Neubauer, Alfred 

Geburtsdatum/-ort: 29.03.1891; Neutitschein/Mähren
Sterbedatum/-ort: 21.08.1980;  Aldingen a. N.
Beruf/Funktion:
  • Rennleiter der Daimler-Benz AG
Kurzbiografie: 1905-1911 Realschule in Troppau, Artillerie-Kadettenschule Wien
1911 Fähnrich beim österreichischen Heer
1912 Ausbildung zum Artillerie-Automobilist bei Austro-Daimler in Wiener-Neustadt
1917 Offizier bei der Übernahmekommission für Artillerie-Spezialfahrzeuge bei Austro-Daimler
1919 Ernennung zum Leiter der Einfahrabteilung bei Austro-Daimler, erste Rennbeteiligung und 19. Platz bei der Targa Florio mit einem „Sascha-Wagen“
1923 Wechsel zur Daimler Motoren Gesellschaft nach Untertürkheim als Leiter der Einfahr- und Versuchsabteilung
1924 Letztes Rennen (Targa Florio), bei dem Neubauer auf Mercedes den 13. Platz erringen konnte
1926 Rennleiter der Daimler-Benz AG
1939 Bevollmächtigter für die Kfz-Instandsetzung der Ostmark
1945 Tätig in der Reorganisation der Werkstätten
1949 Aufbau einer neuen Rennabteilung
1957 Eintritt in den Ruhestand
Weitere Angaben zur Person: Religion: römisch-katholisch
Verheiratet: 1929 Wien, Josephine, geb. Ortbauer (1893-1963)
Eltern: Vater: Karl Neubauer (1851-1905), Bau- und Kunsttischler
Mutter: Marie, geb. Wiesenthal (1859-1897)
Geschwister: 1
Kinder: keine
GND-ID: GND/118587145

Biografie: Harry Niemann (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 1, 253-254

Das Leben Neubauers war auf das Engste mit der Geschichte des Automobils verknüpft. Er kann getrost zu den Pionieren der automobilen Entwicklung gezählt werden, wenn auch nicht als bedeutender Rennfahrer oder Techniker, so doch als Organisator und, heute würde man sagen, PR-Mann. Seine Rennfahrerkarriere begann er auf dem Austro-Daimler „Sascha-Wagen“, einer 1,1 Liter Konstruktion Ferdinand Porsches, des technischen Direktors bei Austra-Daimler. Mit diesem Wagen fuhr Neubauer bei der Targa Florio, seinem Schicksalsrennen im Guten wie im Bösen, Rekordzeit für Fahrzeuge bis 1,1 Liter Hubraum.
Als Porsche zur Daimler Motoren Gesellschaft nach Untertürkheim wechselte, nahm er Neubauer mit. Dort bekleidete dieser, ebenso wie schon in Wiener-Neustadt, die Tätigkeit des Leiters der Einfahr- und Versuchsabteilung. Er war weiterhin als Aktiver im Automobilsport tätig, entschloß sich aber nach einer mittelmäßigen Plazierung bei der Targa Florio und einem Trainingsunfall in Monza, am Ende der Batschari-Fahrt von 1925, bei der er hinter Caracciola und Nallinger auf einem Mercedes Dritter wurde, den „Helm an den Nagel zu hängen“. Stattdessen widmete er sich intensiv der Vorbereitung von Rennen sowie der Betreuung und Information der Fahrer während der Veranstaltungen. Sein über Tafelanzeigen funktionierendes Kommunikationssystem, das es ihm ermöglichte, die Fahrer genau über den Rennverlauf zu unterrichten und taktische Anweisungen zu geben, setzte sich weltweit bei Automobil- und Motorradrennen durch. Am 26. September 1926 hatte der selbsternannte Rennleiter der Daimler-Benz AG beim Solitude-Rennen Premiere. Sie verlief erfolgreich, die Plätze eins bis drei wurden von Mercedes-Fahrzeugen belegt. Neubauers große Zeit begann, als sich Daimler-Benz im Rennen der neuen 750 kg Formel mit erheblichem werkseitigen Einsatz an internationalen Rennen beteiligte. Die neuen Wagen durften nicht mehr als 750 kg wiegen; als sich bei der Wiegeprozedur am Nürburgring die Wagen als zwei Kilo zu schwer herausstellten, entschied Neubauers kurzerhand, die weiße Farbe, die offizielle deutsche Rennfarbe, abkratzen zu lassen. Die nun reglementskonformen Wagen starteten im silbernen Glanz ihrer blankpolierten Aluminiumkarosserie; die „Silberpfeile“ waren geboren. Unter Neubauers Ägide wurde Rudolf Caracciola 1935, 1937 und 1938 Europameister und 1939 Hermann Lang. Die Europameisterschaft entsprach damals der heutigen Automobil-Weltmeisterschaft.
Während der Zeit des Nationalsozialismus hatte Neubauer ein distanziertes Verhältnis zur NSDAP. So lehnte er es ab, dem NSKK beizutreten und seine Einsätze in Uniform zu absolvieren. Nach dem Krieg begann Neubauer 1949 mit dem Neuaufbau der Rennabteilung, und bald schon sah man ihn wieder, in seinem unvergleichlichen Stil, mit Flaggen und Stoppuhren hantierend, an den Boxen der internationalen Rennstrecken. Das Nachkriegsteam bestand, neben einigen Einsätzen von Hermann Lang und Rudolf Caracciola, aus dem Argentinier Juan Manuel Fangio, dem Engländer Stirling Moss und Karl Kling, der später die Nachfolge Neubauers als Rennleiter antreten sollte. Mit dem W 196 gelang es Fangio, in den beiden Jahren seines Einsatzes, 1954 und 1955, die Automobil-Weltmeisterschaft zu erringen. Das Jahr 1955 beschert Daimler-Benz darüber hinaus noch den „Coupe des Constructeurs“, der mit dem 300 SL errungen wurde. Viele bekannte Rennfahrer hatten ihre Einsätze unter der Obhut Neubauers absolviert. Neben den schon genannten waren dies Otto Merz, Willy Walb, Christian Werner, Richard Seaman, Manfred von Brauchitsch, Luigi Fagiolo, Hans Herrmann, Graf Berghe von Trips und auch Pierre Bouillon, der unter dem Pseudonym Levegh Rennen fuhr. Levegh verursachte 1955 in Le Mans, abgedrängt von dem englischen Jaguar-Fahrer Mike Hawthorn, einen der folgenschwersten Unfälle der Automobilgeschichte, bei dem über 80 Menschen ums Leben kamen und 150 verletzt wurden. Dieser Unfall war mit ein Grund, warum sich Daimler-Benz aus dem internationalen Automobilrennsport zurückzog.
Neubauer stand im Rang eines Direktors und auf dem Gipfel seines Erfolges als Rennleiter. Um so härter traf ihn die Nachricht, daß Daimler-Benz den Rennsport aufgab, die ihn während der Targa Florio 1955 erreicht hatte. So endet Neubauers Karriere im Rennsport bei dem Rennen, wo sie 1922 begonnen hatte.
Nach seiner Pensionierung im Jahr 1957, zwei Jahre nach dem Rückzug von Daimler-Benz aus dem internationalen Formelrennsport, arbeitet Neubauer mit beim Auf- und Ausbau der historischen Abteilung der Daimler-Benz AG. Bis zu seinem Tod blieb sein Denken und Wirken eng mit dem „Stern“ verbunden.
Werke: Heute lacht man darüber, Luxemburg 1951, 99 S.; Herr über 1000 PS, Hamburg 1939, 338 S.; Männer, Frauen und Motoren, Hamburg 1958, 473 S.; (zusammen mit Harvey T. Rowe (als Bearbeiter)), Männer, Frauen und Motoren: Die Lebenserinnerungen des Rennleiters Alfred Neubauer, Stuttgart 1970, 408 S.
Nachweis: Bildnachweise: Zahlreiche Fotos in: Mercedes-Benz AG, Abt. PR/ M, Postfach 60 02 02, 7000 Stuttgart 60

Literatur: Berichte und Nachrufe: Der dicke mit den 1000 (tausend) Tricks. Männer, Frauen und Motoren. Ein Artikel über Alfred Neubauer und „Männer, Frauen und Motoren“ von Alfred Neubauer in Fortsetzung gedruckt in „Quick“-Heft 14-49/1958. Zusammengebunden. München 1958; Autorevue, Wien, Nr. 10, Oktober 1980; Auto Motor Sport Nr. 19, 1980
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