Erler, Fritz Karl Gustav 

Geburtsdatum/-ort: 14.07.1913; Berlin
Sterbedatum/-ort: 22.02.1967;  Pforzheim
Beruf/Funktion:
  • MdL/MdB-SPD, Verfolgter des NS-Systems
Kurzbiografie: 1923-1932 Oskar-Cassel-Realschule, Königstädtische Oberrealschule, Berlin, Abitur
1928 Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ)
1931 Leiter der SAJ-Gruppe Berlin-Prenzlauer Berg; Eintritt in die SPD
1932 Inspektor-Anwärter in der Berliner Stadtverwaltung
1935-1938 Außerplanmäßiger Inspektor
1938 Kaufmännischer Leiter eines chemischen Betriebs in Berlin, Wehrübung
1938 (November) Untersuchungshäftling im Gefängnis Moabit und im Reichssicherheitshauptamt, Prinz-Albrecht-Straße
1939 (September) Urteil des Volksgerichtshofs: 10 Jahre Zuchthaus wegen Vorbereitung zum Hochverrat
1939-1945 Zuchthaus Brandenburg, KZ Aschendorfer Moor, Lager Dieburg (Hessen), Zuchthaus Kassel-Wehlheiden
1945 (April) Flucht aus einem Gefangenentransport nach Dachau bei Plattling (Bayern)
1945-1946 Dolmetscher, dann Landrat in Biberach a.d. Riß
1946 (Januar-Mai) Internierung durch die Besatzungsmacht im Lager Balingen
1946 Mitglied der Beratenden Landesversammlung für Württemberg-Hohenzollern, 1947 Mitglied des Landtags von Württemberg-Hohenzollern
1946-1947 Mitarbeiter der Landesregierung von Württemberg-Hohenzollern in Tübingen
1947-1949 Landrat in Tuttlingen, Wohnsitz dort bis 1954, in diesem Jahr Umzug nach Pforzheim
1949 Gründungsmitglied des Deutschen Rates der Europäischen Bewegung, 1954 Vizepräsident
1949-1967 MdB, 1950 stellvertretendes, 1953 ordentliches Mitglied der Beratenden Versammlung des Europarates, 1955 der WEU-Versammlung; 1951 Mitglied des Vorstandes der Fraktion der SPD; 1952-1953 stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses zur Mitberatung des EVG-Vertrages und der damit zusammenhängenden Abmachungen, 1953-1956 des Ausschusses für Fragen der europäischen Sicherheit, 1956-1957 des Ausschusses für Verteidigung; 1953-1964 Vorsitzender des Arbeitskreises VIII – Sicherheit – der SPD-Fraktion; 1956 Vorsitzender des Verteidigungsausschusses der WEU-Versammlung; 1957-1964 stellvertretender Vorsitzender der Fraktion der SPD, 1964 (03.03.)-1967 Vorsitzender
1956 Mitglied des Parteivorstands der SPD, 1958 Mitglied des Präsidiums, 1964 stellvertretender Vorsitzender der SPD; 1961 und 1965 Mitglied des SPD-Schattenkabinetts
Weitere Angaben zur Person: Religion: evangelisch
Verheiratet: 1938 (Berlin) Käthe, geb. Wiegand
Eltern: Vater: Gustav Erler, Friseur
Mutter: Anna, geb. Rottke, Schneiderin
Geschwister: 4
Kinder: 3
GND-ID: GND/118530844

Biografie: Horst Ferdinand (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 2, 110-116

Die Wiege Erlers stand in einem Arbeiterviertel des Berliner Stadtbezirks Prenzlauer Berg. Beide Eltern waren verwitwet; Vater und Mutter brachten je zwei Kinder in die zweite Ehe, aus der er als einziges Kind hervorging. Kinder- und Jugendjahre waren durch die Entbehrungen der Kriegs- und Nachkriegsjahre überschattet, der Vater war eingezogen worden und kehrte 1917 verwundet zur Familie zurück. Als sich schon in der Volksschule die Begabung des aufgeweckten Jungen herausstellte, wurde beschlossen, ihn als einziges der Kinder der Familie in die höhere Schule zu schicken, was mit großen materiellen Opfern verbunden war. Den in ihn gesetzten Erwartungen wurde er vollauf gerecht und bestand 1932 mit sehr guten Noten das Abitur, seine bevorzugten Fächer waren Geschichte, Deutsch und Sprachen. 1928 und 1930 entstand bei Frankreichaufenthalten – im Schüleraustausch – eine lebenslange Freundschaft mit einer Pariser Arbeiterfamilie – und die ebenso lebenslange Sympathie Erlers für französische Lebensart und Kultur. Der Berufswunsch „Diplomat“ ließ sich aus finanziellen Gründen nicht verwirklichen; statt dessen nahm er die Ausbildung für den mittleren gehobenen Dienst in der Berliner Stadtverwaltung auf, die er 1935 erfolgreich abschloß.
Beide Eltern gehörten der SPD an. So war die Politik ganz selbstverständlicher Bestandteil der Lebenswelt des Heranwachsenden, der mit 15 Jahren – wie auch seine Geschwister – in die Sozialistische Arbeiterjugend (SAJ) eintrat. Mit Leidenschaft stürzte er sich in den politischen Kampf, der vor allem in heftigen Auseinandersetzungen mit der kommunistischen Jugendorganisation bestand, später mit der Hitlerjugend. 1931 wurde Erler in die Berliner Leitung der SAJ gewählt, 1932, ein halbes Jahr vor dem Abitur, war er Vorsitzender aller sozialistischen Schülervereinigungen Groß-Berlins.
Im Schicksalsjahr 1933 schloß er sich der Gruppe „Neu Beginnen“ an, einer Vereinigung, die sich die Einheit der Arbeiterklasse zum Ziel gesetzt hatte. Er wurde Kopf einer Widerstandsgruppe, deren Kern die ehemalige SAJ-Leitung Berlins bildete. Die Gruppe forderte ihre Anerkennung durch die Sozialistische Arbeiterinternationale, und Erler brachte eine entsprechende Resolution nach Zürich. Als er zurückkehrte, schloß ihn der Berliner SPD-Vorstand aus der Partei aus, weil weder er selbst noch seine Gesinnungsgenossen bereit waren, die illegale Arbeit während des „Dritten Reiches“ aufzugeben. Einige Monate später wurde der Ausschlußbeschluß wieder aufgehoben. Im März 1938 gab er seine Stellung bei der Berliner Stadtverwaltung auf und wechselte in einen chemischen Betrieb über. Im September 1938 wurde er zu einer Wehrübung bei der 23. Infanteriedivision in Potsdam-Nedlitz eingezogen. Zwei Monate später verhaftete ihn die Gestapo, weil er seit 1933 die illegale Tätigkeit in der „Neu Beginnen“-Gruppe fortgesetzt hatte. Sie bestand vor allem im Sammeln von Informationen über die vom „Dritten Reich“ ausgehenden Gefahren für den Weltfrieden und in der Weitergabe dieser Nachrichten im In- und Ausland. Einige seiner Freunde hatten die konspirativen Regeln nicht ausreichend beachtet und offen Flugblätter verteilt. Am 14./15.9.1939 stand er vor dem Volksgerichtshof, der ihn zu zehn Jahren Zuchthaus mit Zwangsarbeit verurteilte. Sein Vater starb bald danach, vor Kummer.
Sechs Jahre schwerster Belastung und eines Leidenswegs ohnegleichen folgten. Härteste körperliche Arbeit, Hunger und Mißhandlungen durch das Wachpersonal vermochten jedoch den Widerstandswillen des KZ-Häftlings, dessen junge Ehefrau treu zu ihm stand, nicht zu brechen. Erler bildete sich in den verschiedenen Lagern weiter, so gut es eben ging, im KZ Aschendorfer Moor entstand sogar, im Zusammenwirken mit anderen Leidensgenossen, etwas wie eine „Moor-Universität“. Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft verließ ihn nie. Als die Insassen des Kasseler Zuchthauses wegen der sich nähernden alliierten Truppen nach Dachau verlegt wurden, gelang ihm in der Nacht vom 5./6.4.1945 die Flucht. Der 1,83 m große Mann wog zu dieser Zeit noch 50 Kilogramm. Er schlug sich im Chaos der letzten Kriegstage nach Westen durch und versteckte sich in der Heinrichsburg in Biberach/Riß. Am 1.5.1945 wurde er als Dolmetscher im Bürgermeisteramt von Biberach eingestellt, und drei Wochen später ernannte ihn die französische Besatzungsmacht zum Landrat von Biberach. Im August 1945 unternahm er unter schwierigsten Umständen eine Reise nach Berlin, wo er in der neuerstandenen SPD eine Aufgabe zu finden hoffte. Diese Erwartung erfüllte sich nicht. Erler, der nach wie vor von der Richtigkeit des Zusammenschlusses der sozialistischen Parteien überzeugt war, schlug das nach den Vorgängen des Jahres 1933 immer noch lebendige Mißtrauen gegen die Gruppe „Neu-Beginnen“ entgegen. So setzte er seine Aufbauarbeit in Biberach fort. In Auseinandersetzungen mit der Besatzungsmacht erwies er sich als standhaft und unerschrocken. Ein Chef der Sûreté, der sich an deutschen Kunstschätzen bereichern wollte, wurde auf sein Betreiben abgelöst. Im Januar 1946 war er schon wieder in einem – früheren – KZ eingesperrt; er hatte mehrfach deutschen Deserteuren aus der Fremdenlegion den Weg von der französischen in die amerikanische Zone eröffnet. Vier Monate mußte er im Lager Balingen, zum Teil in Gesellschaft früherer NS-Funktionäre, zubringen. Ein Jahr später sprach ihn das französische Militärgericht in Freiburg i.Br. frei. Nach der Entlassung im Mai 1946 ernannte ihn der stellvertretende Staatspräsident von Württemberg-Hohenzollern, Carlo Schmid, zum Vorsitzenden einer Kommission zur Reorganisation der Innen- und Finanzverwaltung bei der Regierung in Tübingen. Bei den ersten Landtagswahlen in Württemberg-Hohenzollern am 18.5.1947 wurde er zwar gewählt, mußte jedoch zwei Monate später aus dem Landtag ausscheiden, als ihm das Amt des Landrats in Tuttlingen übertragen wurde. Hier galt seine Arbeit vor allem, wie schon in Biberach, dem Aufbau einer funktionierenden Verwaltung und der Lösung der Ernährungsprobleme. Erler verstand es, ein Klima des Vertrauens mit den französischen Besatzungsbehörden zu schaffen. Wie oft in seinem Leben waren ihm auch dabei seine ausgezeichneten Sprachkenntnisse ein wichtiges Hilfsmittel. Er hatte zwar, wie der Kreisbeauftragte der französischen Militärregierung in Tuttlingen später berichtete (Literatur), „in den Augen der Tuttlinger Bevölkerung Fehler, die nicht verziehen werden (lange Karriere als aktiver Sozialist und von Geburt Preuße)“; aber er ließ sich auch nicht durch eine von politischen Gegnern gegen seine Ernennung zum Landrat angezettelte Kampagne beirren: „Er nimmt den Kampf auf und gewinnt ihn.“ Erste Versuche, die unbeschreibliche Wohnungsnot zu lindern, unternahm er schon im November 1948. Ganz besonders lag ihm, dem „Zugereisten“, daran, den sich aus dem ständigen Zustrom von Flüchtlingen ergebenden Aufgaben gerecht zu werden. Das erste Bodenreformgesetz eines deutschen Landes brachte er am 23.3.1948 mit auf den Weg.
So gerne Erler in Tuttlingen wirkte – mit der einstimmigen Wahl zum Bundestagskandidaten durch seine Parteigremien eröffneten sich im Jahre 1949 neue politische Horizonte. Am 14.8.1949 wurde er, auf Platz 3 der Landesliste, gewählt. Der christlich-demokratische Gegenkandidat des Wahlkreises Rottweil erreichte über 50 % der Stimmen, er selbst konnte mit 22,2 % einen Achtungserfolg erringen. 1953 wechselte er auf ein entsprechendes Angebot hin in den Wahlkreis Pforzheim-Karlsruhe-Land. Aber auch dort, in einer christlich-demokratischen Hochburg, gelang es ihm in den Bundestagswahlen zwischen 1953 und 1965 nicht, den Wahlkreis zu erobern, er konnte jedoch in dieser Zeit die sozialdemokratischen Stimmen von 30,6 auf 40,9 % steigern. Damit hatte er 1965 nur 5 Prozentpunkte weniger als sein CDU-Gegenkandidat. In den beiden Wahlen 1961 und 1965 stand er auf Platz 1 der Landesliste.
Man wird nicht sagen können, daß er in Bonn von seiner Fraktion mit sehr offenen Armen aufgenommen wurde. Sicher wurden sein unglaublicher Durchhaltewille in den KZ-Jahren, seine Zähigkeit und Widerstandskraft hoch anerkannt, andererseits gab es aber in der Leitungsetage der Fraktion noch erhebliches Mißtrauen wegen der keineswegs vergessenen Vorgänge des Jahres 1933, insbesondere wegen Erlers „Neu Beginnen“-Aktivitäten. Sein schärfster innerparteilicher Gegner von 1933, der damalige Reichsvorsitzende der SAJ, Erich Ollenhauer, war jetzt stellvertretender Fraktionsvorsitzender, und für den die Fraktion mit starker Hand leitenden Kurt Schumacher war alles, was auch nur von weitem wie eine Kooperation mit Kommunisten aussah, ein Greuel. Viel mehr als ein Verhältnis höflicher Distanz konnte sich so in Erlers Stellung zur Fraktionsleitung anfangs nicht ergeben. Aber als seine Fähigkeiten offenbar wurden, übertrug ihm Schumacher das heikelste Amt, das die Fraktion im Jahre 1951 zu vergeben hatte, das des Wehrexperten. Eine Bezeichnung übrigens, gegen die sich Erler wegen der damit verbundenen Verengung immer gewehrt hat. Aber das Mißtrauen wegen „Neu Beginnen“ schwelte immer weiter. Als Erler 1954 bei der Wahl zum Parteivorstand durchfiel, hatte jedoch der starke pazifistische Flügel der Partei und das Mißtrauen gegen den erfolgreichen „Wehrexperten“ den Ausschlag gegeben.
Durch seine Sachkenntnis hatte Erler schnell auf sich aufmerksam gemacht. So wurde er gleich in den ersten Jahren des Bundestages zum unentbehrlichen Sprecher seiner Fraktion in den Ausschüssen des Hauses, insbesondere den Untersuchungsausschüssen. Schon 1951 kam es zur Wahl in den Fraktionsvorstand. Es dauerte jedoch noch volle sechs Jahre – Jahre intensivster politischer Arbeit in Bonn und im Wahlkreis –, ehe er mit der Wahl zum stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden in die Führungsspitze der Fraktion einrückte. In diesen Jahren vollzog sich bei Erler ein Gesinnungswandel: als er 1949 in Bonn antrat, dürfte er nicht allzuweit von den sozialistischen Vorstellungen seiner Jugendjahre entfernt gewesen sein; aber schon die Zwangsvereinigung von SPD und KPD in der Sowjetzone im Jahre 1946 und noch mehr die Berliner Blockade hatten bei ihm zur Revision dieser Einstellung geführt. Nichts anderes als die Sorge um die in unerreichbare Ferne rückende Wiedervereinigung hatte ihn in den frühen Bonner Jahren zu einem entschiedenen Gegner der Adenauerschen Westbindung und der Wiederbewaffnung gemacht. Aber als die Schaffung der Bundeswehr in das Stadium der Beschlußfassung durch den Bundestag trat, bemühte er sich mit Erfolg, die nun wirklich von allen Seiten mit Vorbehalten bedachte Wiederbewaffnung in demokratische Bahnen zu lenken: Die später sogenannte „Große Verfassungsgebungskoalition“ stellte unter Vorsitz des CDU/CSU-Abgeordneten Richard Jaeger den Primat der Politik über die Streitkräfte und die Garantie der individuellen Grundrechte der Staatsbürger in Uniform sicher. Hauptsächlich auf Erlers Betreiben hin wurde dem Verteidigungsausschuß die Möglichkeit eröffnet, sich als Untersuchungsausschuß zu konstituieren, und zusammen mit seinem Freund Ernst Paul (1897-1978) setzte er die Einrichtung des Wehrbeauftragten durch. Als die SPD-Fraktion am 5.3.1956 mit nur 19 Gegenstimmen und 2 Enthaltungen der Wehrverfassung zustimmte, war Erler längst zum unbestrittenen Sprecher seiner Fraktion in allen Sicherheitsfragen geworden. Sein Biograph Hartmut Soell sieht in der von Erler maßgeblich beeinflußten Wehrverfassung den „größten persönlichen Erfolg“ des Politikers.
Die Niederlagen der SPD in den Bundestagswahlen 1953 und, noch mehr, 1957 bestärkten Erler darin, die Partei auf dem Weg programmatischer und personeller Reformen von einer marxistischen Klassenkampfpartei zu einer Volkspartei umzuwandeln. Im Lauf der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre verloren die bis dahin maßgeblichen Gruppen im SPD-Parteivorstand, die Londoner Emigranten und die Gefolgsleute Schumachers aus dem ersten Nachkriegs-Parteivorstand in Hannover, zunehmend an Einfluß, und hinsichtlich der programmatischen Erneuerung begab sich auf dem von Erler und seinen Freunden Carlo Schmid und Erich Ollenhauer mit allen Kräften angestrebten und schließlich erfolgreich abgeschlossenen Godesberger Parteitag im Jahre 1959 das Erforderliche und Wesentliche: die endgültig und positiv definierte Einstellung gegenüber der Sozialen Marktwirtschaft, der Landesverteidigung, dem Verhältnis zu den Kirchen und zur eigenen Parteitradition wurden festgeschrieben. Hand in Hand damit ging eine Umstrukturierung der Parteiorganisation: Der Parteivorsitzende Ollenhauer wurde durch ein elfköpfiges Präsidium „eingerahmt“, und als der Fraktionsvorsitzende Ollenhauer wenig später erkrankte, übernahm der 1957 zu seinem Stellvertreter gewählte Erler de facto die Leitung der Fraktionsgeschäfte, die ihm dann de jure am 3.3.1964 nach Ollenhauers Tod zufiel.
In der Deutschlandpolitik stand Erler zu Beginn der fünfziger Jahre auf der Seite jener, die die deutsche Frage unter allen Umständen offenhalten wollten. Seit der Mitte des Jahrzehnts sah er jedoch die deutsche Spaltung als praktisch vollzogen an. In einem Gespräch mit Chruschtschow, das Erler zusammen mit Carlo Schmid am 17.3.1959 im Kreml führte, wurde völlig klar, „daß seit 1949 unverrückbare Realitäten entstanden waren, die jede Wahrscheinlichkeit ausschlossen, in absehbarer Zeit ... zur Wiedervereinigung zu gelangen“ (Schmid). Im Lichte dieser Erkenntnis ist nur schwer verständlich, daß sich Erler unmittelbar danach bereit fand, an dem sogenannten Deutschlandplan der SPD mitzuwirken, der unter Federführung Wehners, Erlers und Helmut Schmidts ausgearbeitet wurde und in der deutschen Öffentlichkeit den Eindruck erweckte, als ob die SPD Vorstellungen der SED entgegenkommen wolle. Schmidt und Erler setzten sich, als der Plan auf allen Seiten auf Unverständnis stieß, vorsichtig davon ab, und Wehner blieb es vorbehalten, ihn mit seiner berühmten Rede vom 30. Juni 1960 in den Papierkorb zu werfen.
Großes Aufsehen erregte der Besuch einer von Erler geleiteten vierköpfigen SPD-Parlamentarierdelegation bei Papst Paul VI. im Jahre 1964. Diese Aktion lag auf Erlers Linie der Normalisierung des Verhältnisses seiner Partei zu den Kirchen. Im Falle der Katholischen Kirche war dieses Verhältnis lange Jahre besonders notleidend. Freund Ernst Paul, der einen italienischen christlich-demokratischen Politiker – einen Bruder des Papstes – kannte, hatte den Besuch eingefädelt, gegen allerhand Widerstände. Die Visite im Vatikan trug erheblich dazu bei, bis dahin festgezurrte Fronten aufzulockern. Mit seiner eigenen Kirche war Erler seit Kindheitstagen verbunden. Schon in der Tuttlinger Zeit gründete er Gesprächskreise zur Erörterung der Probleme SPD-Evangelische Kirche. Später trat er u.a. als Redner in Evangelischen Kirchentagen auf.
Das große Ansehen, das sich Erler mittlerweile erworben hatte, führte zu Bestrebungen, ihn für die Bundestagswahl 1961 als Kanzlerkandidaten der SPD aufzustellen. Aber er hielt sich selbst für „zu unterkühlt und zu intellektuell“ (Annemarie Renger) und strebte das Amt des Außenministers an. Als nach der Bundestagswahl 1965 im SPD-Parteipräsidium erwogen wurde, dem Kanzlerkandidaten Willy Brandt den Fraktionsvorsitz anzutragen, wehrte sich Erler sehr nachdrücklich und mit Erfolg gegen diese Tendenzen; Willy Brandt bezeichnete viele Jahre später diese ihm zugeschobene Absicht als „unsinnig“. Erlers innerparteiliche Schlüsselposition, als Mitglied der Führungstroika Brandt-Wehner-Erler, war unangefochten. Ganz ohne Frage gab es „ziemlich harte persönliche Auseinandersetzungen unter den Spitzenpersonen jener Zeit“ (Helmut Schmidt), und sicher entstand auch eine „spürbare Rivalität zwischen Brandt und Erler“, aber davon drang nichts nach außen. Solidarität unter Gesinnungsgenossen war damals noch kein leeres Schlagwort. Als die Übernahme von Regierungsverantwortung durch die SPD in greifbare Nähe rückte, ereilte Erler die tödliche Krankheit. Tapfer widerstand er. Aber bei Bildung der Großen Koalition, für die er sich noch in einem Brief an Willy Brandt am 28.11.1966 einsetzte, lag er im Sterben.
„C’est un homme solide“ – „das ist ein fest gegründeter Mann“ – sprach Charles de Gaulle nach einer Unterredung mit Erler, und Konrad Adenauer befand, daß Erler ein Mann sei, „den man ernst nehmen muß und von dem man weiß, daß er seine Worte sehr genau überlegt“. Er überlegte aber nicht nur seine Worte sehr genau, sondern er besaß die seltene Gabe, seine Argumentation, auf Grund völliger Beherrschung des jeweiligen Diskussionsstoffs, in freier Rede vorzutragen. Nur wenige taten es ihm im ersten Jahrzehnt des Bundestages gleich: seine Fraktionsfreunde Adolf Arndt, Carlo Schmid und später Helmut Schmidt, Thomas Dehler von der FDP und Eugen Gerstenmaier, Franz Josef Strauß und vor allem Kurt Georg Kiesinger von der CDU/CSU. „Der Partner, mit dem ich am liebsten die Klingen gekreuzt habe ..., war Kurt Georg Kiesinger. Wir haben ... harte Auseinandersetzungen geführt, aber immer in einer Form, die uns nach Abschluß der Debatte wieder aufeinander zugehen ließ“ (Erler). Nicht in der Brillanz des rednerischen Vortrags, aber an Geistesgegenwart und Witz war ihm, in seinen guten Jahren, Konrad Adenauer ebenbürtig; als Erler einmal im Bundestagsplenum über den Regierungsstil Adenauers klagte, der die Entfaltung der demokratischen Kräfte lähme, erwiderte ihm Adenauer: „Nun, Herr Kollege Erler, wir kennen uns jetzt zehn Jahre, und ich meine, Sie rechnen sich doch zu den demokratischen Kräften. Ich muß Ihnen sagen, Sie haben sich in den zehn Jahren glänzend entfaltet.“
Sein auf der nationalen Ebene unbeirrbar verfolgtes Ziel, die SPD nach den Zeiten der Isolation, in die sie durch Kurt Schumacher geraten war, bündnisfähig zu machen, verfocht er auch im transnationalen Bereich. Mit Ingrimm reagierte er darauf, wenn ausländische Stimmen immer noch nicht wahrhaben wollten, daß es Deutsche gab, die Hitler von Anfang an bekämpft hatten. In Europarat und WEU fand er Ansprechpartner genug, denen er, wieder mit Hilfe seiner hervorragenden Sprachkenntnisse und seiner Eloquenz, ein Bild der gewandelten SPD und der neuen Bundesrepublik Deutschland vermitteln konnte, deren durch und durch glaubwürdiger Repräsentant er war. Von Beginn an setzte er sich führend in der Europäischen Bewegung ein, und früh schon plädierte er, in schroffem Gegensatz zu Schumacher und Ollenhauer, für die mit Adenauers Namen verbundene Westintegration. Als die SPD-Fraktion 1957 erstmals einem der wichtigsten Integrationsinstrumente, den Römischen Verträgen, zustimmte, konnte er auch dies als seinen persönlichen Erfolg buchen. Er bewegte sich auf der internationalen Ebene mit der gleichen Unbefangenheit wie im nationalen Parlament. Vortragsreisen führten ihn u.a. nach New York und Washington, an der Harvard University hielt er eine vielbeachtete Vorlesungsreihe.
In das Persönlichkeitsbild Erlers paßt gut hinein, daß er niemals eine Entschädigung für die sieben Jahre im KZ verlangte, in denen er „die Hölle des physischen Terrors und der Einsamkeit im eigenen Volk“ (Erler) erlebte. Ritterlichkeit und Fairneß waren seine vorwaltenden Charakterzüge, Pflichtgefühl, Toleranz und Liberalität – schon im Elternhaus eingeübt – bestimmten sein preußisches Ethos. Bei aller Sprödigkeit und manchmal Kühle schätzte er persönliche Bindungen zu Freunden hoch ein und hielt ihnen die Treue. So wenig er, über allem ihn völlig mit Beschlag belegenden Engagement in Bonn und anderswo, seine Familie vergaß, so gewissenhaft nahm er sich, auch als prominenter Fraktionsvorsitzender, der Sorgen und Nöte der kleinen Leute an.
Die Bundesrepublik Deutschland ehrte den sozialdemokratischen Politiker, der nie ein Staatsamt bekleidet hatte, mit einem Staatsbegräbnis, und seine Partei nannte eine ihrer großen staatsbürgerlichen Bildungseinrichtungen – in seiner Wahlheimat Baden-Württemberg, in Freudenstadt – „Fritz-Erler-Akademie“.
Quellen: Nachlaß Fritz Erler, in: Archiv der sozialen Demokratie Bonn; Fritz Erler, Ansprache Hedwig Meermanns in der Gedächtnisfeier am 4.3.1977 in Tuttlingen (Manuskript).
Werke: Hauptwerke: Sozialismus als Gegenwartsaufgabe, 1947; Demokratie in Deutschland, 1965. – Auswahlverzeichnis von Veröffentlichungen Fritz Erlers in: Hartmut Soell, Fritz Erler – Eine politische Biographie (Literatur), 1186-1190; Wolfgang Gaebler (Hg.) Fritz Erler, Politik für Deutschland (Teilsammlung der etwa tausend Veröffentlichungen Erlers), 1968.
Nachweis: Bildnachweise: in: Amtliches Handbuch des Deutschen Bundestages, hg. vom Deutschen Bundestag, bearb. von der Bundestagsverwaltung 1949, 1953, 1957, 1961, 1965.

Literatur: (Auswahl) Horst Flügge, Fritz Erler, 1957; Paul Schallück, Der Graue. Plädoyer für eine neue Regierung. Hg. von Hans Werner Richter, 1965; Fritz Erler, in: Der Spiegel 21, 1967 Nr. 10, 46; Hartmut Soell, Fritz Erler – Eine politische Biographie (2 Bde.), 1190-1210 Allgemeine Literaturübersicht, 1976; Carlo Schmid, Erinnerungen, 1979; Peter Pütz (Bearb.),Die Fraktion der SPD im Deutschen Bundestag 1949-1981, 1981; Hans-Peter Schwarz, Die Ära Adenauer 1949-1957, 1981; ders., Die Ära Adenauer 1957-1963, 1983, in: Die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, hg. von Karl Dietrich Bracher u.a.; Hartmut Soell, Fritz Erler, in: Demokraten, Profile unserer Republik, hg. von Claus Hinrich Casdorff, 1983; Begegnungen mit Kurt Georg Kiesinger, Festgabe zum 80. Geburtstag, hg. von Dieter Oberndörfer, 1985; Horst Ferdinand, Preußisches Ethos: Fritz Erler 1913-1967, in: Reden, die die Republik bewegten, hg. von dems., 1988; Willy Brandt, Erinnerungen, 1989; Hans-Peter Schwarz, Adenauer der Staatsmann 1952-1967, 1991; Heinrich Potthoff, Vor 25 Jahren starb Fritz Erler. Sein Denken und Handeln wurde stilbildend bis heute, in: Das Parlament vom 21.02.1992; Jens Hacker, Deutsche Irrtümer. Schönfärber und Helfershelfer der SED-Diktatur im Westen, 1992; Helmut Schmidt, Fritz Erler – ein Vorarbeiter auf dem Wege der Sozialdemokratie zur Reformpartei, in: Fritz Erler und die Sozialdemokratie als Reformpartei, Symposium anläßlich des 25. Todestages von Fritz Erler in der Stadthalle Pforzheim am 22. Februar 1992, hg. von der Friedrich-Ebert-Stiftung, 1992; Annemarie Renger, Ein politisches Leben, 1993; Jean-Lucien Estrade, „Tuttlingen April 1945-September 1949“, Die französische Militärregierung in Tuttlingen, hg. vom Geschichtsverein für den Landkreis Tuttlingen, o.J.; Klaus Dagenbach, Fritz Erler, ein Leben für die Sozialdemokratie, in: Unser Land und seine Sozialdemokraten, hg. von: Sozialdemokratische Partei Deutschlands, Landesverband Baden-Württemberg, o.J.; Petra Weber, Carlo Schmid 1896-1979. Eine Biographie, 1996; Munzinger Archiv 1967; Lt 8; LbWB 2, 6.11.13.14.
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