Herrmann, Immanuel 

Geburtsdatum/-ort: 29.07.1870;  Rommelshausen (bei Waiblingen)
Sterbedatum/-ort: 22.05.1945; Finkenkrug (bei Berlin)
Beruf/Funktion:
  • Prof., Politiker und württ. Kriegsminister
Kurzbiografie: 1885–1888 ev.-theologische Seminare in Schöntal und Urach
1892 im Sommer Examen am Ev. Stift Tübingen
1892/93 Einjährig-Freiwilliger in der württ. Armee; anschließend als Redakteur bei der „Münchner Post“
1894–1898 Studium in Maschinenbau und Elektrotechnik an der TH Stuttgart
1901 Prof. an der TH in Stuttgart
1919 Abgeordneter der SPD im württ. Landtag
15.1.1919 Kriegsminister im Kabinett Blos
28.6.1919 Rücktritt als Kriegsminister
Weitere Angaben zur Person: Religion: freidenkerisch
Verheiratet: Else, geb. König
Eltern: Vater: Jakob Herrmann, Lehrer
Mutter: Christiane
Geschwister: unbekannt
Kinder: 3: Dr. Werner; Manuela, verh. Plessner; Robert
GND-ID: GND/117520705

Biografie: Peter Schiffer (Autor)
Aus: Württembergische Biographien 2, 121-122

Herrmann wurde in Rommelshausen, einem kleineren Ort im Remstal, als Sohn eines Lehrers geboren. Er legte das Landexamen ab, besuchte 1885 bis 1888 die evangelisch-theologischen Seminare in Schöntal und Urach und studierte als Angehöriger des Evangelischen Stifts in Tübingen, der württembergischen Pfarrerschmiede, evangelische Theologie. Ursprünglich strebte er den Beruf des Pfarrers an, doch veranlassten ihn rationalistische Zweifel unter dem Einfluss von David Friedrich Strauß und Ludwig Feuerbach, nach Absolvierung des Examens im Sommer 1892 die theologische Laufbahn aufzugeben.
1892/93 diente er als Einjährig-Freiwilliger in der württembergischen Armee und wirkte anschließend als Redakteur bei der sozialdemokratischen Zeitung „Münchner Post“. Von der Liste der Offiziersanwärter ließ er sich 1896 auf eigenen Wunsch hin streichen.
Jetzt entschloss sich Herrmann, dessen mathematische Ausnahmebegabung schon in der Schule aufgefallen war, zu einer zweiten Ausbildung: Er studierte 1894 bis 1898 Maschinenbau und Elektrotechnik an der Technischen Hochschule in Stuttgart. Nach einer einjährigen Assistententätigkeit für das Fach Elektrotechnik an der Technischen Hochschule Stuttgart wurde er Elektroingenieur an der Zentralstelle für wissenschaftlich-technische Untersuchungen in Neubabelsberg (bei Berlin). 1901 erhielt er eine außerordentliche, später eine ordentliche Professur für Elektrotechnik an der Technischen Hochschule in Stuttgart. Er spezialisierte sich auf die neu aufkommenden Fachgebiete der Fernmeldetechnik: Telegraphie, Telephonie und schließlich Radiotechnik. Durch rege Vortragstätigkeit und zahlreiche Publikationen, die teilweise zu Standardwerken des Fachs wurden, machte er sich in der Fachwelt bekannt. Er wurde eine anerkannte Kapazität in seinem Fachgebiet.
Den Ersten Weltkrieg erlebte Herrmann als technischer Offizier in Flandern. Die schrecklichen Kriegserlebnisse veranlassten ihn, sich den Ideen des friedlichen Fortschritts, des Pazifismus und des Sozialismus zu nähern und sie immer entschiedener zu verfechten. Vor Ypern verfasste er 1917 „Das neue Vater unser“, eine Abkehr vom kirchlichen Christentum und ein Aufruf zu Frieden und Völkerverständigung.
Nach der Novemberrevolution schloss Herrmann sich der Sozialdemokratie an und wurde im Januar 1919 als Abgeordneter der SPD in den württembergischen Landtag gewählt. Am 15. Januar 1919 berief ihn der sozialdemokratische Ministerpräsident Blos als Kriegsminister in sein Kabinett. Mit diesem Amt verknüpfte Herrmann vor allem die Aufgabe der Demobilisierung. Das Bündnis mit rechten Kräften gegen die radikale Linke und vor allem der Einsatz württembergischer Truppen gegen die Münchener Räteregierung widersprachen seiner politischen Überzeugung. Nach Konflikten innerhalb der Regierung trat er am 28. Juni 1919 als Kriegsminister zurück, ohne einen Nachfolger zu erhalten. Wilhelm Keil charakterisiert den letzten württembergischen Kriegsminister Herrmann mit den Worten: „Soweit Entscheidungen militärischer Art nötig wurden, wie beim Münchener Räteputsch, traf sie Blos oder das gesamte Kabinett. Dem lauteren Idealisten Herrmann fielen hauptsächlich die Aufräumungs- und Liquidierungsarbeiten zu“ (Keil, 143).
Wenig später legte Herrmann sein Landtagsmandat nieder und schied aus der aktiven Parteipolitik aus. Stattdessen beteiligte er sich engagiert in pazifistischen und freidenkerisch-fortschrittlichen, antiklerikalen Verbänden. Schon 1920 hatte er als führender Kopf der Freidenker und Monisten den württembergischen Freidenker- und Monistenbund begründet. Wenig später wurde er dessen Vorsitzender und Herausgeber des Vereinsorgans „Der freie Geist“. Von 1929 bis 1933 war er Vorsitzender des Deutschen Monistenbundes. Auch bei der „Deutschen Friedensgesellschaft (DFG)“ engagierte er sich im Vorstand. Nicht mehr im Rahmen einer Partei, sondern als einflussreiches Mitglied von Verbänden trat Herrmann jetzt engagiert gegen militärische und nationalsozialistische Tendenzen auf.
Am 23. März 1933, wenige Wochen nach der nationalsozialistischen Machtübernahme, wurde Herrmann in „Schutzhaft“ genommen. Nach seiner Entlassung, die er vor allem dem Eintreten seines ehemaligen Klassenkameraden Dr. Albert Müller-Payer zu verdanken hatte, verlor er seinen Lehrstuhl. Die Anfeindung in Stuttgart und die politische Überwachung veranlassten ihn, sein Anwesen in Stuttgart zu verkaufen und nach Finkenkrug (bei Berlin) zu ziehen. Dort konnte er nur noch wissenschaftlich-literarisch, ohne eigentliche Berufsausübung, tätig sein. Er erlebte noch den Kriegsausbruch 1939 und den Einmarsch der Russen am Kriegsende. Am 22. Mai 1945 starb er.
Quellen: NL im HStAS unter Q 1/38, Schriftenverzeichnis Immanuel Herrmanns in Q 1/38 Bü 8.

Literatur: Wilhelm Keil, Erlebnisse eines Sozialdemokraten, Bd. 2, 1948, 143; M. Schmid, Pazifistische Strömungen in Württemberg zwischen Kaiserreich und Drittem Reich, in: ZWLG 49 (1990), 321 ff., hier 333–341.
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