Poppen, Hermann Meinhard 

Geburtsdatum/-ort: 01.01.1885;  Heidelberg
Sterbedatum/-ort: 10.04.1956;  Heidelberg
Beruf/Funktion:
  • Universitäts- und Landeskirchenmusikdirektor
Kurzbiografie: 1891-1904 Volksschule, Bismarckgymnasium in Karlsruhe, Abitur
1904-1908 Studium der evangelischen Theologie (Berlin, Kiel, Heidelberg), erstes und zweites Examen
1908 Assistent des Universitätsmusikdirektors Wolfrum, Heidelberg
1911-1912 Musikstudium bei Max Reger, Meiningen
1913 Auf eigenen Antrag Streichung aus der Liste der Pfarramtskandidaten
1914-1918 Universitätsmusikdirektor in Jena, Kriegsdienst
1918 Hofkirchenmusikdirektor in Karlsruhe
1919 Landeskirchenmusikdirektor, Universitätsmusikdirektor in Heidelberg, Dirigent des dortigen Bachvereins, Städtischer Musikdirektor
1925 Prof. an der Universität Heidelberg
1931 Gründung des Evangelischen Kirchenmusikalischen Instituts in Heidelberg
1950 Ehrenbürger der Universität Heidelberg
1951 Emeritierung als Universitätsmusikdirektor
1955 Ehrendoktor der Theologischen Fakultät der Universität Heidelberg
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.
Verheiratet: 1913 Emmy, geb. Felber
Eltern: Vater: Hermann Poppen, Geheimer Baurat
Mutter: Marie, geb. Sexauer
Geschwister: 2
Kinder: 4
GND-ID: GND/116268387

Biografie: Horst Ferdinand (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 2, 219-220

„Hermann Poppen ist eine der bedeutendsten Erscheinungen im Übergang von der kirchenmusikalischen Tradition der Jahrhundertwende zur kirchenmusikalischen Erneuerung seit etwa 1925“ (W. Blankenburg). Diese Aussage beschreibt Poppens Lebenswerk zutreffend. Es ist jedoch ohne die Begegnung Poppens mit zwei Protagonisten der deutschen Musikszene zu Beginn unseres Jahrhunderts nur schwer vorstellbar: mit Philipp Wolfrum, dem großen und immer streitbaren Anreger der von Poppen weitergeführten und vollendeten Entwicklung auf dem Gebiet der Kirchenmusik, und mit dem genialen Max Reger. Beiden Mentoren dankte Poppen die Förderung freilich in ihm von Anfang an grundgelegter Fähigkeiten, zunächst der soliden und absolut sicheren Beherrschung des musikalischen Handwerks. Aufbauend darauf erwarb er sich in der Zusammenarbeit mit Wolfrum und Reger umfassende strukturelle Kenntnisse der großen Werke der Bach- und Schütz-Zeit, aber auch der Moderne. So war es nur zu verständlich, daß der junge Pfarramtskandidat definitiv auf den anfänglich angestrebten Kanzeldienst verzichtete und statt von der Kanzel jahrzehntelang die frohe Botschaft mit Chor und Instrumenten, vor allem der Orgel, verkündete. Insofern war die Hinwendung zur Musik nur eine graduelle Schwenkung des von selbstverständlicher Religiosität erfüllten jungen Theologen.
Die für den weiteren Werdegang bestimmenden Jahre von 1908-1914 fielen in die Zeit der beginnenden Erneuerung der evangelischen Kirchenmusik durch die liturgische, die Sing- und Orgelbewegung und die Abkehr vom Historismus des 19. Jahrhunderts. So trafen Elan und Schaffensdrang des Assistenten und angehenden Musikdirektors auf günstige Vorbedingungen. Aber erst nach mehrjährigem Kriegsdienst konnte er das in eingehenden Studien erworbene praktische und theoretische Instrumentarium voll entfalten. Dies fand seine äußere Ausprägung in der in ein und demselben Jahr – 1919 – erfolgten Berufung in vier bedeutende Ämter, in denen er zum wichtigsten Träger der Erneuerung der evangelischen Kirchenmusik in Baden und darüber hinaus wurde: dem Amt des Universitätsmusikdirektors in seiner Verbindung von wissenschaftlicher Lehre und praktischer Musikausübung gab er ein unverwechselbares Gesicht; als Dirigent des Bachvereins verstand er es, in Generationen junger Musikbeflissener Hingabe und Begeisterung bei der Aufführung der großen Werke der klassischen und modernen Oratorien- und Kantatenliteratur zu wecken; als Landeskirchenmusikdirektor leistete er wegweisende Erziehungs- und Aufbauarbeit; und schließlich bestimmte er in vielfältiger Weise – als Dirigent großer Gesangvereine, durch die Veranstaltung von Musiktagen etc. – das Musikleben seiner Vaterstadt in einer Weise, die über seine Schüler bis in die Gegenwart hineinwirkt. In der Heranbildung tüchtiger Kirchenmusiker sah er eines seiner wichtigsten Lebensziele. Dabei setzte er sich ohne Schonung seiner Kräfte ein, leidenschaftlich, glutvoll, aber immer, wie es seiner Art des Musizierens entsprach, mit kontrollierter Hitze. Warme Menschlichkeit, Güte und Hilfsbereitschaft zeichneten ihn aus; wenn nötig konnte er allerdings auch herzhaft zornig sein.
Poppen war alles andere als ein musikalischer Museumsverwalter, sondern blieb zeit seines Lebens den jeweiligen musikalischen Zeitströmungen zugewandt. Dafür mag der bereits genannte Name Reger stehen, aber auch die Namen Brahms und Bruckner – zu Beginn des Jahrhunderts „Moderne“. Werke von Distler, Fortner, Honegger, Kaminski, Pepping, Strawinsky brachte er in Maßstäbe setzenden Aufführungen heraus. Wie Poppen Kraft und Zeit fand, bei der beschriebenen Belastung durch eine Vielzahl von Ämtern ein umfangreiches Opus eigener und eigenständiger Kompositionen zu produzieren, ist eines der Geheimnisse dieser rastlos schaffensfrohen Persönlichkeit. Eine Bibliographie von W. Leib (in: „Weg und Werk“, siehe Literatur) zählt über 40 Nummern auf: Kompositionen für Chor und Orchester, für Streichquartett, Lieder, Liedkantaten, Chorsammlungen, Bearbeitungen von Werken von Schütz, Praetorius, Walther und Wolfrum sowie Sammlungen vor Orgelvorspielen.
Die Trauerfeier für Poppen am 14. April 1956 in der Heidelberger Peterskirche, bei der Künstler wie Tilla Briem und Dietrich Fischer-Dieskau mitwirkten, spiegelte Fülle und Reichtum seines Lebenswerks wider. Das hohe Ansehen, dessen sich Poppen erfreuen konnte, fand in den Ansprachen der Vertreter von Kirche, Universität und Stadt beredten Ausdruck. Poppen ruht auf dem an großen Namen reichen Bergfriedhof in Heidelberg.
Werke: Vollständiges Werkverzeichnis (Schriften und Kompositionen) in: „Weg und Werk“, eine Festgabe zum 70. Geburtstag von Prof. Dr. H. M. Poppen, unter Mitwirkung von Dr. Herbert Haag hg. von Dr. Otto Riemer, Heidelberg 1955.<br /> Schriften: Max Reger (Leipzig 1918, 1947 2. Aufl.); Das Evangelische Kirchenmusikalische Institut in Heidelberg, in: Evangelische Kirchenmusik XII (Heidelberg 1936), 5 f.; Richtlinien für gottesdienstliche Chormusik, in: Evangelische Kirchenmusik XIII, 1937, 65 f.; Das erste kurpfälzische Gesangbuch, Lahr 1938; Anton Bruckner, Heidelberg 1947.
Nachweis: Bildnachweise: in „Weg und Werk“ (s. o.).

Literatur: „Weg und Werk“ (s. o.); Walter Blankenburg, Stichwort „Poppen, Hermann Meinhard“, in: MGG Bd. 10, Sp. 1450; Edwin Kuntz, Zum Tode H. M. Poppens, in: Rhein-Neckar-Zeitung vom 12. 4. 1956; Musik in Heidelberg 100 Jahre Heidelberger Bachverein – 1885-1985, i. A. der Stadt Heidelberg u. d. Bachvereins hg. von Renate Steiger, Heidelberg 1985.
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