Schäfer, Walter Erich 

Geburtsdatum/-ort: 16.03.1901;  Hemmingen (Württemberg)
Sterbedatum/-ort: 28.12.1981;  Stuttgart
Beruf/Funktion:
  • Theaterintendant, Dramatiker
Kurzbiografie: 1907-1911 Volksschule in Lindach (Bayern) und Wyk auf Föhr
1911-1918 Karls-Gymnasium in Stuttgart
1918 Notabitur, Fahnenjunker im Feldartillerieregiment 49, Kriegsdienst in Frankreich
1919 Abitur am Karlsgymnasium, anschließend bis 1923 Studium der Religionswissenschaft, Philosophie und Germanistik an der Universität Tübingen und der Agrarwissenschaft an der Landwirtschaftlichen Hochschule Hohenheim; 1926 Dissertation „Die vergleichende Dramaturgie der griechischen und elisabethanischen Tragödie“ (magna cum laude) bei Karl Groß an der Universität Tübingen
1925-1928 Lehrauftrag an der Staatlichen Hochschule für Musik in Stuttgart für Operngeschichte und Dramaturgie, freiberufliche Tätigkeit als Journalist und Rezensent, Lektor im Engelhornverlag in Stuttgart, Beginn der schriftstellerischen Tätigkeit
1928 Erste Aufführung eines Hörspiels – „Malmgren“ – im Süddeutschen Rundfunk und 1929 eines Schauspiels „Flieger auf dem Atlantik“ im Coburger Theater
1928-1933 Dramaturg am Württembergischen Landestheater in Stuttgart, 1933 Ausweisung aus Württemberg
1934-1937 Dramaturg am Nationaltheater in Mannheim, 1937-1945 am Staatstheater in Kassel
1945-1947 Dramaturg und stellvertretender Intendant am Stadttheater in Augsburg
1949-1972 Intendant, 1950 Generalintendant der Württembergischen Staatstheater in Stuttgart, 1962-1963 Beurlaubung an die Staatsoper Wien als Ko-Direktor Herbert von Karajans
1972 Ruhestand in Stuttgart, schriftstellerische Tätigkeit
Weitere Angaben zur Person: Religion: evangelisch
Auszeichnungen: 1930 Kleist-Preis (mit anderen)
1959 Professor (Titelverleihung durch das Land Baden-Württemberg), Großes Verdienstkreuz des Bundesverdienstordens, 1971 mit Stern
1972 Stuttgarter Bürgermedaille
1976 Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg
1977 John-Cranko-Preis
1981 Große Goldene Jubiläumsmünze des Landes Baden-Württemberg.
Verheiratet: 1925 (Stuttgart) Irmgard, geb. Sigel (1902-1984)
Eltern: Vater: Friedrich Wilhelm Schäfer (1871-1951), Landwirt, Gutsbesitzer
Mutter: Hildegard, geb. Speidel (1874-1952)
Geschwister: keine
Kinder: 4
GND-ID: GND/118606212

Biografie: Horst Ferdinand (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 2, 386-390

„Über mein Leben ist wenig zu sagen. Es ist ja auch nur von Bedeutung, soweit es in den Werken Gestalt wird“, schrieb Schäfer im Herbst 1938 bei der Erstaufführung seines Lustspiels „Die Reise nach Paris“ in einem Programmheft des Badischen Staatstheaters in Karlsruhe, um jedoch schon im folgenden Satz das Prinzip des „Wenig Sagens“ zu relativieren: „Immerhin kann man vielleicht im Zusammenhang mit der ‚Reise nach Paris‘ darauf hinweisen, daß ich in Schwaben geboren bin, wo es am schwäbischsten ist, und mit drei Jahren nach Bayern kam, wo es am bayrischsten ist. Denn die Kenntnis und die Darstellung der Atmosphäre dieser Stämme ist für das Verständnis des Lustspiels ziemlich wesentlich.“ Wesentlich ist natürlich auch die Kenntnis der in das Werk verwobenen Lebensschicksale, die Schäfer zu einem der bedeutendsten Theatermänner des Jahrhunderts werden ließen, und der Historiker wird versuchen, die Frage zu beantworten, wie der Nichtparteigenosse Schäfer zum jahrelang meistgespielten zeitgenössischen Schauspielautor im „Dritten Reich“ werden konnte.
„Die Bauern“, „Der Wald“, „Sterne“ und „Tiere“ lauten die ersten Kapitelüberschriften in Schäfers Lebenserinnerungen (Werke), und sie stehen für die in der frühen Kindheit wurzelnden erd- und naturhaften Bindungen, die immer der chthonische Untergrund der Bühne dieses Lebens bleiben sollten. Mit 14 Jahren fing Schäfer an, Theaterstücke zu schreiben, das erste, noch ganz im Banne Friedrich Schillers stehende, wurde im April 1915 am Karls-Gymnasium in Stuttgart aufgeführt. Während des Ersten Weltkriegs wohnte er dort bei seiner Großmutter und hatte Gelegenheit, am Stuttgarter Hoftheater erste und bleibende Eindrücke von der Welt des Theaters zu sammeln. Eine „Gratisreise nach Frankreich“ (Schäfer), die er nach dem Notabitur im Frühjahr 1918 antreten mußte, führte zu Kriegserlebnissen, über die er später beharrlich schwieg; er verabscheute den Krieg – nicht das Soldatentum.
In Tübingen hörte er bei Richard von Garbe Sanskrit und bei Jakob Wilhelm Hauer Allgemeine Religionsgeschichte. Eine schwere Erkrankung des Vaters veranlaßte ihn, diese Höhenflüge zu unterbrechen und das Studium der Agrarwissenschaft an der Landwirtschaftlichen Hochschule Hohenheim aufzunehmen, das er mit dem sogenannten Kleinen Diplom abschloß. Damit wäre er bestens gerüstet gewesen, das elterliche Gut, das sich in der Vergangenheit stets „am Rande der Pleite“ (Schäfer) bewegt hatte, zu übernehmen; aber die von der Philosophischen Fakultät ausgehende Antriebskraft war stärker. Als damals schon kluger Menschenkenner verzichtete er auf eine Dissertation bei Hauer, nachdem zwischen diesem und dem Ordinarius von Garbe ein Streit über Schäfers Arbeit entstanden war, für die, wie von Garbe meinte, „mehr Phantasie nötig sei, als eine Universität vertrage“; aber auch bei dem danach erwählten Doktorvater, dem Philosophen Karl Groß, gab es Schwierigkeiten, als der korreferierende Gräzist die Formulierung Schäfers in der in Aussicht genommenen Arbeit über das „Weltbild des Äschylos“, „wir seien nur von Philologen über das griechische Weltbild unterrichtet“, als schwer erträgliche Herabsetzung seiner wissenschaftlichen Disziplin empfand. So schrieb Schäfer kurzerhand ein „Machwerk“, wie er es später nannte, und erhielt dafür, wahrscheinlich zu seiner Belustigung, gute Noten.
Immerhin war damit das Stichwort „Dramaturgie“ gefallen, das zwei Jahrzehnte lang seine berufliche Position kennzeichnen sollte. Aber wichtiger war die Begegnung mit seiner späteren Ehefrau im Jahre 1923, der Beginn eines unverbrüchlichen Bundes. Etwa zur gleichen Zeit wühlte ihn die Lektüre des Schauspiels „Baal“ des ihm bis dahin unbekannten Bert Brecht auf: „In diesem Augenblick fiel so ziemlich alles von mir ab, was ich an zeitgenössischer Literatur zu mir genommen hatte.“
Mit der Familiengründung stellte sich die prosaische Notwendigkeit des Broterwerbs. Er schrieb Kurzgeschichten für Tageszeitungen, betätigte sich zeitweise als Lektor und unterrichtete einmal wöchentlich an der Stuttgarter Musikhochschule. Und Jahr für Jahr entstand jetzt ein Theaterstück; das erstaufgeführte „Flieger auf dem Atlantik“ hatte der spätere Freund Gustav Rudolf Sellner als Dramaturg am Coburger Stadttheater zur Aufführung angenommen. Auch das neue Medium, den Rundfunk, eroberte er sich mit Hörspielen wie „Malmgren“, das er später als das „vergleichsweise Anständigste, was ich geschrieben habe“, bezeichnete. Als Schäfer im Jahre 1930 den höchst angesehenen Kleist-Preis – mit anderen – erhielt, war er schon einer der bekannten jungen zeitgenössischen Autoren, und zehn Jahre später war er der meistgespielte. „Leutnant Vary“ wurde über tausendmal gegeben. Angeborener Theaterinstinkt, sprachliche Ausdruckskraft und untrügliche Witterung für die Bühnenwirksamkeit des Textes sicherten dem gerade Dreißigjährigen viele erfolgreiche Theaterabende.
Eine erste ständige Position im Theaterleben hatte er im Jahre 1928 übernommen, als ihn der Stuttgarter Generalintendant Albert Kehm als Hilfsdramaturgen einstellte. Schon ein Jahr später war er Dramaturg und konnte in dieser Stellung jene Kenntnisse des Theaterbetriebs erwerben, die später zur Grundlage der vom Glanz des Erfolgs umgebenen Intendantenjahre wurden: Die Zielvorstellungen des Intendanten Kehm – die Heranziehung eines auf hohem Niveau funktionsfähigen Ensembles und die Freude am theatralischen Experiment – sollte Schäfer vollinhaltlich in den Jahrzehnten seiner Leitung des Stuttgarter Theaters verwirklichen.
Aber im Jahre 1933 wurde es erst einmal „Zeit, daß ein nationalbewußter Dramaturg kommt“ („NS-Kurier“). Schäfers Bleiben in Stuttgart war schon deshalb nicht mehr länger möglich, weil Reichsstatthalter Murr den im „Völkischen Beobachter“ Denunzierten, der das antirassistische Tendenzstück „Schatten über Harlem“ auf die Bühne gebracht hatte, des Landes verwies. Es gehört zu den Glücksfällen in Schäfers Leben, daß ihm in dieser verzweifelten Situation ein Deus ex machina in Gestalt des sogenannten Reichsdramaturgen Dr. Rainer Schlösser erstand. Schäfer wurde nach Berlin zitiert, und in einem von seiner Seite offen geführten Gespräch, dessen genauer Inhalt sich nicht mehr rekonstruieren läßt, fand Schlösser offensichtlich Gefallen an der unbefangenen Ehrlichkeit seines Gesprächspartners und vermittelte dem in Württemberg „Untragbaren“ die Dramaturgenstelle am Mannheimer Nationaltheater. „Ein paar schöne Jahre“ habe er dort verbracht, schrieb Schäfer später, aber mit der Zeit sammelte sich so viel Zündstoff an – angehäuft von Goebbels, Murr und dem Dramatiker Georg Schmückle –, daß erneut der Deux ex machina eingreifen mußte und den mittlerweile im ganzen Reich bekannten Autor nach Kassel schickte. Im dortigen Staatstheater, das dem preußischen Ministerpräsidenten Göring unterstand, war er vor Giftpfeilen aus Stuttgart relativ sicher.
In der Dekade von 1930-1940 brachte Schäfer fast jedes Jahr neue Schauspiele heraus, die auf den meisten deutschen Bühnen aufgeführt wurden – nur in Stuttgart waren sie verpönt. Alle diese Aufführungen bewegten sich auf dünnem Eis; Schäfer war 1933 die Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer verweigert worden, aber sein Verleger riskierte die Veröffentlichung der zugkräftigen Theaterstücke. Es dauerte bis zum Jahr 1943, ehe die Kammer entdeckte, daß Schäfer, ohne deren Mitglied zu sein, „Veröffentlichungen getätigt“ habe. Dies sei nicht aus Bosheit geschehen, schrieb Schäfer den Mächtigen in Berlin, sondern „in der notorischen Unwissenheit eines Künstlers“. Darauf erhielt er einen strengen Verweis und einen „Berechtigungsschein“, der ihn zu „gelegentlichen Veröffentlichungen“ autorisierte. Aber zu dieser Zeit zeichnete sich bereits der Untergang des „Dritten Reiches“ ab, den Schäfer in Kassel erlebte; schon im Oktober 1943 war das Kasseler Theater durch einen Bombenangriff zerstört worden, und Schäfer selbst hatte mit knapper Not überlebt. Erneuter Kriegsdienst war ihm wegen seiner starken Sehschwäche erspart geblieben.
Der Dramatiker Schäfer, der als Vorbild immer die griechische Tragödie vor Augen hatte, bevorzugte Themen aus der nationalen Historie. Otto Borst (Literatur) rechnet ihn zu den Autoren, denen „das Kriegserlebnis zum Archetypus des Dichtens“ geworden sei. Während des „Dritten Reiches“ wich Schäfer mehrmals in die Unverbindlichkeit der Komödie aus, die „ein Spiel sein will, sonst nichts“ (Schäfer). Einmal kehrte er auch in die bäuerliche Sphäre seiner Kindheit zurück, in „Schwarzmann und die Magd“ – dem „Stück, das mir am nächsten steht“. Ein einziges Mal glaubt man auch den Einfluß des Zeitgeistes zu spüren: in seinem Drama „Der Feldherr und der Fähnrich“, wo er „auf zeitlosen Szenen den Zusammenbruch von 1918 und die Erhebung von 1933 als ‚einen Mythos des ersehnten und des erfüllten Deutschlands‘“ (Borst) darstellt.
Notjahren als Dramaturg und stellvertretender Theaterleiter im verwüsteten Augsburg von 1945-1947 folgte die Berufung nach Stuttgart im Jahre 1949. Auch dort Ruinen: Das Große Haus hatte zwar den Bombenkrieg halbwegs überstanden, aber das Kleine war zerstört und sollte erst im Jahre 1962 wiedererstehen. Im Schauspielhaus in der Kleinen Königstraße fand sich ein Ausweichquartier, in dem große Namen die drangvolle Enge des Provisoriums vergessen ließen: Mila Kopp, Max Mairich, Edith Heerdegen, Erich Ponto, Theodor Loos, Walter Kottenkamp, später Gisela Mathisent, Lola Müthel, Hans Mahnke unter der Leitung von Peter Palitzsch, Paul Hoffmann und Günther Lüders, die beiden letzteren als Schauspieler und Schauspieldirektoren gleich bedeutend. Für die „starke Atmosphäre“ (Schäfer) des Bühnenbilds in Oper und Schauspiel sorgte die von Schäfer neuengagierte Leni Bauer-Ecsy. In der Sparte Oper sah es anfangs düster aus, und Schäfer dachte schon daran aufzugeben, als ihn Emissäre des Kultusministeriums von der Notwendigkeit seines Bleibens überzeugten. So leitete er als „Sparkommissar“ die erforderlichen personellen und strukturellen Veränderungen in die Wege, und diese schmerzhafte Prozedur brachte ihm am Ende des ersten Spieljahres den Titel eines „sanften Ausbeuters“ ein. Das Schauspiel brillierte mit Stücken von Jean Giraudoux, Jean Anouilh, Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch, Peter Weiss, Martin Walser, Rolf Hochhuth und Tankred Dorst, und allmählich wuchs auch in der Oper ein Ensemble zusammen, das sich im Lauf der Jahre dank der Integrationskraft des Intendanten zu einer „echten Familie“ (Schäfer) zusammenschloß. Berühmte Namen bürgten für internationales Renommee: Marta Fuchs und ihre Nachfolgerin Martha Mödl, Lore Wissmann, Trude Eipperle, Grace Hoffman, Ruth-Margret Pütz, Irmgard Stadler, Lieselotte Rebmann, später Anja Silja, Caterina Ligendza und die Sänger Wolfgang Windgassen, Fritz Wunderlich, Gustav Neidlinger, Josef Traxel, Carlos Alexander, Gerhard Stolze. Das Interesse aller sei auf das Zusammenspiel gerichtet gewesen, auf die Ensembleleistung, schrieb Schäfer in seinen Memoiren. Das war wohl, neben der dominierenden Persönlichkeit des Prinzipals und seinem überlegenen Humor auch in den üblichen Spannungen des Theateralltags, das Geheimnis des Erfolgs in den 23 Intendantenjahren, in denen die Stuttgarter Schauspiel- und Opernbühne zu einem der angesehensten Theater der Bundesrepublik wurden.
Daran hatten neben der Vaterfigur des Intendanten, in die Schäfer hineinwuchs, Regisseure von internationalem Ruf wie Wieland Wagner und Günther Rennert gewichtigen Anteil. Es gelang Schäfer, der stets auf eigene Inszenierungen verzichtete und auch die von ihm sehr geliebte Schriftstellerei nur ganz am Rande betrieb, diese beiden in Temperament und Mentalität völlig verschiedenen Künstler zu kontinuierlicher Tätigkeit an das Stuttgarter Haus zu binden. Wagner, der die Stuttgarter Oper sein „Winter-Bayreuth“ nannte, konnte dort seine abstrakte Symbolik und Lichtregie in 16 Operninszenierungen verwirklichen, und Rennert prägte 10 Schauspiel- und 38 Opernpremieren mit seiner überbordenden szenischen Phantasie und seiner immer auf die dramatische Glaubwürdigkeit gerichteten Spielleitung. Das Schwergewicht Rennerts lag auf dem auch vom Intendanten intensiv geförderten Gebiet der modernen Oper; nicht weniger als 46 Werke zeitgenössischer Komponisten – unter ihnen Wolfgang Fortner, Krzysztof Penderecki, Hermann Reutter, vor allem aber der „Hauskomponist“ Carl Orff – brachte Schäfer in zum Teil umjubelten Aufführungen auf die Stuttgarter Bühne. Fortners „Bluthochzeit“ etwa erreichte 40 Aufführungen, Pendereckis „Teufel von Loudun“ 25. Wichtigster Garant des Rufs der Stuttgarter Oper als eines der führenden Opernhäuser Europas war der von Schäfer berufene Generalmusikdirektor Ferdinand Leitner; er amtierte von 1950 bis 1969. Seine Nachfolger, unter ihnen Vaclav Neumann und Carlos Kleiber, wußten diesen Ruf zu wahren.
Weltgeltung jedoch errang das Stuttgarter Ballett unter der Leitung des von Schäfer entdeckten genialen Südafrikaners John Cranko und seiner Kollegin und späteren Nachfolgerin, der brasilianischen Tänzerin Marcia Haydee. In den zwölf Jahren, in denen Cranko das Ballett leitete (1960-1972), feierte es dank des unglaublichen choreographischen Einfallsreichtums seines Leiters Triumphe und gastierte in New York und Leningrad, in Moskau, London, Madrid und auf allen bedeutenden internationalen Bühnen. Nach Crankos tragisch frühem Tod im Jahre 1972 setzte Marcia Haydee den Erfolgsweg des Balletts fort.
Im Jahre 1962 wurde Schäfer in Stuttgart für ein Jahr beurlaubt und ging als Ko-Direktor Herbert von Karajans an die Wiener Staatsoper. Da dieser trotz seiner umfangreichen Wiener Verpflichtungen seine weltweiten Aktivitäten nicht aufgeben wollte, glaubte man im Wiener Kultusministerium, daß man durch die Bestellung eines organisatorischen Mitdirektors Karajans einzigartige Freizügigkeit im künstlerischen Bereich sichern könne. Dies gelang Schäfer auch – nicht seinem Nachfolger –, aber „nach einem Jahr siegte Stuttgart in mir“ (Schäfer), er spürte, daß trotz guten persönlichen Einvernehmens mit Karajan auch ein anderer die dortigen Aufgaben erledigen könne, und kehrte nach Stuttgart zurück.
Das große Ansehen Schäfers, das durch die Berufung nach Wien zum Ausdruck kam und von Land und Bund durch hohe Auszeichnungen bestätigt wurde, konnte ihm einmal die übliche Kalamität des Theaterleiters nicht ersparen: Im Jahre 1970, kurz vor seinem Abschied, hatte der sonst sehr genau rechnende Schwabe den Ausstattungsetat einer Aufführung der „Lustigen Witwe“ unter der Regie Crankos, die zu einem rauschenden Erfolg wurde, um einige hunderttausend Mark überschritten. Die gestrengen Aufsichtsbehörden in Stadt und Land verfügten eine drakonische Ausgabensperre, der wichtige Projekte, die für die letzte Spielzeit Schäfers vorgesehen waren, zum Opfer fielen. Aber das war die Ausnahme, die Regel bestand darin, daß die Stuttgarter Oper mit der Einspielung von 45 % der Kosten an der Spitze der deutschen Opernhäuser lag. Es ist ein besonderes Ruhmesblatt Schäfers, daß er es auch bei den nun einmal im Schwabenland nicht allzu üppigen Subventionen verstand, den hohen künstlerischen Rang des Württembergischen Staatstheaters durch Jahrzehnte hindurch zu halten.
Mit 71 Jahren erst schied er aus. Aber anders als Prospero begrub er nicht seinen Zauberstab „manche Klafter tief in die Erde“: das Jahrzehnt, das ihm noch geschenkt wurde, gehörte der Rückschau, und mit seinen Lebenserinnerungen verfaßte er eines der fesselndsten und farbigsten Dokumente der zeitgenössischen Theatergeschichte.
Quellen: Mitteilungen von Frau Gisela Claus, geb. Schäfer, und Herrn Prof. Dr. Peter Kehm, Stuttgart.
Werke: (Auswahl) Erzählungen: Die zwölf Stunden Gottes, 1926; Letzte Wandlung, 1928; Die Heimkehrer, 1944; Die Himmelfahrt der Physiker, 1958; Die Mutter des Schauspielers, 1981. Schauspiele: Flieger auf dem Atlantik, 1926; Richter Feuerbach, 1930; Der 18. Oktober, 1932; Schwarzmann und die Magd, 1933; Der Kaiser und der Löwe, 1934; Der Feldherr und der Leutnant, 1936; Die Reise nach Paris, 1936; Die Kette, 1938; Theres und die Hoheit, 1940; Der Leutnant Vary, 1940; Das Feuer, 1941; Claudia, 1942; Die Verschwörung, 1974. Hörspiele: Malmgren, 1928; Sieyès, 1932; Die fünf Sekunden des Mahatma Gandhi, 1948; Spiel der Gedanken, 1950. Biographisches: Günther Rennen, Regisseur in dieser Zeit, 1962; Martha Mödl, 1967; Wieland Wagner, Persönlichkeit und Leistung, 1970; Staatsoper Stuttgart 1950-1972, 1972; Bühne eines Lebens, 1976.
Nachweis: Bildnachweise: in: Bühne eines Lebens (Literatur).

Literatur: (Auswahl) Festschrift der Württembergischen Staatstheater Stuttgart anläßlich der Eröffnung des Kleinen Hauses 1962, hg. von Ulrich Seelmann-Eggebert, 1962; Walter Erich Schäfer zum 16. März 1971, hg. von Karl-Ulrich Majer und Herbert von Strohmer, 1971; Dieter Höchling, Opernhäuser in Deutschland, Österreich und der Schweiz, Geschichte – Ereignisse – Interpreten, 1983; Rudolph Bernhard, Das alte Schauspielhaus, Kleinod im Herzen Stuttgarts, 1984; Die Oper in Stuttgart: 75 Jahre Littmann-Bau, Hg. Staatstheater Stuttgart, Generalintendant Wolfgang Gönnenwein, 1987; Kurt Honolka, Die Ära Schäfer 1945-1972, in: Das Orchester 36, 1988, 126-132; Otto Borst, Dichtung und Literatur, in: Das Dritte Reich in Baden und Württemberg, hg. von dems., 1988; LB 4 12992; 5 13073-13076; 6 12606; 9 7668; Munzinger 23/82.
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