Weber, Max 

Geburtsdatum/-ort: 21.04.1864; Erfurt
Sterbedatum/-ort: 14.06.1920; München
Beruf/Funktion:
  • Sozialökonom und Soziologe
Kurzbiografie: 1882 Abitur in Berlin
1882-1886 Jura-Studium in Heidelberg, Straßburg, Berlin, Göttingen
1889 Promotion
1891 Habilitation
1892-1894 zunächst Privatdozent, dann außerordentlicher Prof. in Berlin
1894-1897 ordentlicher Prof. in Freiburg
1897-1903 ordentlicher Prof. in Heidelberg
1918 ordentlicher Prof. in Wien
1919-1920 ordentlicher Prof. in München
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.
Verheiratet: 1893 Marianne, geb. Schnitger
Eltern: Vater: Max Weber, sen., Jurist, nationaliberaler Politiker, Stadtrat, Landtags- und Reichstagsabgeordneter (1836-1897)
Mutter: Helene, geb. Fallenstein
Geschwister: 7, u. a. Alfred
GND-ID: GND/118629743

Biografie: Martin Riesebrodt (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 1, 266-269

Webers Elternhaus ist durch den sozial engagierten Protestantismus der Mutter sowie das politisch-kulturelle Milieu des Kreises um den Vater geprägt. Politiker wie Bennigsen, Miquel und Ägidy, Gelehrte wie Dilthey, Goldschmidt, Sybel, Treitschke und Mommsen verkehren im Hause des nationalliberalen Stadtbaurats, Landtags- und Reichstagsabgeordneten Max Weber sen. in Berlin. Weber jun. tut, was sich gehört; er macht 1882 das Abitur und studiert Jura. Zunächst geht er nach Heidelberg, wo er bei Immanuel Bekker römisches Recht, bei Erdmannsdörfer Geschichte, bei Karl Knies Nationalökonomie und bei Kuno Fischer Philosophie belegt. Er wird Mitglied der Burschenschaft „Allemannia“ und führt ein entsprechend „feuchtfröhliches“ Leben. Doch Kontakte mit seinem Vetter Otto Baumgarten, der in Heidelberg Theologie studiert, und dessen Elternhaus in Straßburg bewahren ihn vor selbstgenügsamem Aufgehen in diesem Milieu. Hermann Baumgarten, Geschichtsprofessor, verkörpert die Tradition des Liberalismus der 48er Revolution, der im Gegensatz zum Nationalliberalismus nicht seinen Frieden mit Bismarck geschlossen hat. Weber leistet in Straßburg den einjährigen Militärdienst ab und ist daneben an der Universität eingeschrieben. Berlin und Göttingen, wo er im Mai 1886 das Referendarexamen ablegt, sind die nächsten Stationen seines Studiums. Anschließend kehrt er in das Elternhaus nach Berlin zurück und führt dort neben seiner Tätigkeit als Referendar seine wissenschaftliche Arbeit fort. 1889 promoviert er bei L. Goldschmidt, und 1891 habilitiert er sich bei A. Meitzen für römisches, deutsches und Handelsrecht.
Im Frühjahr 1892 übernimmt er für den Verein für Socialpolitik die Auswertung der Fragebögen über die Lage der ostelbischen Landarbeiter. Diese Ausarbeitung bringt ihm hohe Anerkennung ein, vor allem auch durch Georg Friedrich Knapp, und er schafft dadurch die Voraussetzungen, als Nachfolger für Eugen von Philippovich auf den nationalökonomischen Lehrstuhl nach Freiburg berufen zu werden. Damit beginnen 1894, ein Jahr nach seiner Eheschließung mit Marianne Schnitger, 25 badische Jahre, die erst mit der Übernahme des Münchner Lehrstuhls und der Übersiedlung dorthin im Jahre 1919 enden. Webers Kollegen in Freiburg sind unter anderen G. Schultze-Gävernitz, H. Rickert, H. Münsterberg, R. Schmidt und A. Riehl.
Seit Beginn der 90er Jahre gewinnt sein starkes Interesse an der Politik sichtbaren Ausdruck. Neben seinem Eintritt in den Verein für Socialpolitik nimmt er an den Tagungen des Evangelisch-sozialen Kongresses teil, für den er mit seinem Freund Paul Göhre einen Fragebogen für eine weitere Landarbeiterenquete entwirft. Diesmal sollen nicht, wie bei der Enquete des Vereins für Socialpolitik, die Arbeitgeber befragt werden, sondern – über die Landgeistlichen – die Landarbeiter selbst. Webers politische und wissenschaftliche Grundeinstellung während der 90er Jahre kulminiert in seiner Antrittsvorlesung in Freiburg „Der Nationalstaat und die Volkswirtschaftspolitik“ zu Beginn seines 2. Semesters (Mai 1895). Die politisch-soziologische Spitze seiner Ausführungen ist gegen die Junker gerichtet. Diese hätten als herrschende Klasse lange Zeit dem Gesamtinteresse des preußischen Staats gedient. Nunmehr aber stünden sie einer nationalen Machtpolitik im Wege, indem sie eine dazu notwendige Sozialpolitik behinderten, sich gegen einen Ausbau des Industriekapitalismus stemmten, aber, um ihres ökonomischen Vorteils willen, eine Polonisierung des deutschen Ostens zuließen. Webers Thesen üben starken Einfluß auf Friedrich Naumann und seinen Kreis aus. Die Spaltung des Evangelisch-sozialen Kongresses entzündet sich genau an diesen Fragen. Webers damaliger Nationalismus war eben konsequenter als der des Hofpredigers A. Stöcker oder des Alldeutschen Verbandes, aus dem er 1899 austritt. Im Jahre 1897 erhält Weber einen Ruf an die Universität Heidelberg und wird dort Nachfolger von Karl Knies. Damit scheint ein Höhepunkt seiner steilen Karriere erreicht und eine lange akademische Tätigkeit mit Bildung einer Schülerschar vorprogrammiert. Doch die Dinge entwickeln sich anders. Im Sommer 1897 kommt es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen Weber und seinem Vater um die Rechte und Freiheiten der Mutter. Sie gehen unversöhnt auseinander; der Vater stirbt kurze Zeit später. Bald nach diesem Ereignis beginnt eine psychische Krise Webers, über deren Ursache viel spekuliert worden ist. Zweifellos traf hier vieles zusammen: der Konflikt mit dem Vater; Arbeitsüberlastung; die Art des Verhältnisses zu seiner Frau Marianne; die Frage nach dem Lebenssinn eines 33jährigen Mannes, dessen Zukunft in 64 künftigen Semestern mit den alternierenden Vorlesungen „Allgemeine (theoretische) Nationalökonomie“ und „Praktische Nationalökonomie“ besteht. Vorlesungen will er nicht nur routinemäßig abhalten, seine Ansprüche an sich als akademischen Lehrer sind überaus hoch. Daneben mutet er sich an Reisen, Reden und politischen Aktivitäten viel, offenbar zu viel, zu.
Weber läßt sich 1899 erstmals beurlauben und scheidet 1903 aus einem Amt, dessen Aufgaben ihn psychisch unerträglich belasten. Was immer Ursache der Krise gewesen sein mag, sein wissenschaftliches Werk kann noch weit weniger als seine politische Einstellung auf ihrem Hintergrund interpretiert werden. In seinen wissenschaftlichen Arbeiten besteht in einigen Bereichen, wie der Agrarfrage oder der Soziologie der Antike, Kontinuität; andere Fragestellungen werden teils weiterentwickelt, wie die Logik und Methodologie der Kultur- und Sozialwissenschaften, teils neu aufgeworfen, wie die Religionssoziologie. Webers Krise ist trotz gelegentlicher Rückfälle im wesentlichen mit seinem endgültigen Ausscheiden aus dem Ordinariat 1903 überwunden. Eine neue Schaffensperiode bricht an, die durch Lektüre und Bibliothekstudien auf seinen Erholungsreisen nach Italien vorbereitet war. Erster Ausdruck des Neubeginns ist der Aufsatz „Röscher und Knies und die logischen Probleme der historischen Nationalökonomie“ (1903). Doch die Weichen werden im Jahre 1904 gestellt. Edgar Jaffé hatte von Heinrich Braun das „Archiv für Soziale Gesetzgebung und Statistik“ erworben. Der Verleger Paul Siebeck, mit dem Weber eine lebenslange Freundschaft verbinden sollte, und Jaffé, gewinnen Weber und Werner Sombart als Mitherausgeber der Zeitschrift, die nun „Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik“ heißt. Hier hat Weber ein Forum, und gleich im ersten Heft erscheint neben dem Geleitwort der Herausgeber sein programmatischer Aufsatz „Die 'Objektivität' sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis“. In diesem Aufsatz legt Weber seine wissenschaftlichen Grundkonzeptionen dar, zu denen er zeit seines Lebens steht: Wissenschaft kann keine Normen und Ideale produzieren, aber sie kann diese der Kritik unterziehen. Zum einen kann sie technische Kritik üben, d. h. die alternativen Mittel zur Erreichung eines Zieles und die dabei jeweils auftretenden Nebenfolgen aufzeigen. Zum zweiten kann sie eine Kritik der Zwecke leisten, d. h. den geistigen, sozialen, kulturellen Hintergrund gesetzter Ziele transparent machen. Und drittens kann sie die den gesetzten Zwecken zugrundeliegenden letzten Werte auf deren innere Widerspruchslosigkeit nach formal-logischen Kriterien untersuchen. Wissenschaft vermag also, den einzelnen über seinen Handlungsspielraum zu informieren und – eventuell – ihm bei der Erkenntnis dessen zu helfen, was er eigentlich will.
Im August 1904 fährt Weber auf Einladung seines ehemaligen Freiburger Kollegen Hugo Münsterberg zum Gelehrtenkongreß anläßlich der Weltausstellung nach St. Louis und hält dort ein Referat, in dem er das Eindringen des Kapitalismus in die vielfältigen europäischen Agrarverfassungen mit dem amerikanischen Farmertum vergleicht. Vor der Abfahrt hat er den ersten Teil seines berühmten und umstrittenen Aufsatzes „Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus“ schon verfaßt. Seine Thesen sind damals wie heute mißverstanden worden. Er hat nie behauptet, der asketische Protestantismus habe den Kapitalismus „erfunden“. Vielmehr hat er aufgezeigt, daß dieser die Herausbildung eines rationalen Betriebskapitalismus ebenso unbeabsichtigt wie wesentlich durch seine Konzeption eines spezifischen Berufsethos gefördert hat. Studien, die Weber während seines Amerika-Aufenthaltes in den Bibliotheken der Baptisten- und Methodistenuniversitäten betreibt, bestätigen ihm seine Thesen und verdeutlichen ihm die enorme Bedeutung der protestantischen Sekten für die Herausbildung einer kapitalistischen Wirtschaftsethik. In Amerika kann er die Verknüpfung von Gemeindezugehörigkeit, Geschäftsmoral und wirtschaftlichem Erfolg noch direkt erleben. Die den Protestantismus-Studien zugrundeliegende Fragestellung nach dem Verhältnis von Religion und – speziell ökonomischer – Lebensführung greift Weber mit erweiterter Perspektive in seinen Aufsätzen über „Die Wirtschaftsethik der Weltreligionen“ (1915 bis 1919) wieder auf. – Die Ereignisse der russischen Revolution von 1905 wecken sein Interesse an der dortigen Entwicklung. Weber lernt mit Hilfe von B. Kistiakowski Russisch und veröffentlicht 1906 zwei Aufsätze, die sich mit den Zukunftsperspektiven der russischen Gesellschaft auseinandersetzen.
In den Jahren 1908-1912 befaßt er sich intensiv mit der Lage der deutschen Industriearbeiter und der Methodik einer entsprechenden Enquete, die im Verein für Socialpolitik 1907 vor allem auf Initiative Alfred Webers und Heinrich Herkners beschlossen worden war. 1909 verfaßt Weber für das „Handwörterbuch der Staatswissenschaften“ einen bedeutenden Artikel über die „Agrarverhältnisse im Altertum“, im Grunde eine Soziologie der Antike.
Auf Bitten Paul Siebecks übernimmt er 1909 die Herausgeberschaft für den „Grundriß der Sozialökonomik“ (GdS), der ab 1914 erscheint. Er selbst konzipiert das Lehrbuch, wirbt die Mitarbeiter an, redigiert die Aufsätze und behält sich eine Vielzahl von Artikeln vor, darunter den Beitrag „Die Wirtschaft und die gesellschaftlichen Ordnungen und Mächte“, der postum unter dem Titel „Wirtschaft und Gesellschaft“ erscheint. Dieses Buch ist ohne Zweifel Webers systematisches Hauptwerk. Um jedoch Webers Konzeption von Gesellschaftswissenschaft insgesamt zu erfassen, muß der Gesamtplan des GdS herangezogen werden, wobei selbst dort noch die Logik und Methodologie der Sozial- und Kulturwissenschaften fehlen.
In Heidelberg wird 1909 eine „Akademie der Wissenschaften“ gegründet. Weber wird außerordentliches Mitglied dieser „Nobilitätsgesellschaft“. Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS), die er im gleichen Jahr u. a. mit F. Tönnies, G. Simmel, H. Herkner und W. Sombart gründet und deren Vorstand er als Rechner angehört, hebt er scharf davon ab. In der DGS soll kein „Akademismus“ betrieben werden. Einem Ausschuß anzugehören ist hier keine „Ehre“, ihm nicht anzugehören kein Grund zur „Gekränktheit“, denn die DGS soll im Gegensatz zu einer Akademie eine nach Gesichtspunkten der wissenschaftlichen Zweckmäßigkeit organisierte „Arbeitsgemeinschaft“ sein. Auf dem 1. Deutschen Soziologentag, der im Oktober 1910 in Frankfurt stattfindet, erstattet Weber den Geschäftsbericht, in dem er den Plan für zwei Forschungsprojekte entfaltet: eine Soziologie des Zeitungswesens und eine Soziologie des Vereinswesens. Die Soziologie der Presse, Webers besonderes Anliegen und ihm anvertraut, scheitert, da er in einen Prozeß verstrickt wird, in dem Fragen des Presserechts, der Journalistenethik und des Redaktionsgeheimnisses eine große Rolle spielen. Er empfindet dies als zu belastend für das Projekt und erklärt auf dem 2. Soziologentag 1912 seinen Rücktritt von dieser Aufgabe. Eine wichtige Rolle spielt auf beiden Soziologentagen das in den Statuten der DGS festgeschriebene Prinzip des Verzichts auf praktische Wertungen, das Weber eingangs erläutert und begründet. Noch heute stiftet es unter dem unglücklichen Titel der „Werturteilsfreiheit“ Verwirrung. Es bedeutet schlicht, daß der Prozeß der wissenschaftlichen Erforschungen von Tatsachen, der freilich wie jedes andere menschliche Handeln normative Voraussetzungen hat, vom Prozeß der praktischen Bewertung dieser Tatsachen in ästhetischer, moralischer, politischer Hinsicht zu trennen sei. Die Wissenschaft soll sich auf das beschränken, wozu sie speziell qualifiziert ist; in Fragen der praktischen Wertung ist sie dies nicht. Deshalb sollte bei sozialpolitischen Erörterungen zumindest jeweils klargestellt sein, auf welcher Ebene diskutiert wird. Doch Weber kommt gegen die ihm „unerträgliche Professoren-Prophetie“ nicht an, was schließlich zu seinem Austritt aus der DGS führt.
Scharf wendet sich Weber auf beiden Soziologentagen auch gegen rassistische Vorurteile im Gewände wissenschaftlicher Theorien, deren empirische Unhaltbarkeit und innere Widersprüchlichkeit er Punkt für Punkt offenlegt.
In diesen Jahren entwickelt sich der Sonntagnachmittagstee zu einer Institution im Weberschen Hause, wo junge Wissenschaftler wie E. Bloch, K. Jaspers, E. Lask und G. von Lukacz sowie ältere Gelehrte wie E. Gothein, G. Jellinek, G. Simmel, E. Troeltsch und K. Vossler, um nur einige zu nennen, einander begegnen. Weber setzt sich mit unterschiedlichen Weltanschauungen und Lebenseinstellungen auseinander. So hat er mehrere Begegnungen mit Stephan George und dessen Schüler F. Gundolf; die Schweizer Pianistin Mina Tobler vertieft sein Empfinden für Musik; er setzt sich mit den Ideen des Linksfreudianers Otto Groß auseinander. Im Frühjahr 1913 und 1914 besucht Weber die bekannte Kommune bei Ascona, wo zeitweilig auch die Schwabinger Bohême in ihrer Vielfältigkeit vertreten ist. Bei seinen religionssoziologischen Studien vertieft er sich in die asiatischen Weltreligionen. – Mit Ausbruch des ersten Weltkrieges wird Weber für ein Jahr in der Lazarettverwaltung tätig; kurz danach erscheinen die ersten religionssoziologischen Aufsätze über „Die Wirtschaftsethik der Weltreligionen“, die in wechselseitigem Bezug zum Kapitel „Religionssoziologie“ in „Wirtschaft und Gesellschaft“ konzipiert sind: zunächst die Konfuzianismus-Studien (1915), dann die Aufsätze über Hinduismus, Buddhismus (1916) und das antike Judentum (1917-19). Im Mai und Oktober 1917 nimmt Weber an Tagungen des Verlegers Eugen Diederichs auf Burg Lauenstein teil; er spricht über „die Lebensordnungen und die Persönlichkeit“. Im November 1917 hält er in München seinen berühmten Vortrag „Wissenschaft als Beruf“.
Im Sommer 1918 nimmt Weber auf Drängen seines befreundeten Kollegen L. M. Hartmann einen Ruf an die Universität Wien an, um sich zu vergewissern, ob er den Anstrengungen des Vorlesungsbetriebs wieder gewachsen sei. Weitere Angebote folgen und er entscheidet sich, Nachfolger des emeritierten Lujo Brentano in München zu werden.
Während der gesamten Kriegszeit veröffentlicht Weber eine Vielzahl von politischen Artikeln in der Frankfurter Zeitung, deren einer sogar mit der Zensur belegt wird. Er rechnet mit dem alten System ab, bekämpft die unheilvolle Bürokratisierung der Politik und das Dreiklassenwahlrecht. Seine Ziele heißen Parlamentarisierung und Demokratisierung. Gleichzeitig wendet er sich scharf gegen die Rätebewegung, die er für ein aussichtsloses, aber politisch überaus gefährliches Unternehmen hält; dennoch ist er Mitglied des gemäßigten Heidelberger Arbeiter- und Soldatenrats. Er nimmt an den Verfassungsberatungen im Reichsamt des Innern teil und hält zahlreiche Wahlreden für die Deutsche Demokratische Partei (DDP). Weber reist als Delegationsmitglied zu den Friedensverhandlungen nach Versailles, wo er maßgeblich an der Ausarbeitung einer Kriegsschulddenkschrift beteiligt ist. Die darin enthaltene Stellungnahme gegen die Verletzung der Neutralität Belgiens und Luxemburgs trägt ihm bei der Wahl zum Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften eine Vielzahl politisch motivierter Gegenstimmen ein.
Im Sommer 1919 beginnt Weber seine Lehrtätigkeit in München, zugleich ein Abschied von der Politik. Weber überarbeitet seinen Beitrag zum Grundriß der Sozialökonomik sowie seine religionssoziologischen Aufsätze. Doch er kann beides nicht zum Abschluß bringen. Am 14. 6. 1920 stirbt er an den Folgen einer Lungenentzündung.
Weber war schon zu Lebzeiten eine umstrittene Persönlichkeit. Ungerecht konnte er vor allem in der Bekämpfung der Gegner seiner Freunde sein. Doch ist seine Solidarität mit Freunden, die nie an den Schranken politischer oder karrieremäßiger Opportunität endete, stets auch bewunderungswürdig. So setzte er sich ein für die Frauenbewegung und bekämpfte die Benachteiligung der Frau im Beruf, wie im Falle der badischen Fabrikinspektorin Marie Baum. Er machte sich stark für den sozialdemokratischen Freund und Kollegen Robert Michels, dem aus politischen Gründen die Habilitation verweigert wurde, und für den jüdischen Freund und Kollegen Georg Simmel. Obschon Weber selbst der Verantwortungsethik den Vorrang einräumte, d. h. einem Handlungstyp, der auf der Basis letzter Werte neben den Zwecken und Mitteln auch die möglichen Nebenfolgen reflektiert, verweigerte er einem konsequent gesinnungsethisch orientierten Menschen wie Ernst Toller bei aller politischen Gegnerschaft nie den persönlichen Respekt. Und so sagt er in den Räteprozessen als Zeuge der Verteidigung zugunsten von Toller und Otto Neurath aus. Weber besaß ohne Zweifel die bürgerliche Tugend der Zivilcourage wie kaum ein zweiter.
Ist an Weber ein großer Politiker für die junge deutsche Republik verlorengegangen? Seine Kompromißlosigkeit und sein keineswegs zweckrationales Umgehen mit Institutionen, sobald er selbst involviert war, lassen Zweifel aufkommen. Sein politisches Bekenntnis galt dem Kampf der Interessen. Er war Anhänger einer nationalen Machtpolitik, die er allerdings als Mittel im Kampf ums kulturelle und ökonomische Überleben ansah. Im politischen Spektrum des späten Kaiserreichs gehörte Weber der bürgerlichen Linken an und er stand der gemäßigten Sozialdemokratie um Ebert überaus nahe. Webers Bedeutung liegt jedoch weder in der Vorbildhaftigkeit seiner Person noch in seinen politischen Anschauungen. Was fortwirkt, sind seine wissenschaftlichen Analysen in ihrer Kompromißlosigkeit und – im guten Sinne des Wortes – Rücksichtslosigkeit, sein universalhistorisches Konzept der Sozialwissenschaft, sein Mut zum fächerübergreifenden Forschungsansatz, der sich seine Fragestellungen nicht von den Schablonen akademischer Fachdefinitionen vorschreiben läßt. Die in den nächsten Jahren erscheinende Max Weber-Gesamtausgabe wird hoffentlich dazu beitragen, dieses verschüttete Erbe wiederzubeleben.
Werke: Vgl. die Bibliographien in der angegebenen Lit.
Nachweis: Bildnachweise: Arbeitsstelle und A der Max Weber-Gesamtausgabe München (Bayerische Akademie der Wissenschaften).

Literatur: Johannes Winckelmann (Hrsg.): Max Weber - Soziologie - Universalgeschichtliche Analysen - Politik, Stuttgart, Kröner, 5. Aufl. 1973, 490-505; Dirk Käsler: Einführung in das Studium Max Webers, München, C. H. Beck 1979, 249-271; Constans Seyfarth und Gert Schmidt: Max Weber Bibliographie: Eine Dokumentation der Sekundärliteratur, Stuttgart, F. Enke 1977.
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