Cartellieri, Otto Wilhelm Ernst 

Geburtsdatum/-ort: 13.01.1872; Odessa
Sterbedatum/-ort: 13.04.1930; Basel
Beruf/Funktion:
  • Historiker und Archivar
Kurzbiografie: 1885–1892 Realgymnasium Kassel
1894 Abitur am Friedrichsgymnasium Kassel
1894 –1897 Studium d. Geschichte in Freiburg, Heidelberg u. Berlin, dort Promotion: „Abt Suger von St. Denis“
1898–1904 Mitarbeiter d. MGH
1904 Habilitation in Heidelberg: „Peter von Aragon u. die sizilianische Vesper“
1910 ao. Professor in Heidelberg
1915–1918 Kriegsdienst, zuletzt als Beamter d. politischen Abteilung beim Generalgouvernement Belgien
1922 außerplanmäßiger Bibliothekar an d. UB Heidelberg
1924 Archivrat am GLA Karlsruhe
1928 Oberarchivrat
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.
Verheiratet: 1918 (Leipzig) Eva, geb. Schröter (* 1892)
Eltern: Vater: Leopold Anton Friedrich (1828–1903), Kaufmann
Mutter: Cölestine, geb. Manger (1831–1918)
Geschwister: Alexander (1867–1955)
Kinder: 4; Diether (* 1919), Otfried (* 1922), Gisela (* 1924) u. Gudula (* 1929)
GND-ID: GND/116462604

Biografie: Frank Engehausen (Autor)
Aus: Badische Biographien. Neue Folge 6, S. 58-61

Cartellieri entstammte dem gehobenen Wirtschaftsbürgertum. Sein Vater war zunächst an verschiedenen europäischen Niederlassungen des Bankhauses Ephrussi tätig und ließ sich 1885 als Bergwerks- und Ziegeleiunternehmer in Kassel nieder. Die Anfänge seiner Schulbildung genoss Cartellieri an einer Pariser Privatschule – dass sich seine wissenschaftlichen Interessen später auf die französische Geschichte konzentrierten, dürfte somit auch biographisch zu erklären sein. Nach dem Abitur in Kassel nahm Cartellieri wie sein älterer Bruder Alexander ein Studium der Geschichte auf, gelangte aber auf anderen Wegen als dieser, der in Tübingen und Leipzig studierte, – nämlich über Freiburg und Heidelberg – an die Berliner Universität, wo er bereits 1897 mit einer akademischen Preisschrift über „Abt Suger von St. Denis“ promoviert wurde. Einer sechsjährigen Tätigkeit als Mitarbeiter der Monumenta Germaniae historica folgte 1904 die Habilitation in Heidelberg, das sein Bruder zwei Jahre zuvor verlassen hatte, um eine Professur in Jena zu übernehmen. Cartellieris Habilitationsschrift „Peter von Aragon und die sizilianische Vesper“ wurde von Karl Hampe gefördert, der ihm nach vierjähriger unentgeltlicher Lehrtätigkeit 1908 auch zu einer wenigstens schmalen Besoldung als „Lehrer am historischen Seminar“ in Heidelberg verhalf. 1910, als seine „Geschichte der Herzöge von Burgund aus dem Hause Valois“ erschien, wurde Cartellieri zum ao. Professor ernannt.
Seine Heidelberger Lehrtätigkeit musste Cartellieri während des I. Weltkriegs für längere Zeit unterbrechen. Im Sommer 1915 zum Landsturm eingezogen, war er zunächst in einer Postüberwachungsstelle tätig und wurde nach seiner Ernennung zum Unteroffizier im Juni 1916 als Archivar in der politischen Abteilung beim Generalgouvernement Belgien eingesetzt. Neben den allgemeinen Kriegsverhältnissen trübten offensichtlich auch persönliche Zerwürfnisse mit dem leitenden Archivar Pius Dirr Cartellieris Brüsseler Tätigkeit. Cartellieri kehrte nach der Auflösung der Archivsektion im Juni 1918 nach Heidelberg zurück und heiratete. Mit der Familiengründung, der älteste Sohn wurde im Jahr darauf geboren, sah sich Cartellieri, dem in den Vorkriegsjahren offenkundig das Familienvermögen ein hinreichendes Auskommen geboten hatte, veranlasst, sich um eine feste Anstellung zu bemühen. Im Sommer 1921 ersuchte er das bad. Kultusministerium, ihn bei einer Vakanz im Generallandesarchiv Karlsruhe zu berücksichtigen. Ein Jahr später fand er eine Anstellung als außerplanmäßiger Bibliothekar an der UB Heidelberg; die zunächst in Aussicht genommene Übertragung der Leitung der dortigen Handschriftenabteilung kam wegen des Ancienitätsprinzips nicht zustande.
Im Zuge von Sparmaßnahmen erhielt Cartellieri schon nach anderthalb Jahren die Kündigung, konnte aber im April 1924 als Archivrat im GLA Karlsruhe eingestellt werden. Um den Eindruck zu verwischen, die neue Position sei eine versteckte Alimentierung eines Hochschullehrers, drängte das Kultusministerium mit Nachdruck darauf, dass Cartellieri nach seinem 1925 erfolgten Umzug nach Karlsruhe seine Verbindung mit der Universität Heidelberg lösen sollte. Trotz Unterstützung der Direktion des GLA und der Heidelberger Philosophischen Fakultät gelang es Cartellieri zunächst nicht, die Genehmigung zur Fortsetzung seiner Lehrtätigkeit zu erwirken, wenngleich er seine Venia legendi behalten durfte. Erst 1928, als eine Beurlaubung Hampes eine unabweisbare sachliche Notwendigkeit geschaffen hatte, lenkte das Kultusministerium ein und erteilte ihm auch für die Folgesemester jeweils die Erlaubnis, in Heidelberg zu lehren.
Cartellieri konnte hiervon nicht mehr lange Gebrauch machen: Er erkrankte an Leukämie und starb knapp ein Jahr nach der Geburt seiner jüngsten Tochter 58-jährig auf der Rückreise von einem Sanatoriumsaufenthalt in Basel.
Wie als Forscher konzentrierte sich Cartellieri auch als akademischer Lehrer auf die mittelalterliche Geschichte, in die er Studienanfänger regelmäßig einführte, wobei er „den Seminarbetrieb fast schulmäßig“ gestaltete und „den Hauptakzent der Übungen auf das Erlernbare“ (M. Krebs) legte. In seinen Vorlesungen griff er gelegentlich auf die Neuere Geschichte über, dabei jedoch wie in seinen mediävistischen Arbeiten vornehmlich die französische Perspektive berücksichtigend, etwa in „Die französische Revolution und die Rheinlande“ oder in „Geschichte und Kultur Frankreichs und Englands zur Reformationszeit“. Aus der Reihe seiner Lehrveranstaltungen sticht eine Vorlesung über „Turngeschichte“ heraus, bei der es sich augenscheinlich um eine Brotarbeit im Rahmen eines 1910 in Heidelberg abgehaltenen Kurses zur Ausbildung von Turnlehrern handelte. In der Mehrzahl seiner Lehrveranstaltungen ließ er die Studierenden an seinen mittelalterlichen Spezialinteressen teilhaben: der französischen und der italienischen Geschichte.
Zu letzterer fand Cartellieri während seiner Tätigkeit für die Monumenta Germaniae historica, für die er in der Abteilung Scriptores süditalienische Chroniken des 13. Jh.s bearbeitete. Dies führte zwar zu keiner eigenständigen Edition; allerdings erlaubten ihm die Archivreisen nach Italien die Materialsammlung für seine Habilitationsschrift über die sizilianische Vesper, die er als erster deutscher Historiker umfassend und mit eingehender Quellenkritik behandelte. Sein Hauptarbeitsgebiet fand Cartellieri in der spätmittelalterlichen Geschichte Burgunds, die er wissenschaftlich umfassend darstellen wollte. Im Anschluss an ausgedehnte Archivreisen, die ihn 1907 und 1908 nach Belgien, Frankreich, Italien und England führten, erschien 1910 als 1. Teil des Großprojekts der die Zeit Philipps des Kühnen behandelnde Band. Für den 2. Band, der der Regierungszeit Herzog Johanns ohne Furcht gewidmet sein sollte, betrieb Cartellieri Vorstudien, die er teilweise in der Reihe der Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften unter dem Titel „Beiträge zur Geschichte der Herzöge von Burgund“ (1912–1914) veröffentlichen ließ. Das Werk kam indes nicht zustande, da Cartellieri in den Kriegsjahren und in der Nachkriegszeit keine Gelegenheit mehr zum Abschluss der Archivstudien fand. Er konzentrierte sich schließlich auf einen thematischen Teilaspekt der geplanten Gesamtdarstellung und publizierte 1926 „Am Hofe der Herzöge von Burgund. Kulturhistorische Bilder“. Die Resonanz auf das rasch ins Englische übersetzte Werk war günstig und lässt Cartellieri als einen „Lichtblick innerhalb der deutschen Kulturgeschichtsschreibung der Weimarer Republik“ (M. Steinbach) erscheinen. In der Landesgeschichtsschreibung tiefere Spuren zu hinterlassen, wofür er in seiner Stellung in Karlsruhe prädestiniert gewesen wäre, blieb Cartellieri wegen seines frühen Todes nicht vergönnt.
Dass der vielseitig interessierte Historiker jedoch auch dieses Feld in den Blick genommen hatte, zeigen die beiden kleineren Publikationen „Heidelberger Erinnerungsstätten“ (1922) und „Heidelberger Professoren des vergangenen Jahrhunderts“ (1928), seine Mitarbeit in der Bad. Historischen Kommission und nicht zuletzt auch seine Tätigkeit als Mitherausgeber des letzten Bandes der alten Folge der Badischen Biographien. Warum es Cartellieri im Gegensatz zu seinem Bruder, der zu den renommiertesten Mediävisten seiner Generation zählte, nicht gelang, einen Lehrstuhl zu erreichen, ist nicht eindeutig auszumachen. Auf einem in den Vorkriegsjahren enger werdenden akademischen Markt konnte sich Cartellieri nicht als besonders produktiver Wissenschaftler profilieren: Bis 1910 veröffentlichte er außer seinen beiden akademischen Qualifikationsschriften nur wenig, und seine wichtigen Publikationen zur burgundischen Geschichte kamen wohl zu spät, um seine Berufungschancen zu steigern, die dann durch die Kriegseinwirkungen endgültig zunichte gemacht wurden. Dadurch blieb es Cartellieri verwehrt, einen Schülerkreis zu bilden, auf den er mit seinen in den letzten Lebensjahren deutlich hervortretenden modernen kulturgeschichtlichen Interessen befruchtend hätte einwirken können.
Quellen: Nachlass UB Heidelberg Heid. Hs. 2851–2872; GLA Karlsruhe 76/1318, 235/1864; UA Heidelberg PA 3464.
Werke: Abt Suger von St. Denis 1081–1125, Diss. phil. Berlin 1898; Reise nach Italien im Jahre 1899, 1901; Peter von Aragon u. die sizilianische Vesper, 1904; Geschichte d. Herzöge von Burgund 1363–1477, Bd. 1: Philipp d. Kühne, Herzog von Burgund, 1910; Beiträge zur Geschichte d. Herzöge von Burgund, 1912–1914; Charles Rogier, 1919; Heidelberger Erinnerungsstätten, 1922; Am Hofe d. Herzöge von Burgund. Kulturhistorische Bilder, 1926 (engl. 1929); Heidelberger Professoren des verg. Jahrhunderts, 1928.

Literatur: M. Krebs, Otto Cartellieri, in: ZGO 83, 1930, 345–349; W. Holtzmann, Otto Cartellieri, in: HZ 142, 1930, 446 f.; J. Leuschner, Otto Cartellieri, in NDB 3, 160 f.; D. Drüll, Heidelberger Gelehrtenlexikon 1803–1932, 1986, 36 f.; W. Leesch, Die dt. Archivare 1500–1945, Bd. 2: Biogr. Lexikon, 1992, 253; J. Miethke (Hg.), Geschichte in Heidelberg. 100 Jahre Histor. Seminar. 50 Jahre Institut für Fränkisch-Pfälzische Geschichte u. Landeskunde, 1992; M. Steinbach, Des Königs Biograph. Alexander Cartellieri (1867– 1955). Historiker zwischen Frankreich u. Deutschland, 2001.
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