zwischen Recht und Unrecht zu führen.“ (1930, S. 3) Dies wurde zur Leitidee für Coppius' Lehre und Arbeit. Freies Schaffen und Gestalten durch typische Kindergartenspielgaben wie Ball, Würfel und Bauklötze sollten den Kindern abstrakte Begriffe wie Form, Farbe, Zahl oder Größe vermitteln. Bekannte Spielgeräte wie das Fröbelsche Flechtblatt übersetzte Coppius in die moderne Industriegesellschaft und bewertete es als „lebendige Rechenmaschine“ (1932, S. 18).
Durch das um die pädagogische Professionalisierung engagierte Frauennetzwerk um H. Mecke vermittelt erhielt Coppius im Frühjahr 1906 Arbeit und Unterkunft in Heidelberg, wohin sie mit ihrer Mutter zog und die befristete Leitung des Heidelberger Fröbelschen Kindergartens zunächst vertretungsweise übernahm. Danach folgte eine Anstellung im Heidelberger Weststadt-Kindergarten, den sie 1906 eröffnete und die folgenden drei Jahrzehnte leitete.
Dieser Kindergarten war vom Stadtrat binnen eines Jahres realisiert worden. Private Stiftungen, besonders aus Kreisen der lokalen Tabakindustrie, ermöglichten die rasche Umsetzung mit Hilfe einer privaten und öffentlichen Mischfinanzierung. Die Einrichtung war umstritten; konservative Stadträte betonten den ephemeren Charakter staatlicher Kinderbetreuung, sahen darin höchstens einen Notbehelf für sozial benachteiligte Bevölkerungsschichten, keineswegs Ersatz für die Erziehung durch die Mutter. Vielleicht gerade angesichts dieser Umstände wurde von der neu geschaffenen Kommission keine von christlichen oder regionalen Wohlfahrtsorganisationen angelernte „Kinderschwester“ sondern Coppius, eine professionelle Pädagogin, als Kindergärtnerin engagiert. Der Bürgermeister, fünf Stadträte, zwei Kleriker und der „Damenausschuss“ aus acht Honoratiorenfrauen überprüften ihre Arbeit. Ihr monatliches Gehalt betrug im Einstellungsjahr 500 Mark bei „freier Station“.
Das Angebot wurde von der Bevölkerung sofort angenommen. Der Neubau eröffnete mit einem Saal für 60 vorwiegend Arbeiterkinder. Bereits nach drei Wochen ließ Coppius einen zweiten Saal für weitere 60 Kinder öffnen, der benötigte dritte Saal blieb wegen Geldmangels geschlossen, so dass zeitweise 180 Kinder von zwei Kindergärtnerinnen in zwei Räumen betreut wurden. Ein Garten mit Sandkasten bot Raum für freies Spielen. Für die Mittagsruhe boten Liegestühle den aus beengten Wohnverhältnissen stammenden Kindern eigenen „Luxus“. Den Höhepunkt des Kindergartenjahres stellte das jährliche Sommerfest am Geburtstag des Großherzogs dar. Jahrestage von anderen reichen Stiftern nutzte Coppius, um freigiebige „Bretzel-Feste“ für die Kinder zu etablieren. Die Öffnungszeiten orientierte sie an den Arbeitszeiten der Eltern. So kam eine Tagesbetreuung von 8 bis 18 Uhr zustande.
Pädagogisches Engagement führte Coppius zur Sozialpolitik. Institutionalisierte Verbesserung wollte sie erkämpfen, auch wenn der Weg dorthin sich als lang erwies: 1916 forderte sie eine schulärztliche Betreuung von Kleinkindern, vier Jahre später wurde ihre Eingabe erstmals probehalber umgesetzt, 1927 beschlossen.
Bald galt Coppius als „Mutter von Vielen“, war im gemeinsamen Kampf mit anderen Frauen der bürgerlichen Frauenbewegung zur lebenden Institution in Heidelberg geworden. Seit 1921 gehörte sie dem „Sonderausschuss für Säuglings- und Kleinkinderfürsorge“ an, zusammen mit Camilla Jellinek (➝ V 131) und der Stadträtin Maria von Graimberg (1879–1965). Maßgeblichen Anteil zur Hebung des öffentlichen Ansehens von Kindergärtnerinnen, Jugendleiterinnen und Hortnerinnen als Berufsgruppe leistete der von Coppius lokal gegründete Ausschuss ihres Berufsverbandes.
Mit 62 Jahren, 1934, reichte Coppius ihren Antrag auf Zurruhesetzung ein. Offensichtlich kam sie damit einer NS-Zwangsmaßnahme zuvor; denn den ab 1934 geforderten „Ariernachweis“ hätte sie nicht erbringen können, wie auch ihre Pädagogik im Widerspruch zur NS-Ideologie stand. Dennoch blieb Coppius bei ihrer Linie und forderte bis zu ihrem Tod die qualifizierte Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern. Für sie war Kindererziehung keine Selbstverständlichkeit, die Mütter instinktiv beherrschten, sondern eine auf theoretisch wohlfundierter Ausbildung basierende gesellschaftlich notwendige Arbeit, qualifizierte Erwerbstätigkeit mit professionellem Gehalt und zu schützenden Berufsstandards.
Quellen: StadtA Heidelberg Meldekartei, Bestand Wohlfahrts- u. Jugendamt, AA 173/11 u. AA 173/10 u. AA 173/9 Stadtratsberichte, Bestand Personalamt 2234, Jahresberr. des Heidelberger Fröbelvereins; Heidelberger Adressbuch 1908/09, 10, 34, 40, 41; RNZ vom 13. 7. 1946 u. 3. 11. 1949.
Werke: Der Kindergarten. Handb. d. Fröbelschen Erziehungsmethode, Spielgaben u. Beschäftigungen. Bearb. von H. Goldhammer, 21872; Mütterabende, in: Der Kindergarten 52, 1911, 223–225; Pour servir à l’éducation de nos enfants choses vues et vécues à l’usage des méres et des éducatrices, 1913; Über die Montessori-Methode, in: Der Kindergarten 55, 1914, 100–106; Zeichenspiele mit Versen im Sinne Fröbels, 1917; Pflanzen u. Jäten in Kinderherzen, 1924; Was ein Häkchen werden will … Aus meinem Skizzenbuch für Mütter u. junge Erzieherinnen erzählt, 1930; Fröbels Leben u. Werk, in: Heidelberger Fröbel-Gedächtnis-Woche vom 1.–7. August 1932, 4 –20; Die religiöse Erziehung des Kleinkindes, ebd. 20–29.
Nachweis: Bildnachweise: StadtA Heidelberg Repro 9503554, Portrait nach „Ida-Seele-Archiv zur Erforschung d. Geschichte des Kindergartens“, Dillingen, ohne Datum.

Literatur: Fritz Frey, Aus d. Geschichte des Erziehungswesens in Heidelberg, 1954; Ann Isabel Blum, „Mutter von vielen“ – Marie Berta Coppius u. d. Weststadt-Kindergarten, in: Frauengestalten, hgg. von Peter Blum, 1995, 27–54; Manfred Berger, Marie Berta Coppius, fast vergessene Pädagogin, in: Heidelberger Stadtblatt 33, 1994, 4; Ilona Scheidle, Heidelbergerinnen die Geschichte schrieben, 2006, S. 131–142; Claudia von Gélieu, Vom Politikverbot ins Kanzleramt, 2008, 48 f.
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