Löwenstein-Wertheim-Rosenberg, Karl Fürst zu 

Geburtsdatum/-ort: 21.05.1834; Haid (Bor)/Böhmen
Sterbedatum/-ort: 08.11.1921; Köln
Beruf/Funktion:
  • Präsident des Zentralkomitees der Katholiken Deutschlands, Mitglied des Reichstags-Zentrum, Ordenspriester (Raymundus Maria OP)
Kurzbiografie: 1838 Vormundschaft der Großeltern und Prinz Friedrichs zu Schwarzenberg, Kardinal-Erzbischof von Prag
1854 Audienz bei Papst Pius IX.
1854-1857 Juristische Studien an der Universität Bonn
1856 Reichsrat der Krone Bayern
1857 Orientreise
1859 Übernahme der Standesherrschaft
1860 Mitglied der 1. Kammer in Baden
1861 Mitglied der Kammer der Standesherrn in Württemberg
1863 Mitglied der 1. Kammer des Großherzogtums Hessen
1868 Präsident des Zentralkommitees der Generalversammlung der katholischen Vereine Deutschlands
1871-1872 Mitglied des Reichstags (Wahlkreis Lohr/Main)
1872-1898 Kommissar der Generalversammlung der Katholiken Deutschlands (Deutsche Katholikentage)
1904 Gründung der Benediktinerinnenabtei St. Hildegard in (Rüdesheim-) Eibingen
1907 Eintritt in das Dominikanerkloster Venlo/Holland
Weitere Angaben zur Person: Religion: rk.
Verheiratet: 1. 1859 Adelheid, Prinzessin zu Isenburg-Birstein (1841-1861)
2. 1863 Sophia, Prinzessin von und zu Liechtenstein (1837-1899)
Eltern: Vater: Konstantin (1802-1838), Erbprinz zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg
Mutter: Maria Agnes Henriette (1804-35), geb. Prinzessin zu Hohenlohe-Langenburg
Geschwister: 1 Schwester: Adelheid, verheiratet mit Dom Miguel de Braganza, portugiesischer Thronprätendent
Kinder: 1 Tochter aus 1., 3 Söhne und 5 Töchter aus 2. Ehe
GND-ID: GND/117187372

Biografie: Volker Rödel (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 4, 190-192

Früh verwaist, empfing Löwenstein wichtige Anregungen von seinem Erzieher, dem Kulturhistoriker und späteren fürstlichen Archivrat Alexander Kaufmann, der ihm zwar nicht die wissenschaftlichen Interessen des Vaters, wohl aber dessen konservative Grundhaltung, insbesondere die Wahrung der standesherrlichen Belange und die Festigung des Katholizismus in Deutschland beinhaltend, zu vermitteln vermochte. Körperlich nicht gerade robust, verbrachte er Erziehungszeiten auch in der Schweiz und in Italien und erlebte 1848 die Revolution in Wien, wo er die Bekanntschaft des abgedankten portugiesischen Königs Miguel I. machte, der als sein Schwager später in Bronnbach an der Tauber lebte. Hatte schon im Studium seine besondere Aufmerksamkeit dem Kirchenrecht gegolten, so setzte er sich als unabhängiger Inhaber einer sich über vier Staaten des Deutschen Bundes erstreckenden Standesherrschaft sogleich nach deren Antreten für die Eigenständigkeit der katholischen Kirche gegenüber dem Staat ein. Geprägt von den sozialen Reformvorstellungen des Mainzer Bischofs W. E. Freiherr von Ketteler, mit dem er ebenso wie mit dem Historiker Johannes Janssen befreundet war, erstrebte er vor dem Hintergrund seines ständisch gegliederten Leitbilds der Gesellschaft deren Erneuerung auf christlich-sozialer Grundlage. Der Allmacht des Staates, in die er die Kirche bedrohlich eingebunden sah, und den Auswüchsen des Kapitalismus sollte durch Selbstbesinnung der Laien auf die Rolle des universalen Papsttums mittels geeigneter Organisationsformen begegnet werden. Auslösend für die diesem Ziel dienenden rastlosen Aktivitäten war wohl eine Audienz bei Papst Pius IX., bei der ihn dieser zum Apostolat für Deutschland aufgefordert haben soll.
In die laufenden Kammerdiskussionen um die Konkordate bzw. „Konventionen“ der Kurie mit deutschen Staaten griff er daher stets ein, so mit seinem ersten Vortrag vor der badischen Ersten Kammer 1860. Das vom katholischen Vereinswesen, dem er sich als einer der ersten Adligen zur Verfügung stellte, getragene Komitee zur Errichtung einer freien katholischen Universität bildete 1863 sein erstes Betätigungsfeld. Damals verstetigte sich auch die organisatorische Zusammenarbeit aller in Deutschland bestehenden Vereine, die sich ein Zentralkomitee bildeten, dessen erster Präsident Löwenstein 1868 wurde. Befürchtete nachteilige Wirkungen des Vereinsrechts bewogen zur Umbenennung dieser leitenden Funktion im deutschen Laienkatholizismus in „Kommissar“. Es oblag Löwenstein in der Folge vor allem die Organisation der Katholikentage, die als an jährlich wechselnde Orte einberufene Generalversammlungen vor allem während des Kulturkampfs von großer Bedeutung für die deutschen Katholiken waren. Die Aufgabe wurde durchaus auch politisch gesehen, jedoch nicht parteipolitisch; Löwenstein, 1871 in den Reichstag gewählt und somit auch Mitbegründer der Zentrumsfraktion, gab dieses Mandat 1872 bereits wieder auf, um sich ganz den Belangen des Laienkatholizismus widmen zu können. Sein sozialpolitisches Engagement führte zu den auf Tagungen am Hauptort der böhmischen Besitzungen vorbereiteten „Haider Thesen über die Arbeiter und ihre Rechte“; diese Anregungen wurden von einer päpstlichen Studienkommission aufgegriffen und stellte so eine wichtige Vorarbeit für die Sozialenzyklika „rerum novarum“ (1891) dar. Auch die Belastungen des Militäretats wollte Löwenstein durch eine stufenweise und kontrollierte Abrüstung gemildert wissen. Besondere Aufmerksamkeit galt der Förderung des katholischen Pressewesens und der christlichen Kunst und Wissenschaft. Auf seine Anregung wurde der Augustinus-Verein zur Pflege der katholischen Presse gegründet; die Görres-Gesellschaft fand in ihm einen wichtigen Förderer. Seine Aktivitäten zur Abschaffung des Duells fanden bei den Souveränen nur wenig Anklang. Erfolgreicher war er dagegen bei der Förderung des Ordenswesens als Ausfluß seiner Gegnerschaft zur Freimaurerei. Wo möglich, förderte er Wiedergründungen, z. B. Maria Laach (1892), daneben verdanken zahlreiche kirchliche und soziale Einrichtungen und künstlerische Ausgestaltungen von Kirchen ihm ihre Entstehung. Ein Denkmal setzte er mit der Gründung des Benediktinerklosters St. Hildegard in Eibingen. Seit 1899 Witwer, übergab er seinem Sohn Alois 1902 die Verwaltung des Besitzes und trat 1907 in das Dominikanerkloster Venlo ein, um endlich seiner Frömmigkeit leben zu können. 1908 zum Priester geweiht und während des 1. Weltkriegs ins Kölner Dominikanerkloster versetzt, erlebte er noch das Ende der Monarchie.
Löwenstein verkörperte eine bemerkenswerte Seinsweise standesherrlicher Existenz: durch Verlagerung der Aktivitäten auf den Katholizismus als universalistische Kraft schuf er sich einen Ausgleich für den Verlust der Souveränität seines Hauses und bewahrte auf diese Weise Elemente des Alten Reiches; umgekehrt war sein soziales Engagement dem gesamten katholischen Volksteil verpflichtet, und seine Ermunterung zur Wahrnehmung der Religionsfreiheit trug durchaus demokratische Züge.
Nachweis: Bildnachweise: StA Wertheim, Privatbesitz.

Literatur: P. Siebertz, Karl Fürst zu Löwenstein, 1924; A. Friese, in: Lebensläufe aus Franken 6, 1960, 382-394; K. Buchheim, Ultramontanismus u. Demokratie, 1963, bes. 168-183 und 255-270; H. Ehmer, in: NDB 15, 1987, 99 f.; DBJ III; M. Heine, Eine Reise in den Orient, in: Wertheimer Jb. 1995, 63-145.
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